Protokoll der Sitzung vom 19.01.2011

Meine Damen und Herren, wir sind damit bei Tagesordnungspunkt

10 Die individuelle Förderung stärken – Lehre

rinnen und Lehrer zu Experten für individuelle Förderung fortbilden

Antrag der Fraktion der FDP Drucksache 15/673

Ich eröffne die Beratung und erteile für die antragstellende Fraktion der FDP der Abgeordneten Pieper-von Heiden das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Im Moment gibt es zwar noch nicht direkt etwas abzustimmen, aber später nach Überweisung im Ausschuss. Ich hoffe, dass wir als FDP ein Thema getroffen haben, das in dieser Zeit wirklich ganz wichtig ist. Das schreiben uns die PISA-Studien ins Stammbuch.

Ich denke und hoffe, dass die Koalitionsfraktionen, nachdem sie einen Teil ihrer Symbolpolitik, die sie im Wahlkampf versprochen haben, abgewickelt haben mit der kleinen Schulgesetznovelle, sich jetzt den qualitativen Initiativen zuwenden können. Ich würde mich freuen, wenn Sie dieses Thema ähnlich bewerten würden, wie wir das tun.

Individuelle Förderung ist, wie gesagt, ganz wichtig. Wenn Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von den Regierungsfraktionen, immer wieder beispielsweise auf das Gemeinschaftsschulsystem in Finnland hinweisen, so darf ich Ihnen sagen, dass gerade in Finnland auf sechs Differenzierungsebenen gearbeitet wird.

(Beifall von der FDP)

Wir differenzieren bei uns in Nordrhein-Westfalen also nicht zu viel, sondern zu wenig.

(Beifall von der FDP)

Wir müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer erst einmal wirklich fit dafür machen, dass sie diese wichtige Aufgabe bewältigen können.

(Beifall von der FDP)

Wir wissen, dass über die Jahre und Jahrzehnte in der Lehrerausbildung diesbezüglich nicht viel passiert ist, dass unsere jungen Lehrerinnen und Lehrer in den Beruf gegangen sind, ohne dass sie hinreichend darauf vorbereitet gewesen wären, individuell zu fördern. Immer gelingt dies auch in der einzelnen Schulform noch nicht. Wir von FDP und CDU haben es deswegen als sehr wichtig und essenziell empfunden, diesen Anspruch auf individuelle Förderung für jedes Kind im novellierten Schulgesetz 2006 festzuschreiben.

Richtig ist: Man kann nicht von heute auf morgen den Schalter umlegen. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Wir haben am Ergebnis der Qualitätsanalyse, die eine Bestandsaufnahme dessen ist, was in den Schulen passiert, durchaus gesehen, dass es gerade bei der individuellen Förderung nicht nur Verbesserungsmöglichkeiten, sondern auch Verbesserungsnotwendigkeiten gibt.

Wir müssen uns jetzt dringend auf den Weg machen. Es ist richtig: In der Vergangenheit hat es für Lehrerinnen und Lehrer kaum Möglichkeiten gegeben, sich gerade auf diesem anspruchsvollen Gebiet qualifiziert fortzubilden. Das hat noch SchwarzGelb in die Wege geleitet. Vor ein paar Jahren haben wir, das Schulministerium und das Landeskompetenzzentrum für Individuelle Förderung in Münster, damit begonnen, hochqualitative Fortbildungsmaßnahmen zu entwickeln. Die sind jetzt in der Praxis; die haben den Praxistest bestanden, indem tatsächlich Moderatoren der Bezirksregierungen in der ersten Staffel sind. Diese Fortbildung sollte jetzt unbedingt auf die Fläche übertragen werden.

Selbstverständlich wissen auch wir, dass es nicht möglich ist, alle Lehrerinnen und Lehrer sofort fortzubilden. Ein dringendes Anliegen ist es aber, dass man jeder Schule anbietet, eine solche Fortbildung in Anspruch zu nehmen: wenigstens eine Lehrkraft, besser wären natürlich zwei.

(Beifall von der FDP)

Im Moment sind 25 Vertreterinnen und Vertreter von Gütesiegelschulen in der Fortbildung. Ich denke, Sie müssen das ähnlich bewerten, wenn Sie die Qualitätsanalyse ernst nehmen, so wie wir es tun: dass es unumgänglich ist, endlich damit anfangen.

Wenn Sie Unterstützer für die qualifizierte Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern suchen, werden Sie diese immer bei der FDP finden, indem auch da

ein ganz konkreter Schwerpunkt in der Schulpolitik gesetzt wird.

Wir müssen uns jetzt auf den Weg machen. Deswegen fordert dieser Antrag, möglichst allen Schulen die Ausbildung von Expertinnen und Experten zur individuellen Förderung zu ermöglichen und selbstverständlich die Erfahrungen der Gütesiegelschulen miteinzubeziehen, damit die flächendeckende Umsetzung der individuellen Förderung an allen Schulen gelingt und wir uns auf den Weg machen können.

In Ihrer eigenen Oppositionszeit zwischen 2005 bis 2010 haben Sie wiederholt erklärt, dass Sie eine intensive Lehrerfortbildung für zwingend notwendig halten. Wir als FDP haben in den vergangenen Jahren aus tiefster Überzeugung auch immer mehr Konzentration auf qualifizierte Fortbildung eingefordert und würden das gerne verstärken.

(Beifall von der FDP)

Also bitte ich Sie: Geben Sie sich wirklich einen Ruck, was dies betrifft! Wir müssen da vorankommen. Denn Sie selbst wissen: Es ist eine Voraussetzung für den Erfolg von Schülerinnen und Schülern in der Schule, dass sie individuell gefördert werden. Früher hat man sich eher auf die Mitte konzentriert. Das dürfen wir in Zukunft nicht ausschließlich tun. Wir müssen die Schwachen fördern, wir müssen aber auch besondere Angebote für die besonders Begabten machen.

(Das Ende der Redezeit wird angezeigt.)

Wir können nicht für jedes einzelne Kind einen separaten Lehrer zur Verfügung stellen – das ist jetzt nicht ernst, sondern spaßig gemeint –, sondern die Lehrerinnen und Lehrer müssen in jeder einzelnen Klasse in die Lage versetzt werden,

(Das Ende der Redezeit wird erneut ange- zeigt.)

individuell zu fördern und jedem Kind gerecht zu werden. Das geht nicht mit den früher angebotenen Fortbildungen.

Frau Kollegin.

Da müssen wir uns auf den Weg machen, das Neue, das es jetzt tatsächlich gibt, in Anspruch zu nehmen. Dazu fordere ich Sie hiermit auf. – Danke.

(Beifall von der FDP und von der CDU)

Frau Kollegin, vielen Dank. – Meine sehr verehrten Damen und Herren, als nächster Redner hat für die Fraktion der CDU der Herr Abgeordnete Wiedon das Wort. Bitte schön, Herr Kollege.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! An meinem heutigen Geburtstag möchte ich kurz anders einführen.

(Beifall – Ingrid Pieper-von Heiden [FDP]: Herzlichen Glückwunsch!)

Ich habe heute ein Glückwunschschreiben der Ministerpräsidentin bekommen. Darin steht: In diesem Sinne wünsche ich Ihnen zu Ihrem besonderen Geburtstag ein Innehalten, Zeit der Muße, Zeit für gute Momente mit denen, die Ihnen lieb sind. – Ich beginne also mit: Ihr Lieben!

(Beifall von der FDP)

Den Antrag der Fraktion der FDP, die individuelle Förderung zu stärken, begrüße ich sehr. Nicht umsonst wurde im neuen Schulgesetz, das 2006 unter der damaligen schwarz-gelben Landesregierung verabschiedet wurde, erstmals die individuelle Förderung für jeden Schüler implementiert.

Der Grundsatz der Individualisierung ist wohlbegründet, denn die Lehr- und Lernforschung zeigt, dass die Selbstständigkeit der Lernenden Voraussetzung für den Erwerb von Lernkompetenz ist, dass Selbstwirksamkeit der Entwicklung von Leistungsfähigkeit dient und dass jede erfolgreiche Integration und Differenzierung von Lerngruppen sowie die Bestimmung des Lerntempos von den individuellen Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen abhängen.

Das Grundgesetz spricht davon, dass jeder das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat. Das heißt, dass es ein Grundrecht auf individuelle Entfaltung der Persönlichkeit gibt. Das Ziel der Individualisierung ist die Selbstständigkeit jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen. Individualisierung ist zwar auch denkbar, wenn jedem sein Platz und seine Aufgabe zugewiesen werden, nicht aber, wenn es um die Selbstständigkeit des Individuums geht; denn das bedeutet individuelle Handlungsfähigkeit und Anerkennung, Zuwendung und Förderung für jeden Einzelnen.

Die Handlungsfähigkeit darf aber nicht ohne Verantwortung gedacht werden. Individuelle Handlungsfähigkeit heißt deshalb auch, dass die Individuen im Zusammenhang und auf der Grundlage ihres Entwicklungsstandes Eigenverantwortung für sich tragen müssen.

Also muss sich die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern in allen Schulformen weiter als Standard durchsetzen. Die entsprechende qualitative Unterrichtsentwicklung ist für uns als CDU das zentrale Anliegen schulpolitischen Handelns. Dadurch wird die intensive Förderung sowohl von vergleichsweise leistungsstarken wie auch von vergleichsweise leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern möglich. In unserem Schulsystem darf kein Kind verloren gehen. Das Sitzenbleiben und

das Abschulen müssen weitgehend ohne Qualitätsverlust vermieden werden.

Wie durch die CDU-geführte Landesregierung ab 2005 geschehen, muss in der Schulpolitik die Förderung bildungsbenachteiligter junger Menschen entschlossen und konsequent angegangen werden. Bildungsarmut darf in einem wohlhabenden Land keinen Platz haben.

Eine individuelle Förderung bleibt allerdings Förderung im Gruppen- oder Klassenverband. Damit sie erfolgreich sein kann, dürfen die Lerngruppen ein bestimmtes Maß an Heterogenität nicht überschreiten. Nur dann bleibt es möglich, jedem einzelnen Kind mit seinen individuellen Begabungen und Interessen gerecht zu werden.

Kleinere Lerngruppen in allen Schulformen sind eine Voraussetzung für bessere Lernergebnisse. Die demografische Entwicklung bietet die Möglichkeit, Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher so einzusetzen, dass individuelle Förderung erleichtert wird. So werden die unterschiedlichen Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern beachtet und differenzierte Förderungsmöglichkeiten angeboten. Somit ist für die CDU-Landtagsfraktion nicht nur die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer zu Experten für individuelle Förderung elementarer Bestandteil der Individualisierung, sondern vor allem die Schaffung kleinerer Lerngruppen.

Nichtsdestotrotz befürworten wir den Antrag der Fraktion der FDP uneingeschränkt und werden der Überweisung in den zuständigen Ausschuss selbstverständlich zustimmen. – Ich danke Ihnen für diesen Moment.

(Beifall von der CDU und von der FDP)

Vielen Dank, Herr Kollege Wiedon. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der SPD der Abgeordnete Große Brömer das Wort. Bitte schön, Herr Kollege.

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Frau Kollegin Pieper-von Heiden, ich finde Ihren Antrag außerordentlich bemerkenswert, weil Sie nämlich mit diesem Antrag endlich zugeben, dass es mit Ihrem Projekt der individuellen Förderung in Ihrer Regierungsverantwortung fünf Jahre lang offensichtlich nicht funktioniert hat.

(Beifall von der SPD und von den GRÜNEN)