Protokoll der Sitzung vom 15.02.2006

Zu unserer Überraschung hören wir heute, dass auch noch ein beitragsfreies Kindergartenjahr gefordert wird. Das wurde schon mit 90 Millionen € beziffert. In der Summe würden Sie gern zusätzlich rund 700 Millionen € ausgeben.

(Gisela Walsken [SPD]: Warten Sie einmal, bis die Anträge vorliegen! Warten Sie einmal ab!)

Das würde die Verschuldung um weitere 700 Millionen € steigen lassen.

(Sören Link [SPD]: Dann war Ihr Verhalten 39 Jahre lang völlig fremd, oder?)

Ist es jetzt so, dass Sie mit der Zeit Schulden in Höhe von 112 Milliarden € hinterlassen haben, oder nicht?

(Sören Link [SPD]: Sie haben 39 Jahre lang gefordert und gefordert!)

Lieber Kollege Link, wenn es darum geht, wer wie realistisch ist, dann habe ich den Eindruck, dass dieses Unrealistische in Ihren jetzigen Vorschlägen auch schon Tradition hat.

(Zuruf von Karl Schultheis [SPD])

Vor fünf Jahren hat der damalige Finanzminister Steinbrück bei seiner Einbringungsrede erstens angekündigt – vielleicht ein kleiner Scherz zum Erheitern –, dass der Metrorapid bis zur FußballWM 2006 in Betrieb sein werde.

(Zuruf von der CDU: Hört, hört!)

Das ist er ja. Er fährt aber in China.

Zweitens hat er angekündigt, die Personalausgaben auf 50 % der Steuereinnahmen zu begrenzen. Tatsächlich hatten wir im vergangenen Jahr Personalausgaben in Höhe von 60 % der Steuereinnahmen. Das hatte mit Realismus alles nichts zu tun.

(Zuruf von Gisela Walsken [SPD])

Der neue Finanzminister wird es schaffen, dieses Ziel zu erreichen.

(Gisela Walsken [SPD]: Mit höherer Neuver- schuldung! Genial!)

Wenn wir mit Ihren Forderungen zu Werke gingen, dann würde die Schuldenexplosion der vergangenen Jahre fortgesetzt.

(Beifall von CDU und FDP – Gisela Walsken [SPD]: Durch Neuverschuldung!)

Die Vorredner haben völlig Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass die Neuverschuldung, die für 2006 geplant ist, auf jeden Fall zu hoch ist. In der Tat ist der Hinweis

(Zuruf von Gisela Walsken [SPD])

freuen Sie sich nicht zu früh! – durchaus richtig, dass die geplante Neuverschuldung die Kreditverfassungsgrenze des Artikels 83 der Landesverfassung übersteigt. Trotzdem ist der Haushalt nicht verfassungswidrig, weil es nach 39 Jahren Rot-Grün objektiv unmöglich ist, diese Kreditverfassungsgrenze einzuhalten.

(Zuruf von Gisela Walsken [SPD] – Sören Link [SPD]:Für Sie ist es unmöglich!)

Da hat der Zwischenrufer Recht: Es ist für uns unmöglich, weil wir uns darauf verständigt haben, mit echten Zahlen zu arbeiten. Und das gehört zur Ehrlichkeit und Transparenz.

(Weitere Zurufe von der SPD)

Sie haben es in der Vergangenheit geschafft und würden es auch jetzt schaffen, einen Haushalt mit vielen alten, trotzdem schlechten Tricks vorzulegen, die auf dem Papier diese Verfassungsgrenze zurzeit der Aufstellung einhalten würden. Das könnten wir auch.

(Gisela Walsken [SPD]: Warum tun Sie es nicht?)

Wir machen es eben nicht, weil das nicht ehrlich und transparent ist.

(Zuruf von Gisela Walsken [SPD])

Liebe Frau Kollegin Walsken, Sie haben 100 Millionen € aus einem angeblich möglichen Verkauf

der LEG in den Haushalt eingestellt. Das ist geschehen. Das war nie haushaltsreif. Das hat Ihnen aber geholfen, die Grenze einzuhalten. Sie haben 50 Millionen € für die Auflösung der Schulfonds eingeplant. Das hat nicht funktioniert. Es hat Ihnen aber bei der Aufstellung des Haushalts geholfen.

Sie haben 230 Millionen € Darlehensrückflüsse aus dem BLB eingeplant, die nie kommen konnten. Sie haben 150 Millionen € aus der Abtretung von Forderungen eingeplant, die nie abgetreten werden konnten. Das ist die fehlende Ehrlichkeit, die wir beklagen.

(Beifall von der CDU)

Weil wir das nicht machen, ist es in der Tat objektiv unmöglich, diese Grenze in der Landesverfassung nach Artikel 83 zu erreichen.

(Zuruf von Gisela Walsken [SPD])

Es ist noch nicht einmal das Einzige! Sie haben genauso sorglos mit den Steuereinnahmen hantiert. Sie haben auch die Steuereinnahmen so geschätzt, dass es passte. Die Differenz zwischen dem Ansatz im Haushaltsplanentwurf und dem späteren Ist-Aufkommen liegt doch tatsächlich in diesen letzten vier Jahren 2001 bei minus 1,7 Milliarden €, 2003 bei minus 3,6 Milliarden €, 2004 bei minus 1,4 Milliarden € und 2005 bei minus 3 Milliarden €.

Wer so schätzt, der bekommt den Haushalt so hingebogen, dass er zum Zeitpunkt der Aufstellung auch wirklich passt.

(Gisela Walsken [SPD]: Applaus fehlt!)

Früher war das nordrhein-westfälische Finanzministerium berühmt dafür, gemeinsam mit dem Bund und Bayern die jeweils beste Prognose für die Steuereinnahmeschätzung ermitteln zu können. Finanzminister Schleußer hat stets mit ziemlichem Stolz auf seine zielgenauen Haushaltsansätze verwiesen. Er hatte Recht damit. Ich vermute einmal, dass die Fachleute im Ministerium das nach wie vor so können.

Es musste aber so geschätzt werden, damit es passte, damit auf dem Papier der Haushalt in Relationen kommt, die dem Artikel 83 der Landesverfassung entsprechen. Aber das hat mit der Sache nichts zu tun.

(Karl Schultheis [SPD]: Müssen wir nicht noch erwähnen, dass Herr Schleußer der SPD angehört hat?)

Da hatte auch Ihre Partei noch Finanzminister, die mehr nach dem Prinzip ehrlicher Kaufmann gear

beitet haben, als das zu späteren Zeitpunkten der Fall gewesen ist.

(Beifall von der CDU)

Eben wurde darüber philosophiert, auf welchem Gleis der „Zug NRW“ fährt. Ich habe den Eindruck, dass der „Zug Nordrhein-Westfalen“ auf offener Strecke stehen bleibt, wenn wir so arbeiten wie bisher. Der Motor ist nämlich kaputt. Sie haben – ich denke, das ist durch diese Luftbuchungen, die ich gerade aufgezeigt habe, deutlich geworden – nie am Motor repariert, sondern Sie haben immer nur den Karosserieschlosser geholt, als ob es sich um einen Schönheitswettbewerb handelte. Sie haben mit Plaste das Führerhaus aufgemotzt, aber nicht dafür gesorgt, dass der Haushalt wieder in Ordnung kommt.

(Beifall von CDU und FDP)

Sie sehen, es wäre ein Leichtes, wenn wir mit den gleichen alten, faulen Tricks den Haushalt umgestalten würden, um die Grenze zu erreichen. Das tun wir aber nicht.

Erstaunlich finde ich, dass der eine oder andere jetzt die Tatsache, dass der Finanzminister offen und ehrlich vorgeht und keine Tricks anwendet, auch als Trick bezeichnen möchte.

Es hat mir eine gewisse Freue bereitet, ein Interview mit dem Dresdner Prof. Seitz ausgerechnet in der „taz“ zu lesen, der nach diesen – es war schon fast ironisch gemeint – „Tricks“ von Minister Linssen befragt wurde.

Ich zitiere mit Genehmigung der Präsidentin aus der „taz“ vom 2. Februar dieses Jahres. Frage nach Trick 1:

„Minister Linssen rechnet nicht mit zu erwartenden günstigen Steuerschätzungen?“

„Was Linssen macht, ist absolut vernünftig. Einnahmen, die auf Prognosen der Steuerschätzung beruhen, sollten die Länderfinanzminister nicht einplanen.“