Protokoll der Sitzung vom 15.05.2014

Sehr geehrter Herr Dr. Berger, genau deshalb habe ich von einer zeitgemäßen Weiterentwicklung gesprochen. Es gibt mittlerweile viele Schülerinnen und Schüler, die als Zweitsprache Französisch, Spanisch oder Italienisch wählen. Die sind dann erst einmal von einem Lehramtsstudium ausgeschlossen und müssten das Latinum nachholen. Aus diesem Grunde entscheiden sie sich häufig gegen ein Lehramtsstudium.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob man wirklich für jede Fächerkombination das Latinum braucht.

(Beifall von der SPD und den GRÜNEN)

Vielen Dank, Frau Kollegin Preuß-Buchholz. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht der Kollege Ali Bas.

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Das Berufsbild der Lehrerinnen und Lehrer hat sich in den letzten Jahrzehnten – das haben wir gerade gehört – grundlegend gewandelt. War die Arbeit der Lehrkraft in den 50er- und 60er-Jahren noch durch klassischen Frontalunterricht und scheinbar einfache Kriterien der Leistungsbewertung gekennzeichnet,

welches durch eine starke Selektion des dreigliedrigen Schulsystems unterstützt wurde, so hat die Lehrkraft von heute einen nicht unwesentlichen Anteil an der Erziehung von Kindern und Jugendlichen.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Schule haben sich geändert. Heute wollen wir, dass Kinder möglichst lange gemeinsam lernen, dass sie möglichst alle Chancen bekommen, den bestmöglichen Abschluss zu erlangen, und dass sie auf dem Weg dahin optimal und möglichst individuell gefördert werden. Darüber hinaus sollen junge Menschen zu sozialen und demokratisch mündigen Bürgern heranwachsen, bei denen die unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrer eine wichtige Funktion innehaben.

Von Lehrerinnen und Lehrern wird deshalb neben dem Fachwissen eine didaktische Methodenvielfalt verlangt, die Fähigkeit, individuelle Förderung zu gewährleisten und möglichst flexibel auf Heterogenität im Klassenzimmer und im Ganztag zu reagieren. So muss eine Mathematiklehrkraft nicht nur über die binomischen Formeln bestens Bescheid wissen, sondern sich auch Gedanken darüber machen, wie sie dieses mathematische Prinzip den Kindern auch sprachlich vermitteln kann. Auch der MatheUnterricht ist Sprachunterricht. Ich verweise hier auf die einschlägigen Studien hierzu, die wir im Landtag bereits mehrfach debattiert haben.

Mit dem Weg der Inklusion in unseren Schulen verändern sich die Aufgaben und Fähigkeiten der Lehrkräfte nochmals.

Auf diese und eine Reihe weiterer Veränderungen muss der Gesetzgeber natürlich reagieren. Dabei kommt der Lehrerausbildung eine zentrale Rolle zu. So war es richtig, 2009 das Lehrerausbildungsgesetz im Zuge des Bologna-Prozesses an den Hochschulen auf die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse umzustellen und verbunden damit auch die weitere Verknüpfung zwischen dem ersten Ausbildungsabschnitt und dem zweiten, dem sogenannten Referendariat, durch die Einrichtung der universitären Lehrerausbildungszentren und der Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung mit dem Praxissemester und gestrafften Vorbereitungsdienst vorzunehmen.

Die Erfahrungen aus dieser Umstellung sind für uns der Anlass, an dieser Stelle weiterzugehen und die Lehrerausbildung den gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfordernissen weiter anzupassen und zukunftsfähig zu machen.

Wie eingangs mit dem Mathematikbeispiel erwähnt, müssen Lehrerinnen und Lehrer neben der qualifizierten Fachausbildung auch pädagogisch fit genug sein für die Herausforderungen der Heterogenität und individuellen Förderung. Hierbei kann ein stärkerer lehramtsübergreifender pädagogischer Ausbildungsschwerpunkt ein Weg sein, den es zu prü

fen gilt. Auch das wichtige Feld der Alphabetisierung gehört stärker in die Ausbildung hinein.

Die Zusammenarbeit zwischen erster und zweiter Lehrerausbildungsphase muss weiter ausgebaut werden, gerade im Hinblick auf abgestimmte Ausbildungsinhalte und kontinuierliche Begleitung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer.

Ebenfalls überprüft gehört der Nachweis der altsprachlichen Sprachkenntnisse für fremdsprachliche Fächer sowie für die Fächer Geschichte und Philosophie, die den tatsächlichen fachlichen Notwendigkeiten angepasst gehören.

Für uns essenziell ist auch der attraktive Zugang zu den Lehrämtern des Berufskollegs gerade vor dem Hintergrund des drohenden Mangels an Lehrkräften im gewerblich-technischen Bereich. Hier müssen Absolventen der Fachhochschulen einen unproblematischen Einstieg in das Berufskolleg bekommen, wobei auch die Kooperation zwischen Fachhochschule und Universität verstärkt gehört.

Für Hochschulen sollte, wie mehrfach von diesen gefordert, vom Ministerium geprüft werden, ob bei der Akkreditierung von neuen Studiengängen künftig die Systemakkreditierung ermöglicht werden kann. Hierbei sollte es auch um die Frage gehen, wie dabei die Interessen des Landes mit denen der Hochschulen in Einklang gebracht werden können.

Zur Sicherung der qualitativen und quantitativen Ziele der Lehrerausbildung sollte das Land mit den Hochschulen Ziel- und Leistungsvereinbarungen treffen.

Für das große Feld der Inklusion gehören förderpädagogische Kompetenzen gesichert und die Erprobung innovativer Formen der förderpädagogischen Qualifizierung gewährleistet. Nicht vergessen werden darf dabei die Prüfung der künftigen Entwicklung des förderpädagogischen Lehramtes.

Meine Damen und Herren, wie Sie sehen, ist die Ausbildung unserer Lehrerinnen und Lehrer in NRW ein hochkomplexer Prozess, den wir laufend weiterentwickeln müssen. Um den Herausforderungen der inklusiven Gesellschaft gerecht zu werden, müssen wir unseren Lehrkräften in NRW die beste Ausbildung bieten.

Unser Antrag knüpft an die erfolgreiche Weiterentwicklung der Lehrerausbildung der letzten Jahre an und berücksichtigt die aktuell nötigen pädagogischen Erfordernisse zur Verwirklichung der vielen Herausforderungen im Bildungssystem. Darum kann ich Ihnen an dieser Stelle nur empfehlen, diesem Antrag zuzustimmen.

Zum Entschließungsantrag der CDU zum Thema „Beibehaltung der Lateinpflicht für die genannten Fächer und für die Fächer Geschichte und Philosophie“ nur so viel: Diesen Antrag werden wir natürlich ablehnen. Über mögliche Reformen in diesem Be

reich werden wir aber selbstverständlich diskutieren. – Herzlichen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN)

Vielen Dank, Herr Kollege Bas. – Für die CDU-Fraktion spricht Frau Kollegin Birkhahn.

Vielen Dank. – Herr Präsident! Meine Herren, meine Damen! Verehrte Gäste! Ein großes Thema, das Lehrerausbildungsgesetz. Wenn wir überlegen, dass die Zukunft unseres Landes auf Bildung gebaut werden muss, dass die Zukunft unseres Landes von Kindern gebildet wird, denen wir die Möglichkeit geben müssen, sich zu entwickeln, ist es ein Thema, von dem man denkt: Jetzt kommt wirklich eine intensive Auseinandersetzung.

Die Überschrift „Erfahrungen produktiv für eine weitere Entwicklung nutzen“ ist eine große Absichtserklärung. Ich habe mich gefreut, als ich diese Überschrift gelesen habe und war völlig irritiert, als ich feststellen musste, dass es eine Block-I-Debatte ist – fünf Minuten für jede Rednerin und jeden Redner – und eine Abstimmung im Plenum erfolgt, also keine Auseinandersetzung im Fachausschuss, keine direkte Konfrontation unterschiedlicher Positionen, wie wir das in einer Anhörung machen könnten. Ich frage mich: Ist es vielleicht die Angst vor der eigenen Courage,

(Beifall von der CDU und Dr. Joachim Paul [PIRATEN])

dass man an bestimmten Stellen nicht nachhaken möchte?

Aus Zeitmangel bleibt mir nur, schlaglichtartig auf einige Ihrer Forderungen abzuheben

(Zuruf von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE])

und Substanz und Schlüssigkeit zu hinterfragen. Denn wir haben als Grundlage der Auseinandersetzung erst einmal dieses Papier. Ich bin froh, dass ich Frau Preuß-Buchholz und Herrn Bas hören konnte, die deutlich gemacht haben, was sich hinter diesen Formulierungen verbirgt. Aber wenn ich die Schriftform nehme, möchte ich doch mit Ihnen noch mal genau hinterfragen, was eigentlich tragende Argumentation ist.

Nehmen wir die erste Forderung „Die Lehrerausbildung ist auf der Grundlage der Reform von 2009 weiterzuentwickeln“! – Das ist eine Formulierung, die ich sinnvoll finde. War die Reform 2009 der Anfang der Dinge? Nein, das war die zweite Reform, die aufgrund der Arbeit der Baumert-Kommission stattgefunden hat. 2005 wurde ein Lehrerausbildungsgesetz auf den Weg gebracht, das durch die weitere Arbeit der Baumert-Kommission reformiert wurde. Ich kann nur unterstreichen, was Herr Bau

mert 2010 sagte: Nordrhein-Westfalen ist vorbildlich in der Lehrerausbildung. Das sollten wir als Konsens in der Runde zur Kenntnis nehmen.

Das bestärkt mich auch in der Erkenntnis, dass die Menschen lebenslang lernen. Denn auch Sie als antragstellende Fraktionen haben deutlich gemacht, dass Sie im Laufe der Zeit eine andere Einstellung zu dem Lehrerausbildungsgesetz gewonnen haben.

(Beifall von der CDU)

Sie hatten es nämlich bei Einführung noch abgelehnt. Jetzt sagen Sie: Es ist als Basis durchaus geeignet, dass wir es weiterentwickeln. Das als Lob vorweg.

(Zuruf von Sigrid Beer [GRÜNE])

Zur zweiten Formulierung: In der Lehrerausbildung ist für alle Lehrämter neben der hohen fachwissenschaftlichen Ausbildung auch ein besonderer Stellenwert auf die erziehungswissenschaftliche Ausbildung der zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer zu legen, um hier die angehenden Lehrpersonen auf die inhaltlichen Anforderungen der Lehrämter und das Leitbild einer individuellen Förderung der Lernenden auszubilden.

Welche Fundierung steckt eigentlich dahinter? Ist es nicht eine besondere Verkürzung zu sagen: „Es geht nur um individuelle Förderung“? Geht es nicht auch um individuelle Forderung. Ist es nicht auch ein Teil eines Leitbilds, die ganze Bandbreite mit in den Blick zu nehmen?

Ich möchte Klafki anführen, der sagt: Wenn im Lernprozess von Kindern keine Anstrengung verlangt wird, betrügt man sie um den Erfolg ihrer Anstrengungen.

(Beifall von der CDU und den PIRATEN)

Ich denke, das sollten wir mitnehmen, dass in der Ausbildung Förderung und Forderung gemeinsam deutlich gemacht werden müssen.

Noch eine zweite Verkürzung möchte ich skizzieren. Schule hat den Auftrag zu Bildung und Erziehung. Aebli sagt: Bildung und Erziehung geschehen bei der Begegnung von Menschen über einer sachlichen Aufgabe – Menschen mit einer Vielfalt von Talenten, einer Vielfalt von Fähigkeiten und unterschiedlichen Ansprüchen. – Von daher ist der Umgang mit Heterogenität, mit unterschiedlichen Forderungen, mit Formen der Differenzierung für uns wirklich die zentrale Frage, weil wir diverse Problemlösungsstrategien und -ansätze diskutieren

Meine Damen und Herren von der antragstellenden Fraktion, ich frage Sie: Wo bleibt hier die Sachdiskussion? Wo bleiben der Einfluss, die Wertschätzung und die Berücksichtigung der Fachkompetenz? Sie haben am Ende Ihrer zweiten Forderung einen Prüfantrag gestellt, der merkwürdig formuliert ist – ich will Ihnen das deutlich machen –: „In die

sem Zusammenhang möge die Landesregierung prüfen, eine lehramtsübergreifende … entwickelt werden kann.“

Entscheidend ist, ob oder wie entwickelt werden kann. Sie haben den Schwerpunkt Ihrer Prüfanfrage überhaupt nicht beleuchtet, sondern weggelassen. Ich frage Sie: Welche Abwägung wollen Sie vornehmen? Von daher ist es wirklich bedauerlich, dass wir heute die direkte Abstimmung haben und uns nicht fachlich auseinandersetzen können, wohin die Reise geht.

Frau Kollegin, Ihre Redezeit ist beendet.

Das ist schade.

(Heiterkeit)