Ich nerve ja auch sehr oft. Aber Sie haben auch so lange genervt, bis, glaube ich, die Ministerin jetzt hier im Landtag dazu diese Erklärung abgegeben hat. Sie haben ja schon mehrmals damit
genervt, dass nicht unterrichtet würde und dass das alles ohne die parlamentarischen Gremien stattfände. Jetzt wollte ich Sie einmal loben, aber jetzt gefällt Ihnen das auch nicht. Das verstehe ich jetzt nicht mehr.
Zu der Debatte selbst: Wenn es eine Unterrichtung des Landtags ist, sollte es vielleicht kein Fachgespräch unter Expertinnen und Experten hoch drei werden, sondern wir sollten uns vielleicht noch einmal auf die wesentlichen Dinge beziehen.
Prof. Sternberg, ehrlich gesagt: Ich war dabei. Es war grauenhaft. Es war deshalb grauenhaft, weil das G8 von Ihrer Regierung, von der letzten Regierung mit Brachialgewalt eingeführt worden ist.
Ich habe angefangen, in einer sechsten Klasse in G8 ohne den neuen Lehrplan für das Fach zu unterrichten. Was habe ich gemacht? Ich habe natürlich auf der Grundlage des alten Lehrplans unterrichtet. Was soll ich denn sonst machen? Nach einem halben Jahr kam dieser Lehrplan. Erstaunlicherweise hätte ich die Dinge, die ich gemacht habe, nicht machen sollen, dafür aber neue machen sollen. Das waren nur so die kleinen Details.
Es gab auch keine Feinsteuerung. Es gab vorher keinen Lehrplan, dann den Lehrplan, und das wurde dann gemacht.
Wir haben auch mit der zweiten Fremdsprache begonnen, ohne Schulbücher für die zweite Fremdsprache zu haben. Na gut, dann nimmt man eben die aus der siebten Klasse, wenn es sowieso egal ist, ob man in der Sieben oder in der Sechs Kinder hat. Wenn das überhaupt nicht mehr zielgruppenorientiert und dem Alter angemessen sein soll, dann kann man das natürlich so handeln, wie das gemacht worden ist.
Das Problem in der Fremdsprache – um das nur noch einmal für alle zu sagen – ist nämlich, dass Sie wenigstens ein paar grammatikalische Begriffe brauchen, die im Deutschunterricht zuerst hätten gemacht werden müssen. Die gab es aber im Deutschunterricht noch gar nicht. Die wurden aber schlicht in der Grammatik des Fremdsprachenunterrichts vorausgesetzt. Da gab es überhaupt keine Abstimmung zwischen der Einführung des G8 und dem, was wir praktisch im Unterricht gemacht haben. Es war die reine Katastrophe – um es deutlich zu sagen.
Das ist mit Brachialgewalt eingeführt worden. Herr Prof. Sternberg, Sie sind sicher auch so ein Multitasker, der gleichzeitig Zeitung lesen kann und mir zuhören kann, oder?
Jedenfalls war das nicht von viel Sachkenntnis getrübt, was Sie hier von sich gegeben haben, Herr Prof. Sternberg.
Die Berufsorientierung und die Vergabe aller Abschlüsse durch das Gymnasium haben wir doch immer schon gehabt. Das ist überhaupt keine Erfindung von Frau Löhrmann. Das wäre mir nun völlig neu. Ihre alte Landesregierung war doch immer so stolz darauf, dass das Gymnasium jetzt auch Berufsorientierung macht. Was hat Frau Sommer alles darüber geredet und gesagt, wie toll das läuft! Das ist also völliger Quatsch. Natürlich wird Berufsorientierung Gegenstand des Gymnasiums sein und bleiben; denn das Gymnasium hat irgendwann auch verstanden, dass nicht alle nur studieren und irgendwann noch promovieren und dann als Professor an einer Hochschule landen, sondern auch in eine ganz normale duale Ausbildung gehen und dass man darauf auch vorbereitet sein muss. Das haben wir aber schon seit ewig und drei Tagen. Darüber brauchen Sie sich jetzt gar nicht zu echauffieren.
Was wir aber nach wie vor nicht haben, ist etwas, auf das ich vielleicht später noch zu sprechen komme. Wir haben immer noch ganz viele Probleme am Gymnasium nicht geklärt. Deshalb will ich mich jetzt
auf das beziehen, was die Ministerin vorgelegt hat. Frau Löhrmann, Sie haben ja ganz deutlich gesagt, dass es an den Tagen, an denen Kinder nachmittags in der Schule sind, keine Hausaufgaben geben darf.
Das ist überhaupt nicht neu. Es wird leider nur nicht so gehandelt. Meines Erachtens bedürfte es hier dringend einer erneuten Ansage durch das Ministerium.
„An Tagen mit Nachmittagsunterricht werden keine Hausaufgaben für den Unterricht des folgenden Tages gestellt.“
Die Kolleginnen und Kollegen an meiner Schule – jetzt mache ich einmal Kollegenschelte – haben das dann so interpretiert, dass sie gesagt haben: Ich habe den Schülerinnen und Schülern die Hausaufgaben ja auch gar nicht für morgen aufgegeben, sondern erst für in drei Tagen. – Ich habe erwidert, dass jeder gute Jurist jetzt fragen würde: Was ist mit der Vorschrift gemeint?
Ich fordere gerade Frau Löhrmann auf, noch einmal eine ganz klare Ansage an die Schulen zu geben, damit sie den Hausaufgabenerlass so, wie er schon seit ewig und drei Tagen besteht, vielleicht auch tatsächlich umsetzen. Danach darf es nämlich an jedem Tag, an dem Kinder am Nachmittag in der Schule sind, keine Hausaufgaben geben. Wenn das von montags bis donnerstags der Fall ist, darf es leider bis Freitag überhaupt keine Hausaufgaben geben. Dann habe ich den Hausaufgabenerlass noch von freitags bis montags zu interpretieren.
Jetzt komme ich aber zum Knackpunkt. Der Knackpunkt ist nämlich, dass die Curricula und die verpflichtenden Lehrpläne nicht so entschlackt worden sind, dass es möglich wäre, in vielen Teilen ohne die zusätzliche häusliche Wiederholung und Arbeit auszukommen. Das halte ich für ein ungelöstes Problem, Frau Ministerin. Zumindest mir können Sie auch mit Ihren sieben Handlungsfeldern noch nicht klar und deutlich machen, wie das denn jetzt weitergehen soll. Es ist und bleibt ein ungelöstes Problem, wenn man sechs Jahre Sekundarstufe I in fünf Jahre packt und nicht wirklich etwas aus den Lehrplänen herausnimmt. Das werden Sie auch so nicht lösen können. In der Stundentafel von G8 haben wir bis zu 36 Stunden Unterricht pro Woche. Das Prob
lem ist schlicht und ergreifend, dass ich dann, wenn ich in diesen 36 Stunden selbstverständlich auch einüben, wiederholen und festigen soll, natürlich irgendetwas herausnehmen muss. Mit diesem Problem werden wir uns dann sicherlich – ich weiß nicht, wo; an anderer Stelle; jedenfalls nicht hier im Plenum – beschäftigen müssen.
Durch die schwarz-gelbe Landesregierung gab es eine Veränderung der Lerninhalte für die Klassen 5 bis 9. Es gab aber – trotz des gesparten Jahres – nicht wirklich eine Entschlackung der Lehrpläne. Das haben auch Eltern und Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler gesagt. Der Unterricht ist schlicht und ergreifend verdichtet worden. Ich würde von Ihnen erwarten, dass Sie diese Verdichtung – was ist denn das Umgekehrte? – wieder verdünnen, entzerren, dass Sie jedenfalls dafür sorgen, dass es weniger wird.
Insofern führt uns auch die Flexibilisierung der Schulorganisation hier nicht wirklich weiter. Ich kenne das alles. Bis zum Mai dieses Jahres war ich noch an einem Gymnasium tätig. An diesem Ganztagsgymnasium – das im Übrigen schon sehr lange Ganztagsgymnasium ist –
Das steht alles im Schulgesetz und ist auch nichts Neues. Das Problem ist nur, dass die Flexibilisierung der Schulorganisation noch nicht die Stofffülle auflöst, so viel man da auch umstellt und abstellt. Das wird ein Problem sein, das Sie damit nicht lösen werden.
Hinzu kommt, dass wir nach der 6. Klasse keine Durchlässigkeit nach oben haben. Das ist einfach fertig, aus und vorbei. Da sind Realschülerinnen und Realschüler schlicht und ergreifend abgehängt. Es war ja auch die Idee von Schwarz-Gelb, das Gymnasium zu isolieren; das ist mir völlig klar.
Zudem haben wir nach wie vor das Problem, dass das Ende der Sekundarstufe I nicht das Ende der Vollzeitschulpflicht ist. Anschließend muss man immer noch ein Jahr die Vollzeitschule besuchen. Insofern liegt auch kein sinnhafter Wechsel ins Berufskolleg vor. Alles das werden Sie damit nicht lösen können.
Ich verstehe, dass die Schulen nicht zurückwollen. Bevor ich gewählt worden bin, haben mich meine Kolleginnen und Kollegen während des Wahlkampfs natürlich auch gefragt: Was machst du denn? Du
Die Weltrevolution sowieso! Das ist doch klar, Herr Solf. Sie werden das nachher auch noch einmal auspacken. Nachdem Herr Prof. Sternberg jetzt offensichtlich Ehrenmitglied der Kommunistischen Partei Chinas geworden ist, weil er deren Schulsystem so traumhaft findet,
kann ich auch gut damit leben, wenn Sie zu mir sagen, ich wolle die Weltrevolution. Das ist nun wirklich nicht mein Problem.
Wir haben aber die großen Probleme des G8. Ich zähle sie noch einmal auf: keine Durchlässigkeit innerhalb der Sekundarstufe I; kein sinnvoller Wechsel ins Berufskolleg, jedenfalls keiner, der einem den ganzen Stress im G8 erleichtert; das Problem, dass das Ende der Sekundarstufe I nicht mit dem Ende der Vollzeitschulpflicht korrespondiert. Das ist nach wie vor nicht gelöst.
Ich verstehe gut, dass die Schulen jetzt keine Lust haben, zurückzukommen; denn unter Schwarz-Gelb ist wirklich jede Woche eine neue Sau durchs Dorf getrieben worden. Die Kolleginnen und Kollegen haben zu mir gesagt: Bitte nicht schon wieder eine komplett neue Schulreform! – Das kann ich gut verstehen.
Frau Ministerin, deswegen finde ich auch, dass Sie einen großen taktischen Fehler gemacht haben, als Sie direkt gestartet sind und gesagt haben: So, und jetzt entscheidet Ihr euch; hier und jetzt und ganz blitzschnell! – Das war meiner Meinung nach ein großer taktischer Fehler. Man hätte mehr Zeit gebraucht, um die Fehler aufzuarbeiten und zu fragen – was läuft im Gymnasium überhaupt nicht gut? –, um dann noch einmal in die Debatte mit den Schulen einzusteigen: Was wünschen sie sich eigentlich? Wo wollen sie hin? Und wie kann man diesen Prozess ganz langsam begleiten?