Protokoll der Sitzung vom 29.04.2004

Ich eröffne die Beratung und erteile für die antragstellende Fraktion der CDU Frau Dr. Schraps das Wort.

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Bewegungsmangel bei Kindern - sicher kein neues Thema. Ich erinnere daran, dass meine Fraktion schon vor etwa zehn Jahren einmal darauf hingewiesen hat, allerdings auf viel Ablehnung und Negierung des Problems gestoßen ist. Aber ich bin froh, dass wir heute - das kann ich wohl sagen - alle der gleichen Meinung sind, dass hier etwas geschehen muss, dass Bewegung für die Entwicklung der Kinder unverzichtbar ist, damit sie sich leistungsfähig und vor allem auch gesund entwickeln.

Bewegung ist für körperliche und kognitive Entwicklungen unerlässlich. Das wissen wir inzwischen. Die Lernbereitschaft wird dadurch gesteigert, ebenso die Lernfähigkeit und das Wohlbefinden. Ich brauche das nicht alles aufzuzählen. Das wissen Sie genauso gut wie ich.

Der erste Kinder- und Jugendsportbericht betont, dass sportlich aktive Kinder und Jugendliche eine größere Stressresistenz zeigen und ausgeglichener sind als ihre inaktiven Altersgenossen. Wir haben noch nicht viele und ausreichende Kenntnisse zum gesundheitsrelevanten Bewegungsmaß. Es gibt eine Aussage, dass 10 bis 20 % der Kinder und Jugendlichen von gravierenden körperlichen Unterforderungen, d. h. von Risikofaktoren bedroht sind, Risikofaktoren wie Übergewicht, sensorische und motorische Störungen, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und des Bewegungsapparates. Diese Entwicklung beginnt im Kindesalter und hat dann im späteren Leben deutliche Folgen. Wenn Kinder nicht lernen, sich zu bewegen, Sport zu treiben, zu schwimmen, Rad

zu fahren, also ein bewegungsaktives Leben zu führen, werden sie als Erwachsene nur noch selten zum Sport finden.

Der Kinder- und Jugendsportbericht gibt nun Handlungsempfehlungen. Eine Handlungsempfehlung sagt aus, besonderes Augenmerk auf die motorisch benachteiligten Heranwachsenden vom Vorschulalter bis zur Jugendzeit zu richten mit der Zielsetzung, für diese Kinder helfende Programme zu erstellen.

Eine Forderung ist z. B. die Qualitätssicherung des Schulsports und vor allem auch die Schaffung verbindlicher Standards zum Erkennen motorischer Defizite durch die Schulen. Denn dort - das haben wir immer wieder festgestellt - ist eigentlich der einzige Ort - vorher vielleicht der Kindergarten -, wo wir alle Kinder erreichen können. Die Sportlehrer und Sportlehrerinnen müssen die Möglichkeit bekommen, vergleichbare Tests durchzuführen, die auf vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen fußen, die Auskunft geben über motorische Fähigkeiten bzw. auch über Defizite der Kinder und die auch den Lehrern die Möglichkeit geben, die Eltern über die Leistungsfähigkeit der Kinder zu informieren.

Ich meine, dass diese Tests in NordrheinWestfalen vergleichbar sein müssten. Wünschenswert wäre natürlich eine Vergleichbarkeit in der Bundesrepublik. Aber wir sollten bei uns hier anfangen. Diese Erarbeitung der Tests beginnt nicht bei null.

Sie alle kennen das Wissenschaftliche Institut der Ärzte Deutschlands in Bonn. Diese Ärzte haben inzwischen schon über 20.000 Schüler getestet. Das heißt, es gibt hier eine praktische Erfahrung. Die Ärzte stehen auch in Verbindung mit Niedersachsen, um den Test gemeinsam weiterzuentwickeln.

Im Übrigen hat sich bei diesem Test herausgestellt, dass Mädchen mehr und dringender Schulsport brauchen als Jungen, die öfter in den Verein gehen und sich in der Freizeit mehr bewegen. - Das nur als Randbemerkung.

Auch Prof. Bös in Karlsruhe hat zu diesem Thema sehr intensiv geforscht. Unsere eigene Sporthochschule hat in diesem Bereich - andere Bereiche hat sie sehr ausgedehnt untersucht - noch keine so großen Untersuchungen durchgeführt.

Ich habe mir einmal das Literaturverzeichnis von Prof. Brettschneider angeschaut, der ja sehr viel über Jugend und Sport referiert und geforscht hat: Von ihm gibt es noch keine Schulsportuntersuchung.

Sicherzustellen ist auf jeden Fall, dass alle, die mit diesem Thema befasst sind - seien es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ärztinnen und Ärzte, der LSB, Kindergärtnerinnen, die betroffenen Ministerien: Sport und Schule, auch Bildung gehört dazu -, zusammenarbeiten, sich an einen Tisch setzen, um mit ihren speziellen Erkenntnissen einen praktisch anwendbaren Test zu erarbeiten. Er muss natürlich auf wissenschaftlichen Füßen stehen.

Wir sind der Meinung, dass hier recht schnell gehandelt werden muss. Es ist fünf vor zwölf. Die Gesundheit der Kinder hat sich seit 1995 gravierend verändert. Eine Veränderung kann man sogar innerhalb eines Zeitraums von ein, zwei Jahren feststellen; das können Sie in der WIADStudie nachlesen. Aber wir dürfen nicht so lange warten, bis alle Forschungslücken geschlossen sind, meine Damen und Herren, denn das dauert zu lange. Bei der heutigen Finanzlage ist auch die Forschung etwas langsamer geworden.

Wir sind der Meinung, auch wenn ein Test nicht hundertprozentig sein kann, weil eine Lücke besteht, weil noch ein Forschungsdetail fehlt, sollten wir ihn dennoch durchführen; denn wenn alle Kinder nach einer ganz bestimmten Testmethode untersucht werden, spielen kleine Auslassungen keine Rolle.

Natürlich - das will ich noch einmal betonen - muss der Test wissenschaftlichen Anforderungen hinsichtlich seiner Zuverlässigkeit und Aussagekraft genügen. Wir können also nicht warten, bis die möglichen Folgen von Bewegungsmangel bei einer ganzen Generation von Jugendlichen und Kindern spürbar geworden sind. Wir müssen gegensteuern, und zwar auch zum Schutz unseres sozialen Systems.

Ganz sicher muss man hier fragen, über welche körperlichen Kompetenzen ein Kind im Alter X verfügen muss. Bitte denken Sie einmal darüber nach: Wir haben in der Schule für Schreiben, Rechnen und Lesen längst Standards festgelegt, die wichtig sind, um vergleichen zu können. Aber in Bezug auf die körperliche Fitness fehlen uns in den Schulen aussagekräftige Standards.

Wir brauchen aber auch im Sport gut begründete Standards und ein zuverlässiges, aussagekräftiges Instrumentarium zur Diagnose der körperlichen Entwicklung. Zum Beispiel: Wie viel Bewegung braucht ein Kind in einem bestimmten Alter? Welche Art der Bewegung muss es sein? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen motorischen Tests? Wie können wir die Eltern frühzeitig informieren, die Ärzte sensibilisieren, bewegungsfreu

dige Kinder mit heranzubilden, und Lehrer und Lehrerinnen dafür gewinnen, besser hinzusehen, um motorische und sportliche Leistungen nicht nur über das einfache Notengeben abhandeln zu müssen? Das scheint mir ganz besonders wichtig.

Wir wollen mit unserem Antrag die Forderung des Club of Cologne unterstützen, für den Bewegungsstatus der Kinder ein standardisiertes Inventar entwickeln und eine regelmäßige wissenschaftliche Berichterstattung aufbauen.

Lassen Sie mich noch etwas zu den Kosten sagen; die bewegen uns ja auch immer sehr heftig. Wenn wir alle zwischen den Institutionen vielleicht bestehende Animositäten - ich sage "vielleicht", ich weiß es nicht, aber manchmal ist es so - zugunsten der Kinder hintanstellen und die Institutionen WIAD und AOK zusammenarbeiten, kommen auf das Land nahezu keine Kosten zu. Eventuell wäre diese Zusammenarbeit einmal zu untersuchen, aber nicht auf lange Sicht.

Aus der Lehrerschaft kommen positive Signale; wir haben Gespräche geführt. Hier denkt man sogar schon weiter. Man schätzt die Testzeit einer Klasse auf ca. zwei Stunden - bitte legen Sie das nicht absolut fest -, wenn ein zuverlässiger Test vorhanden ist, und hat die Idee, dass man, wenn man über die gesamte Schulzeit alle zwei bis drei Jahre einen solchen Test in den verschiedenen Altersstufen durchführt, eine hervorragende Aussage machen kann.

Meine Damen und Herren, ich hoffe sehr, dass wir uns in den Fraktionen über diesen Antrag einigen können. Ich glaube, das ist eine hilfreiche Unterstützung. Wir haben gestern die Pressekonferenz des Ministers gehört. Ich hätte ihn heute ganz gerne einmal gelobt, aber nun ist er nicht da; er ärgert sich ja immer, wenn ich ihn beschimpfe. Ich finde es nämlich gut, dass wir die tägliche Bewegungsstunde in den Grundschulen haben. Aber: Wir könnten mit einem Test wunderbar die Auswirkungen an einer Grundschule mit der täglichen Bewegungsstunde mit den Auswirkungen an einer Grundschule ohne dieses Angebot vergleichen. Wir werden ja eine Zeit lang brauchen, bis alle Grundschulen die tägliche Bewegungsstunde eingeführt haben.

Wir werden im Sportausschuss diskutieren - ich hoffe, positiv. Als Antragsteller stimmen wir der Überweisung natürlich zu. Ich freue mich auf eine Diskussion, die Sie sicher alle mittragen werden. - Ich danke Ihnen.

(Beifall bei CDU und FDP)

Vielen Dank, Frau Kollegin Dr. Schraps. - Für die SPD spricht Frau Meise-Laukamp.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Erst einmal schönen Dank an diejenigen, die noch hier sind. Das ist beim letzten Tagesordnungspunkt nicht selbstverständlich. Daher freue ich mich, dass Sie Interesse an dieser Debatte über Sportpolitik haben.

Ich will auch versuchen, es kurz zu machen, weil es eben der letzte Tagesordnungspunkt ist, aber damit die Bedeutung des Antrags nicht schmälern, über den wir heute beraten. Das Thema ist gut gewählt. Das ist aus unserer Sicht bei Anträgen der Opposition nicht immer der Fall. Aber diesmal gebe ich dafür meine Anerkennung.

Insider wissen natürlich, wie und warum dieser Antrag zustande gekommen ist. Der Sportausschuss hatte nämlich bei seiner letzten auswärtigen Sitzung in Ratingen zu dem Thema ausführlich Berichte und Anregungen von den dortigen Vertretern entgegengenommen, u. a. von der Stadt Ratingen und der Universitätsklinik Düsseldorf.

Bei dieser auswärtigen Sitzung ist das Thema auch bei allen Fraktionen auf großes Interesse gestoßen. Bei der Lektüre des Antrags habe ich außerdem festgestellt - auch das ist bei der CDU etwas ungewöhnlich -, dass auf Kritik an der Landesregierung ausnahmsweise verzichtet wurde.

(Ewald Groth [GRÜNE]: Das ist aber das einzig Positive!)

Die inhaltliche Begründung Ihres Vorstoßes, motorische Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern zu testen und zu normieren, konnte ich in weiten Teilen nachvollziehen. Die Diskussion dazu haben wir im Sportausschuss auch lange geführt.

Aber jetzt ist gut mit der Gemeinsamkeit und mit dem Lob. Nachdem ich nämlich das alles mit Interesse gelesen hatte, war ich schon am Ende des Antrags angelangt, während für uns und für mich an der Stelle die Auseinandersetzung mit diesem Thema inhaltlich erst beginnt. Sie fordern die Entwicklung normierter Tests zur Feststellung der motorischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen und die Festlegung darauf basierender Leistungsmaßstäbe, weil aktive Kinder gesünder sind, weil es Forschungslücken gibt, weil die bisherigen Methoden nicht vergleichbar und ausreichend sind und weil der Club of Cologne auch dieser Meinung ist und der motorische Leistungsstand von Schülern gemessen werden kann.

Und was dann? Was machen wir dann mit den Daten? Dazu fehlt es in Ihrem Antrag an jeglicher Antwort.

(Beifall bei SPD und GRÜNEN - Zuruf von Dr. Annemarie Schraps [CDU])

- Sie haben das eben begründet, Frau Dr. Schraps, aber in Ihrem Antrag steht dazu gar nichts.

(Dr. Annemarie Schraps [CDU]: Doch!)

- Wir diskutieren das im Ausschuss.

Das sind Datenfriedhöfe, die aus wissenschaftlichem Interesse angelegt worden sind, uns aber inhaltlich nicht weiter bringen. Ich denke, davon haben wir genug. Datenfriedhöfe sind kein Selbstzweck.

Ich kann mir vorstellen, was man mit diesen Daten anfangen könnte: räumliche, soziale Ursachen von sportlichen und motorischen Defiziten erkennen und zielgerichtet angehen, Effekte von regionalen und lokalen Konzepten ermitteln und die Übertragbarkeit und Sinnhaftigkeit von Modellen auf andere Regionen übertragen, Wirkungen von Sportangeboten im Rahmen von sportbetonten Schulen, bewegungsfreudigen Schulen und Kindergärten auch im Rahmen der offenen Ganztagsschule überprüfen, evaluieren und die Folgen für die aktuelle Politik und für die Zukunft im Rahmen eines Controllings erfassen.

Sie erwähnen außerdem den Landessportbund in Ihrem Papier, was wir ausdrücklich begrüßen. Man könnte natürlich ebenfalls überlegen, ob im Rahmen eines solchen normierten Tests auch ein Nebeneffekt erzielt werden könnte, nämlich Talentsichtung und Talentförderung sowie Zuführung an die zuständigen Vereine. Vielleicht hätten wir dann in 15 Jahren eine Nationalelf, auf die wir stolzer sein könnten.

Alles das könnte man mit diesen Daten machen, aber davon steht in Ihrem Antrag nichts. Sie sind da auf halbem Wege stehen geblieben. Das ist nur die eine Seite der Medaille.

Viel wichtiger scheint mir die Frage, ob wir diese Daten wirklich zum jetzigen Zeitpunkt benötigen und ob sie wirklich wichtig sind und uns weiterbringen.

Wir alle wissen: Spiel, Sport und Bewegung in der heutigen Gesellschaft - übrigens nicht nur bei Kinder und Jugendlichen - hat im Moment noch nicht die Bedeutung, die wir eigentlich bei diesem Thema bräuchten. Wir wissen auch, dass wir hier erweiterte Angebote machen müssen. Das tun wir

auch schon mit den etablierten und neuen Programmen im Schulbereich: mit Wettbewerben, mit sportbetonten Schulen und Kindergärten sowie mit der offenen Ganztagsschule im Primarbereich. Wir bemühen uns im Rahmen des finanziell Machbaren, diese Angebote auch weiterhin zu verbessern.

Aber warum sollen wir Geld, das wir an dieser Stelle sehr dringend brauchen, für Ergebnisse ausgeben, die wir qualitativ, wenn auch nicht quantitativ, schon längst haben? Darüber werden wir uns in einer der nächsten Sportausschusssitzungen sicherlich inhaltlich unterhalten müssen. Ich bin nicht gänzlich abgeneigt, gemeinsam zu versuchen, das Ziel, mehr Bewegung und Spiel und Sport für Kinder und Jugendliche, zu erreichen und gemeinsam einen Antrag zu formulieren. Darüber sollten wir im Ausschuss, wenn der Tagesordnungspunkt diskutiert wird, abstimmen.

Für meine Fraktion kündige ich Zustimmung für die Überweisung in den Sportausschuss an. Inhaltlich sind wir mit dem Antrag so noch nicht einverstanden. - Danke.

(Beifall bei SPD und GRÜNEN)

Vielen herzlichen Dank, Frau Meise-Laukamp. - Für die FDP erteile ich Frau Pieper-von Heiden das Wort.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sportpädagogen mögen darüber streiten, ob das Fach Sport an Schulen nicht besser Leibes- oder Gesundheitserziehung heißen sollte oder ob der Begriff Bewegung vorkommen müsste. Aber die Bezeichnung ist relativ egal. Allerdings ist nicht egal, dass Sport tatsächlich noch viel zu wenig stattfindet, und zwar sowohl in Kindergärten als auch in Schulen, und dass der Sport auch nicht die Bedeutung hat, die er haben sollte. Auch ist er nicht in der Hierarchie der Fächer dort angesiedelt, wo dieses Fach angesiedelt sein sollte.

Schulsport besonders vernachlässigt den gesundheitlichen und allgemeinmotorischen Aspekt; denn anders als im kognitiven Unterricht machen wir es im Sportunterricht genau umgekehrt: Wir fördern schon bisher Sporttalente in sehr bemerkenswerter Weise, haben aber nicht viel Wert auf die Aufarbeitung von motorischen Defiziten gelegt. Der Förderunterricht im Fach Sport ist wenig bis gar nicht präsent in unseren Schulen. Umgekehrt aber haben wir sehr wohl den Förderunterricht für schwache Schülerinnen und Schüler. Und da machen wir es umgekehrt: Da haben wir uns