Protokoll der Sitzung vom 29.04.2004

Schulsport besonders vernachlässigt den gesundheitlichen und allgemeinmotorischen Aspekt; denn anders als im kognitiven Unterricht machen wir es im Sportunterricht genau umgekehrt: Wir fördern schon bisher Sporttalente in sehr bemerkenswerter Weise, haben aber nicht viel Wert auf die Aufarbeitung von motorischen Defiziten gelegt. Der Förderunterricht im Fach Sport ist wenig bis gar nicht präsent in unseren Schulen. Umgekehrt aber haben wir sehr wohl den Förderunterricht für schwache Schülerinnen und Schüler. Und da machen wir es umgekehrt: Da haben wir uns

nämlich noch nicht so sehr um die besonderen Talente gekümmert.

Es fehlt also der Begriff der ganzheitlichen Bildung. Nicht nur im Kopf muss Beweglichkeit herrschen, sondern der Körper muss auch mithalten können. Wer zu kopflastig ist, der kann auch schon einmal auf die Nase fallen.

Defizite bei den motorischen Fähigkeiten unserer Kinder nehmen in Kindergärten und Schulen kontinuierlich bis sprunghaft zu. Dass diese Entwicklung schon geraume Zeit im Gange und nicht so ganz neu ist, wird dadurch belegt, dass auch Kinder in der 5. und 10. Klasse schon nicht mehr über die motorischen Grundfähigkeiten verfügen, die früher ganz selbstverständlich waren.

Wenn wir also nicht sehenden Auges die Kranken und die Lahmen von morgen produzieren wollen und wenn wir nicht wollen, dass unseren Kindern Einschränkungen im täglichen Leben und in der Ausübung ihres späteren Berufes drohen, wenn wir eine überbordende Belastung des Gesundheitswesens vermeiden wollen, dann müssen wir dringend handeln, endlich auch Ressort übergreifend denken und uns ernsthaft mit dem vorliegenden Antrag der CDU auseinander setzen.

Dann kostet eben der Bereich Sport und Körpererziehung ein bisschen mehr. Dafür sinken dann auch in der langfristigen Betrachtung die ansonsten todsicher anfallenden erheblichen Aufwendungen für den Reparaturbetrieb Körper.

Die CDU fordert normierte Tests, eine Art Screening, mit denen die motorischen Fähigkeiten der Kinder verschiedener Altersstufen festgestellt werden können. Dies hält auch die FDP für durchaus sinnvoll und erforderlich - ebenso, dass in der Folge altersgemäße Leistungsmaßstäbe definiert werden, die es ermöglichen, einigermaßen valide nachzuvollziehen, ob sich ein Kind motorisch normal entwickelt oder nicht, ob es Mindestanforderungen erfüllen kann oder ob dringend Nachhilfe erforderlich ist.

Aber nur, wenn wir entsprechende Fördermaßnahmen vorhalten, brauchen wir uns die Mühe einer Austestung zu machen. Also: Dies muss zwingend die Konsequenz sein. Das heißt, wenn aufgrund normierter Verfahren motorische Defizite festgestellt werden, müssen wir schon heute wissen, dass wir in der Folge auch die notwendigen Mittel bereitstellen müssen, um diese Defizite bei den Kindern aufzuarbeiten - Stichwort Datenfriedhof -, um sie in ihrer gesamten motorischen Entwicklung an eine normale Leistungsfähigkeit heranzuführen.

(Vorsitz: Vizepräsident Jan Söffing)

Punkt A, die Entwicklung von Testverfahren und die Auswertung des allgemeinen motorischen Entwicklungsstandes verschiedener Altersgruppen von Kindern sowie die Definition von Leistungsstandards, macht also nur Sinn, wenn wir in der Folge auch B sagen. Und B heißt unmittelbar einsetzende Fördermaßnahmen. Aber ich glaube, so ist es von den Kolleginnen und Kollegen der CDU auch gemeint, auch wenn es nicht explizit im Antrag erwähnt ist.

Noch etwas zur Beschaffenheit solcher altersgestaffelter Tests: Hier müssen wir aufpassen. Es dürfen nämlich keine Testverfahren sein, deren Ergebnisse nur von Wissenschaftlern ausgewertet werden können. Sie müssen ohne Frage von Wissenschaftlern entwickelt werden. Das ist klar. Aber sie müssen in der Handhabung so einfach sein, dass jeder Kindergarten und jede Schule in die Lage versetzt werden, das jeweilige Testergebnis valide einzuordnen, die Konsequenzen daraus zu ziehen und die betroffenen Kinder unverzüglich in die entsprechend notwendigen Fördermaßnahmen zu schicken. Erkenntnisse allein genügen nicht. Es muss eben auch gehandelt werden.

Dabei darf es uns nicht so ergehen wie bei den Sprachfördermaßnahmen für Kinder mit Migrationshintergrund. Wir kennen die Defizite, aber können nur begrenzt handeln, weil es eben bisher keine flächendeckenden Fördermaßnahmen gibt, weil die im Umfang nicht weit genug ausgebaut sind.

Der letzte Punkt der Beschlussvorlage der CDU ist die regelmäßige Berichterstattung über die Entwicklung der motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder in den verschiedenen Altersstufen. Klar: Die Berichterstattung der Landesregierung muss sein. Aber das geht vermutlich nur auf der Grundlage von Datenerhebungen. Hierfür müssen wir aber erst noch die Tests entwickeln oder sie entwickeln lassen, wenn wir dies denn so durchsetzen, wie von der CDU beantragt.

Was wir im Moment haben, ist ja eigentlich nicht mehr als hier und da Erkenntnisse aus verschiedenen Studien, die in irgendeiner Form zusammengetragen worden sind. Aber ob diese Daten dann auch tatsächlich zusammenpassen - will sagen: tatsächlich im Ergebnis valide sind -, das wage ich zu bezweifeln. Das wurde ja auch so zum Ausdruck gebracht, als diese erste Studie vorgestellt wurde, der 1. Kinder- und Jugendsportbericht. Das ist ja das bisher einzige Werk, das vorhandene Daten zusammenfasst. Inwieweit

das zutreffend ist, wagten ja dann auch die Autoren noch ein bisschen infrage zu stellen. Also ist es sicher wenig hilfreich, einfach vorhandene Daten zusammenzutragen, ohne sie wirklich auf ihre Validität geprüft zu haben.

Auf einen Bericht der Landesregierung lege ich persönlich erst dann Wert, wenn auch diese Screenings vorliegen und wir Ergebnisse haben. Darauf will ich auch gern noch eine Weile warten. Die können ja nicht von heute auf morgen entwickelt werden.

Nicht warten will ich allerdings auf die Beauftragung der Wissenschaft mit der Entwicklung solcher Testverfahren. Die halte ich in der Tat für sehr sinnvoll.

Worauf ich nicht verzichten möchte, das sind die Konsequenzen einer besonderen Förderung auch motorischer Fähigkeiten. Denn wenn wir nicht in der Folge gleich B sagen, wenn wir A wollen, dann können wir uns das ganze Verfahren sparen. Allein um einfach einmal darüber geredet zu haben und sich damit befasst zu haben ist das Thema nämlich wirklich zu ernst. Da müssen wir dann auch wissen, dass wir tief in die Tasche greifen und tatsächlich Fördermaßnahmen auf den Weg bringen müssen, die die motorischen Fähigkeiten der Kinder deutlich verbessern. Sonst hat das alles keinen Sinn.

Das müssen wir wissen, wenn wir über diesen Antrag entscheiden. Wir sind dazu bereit. Ich hoffe, die Kolleginnen und Kollegen der anderen Fraktionen sind das ebenso, die der CDU ja ohnehin. Sonst würde dieser Antrag nicht gestellt worden sein. Ich freue mich auf die Beratungen im Ausschuss. - Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei FDP und CDU)

Vielen Dank, Frau Pieper-von Heiden. - Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat Kollege Groth das Wort.

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir sollten zu dieser Tageszeit auch einmal ein paar kleine sportliche Übungen machen, nachdem wir so lange gesessen haben. Ich fände es aber auch gut, wenn Sie noch einen Augenblick zuhören würden.

"Sporttest für Kindergarten und Schule - Standards für den Bewegungsstatus der Kinder entwickeln!" - das klingt gut, ist aber Quatsch, meine Damen und Herren. Ich sage das gleich am An

fang so, wie ich es denke. Denn ich halte es wirklich einfach nur für Quatsch, aber es ist gerade hier schon viel gelobt worden. Ich will meine Auffassung auch begründen.

Ihre Begründung, Frau Dr. Schraps, ist ja in weiten Teilen ganz klug und wird von mir auch geteilt. Ihre Begründung teile ich. Im Wesentlichen begründen Sie das ja auch mit den positiven Wirkungen von Sport und Bewegung. Die kognitive Entwicklung wird gefördert. Die Schulleistungen verbessern sich. Die Stressresistenz nimmt zu. Das ist alles richtig. Aktive sind einfach gesünder als nicht Aktive. Das ist trivial, aber es ist auch richtig. Deshalb stimme ich Ihrer Begründung in weiten Teilen zu. Das ist wirklich alles richtig begründet.

Aber es begründet die normierten quantitativen Tests nicht wirklich, die Sie vorschlagen. Die von Ihnen geforderten Tests würden allenfalls einen unermesslich großen Datenfriedhof erzeugen. Es ist absolut unvorstellbar, dass daraus Steuerungsinformationen für die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler entnommen werden könnten. Das kann man gar nicht, das ist völlig unmöglich.

Qualitativ wissen wir schon sehr lange - deswegen stimme ich Ihnen in gewisser Weise zu; ich weiß, in welche Richtung Sie wollen, nur die normierten Tests sind verkehrt -, dass sich unsere Kinder und Jugendlichen zu wenig bewegen, dass sie zu viel sitzen und dass sie zu viel und falsch essen. Für die Erwachsenen gilt das übrigens auch. Wir brauchen also mehr Bewegung für alle. Das ist auch klar. Dem widersprechen wir nicht.

Sie richten in Ihrem Antrag den Blick nur auf Fitness und Motorik. Das ist eine einseitige Sichtweise; es ist nur ein Aspekt von Gesundheit, Frau Dr. Schraps.

Ich zitiere aus dem "British Journal of Teaching Physical Education", Ausgabe 33/1, erschienen im Frühjahr 2002. Dort schreiben die Forscher Cale und Harris von der Loughborough University:

"There is little or no evidence that improvement in fitness test scores results in improvement in children's health or in their health related behaviour."

Auf Deutsch übersetzt: Es gibt wenige oder gar keine Anhaltspunkte dafür, dass Verbesserungen im Fitnesstestergebnis auch zu einer besseren Gesundheit oder zu einer Verbesserung des gesundheitsrelevanten Verhaltens führen. - Das gilt im Übrigen auch für Erwachsene.

Frau Dr. Schraps, für Sie noch einmal einfacher: Das heißt auch, dass verbesserte Testergebnisse nicht auch eine Erhöhung des Aktivitätsniveaus zur Folge haben. Genau das muss aber unser Ziel sein.

Ausgehend von unserem Fachkongress "Hurra, hurra, die Schule rennt" haben wir, unterstützt von der SPD-Fraktion - am Ende von allen Fraktionen -, einen Antrag zum Schulsport beschlossen. Da gibt es z. B. die Landesauszeichnung Bewegungsfreudige Schule und das Modellvorhaben "Tägliche Sportstunde".

Frau Dr. Schraps, daran und in dieser Richtung müssen wir weiterarbeiten. Deshalb haben wir auch für eine besondere Berücksichtigung des Sports im Ganztagsangebot der Primarstufe gesorgt. Ich weiß, im Grunde wollen auch Sie in diese Richtung: mehr Bewegung, mehr Sport, mehr Spiel. Das honoriere ich, nur Ihr Antrag ist wirklich Quatsch.

(Dr. Annemarie Schraps [CDU]: Das haben Sie überhaupt nicht verstanden in Ihrer Arro- ganz!)

Hören Sie sich noch einmal an, was die Fachleute dazu sagen. Cale sagt dazu:

"Fitness tests can be demeaning, embarrassing and uncomfortable for children."

Auf Deutsch: Fitnesstests können für Kinder abwertend, nervtötend und unangenehm sein. - Frau Dr. Schraps, wissen Sie, auf welche Kinder das ganz genau zutrifft? Das trifft auf die zu, um die wir uns ganz besonders kümmern müssen, nämlich diejenigen, die am wenigsten aktiv sind und schon sehr ungesund leben. Diese Kinder müssen wir erreichen. Wir dürfen sie nicht noch durch irgendwelche Screenings abstoßen. Das ist aus meiner Sicht absoluter Blödsinn. Wir müssen die Kinder erreichen, die uns die größten Sorgen bereiten. Genau diese müssen es sein, nicht aber die anderen. Wir dürfen sie nicht selektieren, sondern wir müssen sie aktivieren. Das werden wir mit den Screenings nicht hinbekommen.

Ihr Vorschlag taugt nicht so recht für das, was wir hier alle wollen. Wir wollen eine Qualitätssicherung auch im Schulsport. Etwas anderes würde helfen. Über Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement hätten sie am letzten Montag auf unserer Fachtagung "Opas Sportverein am Ende?" in unserem Forum 4 eine ganze Menge lernen können. Es ist eine ganze Menge dazu gesagt worden. Das können Sie demnächst aber auch im Internet nachlesen oder in den Dokumentationen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer, und zwar aller Lehrerinnen und Lehrer, nicht nur der Sportlehrer. Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen in die Lage versetzt werden, etwas gegen den Bewegungsmangel zu tun. Sie müssen lernen, den Mangel zu erkennen und zu diagnostizieren.

Ich lade Sie zu unserer nächsten Fachtagung herzlich ein. Dort kann man sich trefflich darüber informieren, und wir können uns auch etwas streiten: Erste und zweite Lehrerausbildung - wie versetzen wir Lehrerinnen und Lehrer in den Stand, gezielt gegen den Bewegungsmangel vorzugehen?

Der heutige Antrag ist einfach schmalspurig. Sie wollen wahrscheinlich das Richtige, aber mit diesem Instrument wird man es nicht erreichen können. Es geht einfach nicht. Sie werden das Gegenteil erreichen: Sie werden diejenigen noch weiter abschrecken, die wir eigentlich ganz besonders gewinnen müssten. Im Übrigen wird das an der Deutschen Sporthochschule sicherlich genauso erforscht werden. Lassen Sie uns also im Sportausschuss noch einmal darüber diskutieren.

Eines noch: Wir haben die Evaluation der täglichen Sportstunde - Frau Pieper-von Heiden, Sie haben das gerade angesprochen - auf den Weg gebracht. Wir werden herausfinden, ob sich durch eine tägliche Sportstunde tatsächlich das gesundheitliche Verhalten, der Gesundheitszustand und das Lernen der Kinder verbessern. An der Evaluation wird also gearbeitet. Wir müssen sie an dieser Stelle nicht noch einmal beschließen. - Bis hierhin erstmal schönen Dank.

(Beifall bei den GRÜNEN)

Vielen Dank, Herr Groth. - Für die Landesregierung hat jetzt Frau Ministerin Schäfer das Wort.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Den hohen Stellenwert von Bewegung, Spiel und Sport in der vorschulischen und in der schulischen Erziehung, der in dem CDU-Antrag zum Ausdruck kommt, unterstützen wir mit Nachdruck. Dies zu fördern ist seit langem die Politik der Landesregierung. Frau Dr. Schraps, dass Sie sich hier lobend über den Kollegen Vesper geäußert haben, werde ich selbstverständlich an ihn weiterleiten. Er wird es also erhalten.

Bewegung ist ein unverzichtbarer Baustein und ein wichtiges Element für eine gute und gesunde Entwicklung von Kindern. Es gibt den wunderba

ren Ausdruck: "Toben macht schlau". Bewegung ist Ausdruck von Lebensfreude, kindlicher Neugier und Vitalität. An der Bewegung erkennen wir, wie sich die Kinder aktuell fühlen. Ein ausgewogenes Bewegungsleben und Bewegungserleben beeinflusst die kindliche Entwicklung nachhaltig positiv.

Bewegung, Spiel und Sport verbessern nicht nur die körperlichen und motorischen Voraussetzungen und Fähigkeiten, sondern sie fördern zusätzlich wichtige kognitive, soziale und emotionale Komponenten der Entwicklung. Da sich die Bewegungswelt und die Lernwelt von Kindern gegenseitig beeinflussen, erwerben die Kinder über Bewegung ein erhöhtes Maß an Eigenständigkeit, Selbstvertrauen, Selbstkontrolle, Selbstbestimmung und Selbstachtung. Dies alles sind wichtige Mosaiksteine der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern.

Klar ist: Die Basis für das Bewegungskönnen muss im Kindesalter geschaffen werden. Hierzu gehört auch die Schaffung von Bewegungsgelegenheiten. Der Bewegungsmangel - das ist richtig - ist beispielsweise die wichtigste Ursache für die zunehmende Zahl übergewichtiger und krankhaft übergewichtiger Kinder. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat das auch für den weiteren Lebenslauf Folgen.

Es kommt zu Folgeerkrankungen, die das Gesundheitssystem massivst beeinflussen. Ich denke vor allem an Diabetes, an Herzkreislauferkrankungen und an die Erkrankungen des aktiven und passiven Bewegungsapparats mit ihren vielfältigen Folgeerscheinungen.