Mit der „Qualitätsoffensive für unsere Hauptschulen – Bessere Chancen für Hauptschulkinder schaffen“ feiern Sie eine Wende, die eigentlich keine ist. Es ist nämlich nicht richtig, dass die Hauptschule jahrzehntelang die vernachlässigte Schulform gewesen ist.
Herr Recker, Ihre geradezu blumenreich vorgetragene Schilderung der Schulen im Saarland kann ich leider so nicht stehen lassen. Sie gehen von zwei unterschiedlichen Voraussetzungen aus: Erstens hat das Saarland keine Hauptschulen mehr. Zweitens können alle Schulformen im Saarland Ganztagsschulen werden.
Dass die Hauptschule in Nordrhein-Westfalen keine vernachlässigte Schulform ist, kann man unschwer an den Rahmenbedingungen ablesen, die sie hatte. Richtig ist allerdings – und das ist ein bundesweiter Trend, der nicht nur in NordrheinWestfalen festzustellen ist –, dass die Eltern die Hauptschule für ihre Kinder nicht mehr wählen.
Sie konnten heute der Presse entnehmen, dass nur noch eine Übergangsquote von 16,3 % von Schülerinnen und Schülern die Hauptschule besuchen wollen. In Ihrer Begründung argumentieren Sie mit 20 %.
Wir können gerne darüber diskutieren, Herr Wolf, aber die Ansätze sind sicherlich noch etwas anders, als Sie es jetzt vermuten.
Meine Damen und Herren, Ihr Antrag ist keine Qualitätsoffensive für die Hauptschulen, sondern ein Herumdoktern an Symptomen. Sie gehen davon aus, dass Kinder mit einer schulformbezogenen Begabung auf die Welt kommen.
Das lässt sich an den Darstellungen Ihres Referentengesetzes feststellen. Diese angeborene Begabung, meine Damen und Herren, soll nach Ihren Vorstellungen dann individuell gefördert werden. Dazu dienen die unterschiedlichen Schulformen.
Tatsache aber ist, dass die frühe Aufteilung zehnjähriger Kinder auf unterschiedliche Schulformen dazu führt, dass insbesondere Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern den Kürzeren ziehen.
Die Reanimierung des Systems findet durch Regulierung und Zwang statt. Nicht Freiheit der Wahl der Schule, sondern staatliche Intervention soll zukünftig die Kinder der vermeintlich richtigen Schulform zuführen. Das, meine Damen und Herren, ist staatliche Planwirtschaft, wie wir sie eigentlich aus anderen politischen Systemen kennen.
Damit es die Eltern nicht gar so schmerzt und die ungeliebte Hauptschule attraktiver wird, bekommt sie fortan einen 30%igen Stellenzuschlag. An diesem Punkt, meine Damen und Herren, haben Sie
in der Tat eine wirkliche Besserstellung der Hauptschulen vor allen anderen Schulformen erreicht. Allerdings erreichen Sie damit nicht, dass sich die Sozialniveaus an den Schulen verändern.
Dies ist die grundlegende Voraussetzung für bessere Bildungschancen. Alle anderen Schulformen können sich über einen solchen Ganztagszuschlag nicht freuen. Alle anderen Schulformen – das haben Sie in diesem Hohen Haus wiederholt gesagt – erhalten keinen Ganztagszuschlag.
Jetzt bekommen es nur noch die Hauptschulen. Das ist dann der Paradigmenwechsel in der Politik. Da haben wir es. Darüber freuen wir uns dann wirklich!
Realschulen, Gymnasien, die im Anschluss an die offene Ganztagsgrundschule eine Betreuungskette fortsetzen möchten, haben die Chancen nicht. Ihnen ist auch bekannt, dass es entsprechende Anträge aus den Regionen gibt, die Sie zurzeit alle abschlägig bescheiden.
Kinder, die mit einer entsprechenden ganztägigen Förderung auch an einer anderen Schulform eine reelle Chance hätten, einen anderen Schulabschluss zu machen, grenzen Sie mit diesen Plänen aus.
Die Probleme der Hauptschulen werden in den städtischen Gebieten auf diese Art und Weise sowieso nicht gelöst. Ich weiß, wovon ich rede. Bonn besitzt zwei Ganztagshauptschulen. Um der positiven Diskriminierung zu entgehen, die durch einen einseitigen Ausbau der Ganztagsschule stattfindet, haben zwei dieser Hauptschulen schlicht und einfach beantragt, Gesamtschulen zu werden, gerade in den letzten Wochen.
Meine Damen und Herren, Ihre Qualitätsoffensive der Hauptschule ist keine Qualitätsoffensive, sie ist ein Rückschritt in die 50er-Jahre und dient den Kindern und den Eltern nicht.
Wir haben ein Interesse an einer vernünftigen Bildungsoffensive – dafür stehen wir Ihnen auch gerne zur Verfügung –, aber nicht für ein Roll-back in die 50er-Jahre.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Die gesamte Polemik über die Vernachlässigung der Hauptschule von Herrn Recker packe ich jetzt einfach zur Seite
und gehe darauf nicht ein, denn Herr Recker hat sich aktuell nicht so sehr als der Hauptschulkenner ausgewiesen, wenn er meint, dass es im Saarland noch Hauptschulen gibt. Leider haben Sie uns auch nicht verraten, dass aktuell in der Bilanz für die Hauptschule 500 Stellen minus anzurechnen sind, trotz der groß angelegten Ganztagsoffensive.
Die Probleme der Schulform Hauptschule resultieren nicht daher, dass die Pädagogik schlechter ist. Ganz im Gegenteil! Sie resultieren nicht daher, dass Lehrer und Lehrerinnen an der Hauptschule weniger engagiert sind. Ganz im Gegenteil! Aber der Hauptschulabschluss hat keine Zukunftsoption auf einem Arbeitsmarkt, der nach hoch qualifizierten Abschlüssen verlangt. Er bringt keine Zukunftsoption auf einen Arbeitsplatz in einem Arbeitsmarkt, der im sogenannten Sektor der Wissensarbeiter und Wissensarbeiterinnen wächst und dabei im Bereich der manuellen Produktion Arbeitsplätze immer weiter abbaut.
Die Prognosen der OECD machen deutlich, dass wir darauf hinsteuern, dass gerade noch ca. 10 % der Arbeitsplätze zukünftig im Bereich der manuellen Produktion liegen werden. Woraufhin bilden Sie eigentlich diese jungen Menschen aus?
Meine Damen und Herren von der Regionsfraktion, Sie belasten die Hauptschule aktuell sogar zusätzlich, indem Sie das sogenannte begabungsgerechte Schulsystem – ich finde, das ist ein weiterer Beitrag für die Kandidatenliste für das Unwort des Jahres – perfektionieren wollen.
In der Folge Ihrer Argumentationen und Begrifflichkeiten, die sich immer wieder in die Debatten einschleichen, etikettieren Sie Hauptschüler und
Das entspricht in keiner Weise dem breiten kognitiven Fähigkeitspotenzial, das die internationalen Studien gerade Hauptschülern und Hauptschülerinnen attestieren. Sie operieren aber weiterhin mit einem Begabungsbegriff, der wissenschaftlich nicht haltbar und nicht seriös ist.
In seiner Präsentation der Pisa-Ergebnisse im Herbst hat es auch Prof. Prenzel konsequent abgelehnt, sich auf diese Begrifflichkeit überhaupt einzulassen.
Die Ablehnung des Konstrukts der begabungsgerechten Schulform schallt Ihnen aus jeder Fachdiskussion entgegen, weshalb Sie diese offensichtlich meiden.
Hauptschulen stärken, Hauptschulen strukturell verändern – das sind die Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen.
Punkt 1: Hauptschulen stärken. Ja, die Hauptschulen brauchen Unterstützung, weil vor allem sie die Last der Auswirkungen des gegliederten Schulsystems tragen müssen. Sie müssen unter erschwerten Bedingungen arbeiten, weil durch die Zusammensetzung ihrer Schüler- und Schülerinnenschaft benachteiligende Lernmilieus geschaffen werden,
weil sie die Schüler und Schülerinnen auffangen müssen, die andere Schulformen abgeben und die gesagt bekommen: Du bist hier falsch, du gehörst hier nicht hin, du bringst es nicht.
Auf die Idee, deshalb eine Hauptschulinitiative, wie Sie sie hier vorlegen, auf den Weg zu bringen, sind übrigens schon andere CDU-regierte Länder gekommen, die sich auch davon versprochen haben, durch vermehrte Zuweisung von Kindern in den Hauptschulbildungsgang, durch Ressourcenaufstockung und Ganztag die grundlegenden Probleme der Hauptschule im hierarchischen Schulsystem zu heilen.