Protokoll der Sitzung vom 18.12.2008

Aber, ich glaube, für Sie gibt es das wohl erst seit 2005, Herr Brockes. Oder wie war das noch?

(Edgar Moron [SPD]: Aber ihr erst seit zwei Jahren!)

Nachdem man es wieder neu entdeckt hat, ging man in die direkte Umarmung der Nachbarn über, anstatt sachliche Politik zu machen. Was passiert in vollem Überschwang der Gefühle? Für den wiederentdeckten verlorenen Freund entwickelten die Staatskanzlei und die Fraktionen von CDU und FDP die Idee des Beitritts zum Benelux-Raum, was dazu führte, dass man in Belgien, in den Niederlanden und in Luxemburg auf Distanz ging und wenig Begeisterung dafür zeigte, unabhängig davon, dass da eine entscheidende Frage im Raum steht. Denn NRW ist, soweit ich weiß, immer noch Teil des föderalen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Und Außenpolitik wird in Berlin gemacht.

(Zuruf von Ilka von Boeselager [CDU] und Dietmar Brockes [FDP])

Nach dem Wechsel im Ministeramt von Breuer zu Krautscheid wurde diese Idee langsam wieder eingedampft – dafür wird es wahrscheinlich Gründe geben –, aber ganz gab man die „Großstaats“-Ideen der Staatskanzlei dann doch nicht auf. Hintergrund ist, das man einen Ministerpräsidenten ja medienwirksam präsentieren muss.

Im Frühjahr dieses Jahres hatte man noch die Idee, zumindest noch eine Regierungskonferenz auf dem Petersberg durchzuführen, wo es um ein Treffen

der drei Regierungschefs mit dem Ministerpräsidenten Rüttgers auf Augenhöhe ging.

(Zuruf von der CDU)

Herumgekommen ist letzten Endes die Verleihung des Staatspreises an die drei Regierungschefs der Niederlande, von Belgien und Luxemburg. Es war durchaus eine richtige Veranstaltung, aber wohl keine Regierungskonferenz auf Augenhöhe. Alles war nur Symbolik, meine Damen und Herren.

(Beifall von der SPD)

Aber wo ist Ihr konkretes projektorientiertes Regierungshandeln? Was ist mit konkreten Verkehrsprojekten wie zum Beispiel dem Eisernen Rhein?

(Wolfram Kuschke [SPD]: Kriegen sie nicht hin!)

Im Rahmen des neuen Interreg-Programms

(Zuruf von Dietmar Brockes [FDP])

ist, Herr Brockes, noch kein einziges größeres Projekt realisiert worden, und die Euregios sind immer noch nicht schlagkräftig genug in die neue Förderperiode gestartet. Das heißt, sie sind überhaupt nicht ausfinanziert; hier wird gespart.

Ihre Politik gegenüber unseren Nachbarstaaten war bisher ein einziger Schlingerkurs.

(Beifall von der SPD)

Es ist keine klare Linie bei der Regierung und auch nicht bei den regierungstragenden Fraktionen erkennbar.

Wir Sozialdemokraten in diesem Haus stehen seit Jahrzehnten zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

(Demonstrativer Beifall von Ilka von Boesela- ger [CDU] – Dietmar Brockes [FDP]: Und ha- ben noch nichts getan!)

Erstens. Aus unserer Sicht ist eine euroregionale grenzüberschreitende Zusammenarbeit wichtig. Dazu zählt aber auch eine klare Ausfinanzierung der Euregios.

Zweitens. Bilaterale Zusammenarbeit ist für uns auch von großer Bedeutung, aber nicht nur auf Regierungsebene, sondern auch heruntergebrochen auf grenznahe Projekte. Ich will an dieser Stelle noch einmal betonen, weil ich das auch für wichtig halte: Wir haben ein anderes parlamentarisches Verständnis als Sie. Denn ich glaube schon, dass bilaterale Beziehungen auch zwischen den Parlamenten eine entscheidende Rolle spielen.

(Beifall von SPD und GRÜNEN – Zuruf von Ilka von Boeselager [CDU])

Drittens will ich nicht unerwähnt lassen, dass die Zusammenarbeit mit dem Benelux-Raum in konkre

ten Projekten und Anliegen und nicht in reiner Symbolik zu begründen ist.

Wenn wir dann noch über regionale Zusammenarbeit und Partnerschaften reden, so sind aus unserer Sicht das Weimarer Dreieck, die Türkei oder andere Regionen im REGLEG von Bedeutung. Darüber lässt sich durchaus reden. Mal sehen, wie sich Ihre Position dazu darstellt.

(Zuruf von Dietmar Brockes [FDP])

Mein Fazit an dieser Stelle: Die Chancen von Benelux sind da. Ein Vertrag ist ein Vertrag, ist ein Vertrag, ist ein Vertrag; das muss man betonen.

Konkrete Politik bemisst sich an Geld und Programmen. Das vermisse ich, und das vermissen die Euregios. Da nützt uns der ganze Vertrag gar nichts, meine Damen und Herren. – Glück auf.

Herr Kollege, es gibt eine Zwischenfrage von Herrn Dr. Berger. Möchten Sie sie noch zulassen?

Bitte schön.

Vielen Dank, Herr Töns. – Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie die Zukunft der Zusammenarbeit eher in der Türkei und weniger im Beneluxraum sehen?

(Lachen von Wolfram Kuschke [SPD])

Nein, Herr Berger, Sie haben mich nicht richtig verstanden. Ich habe gesagt: Über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit den Beneluxraum hinaus denken wir auch über Zusammenarbeit und Partnerschaften mit anderen Regionen nach. Das Land Nordrhein-Westfalen hat schon Partnerregionen; das wissen Sie.

(Zustimmung von Dr. Stefan Berger [CDU])

Man könnte mit anderen Regionen Partnerschaften anstreben, weil es aus wirtschaftlicher und politischer Sicht sinnvoll ist. Aus unserer Sicht sind die Türkei oder eine Region in der Türkei durchaus strategische, wirtschaftliche und politische Partner.

(Beifall von SPD und GRÜNEN)

Danke schön, Herr Töns. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht nun Frau Löhrmann.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich will versuchen, es kurz zu machen.

(Edgar Moron [SPD]: Das ist gut! Sehr gut!)

In Ihrem Antrag steht nichts Verkehrtes.

(Dietmar Brockes [FDP]: Dann können Sie ja zustimmen!)

Aber die Frage ist, ob dieser Antrag etwas substanziell Neues bringt und

(Beifall von Markus Töns [SPD] – Edgar Mo- ron [SPD]: Nein!)

ob dieser Antrag das Land wirklich nach vorne bringt

(Edgar Moron [SPD]: Nein!)

und ob dieser Antrag ein Beleg dafür ist, wie Ihre Fraktionen in Nordrhein-Westfalen europapolitisch aufgestellt sind.

Auf diesen Widerspruch zur Debatte zu Beginn des heutigen Tages komme ich noch zurück.

(Beifall von GRÜNEN und SPD)

Frau von Boeselager, Sie waren wenigstens so ehrlich, deutlich zu machen, dass der Antrag insbesondere das Ziel hat, den Ministerpräsidenten bei seinen Inszenierungskünsten ein bisschen zu unterstützen.