Protokoll der Sitzung vom 29.04.2004

Es kommt zu Folgeerkrankungen, die das Gesundheitssystem massivst beeinflussen. Ich denke vor allem an Diabetes, an Herzkreislauferkrankungen und an die Erkrankungen des aktiven und passiven Bewegungsapparats mit ihren vielfältigen Folgeerscheinungen.

Während die negative Entwicklung bereits im Kindesalter beginnt, werden die Folgen erst in späteren Lebensabschnitten deutlich. Gerade das Kindesalter bietet optimale Voraussetzungen zum Erlernen und für die Entwicklung einer guten Bewegungskoordination und lebenswichtiger Bewegungsfertigkeiten.

In der Tat gibt es trotz zahlreicher wissenschaftlicher Studien zu sportlicher Aktivität und zum Bewegungsstatus von Kindern immer noch Erkenntnis- und Forschungslücken. Viele Diskussionen zu Sporttests und Standards für den Bewegungsstatus von Kindern werden meines Erachtens allerdings unnötig geführt. Bevor wir uns dafür oder dagegen entscheiden, müssen Begriffsklärungen herbeigeführt werden, was man z. B. konkret unter einem Sporttest versteht.

Darüber hinaus müssen wir Antworten geben auf wichtige Fragen im Zusammenhang mit der kindlichen Entwicklung. Welche Bewegungskompetenz soll ein Kind in einem bestimmten Alter mindes

tens aufweisen, damit es sich ganzheitlich entwickelt? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Bewegung, motorischer Leistungsfähigkeit und dem Risiko für bestimmte Erkrankungen? Welches sind die Bedingungen, die eine erfolgreiche Bewegungssozialisation von Kindern ermöglichen?

Kinder, die in jungen Jahren bestimmte Basiskompetenzen nicht gelernt haben - Sie haben es schon genannt, Schwimmen, auf Bäume klettern, Balancieren, Radfahren, Fangen -, haben es später schwer, eine positive Einstellung zu Bewegung, Spiel und Sport in der Schule oder im Kindergarten, zu körperlicher Aktivität in der Freizeit und zu einem bewegungsaktiven Leben zu finden. Diesen Kindern fehlt damit eine breite Basis für eine gute psychische und auch für eine soziale Integration.

Ich habe aber Probleme mit Teilen des Antrags, da er eine Verengung und Fokussierung auf das Abtesten rein motorischer Leistungsfähigkeiten vornimmt. Auch steht die Forderung nach einheitlich normierten Sporttests und landeseinheitlichen motorischen Standards z. B. im Widerspruch zur Bildungsvereinbarung Nordrhein-Westfalens für den Elementarbereich.

Zu den grundlegenden Betätigungs- und Ausdrucksformen von Kindern zählt neben dem Spielen auch das Sich-Bewegen. Kinder haben das natürliche Bedürfnis und Freude daran, sich zu bewegen. Junge Kinder entdecken die Welt und sich selbst zuallererst über die Bewegung.

Da im Zusammenhang mit Bewegung viele Kompetenzen der Kinder gefördert werden wie z. B. ihre kognitive und ihre soziale Kompetenz, ist der Bereich Bewegung einer der Bildungsbereiche, der in der Bildungsvereinbarung benannt ist. Dabei geht diese Bildungsvereinbarung von kontinuierlichen Bildungsprozessen aus, die während der gesamten Anwesenheit der Kinder im Kindergarten andauern.

Da Kinder ihre verschiedenen Fähigkeiten nicht in gleich geschalteten Rhythmen entwickeln, schreibt die Bildungsvereinbarung keine festgelegten Zeitpunkte vor, zu denen die Kinder ein bestimmtes Können erreicht haben müssen.

Nun ist es auch nicht so, dass wir den Bereich Bewegung für die Kindertageseinrichtungen erst in Zusammenhang mit dieser Bildungsvereinbarung als wichtig entdeckt haben. Denn bereits seit einigen Jahren kooperieren Kindergärten mit Sportvereinen. Und die pädagogischen Fachkräfte der Kindertageseinrichtungen werden seit vielen Jahren für diesen Bildungsbereich ausgebildet.

Für eine weitere Qualifizierung der Fachkräfte hat das Sozialpädagogische Institut eine Broschüre zur Bewegungserziehung herausgebracht und bietet seit 2003 gemeinsam mit der Deutschen Sporthochschule in Köln die Zusatzausbildung Bewegungsförderung im Elementarbereich für sozialpädagogische Fachkräfte an. Darüber hinaus wird nach dem gegenwärtigen Forschungsstand z. B. die Aussagekraft von auf Motorik ausgerichteten Sporttests zur Beurteilung des Gesundheitszustandes von Kindern zumindest als äußerst fragwürdig eingeschätzt. Wir haben eben von dem Kollegen Groth einige Originalzitate aus diesen Tests aus dem englischsprachigen Raum gehört.

Was wir brauchen, sind gut begründete Bildungsstandards und verlässliche Diagnoseinstrumente nicht nur für die Kernfächer in der Schule, sondern auch für den Schulsport und für die Bewegungs-, Spiel- und Sporterziehung im Kindergarten. Diese Bildungsstandards müssen aber neben den motorischen Parametern andere Ziele im Bereich von Bewegung, Spiel und Sport berücksichtigen. Nur dann können wir diese Erziehung Bewegung, Spiel und Sport - im Kontext der Bildungs- und Erziehungsaufgaben von Schule und Kindergarten richtig verorten und unsere Maßnahmen - das ist das Entscheidende - daran zielgerichtet durchführen.

Im Übrigen schließt sich die Landesregierung den Erkenntnissen und Perspektiven an, die kürzlich vom Club of Cologne in seiner KonsensusErklärung formuliert wurden, die u. a. auch von der Vorsitzenden des Sportausschusses des Landtages Nordrhein-Westfalen, Frau Hinnemann, mit unterzeichnet wurden.

Die Landesregierung unterstützt dies sogar so konkret, dass sie ein Pilotprojekt des Club of Cologne durchführt. Ich hoffe, ich habe deutlich gemacht, dass die Landesregierung die im Antrag der CDU formulierten Grundüberlegungen zur Bedeutung und Förderung von Bewegung, Spiel und Sport im Rahmen der vorschulischen und der schulischen Bildung und Erziehung längst zur Grundlage ihrer eigenen Arbeit gemacht hat. Wir begrüßen im Grundsatz auch die Forderung nach der Formulierung und Überprüfung von Qualitätsstandards bzw. Kriterien in Kindergarten und Schule.

Die Landesregierung hält aber die Forderung nach Einführung landesweiter Sporttests zum gegenwärtigen Zeitpunkt für unzureichend fundiert. Ich denke, wir sollten gemeinsam weiter nach besseren Wegen zur Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung von Bewegung, Spiel und

Sport im Bildungsbereich suchen. - Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei SPD und GRÜNEN)

Vielen Dank, Frau Ministerin. - Für die CDU-Fraktion hat jetzt Frau Kollegin Hinnemann das Wort.

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir sind schon weit mit dem Nachmittag fortgeschritten. Das ist der letzte Tagesordnungspunkt. Deswegen möchte ich es kurz machen und nur noch auf meinen Vorredner und meine Vorrednerinnen eingehen.

Frau Schäfer, Sie haben mich als Unterschreibende der Konsensus-Erklärung erwähnt. Das ist richtig. In dieser Konsensus-Erklärung wird im letzten Kapitel "Was sofort zu tun ist" als allerletzter Punkt gefordert, für den Bewegungsstatus der Kinder ein standardisiertes Inventar zu entwickeln und eine regelmäßige wissenschaftliche Berichterstattung (Screening) aufzubauen.

Genau das fordern wir in unserem Antrag, nicht mehr und nicht weniger. Natürlich, Frau Piepervon-Heiden und Frau Meise-Laukamp, wollen wir keinen Datenfriedhof aufbauen, und wenn wir A sagen, dann wollen wir auch B sagen, aber um B sagen zu können, muss man erst einmal A gesagt haben.

Also wir wollen die Daten erheben und wir finden das sehr wichtig. Wir wollen anschließend Maßnahmen ergreifen. Natürlich brauchen wir bei der Erstellung von Tests wissenschaftliche Beratung. Natürlich brauchen wir auch hinterher für die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, wissenschaftliche Beratung. Es wäre verfrüht, an dieser Stelle, vor der Erhebung der Daten, schon zu sagen, was wir dann konkret machen wollen.

Ich habe fast übereinstimmend, bis auf Herrn Groth - darauf möchte ich gleich noch kommen -, gehört, dass vom Grundsatz her unser Antrag gut verstanden worden ist und in wesentlichen Teilen gestützt wird. Wenn hier und da noch Änderungen oder Erweiterungen nötig sind, können wir das im Sportausschuss gerne machen.

Nur, Herr Groth, ich hatte den Eindruck, Sie haben nichts verstanden, aber Sie wissen trotzdem mal wieder - wie immer - alles besser, besser als der Club of Cologne. Das ist immerhin eine riesengroße Gruppe von Wissenschaftlern, Sportlern, Politikern und Mitarbeitern aus der Sportverwaltung. Sie qualifizieren alles das, was wir bringen, immer sofort als Quatsch ab. Wenn Sie die

sen Vorschlag nicht gut finden, dann machen Sie doch bitte einen besseren. Es bringt nichts, wenn wir noch weitere 10, 15 oder 20 Jahre warten, bis wir erst anfangen, etwas zu tun.

Ihre unerträgliche Art der Kritik und Überheblichkeit, mit der Sie alles im Sport für sich reklamieren, wirkt nur noch abstoßend und trägt überhaupt nicht zur Weiterentwicklung bei.

(Beifall bei der CDU)

Ansonsten wünsche ich Ihnen jetzt einen angenehmen Nachmittag und eine gute Heimfahrt.

Bitte fahren Sie jetzt noch nicht gleich nach Hause. Frau Hinnemann, trotzdem herzlichen Dank für Ihren Wortbeitrag. - Zunächst hat Frau Kollegin Pieper-von Heiden das Wort, dann folgt Herr Groth.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Groth! Dazu muss ich noch etwas sagen. Ich habe auch den Verdacht, dass Sie wirklich nicht B sagen wollen, weil Sie A so weit wegschieben.

Es ist überhaupt nicht kompliziert, Screenings zu entwickeln. Das habe ich in anderen Bereichen gesehen. Solch ein Screening als wissenschaftlicher Auftrag kostet 5.000 bis 10.000 €.

(Zuruf von Ewald Groth [GRÜNE])

- Das ist so. Innerhalb weniger Monate kann man solche Daten erheben.

Es geht auch darum - das ist das Missverständnis -: Dieser Auftrag verlangt keine Sport- und Qualitätsstandards, Frau Ministerin Schäfer. Darauf zielt auch nicht der CDU-Antrag ab. Der zielt ganz klar darauf ab, dass wir, wenn wir große Defizite bei Kindern feststellen, entgegenwirken müssen, dass wir etwas tun müssen und nicht zulassen dürfen, dass sich diese Kinder motorisch, körperlich in eine vollkommen falsche Richtung entwickeln.

Frau Ministerin, wenn Sie retardierte motorische Entwicklung von Kindern gleich setzen mit motorischen Defiziten, und Sie sprachen auch von der Retardierung im kognitiven Bereich, dass wir da festgestellt haben, dass Kinder einer Altersstufe nicht unbedingt gleich weit in der Entwicklung sind, so ist dazu zu sagen, dass wir das natürlich alles wissen. Aber allgemeine Retardierung ist nicht gleichzusetzen mit Defizitausprägung.

Da müssen wir einfach sehen, dass wir nicht zulassen dürfen, dass Kinder mit so vielen motorischen Defiziten herumlaufen, wir aber nichts da

gegen tun. Im frühkindlichen Bereich kann man Ausgleich schaffen. Da kann man entsprechende Fördermaßnahmen einsetzen.

Das vergleiche ich noch einmal mit dem sprachlichen Hintergrund, mit Migrationskindern, die nicht genügend deutsch sprechen. Da müssen wir früh ansetzen und Fördermaßnahmen schaffen. Genauso müssen wir Fördermaßnahmen entwickeln, wenn ein Kind nicht mehr auf einem Bein hüpfen kann. Dann gilt es etwas zu unternehmen, um einen Ausgleich hinzubekommen. Dafür müssen wir selbstverständlich auch Geld in die Hand nehmen. Das ist es, was ich in meinem Beitrag gesagt habe.

Ich darf Sie bitten, zum Ende zu kommen, Frau Kollegin.

Ich komme zum Ende, Herr Präsident. - Ich halte diese Erhebung für wichtig und notwendig, aber wir brauchen sie nur dann zu machen, wenn wir uns einig darüber sind, dass es Konsequenzen haben soll.

Wir werden mit Sicherheit Defizite feststellen, nur die müssen wir auch heilen wollen. Wenn wir das nicht wollen, brauchen wir uns die Mühe nicht zu machen, Screenings und Testverfahren zu erstellen.

(Beifall bei der FDP)

Vielen Dank, Frau Pieper-von Heiden. - Für Bündnis 90/Die Grünen hat jetzt noch einmal Herr Kollege Groth das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Frau Pieper-von-Heiden! Das ist doch genau der Punkt, zuerst B und nicht erst A. Wir wissen das doch alles. Wir wissen qualitativ, wo die Mängel sind. Wir müssen daran etwas tun und nicht erst lange herumtesten. Das wird viel Geld kosten und bringt im Ergebnis überhaupt nichts.

Das kann die Wissenschaft gerne machen. Es ist auch richtig, wenn man solche Tests erfindet. Nur für unseren Schulsport, für Bewegung, Sport und Spiel in Nordrhein-Westfalen bringt das erst einmal nichts. Dort müssen wir anfangen und nicht erst mit dem Testen.

Es geht darum, Angebote sollen Freude machen. Sie sollen die Kinder locken. Sport und Bewegung soll Spaß machen. Sie sollen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen. Dann muss

man einmal das Auto stehen lassen. So geht das. Egal auf welchem Niveau, es soll Spaß machen.

Es geht nicht darum, dass man erst einmal screent. Lassen wir uns doch alle einmal screenen. Geben Sie doch zu: Wenn wir gescreent würden, wer von Ihnen würde denn sein Verhalten ändern, wer von Ihnen würde in den Sportverein gehen und würde sein Ernährungsverhalten umstellen? Fast keiner.

Wir haben ein gutes Blatt auf der Hand, das ist die Schulpflicht der Kinder. Das ist ein sehr großer Vorteil, den wir nicht leichtsinnig verspielen sollten, nicht durch Abschreckung, nicht durch Selektierung und nicht durch Enttäuschung. Kinder sollen Spaß an Sport und Spiel in der Schule haben, und wir müssen sie dort erreichen.

Noch einmal zur Verengung von Fitness und Motorik und dieser einseitigen Sichtweise: