Protokoll der Sitzung vom 17.11.2011

Eine zweite Bemerkung. Herr Finanzminister, es ist bekannt: Sie sind in die lange Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen als der bisher größte Schuldenmacher eingegangen. Sie tragen hier vor,

eine steuerliche Entlastung auf Pump sei nicht vertretbar. Aber was tun Sie? Sie haben nur auf Pump die Studienbeiträge abgeschafft und das beitragsfreie Kindergartenjahr eingeführt; Sie haben beides komplett auf Pump finanziert!

(Rüdiger Sagel [LINKE]: Wer hat das kriti- siert?)

Und das führt dazu, meine Damen und Herren, dass in Zukunft die Arzthelferin über ihre Steuerlast die Ausbildung und das Studium des Chefarztes finanzieren wird. Das ist die soziale Realität Ihrer Politik.

(Beifall von der FDP und von der CDU – Zu- rufe von der SPD)

Das ist die soziale Realität Ihrer Politik.

(Zuruf von Karl Schultheis [SPD])

Beim beitragsfreien Kindergartenjahr ist es ganz genauso. Die sozial Schwächeren waren und sind bisher beitragsfrei gestellt. Die Besserverdienenden profitieren von Ihrer Politik auf Pump, Herr Finanzminister. Das ist die Realität.

(Beifall von der FDP)

Mir fehlt jetzt die Zeit, um auf die kalte Progression einzugehen.

(Sigrid Beer [GRÜNE]: Was ist mit den Re- dezeiten?)

Auch dafür gilt, meine Damen und Herren, dass Familien mit geringem oder mittlerem Einkommen bisher durch die kalte Progression unverantwortlich hoch vom Staat belastet werden.

(Karl Schultheis [SPD]: Bei den Studienge- bühren!)

Wenn ein Arbeitnehmer mit einem Einkommen von 30.000 € nach 1,8 % Tariferhöhung bisher 11 % mehr Steuern zahlen muss, dann ist das eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Es kann nicht sein, dass sich der Staat an geringen Tariferhöhungen auch noch bereichert,

(Beifall von der FDP)

während die Inflation in Wahrheit das Realeinkommen ohnehin schon reduziert.

(Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE])

Darüber sollten Sie bitte einmal nachdenken. Ich bin ganz bei Herrn Kollegen Laumann, wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass die Sozialdemokratie, die in der Vergangenheit Politik für die schmalen Portemonnaies gemacht hat, allen Ernstes eine präzise, eine nennenswerte steuerliche Entlastung der Geringverdiener in Deutschland blockieren will. Wir sind sehr gespannt, ob Sie eine solche unsoziale Blockadepolitik wirklich durchhalten werden, meine Damen und Herren. – Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.

(Beifall von der FDP und von der CDU)

Als nächster Redner spricht für die Landesregierung …

(Rüdiger Sagel [LINKE] meldet sich zu Wort.)

Ach, Sie haben sich noch zu Wort gemeldet? Gut, Herr Sagel. Die Linke hat noch 43 Sekunden übrig. Bitte schön.

Danke, Herr Präsident! Ich kann es auch schnell machen. Die FDP als Anwalt der kleinen Leute – das ist wirklich der größte Treppenwitz, den es überhaupt gibt. Ausgerechnet Sie!

(Beifall von der LINKEN, von der SPD und von den GRÜNEN)

Wirklich, Sie übertreffen noch den Baron Münchhausen mit dem, was Sie uns hier heute erzählen. Wirklich, das ist unglaublich.

(Dr. Gerhard Papke [FDP]: Die Wahrheit!)

Herr Laumann, es wird auch nicht besser, wenn Sie selber in die Bütt steigen, das Ganze zum Besten geben und versuchen, die Wiederbelebungsversuche der FDP zu verteidigen. Herr Laumann, es ist maximaler Unsinn, wenn Sie hier erzählen, die kleinen Leute würden davon profitieren. Die Hälfte dieser kleinen Leute profitiert überhaupt nicht davon, weil sie überhaupt keine Steuern zahlt,

(Lachen von der FDP)

die anderen mit nicht einmal 5 € im Monat. Was da den kleinen Leuten helfen soll, das ist wirklich eine Lachnummer. Gleichzeitig erhöhen Sie aber die Beiträge für die Pflegeversicherung und betreiben solcher Dinge mehr. Das ist doch die Realität, die wir erleben.

Sie machen hier weiter Politik für die Besserverdienenden. Das ist Ihre Lobby; darum geht es. Deswegen ist die FDP gerade hier auch so in die Bütt gestiegen.

(Zurufe von der FDP)

Ein Satz an SPD und Grüne: Auch Sie, vor allem die SPD in der Großen Koalition, haben diese Steuersenkungspolitik für die Unternehmen mitgemacht. Auch Sie haben die öffentlichen Haushalte entleert. Auch da ist ein Umdenken notwendig.

(Beifall von der SPD)

Vielen Dank, Herr Sagel. – Für die Landesregierung hat sich nun der Finanzminister, Herr Dr. Walter-Borjans, zu Wort gemeldet.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr

Laumann, es mag so sein, dass Sie es in diesen Zeiten, in denen CDU und FDP alle paar Tage etwas über Bord schmeißen, was in ihrem Koalitionsvertrag steht und was sie bei Wahlen versprochen haben, für ungewöhnlich halten, dass eine Landesregierung Wahlversprechen einhält.

(Beifall von der SPD – Zurufe von der CDU)

Wir sind mit dem Wahlversprechen, die Studiengebühren abzuschaffen, das letzte Kindergartenjahr beitragsfrei zu stellen und die Kommunen zu entlasten, angetreten. Wir sind dafür gewählt worden. Wir werden dieses Versprechen auch erfüllen.

(Beifall von der SPD und von den GRÜNEN)

Das ist in der Tat das, was wir den Bürgern zurückgeben, denn es ist Ihnen ja auch genommen worden.

Wir haben aber genauso versprochen: Wenn wir Steuermehreinnahmen haben, dann gehen die in die Konsolidierung des Landeshaushaltes. – Auch dieses Versprechen halten wir ein.

(Beifall von der SPD)

Herr Laumann, wenn Sie die Verfassung bemühen, finde ich das völlig richtig. Das Existenzminimum wird gemäß der Verfassung steuerfrei gestellt. In der Verfassung findet sich aber seit ein paar Jahren eben auch die Schuldenbremse. Man steht also zwischen zwei verfassungsmäßigen Aufträgen; beide müssen erfüllt werden.

Lassen Sie uns dann, wenn die notwendigen Berechnungen für das Existenzminimum vorliegen, auch darüber reden, wie man den Spitzensteuersatz anhebt, wie man eine Vermögensteuer einführt, wie man mit Erbschaftsteuern umgeht.

(Beifall von der SPD, von den GRÜNEN und von der LINKEN)

Dann kann man ein Paket schnüren, das beiden Seiten der Verfassung gerecht wird, das konsolidiert und die Lasten nicht in die Zukunft verschiebt.

Herr Papke, haben Sie 10.000 € monatlich oder 10.000 € zu versteuerndes Jahreseinkommen gemeint? Wenn Sie das Jahreseinkommen gemeint haben sollten, ist es für mich sehr ungewöhnlich, dass Sie sich mittlerweile um diese Klientel kümmern.

(Beifall von der SPD und von den GRÜNEN – Zurufe von der FDP: Oh!)

Zumindest sieht man die ziemlich selten in Hotels übernachten, und Hotelbesitzer sind das schon gar nicht.

(Beifall von der SPD)

Herr Papke, Sie haben von 10.000 € zu versteuerndes Einkommen gesprochen. Sie wissen doch, dass