Protokoll der Sitzung vom 22.07.2011

Wie eine Studie der EU-Kommission belegt, lag der Anteil der Jugendlichen mit Leseschwäche in Deutschland 2009 bei rund 18 %. Diesen Mangel können wir nicht hinnehmen. Insofern stimme ich Ihnen zu, dass wir uns mit diesem Thema ganz besonders beschäftigen müssen. Denn Lesen ist die Grundlage allen Lernens. Und eben diese Lese- und Sprachkompetenz hat eine grundlegende Bedeutung für den Bildungserfolg und für die gesellschaftliche Teilhabe bei Kindern und Jugendlichen. Hierin sind wir uns alle einig.

In Ihrem Antrag allerdings benennen Sie nur einen Grund, warum die Lesekompetenz geschwächt sein könnte, und machen dafür das heutige Mediennutzungsverhalten verantwortlich. Das ist sicherlich zu Teilen richtig, aber eben nur zu Teilen.

Zudem lässt sich dies nicht so deutlich aus der Shell-Studie ableiten. Die Shell-Studie beschreibt das Freizeitverhalten von Jugendlichen viel mehr, als dass sie über die Lesekompetenz berichtet. Wir müssen uns also fragen: Woran liegt es, dass die Kompetenzen im Lesen und Sprechen immer schlechter werden?

Meine Damen und Herren, Lesen lernt man durch lesen. Zuhause wird einem das Lesen vorgelebt. Lesekompetenz muss bei den Eltern beginnen. Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen hängt in Deutschland so sehr von der sozialen Herkunft ab, wie in kaum einem anderen Land. Chancengleichheit ist in unserem Bildungssystem herzustellen. Die Zukunftschancen unserer Kinder dürfen nicht bereits mit der Geburt determiniert sein. Es gilt, in den frühen Kinderjahren Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehört, dass wir in den Blick nehmen müssen, dass unterschiedliche ökonomische und soziale Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen Konsequenzen für die Lesemotivation und Lesekompetenz haben. Darum setzen wir in der SPD auf eine vorbeugende Politik in der Bildung.

(Beifall von der SPD)

Hilfen für Familien stehen im Mittelpunkt. Ein Beispiel für eine frühe Form der Lesesozialisation ist das Bilderbuchlesen. Kinder lernen dabei den Symbolcharakter von Bildern und Sprache. Ein weiteres Lesesozialisationsbeispiel ist das Vorlesen. Hier ist die Verbindung zwischen Mündlichkeit und Schrift

lichkeit besonders eng. Diesen Bereich müssen wir fördern. Wir müssen Anreize schaffen, um breite Ergebnisse und nicht einzelne Effekte zu erzielen.

Es muss also darum gehen, mit Angeboten und Aktivitäten stärker bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche zu erreichen und zu motivieren. Dabei kommt es auf geeignete Angebote vor Ort an. Wir müssen auf die pädagogischen Ansätze und Kompetenzen der Träger der Jugendhilfe und der Kultureinrichtung in der Kommune setzen. Dort weiß man, wo und wer der richtige Adressat ist.

Dazu gehören allerdings auch Angebote außerhalb der Kindertagesstätten und der Schulen. Das heißt, wir müssen Anreize in der Freizeitgestaltung und jenseits von Schulaufgaben und Zensuren schaffen.

Dazu gehören auch Angebote der Bibliotheken und der Kultur. Bereits jetzt leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Lesekompetenz und verankern Lese- und Sprachförderung in pädagogischen Konzepten. Gerade deshalb haben wir den Jugendförderplan um mehr als 20 Millionen € auf jetzt 100 Millionen € erhöht.

(Beifall von der SPD)

So können auch in diesem Bereich verstärkt sinnvolle Angebote gemacht werden. Zudem werden wir ein Gesetz zur Förderung und Entwicklung der Kultur, der Kunst und der kulturellen Bildung in NRW einbringen. Dieses Gesetz ist notwendig, um die Arbeit der Bibliotheken vor Ort weiterhin abzusichern. Langfristig müssen unsere Kommunen so mit Geld ausgestattet werden, dass es in Büchereien und ähnliche Institutionen fließen kann.

(Beifall von der SPD)

Viele dieser Aktivitäten beziehen Kinder und Jugendliche ein, für die Lesen kein selbstverständlicher Teil ihrer Freizeitbeschäftigung ist. Das ist der entscheidende Gesichtspunkt. Wir müssen Angebote weiterentwickeln, die wenig lesemotivierte Kinder und Jugendliche erreichen. Um diese Kinder und Jugendlichen in ihren Interessen anzusprechen und zu motivieren, gibt es zum Beispiel auch Vorschläge von der EU-Kommission, Fachkräfte für Leseförderung einzustellen, die Lehrer und Schüler unterstützen. Sie können die Anzeichen von Leseschwäche rascher erkennen und schneller und gezielter reagieren. So viel zur Lese- und Sprachkompetenz.

Mir ist es wichtig festzustellen, dass in diesem Antrag Lese-, Sprach- und Medienkompetenz ständig verwechselt wird. Lese- und Sprachkompetenz ist die Grundlage für die Medienkompetenz. Sie verhindern einander nicht, sie bedingen einander. Deshalb bin ich der Meinung, dass der Unterton in diesem Antrag, das Internet zu benutzen, schwächt die Lesekompetenz, nicht richtig ist. Heute ist es für Kinder und insbesondere für Jugendliche wichtig, beide Kompetenzen zu besitzen. In beiden Kompetenzen müssen wir sie unterstützen.

Hannelore Kraft hat bei den Medientagen NRW in Köln gesagt: Medien sind für unser Land eine absolute Schlüsselbranche. – Deshalb hat die Landesregierung auch das zu ihrem Schwerpunktthema gemacht. Wir haben zum Beispiel ganz besondere Angebote wie den Medienpass. Der Medienpass soll allen Schülerinnen und Schüler in NordrheinWestfalen eine Grundlage zur Medienkompetenz vermitteln.

(Das Ende der Redezeit wird angezeigt.)

Wir tun das über die Schulen, da nur so auch benachteiligte Kinder erreicht werden können. Zuerst starten 50 Grundschulen. Anschließend soll der Pass landesweit durchgeführt werden.

Das Internet richtig zu nutzen, muss genauso erlernt werden wie Grundrechenarten und Sprachgebrauch. In diesem Sinne mache ich jetzt Schluss. Ich hätte Ihnen noch viel zu dem Thema zu sagen. Ich merke aber, dass der Husten die Frau Präsidentin wieder erreicht; ich habe leider kein Bonbon.

Wir unterstützen die Überweisung und hoffen, dass wir uns mit diesem Thema sachgerecht und intensiv auseinandersetzen. – Danke.

(Beifall von der SPD, von den GRÜNEN und von der LINKEN)

Vielen Dank, Frau Abgeordnete Voigt-Küppers. – Ich vermute mal, auch über den Sommer wird sich diese besondere, spezifische Erkältung nicht kurieren lassen. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Frau Abgeordnete Hanses das Wort. Bitte sehr.

Sehr gerne, Frau Präsidentin. Ich versuche, es kürzer zu machen. – Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Bedeutung des Lesens ist uns allen klar. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Bücher öffnen Türen in neue Welten, die allen Kindern und Jugendlichen zugänglich sein sollten. Erst einmal ist Ihr Antrag, lieber Kollege Berger, sehr zu begrüßen. Nichtsdestotrotz bin ich über zwei Punkte gestolpert, die ich kurz kritisch anmerken möchte.

Zum einen ist es der, dass Sie das Lesen von Büchern in einen Gegensatz zum Lesen und Schreiben in digitalen Medien stellen. Das sehe ich problematisch. Es gibt nicht gute und schlechte Medien, sondern gute und schlechte Inhalte in Medien. Darüber sollten wir uns austauschen.

(Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)

Zum Zweiten ist es der letzte Punkt Ihres Antrags: So einfach können Sie es sich in den nächsten Monaten, Jahren oder wie lange auch immer nicht machen. Sie schreiben: Die erforderlichen finanziellen Mittel sind durch eine entsprechende Prioritätenset

zung haushaltsneutral zur Verfügung zu stellen. – Wenn es denn immer so einfach wäre, Herr Dr. Berger, wäre vieles leichter. Nein, Bildung kostet Geld. Zugänge zu Medien müssen bereitgestellt werden und kosten Geld. Die Landesregierung hat das mit verschiedenen Instrumenten bereits getan, und das geht nicht immer haushaltsneutral. Wir müssen investieren.

(Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)

Ah, Herr Dr. Berger möchte auch schon in die Pause. Ich wünsche Ihnen allen mindestens ein gutes Buch oder 20 gute Bücher in den Ferien. Ich möchte Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, alle bitten, sich an der Aktion „Vorlesepaten“ der Stiftung Lesen zu beteiligen. Seien Sie alle ein gutes Vorbild und lesen Sie Kindern und Jugendlichen vor!

Im Ausschuss freue ich mich auf die Diskussion über die konkreten Maßnahmen Ihres Antrags. – Tschüss.

(Beifall von den GRÜNEN und von der CDU)

Vielen Dank, Frau Abgeordnete Hanses. – Als nächster Redner hat für die Fraktion der FDP der Abgeordnete Hafke das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Als Vertreter der „Generation Online“ spricht mich der vorliegende Antrag besonders an. Ich gehöre sicherlich auch zu der Gruppe der „Multi-User“ und beherrsche die verkürzte Sprache des Internets

(Zurufe von der SPD: Och!)

mit seinen Kurzbotschaften und Stummelsätzen. Insofern hat Ihr Antrag ein wenig an meinem schlechten Gewissen gekratzt. In der Tat gehen in der heutigen Zeit oftmals die Kontexte, die Einordnung und die Hintergründe etwas verloren. Die Nachrichten sind schnelllebig; das Internet hat das Tempo nochmals erhöht. Auch wir als Abgeordnete kennen das Gefühl, der Zeit hinterherzuhetzen und am liebsten komprimierte Informationen zu bekommen. Umso wichtiger ist es ohne Frage, die junge Generation an Entschleunigung und den Genuss einer sich langsam entwickelnden Geschichte heranzuführen.

Der Ansatz des Antrags, die Lesefreude der Jugendlichen zu wecken, ist daher richtig. Denn wer einmal ein richtig gutes Buch in der Hand gehabt hat, ist eigentlich als Leser gewonnen. Die Lesefreude zu wecken, ist sicherlich auch ein Projekt, dem sich die Schulen zuwenden müssen. Ich glaube, dass in den letzten Jahren auch hier ein Umdenken stattgefunden hat. Natürlich ist es weiterhin wichtig, die Klassiker des deutschen Bildungskanons zu lesen. Aber mit Blick auf meine eigene Schulzeit darf ich sagen, dass ein zusätzliches mo

dernes Buch meine Freude am Deutschunterricht erheblich hätte steigern können. Gerade für die Jungs ist manchmal zu wenig attraktiver Stoff dabei, denke ich.

Auch die Bibliotheken stehen vor der Herausforderung, die junge Generation, die eben nicht mehr von alleine kommt, für sich und ihr Angebot zu gewinnen. Das Thema „E-Books“ ist hier sicherlich ein wichtiges Stichwort. Ich würde mir aber auch darüber hinaus ein paar frische Ideen wünschen. Ziel muss es sein, dass die Jugendlichen eine Bibliothek nicht nur betreten, weil es gerade regnet, sondern weil es ein gutes Angebot gibt.

Die im Antrag geschilderten Befunde sind also sicherlich nicht falsch. Wir sollten durchaus für die Problematik stagnierender Schreib- und Lesefähigkeit, wie Sie schreiben, sensibilisiert sein.

Über die besten Wege und Projekte, die Lesefreude der jungen Menschen zu wecken, können wir uns dann ja im Ausschuss ausführlicher unterhalten.

Aber vielleicht darf ich uns allen zur Aufheiterung sagen, dass die Sorge um die Kinder und ihr Aufwachsen die gesamte Geschichte durchzieht. So sagte schon Aristoteles:

„Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation.“

Es ist also ein mehr als 2.000 Jahre altes Phänomen, dass jede Generation glaubt, sie sei klüger als die nachfolgende.

In diesem Sinne habe ich Vertrauen in die junge Generation und freue mich auf die Beratungen im Ausschuss. – Vielen Dank.

(Beifall von der FDP)

Vielen Dank, Herr Abgeordneter Hafke. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Die Linke Frau Abgeordnete Dr. Butterwegge das Wort.

Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die CDU hat mit ihrem Antrag zur Stärkung der Lese- und Sprachkompetenz Forderungen eingebracht, welche die Linke grundsätzlich unterstützt.

Allerdings haben sich die Antragsteller angewöhnt, ihren zum Teil von der Intention sogar sinnvollen Anträgen folgenden Passus anzuhängen – ich zitiere –:

„Die erforderlichen finanziellen Mittel sind durch entsprechende Prioritätensetzung haushalts

neutral zur Verfügung zu stellen.“

Weder wird dort gesagt, wie diese Prioritätensetzung umgesetzt werden soll, noch, an welcher Stelle aus Sicht der CDU gespart werden soll.