Protokoll der Sitzung vom 16.11.2017

Ganz bewusst und anschaulich wird diese Auseinandersetzung, wenn sich Jugendliche im Alter zwischen zehn und 15 Jahren konkret die Fragen stellen: Was möchte ich später im Leben beruflich machen? Welche Stärken habe ich? Hier geht es zum ersten Mal nicht mehr um den kindlich verträumten Wunschberuf des Ritters oder der Prinzessin. Hier geht es um die modernen Berufe der Realität. Die Beantwortung dieser Fragen entscheidet über den weiteren Lebensweg.

Ein erster Einstieg in diese Entscheidungsfindung ist der Girls‘- und Boys‘Day. Fakt ist, dass der Ausbildungsmarkt und der Arbeitsmarkt in Deutschland immer noch geschlechterspezifisch aufgeteilt sind. Das heißt, Mädchen wählen sogenannte Frauenberufe, Jungs wählen sogenannte Männerberufe.

Warum ist das 2017 immer noch so? – Weil die Vorstellungen bezüglich der persönlichen beruflichen Eignung zum großen Teil mit stereotypen Rollenmustern verknüpft sind. In unseren Köpfen hält sich immer noch hartnäckig der Irrglaube, dass Mädchen eher sprachbegabt sind, während Jungs eher eine mathematisch-naturwissenschaftliche Veranlagung

haben. Diese falsche Vorstellung existiert auch in den Köpfen der jungen Schüler.

Daraus folgt, dass sich die Jugendlichen bei der Berufswahl auf bestimmte geschlechtsspezifisch orientierte Berufe beschränken, und das erstaunlicherweise in den letzten Jahren ohne große Veränderung.

Dadurch geht sehr viel ungenutztes Potenzial verloren, Chancen für unsere jungen Menschen genauso wie für die Wirtschaft. Das antiquierte Geschlechterdenken können und wollen wir uns nicht weiterhin leisten.

Wir wollen individuelle Fähigkeiten fördern und sie so auf dem Arbeitsmarkt geschlechtsunabhängig platzieren.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Dabei kann die Initiative des Girls‘- und Boys‘Days nur ein erster Schritt bei der stärkeren Förderung der individuellen Fähigkeiten unserer Nachwuchskräfte sein.

Aber was genau ist der Girls‘- und Boys‘Day? Hier möchte ich von der offiziellen Homepage des Girls‘Days zitieren:

„Am Girls‘Day öffnen Unternehmen, Betriebe und Hochschulen in ganz Deutschland ihre Türen für Schülerinnen ab der 5. Klasse. Die Mädchen lernen dort Ausbildungsberufe und Studiengänge in IT, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik kennen, in denen Frauen bisher eher selten vertreten sind. Oder sie begegnen weiblichen Vorbildern in Führungspositionen aus Wirtschaft und Politik.“

Es geht also darum, den Mädchen Berufsfelder näherzubringen, die sie sich selber entweder nicht aussuchen oder nicht zutrauen würden.

Auch bei dem gleichzeitig stattfindenden Boys‘Day geht es darum, Jungen bei der Berufswahl dort zu unterstützen, wo männliche Fachkräfte gesucht werden, weil sie zurzeit unterrepräsentiert sind. Jungen kommen hier mit männlichen Vorbildern in Berührung, die ihnen zeigen können, dass diese Berufsfelder einen interessanten und ansprechenden Berufsalltag bieten.

Sie sehen: Hier werden neue Horizonte eröffnet. Daher sollte es nicht bei einer jährlichen Aktion des Girls‘- und Boys‘Days bleiben.

(Beifall von der CDU)

Wir wollen diese Idee stärker aufgreifen und möglichst effizient ausbauen, damit sich die jungen Frauen und Männer in Nordrhein-Westfalen bei ihrer Berufswahl auf ihre persönlichen Fähigkeiten und Talente konzentrieren und diese nicht durch stereotypes Denken verkommen lassen.

Meine Damen und Herren, glauben Sie mir: Die Erkenntnis zu erlangen, dass in einem Fähigkeiten stecken, die man bisher nicht entdeckt hatte, weckt ungeahnte Motivationsschübe für ungeliebte Schulfächer und das Lernen an sich.

Die positive Kraft des Girls‘- und Boys‘Days darf ebenfalls nicht unterschätzt werden. Frauen in sogenannten Männerberufen und Männer in sogenannten Frauenberufen zu fördern und dies möglichst frühzeitig zu tun, ist der Anspruch unserer Arbeit.

(Beifall von der CDU)

Dies mit eigenen erweiterten Aktionen zu unterstützen, die über den Girls‘- und Boys‘Day hinausgehen, ist unser Ziel. Denn die Mädchen und Jungen würden an dieser Stelle sagen: Wir wollen nicht für die Schule lernen, wir wollen fürs Leben lernen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Lebhafter Beifall von der CDU – Beifall von der FDP)

Vielen Dank, liebe Kollegin. Herzlichen Glückwunsch zur Jungfernrede! – Für die FDP darf ich Kollegin Schneider das Wort erteilen.

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Ein großes Ziel der NRW-Koalition aus Christdemokraten und FDP ist es, junge Menschen ins Berufsleben zu bringen – im Idealfall an einem Arbeitsplatz, der den persönlichen Wünschen und Talenten der Jugendlichen entspricht. Aber immer noch prägen Rollenbilder und Rollenerwartungen das Berufswahlverfahren Heranwachsender. Bereits in der letzten Legislaturperiode hat meine FDP-Landtagsfraktion einen Antrag auf den Weg gebracht, aus dem schließlich eine Initiative aller Fraktionen in diesem Hause wurde.

Auch im Koalitionsvertrag haben wir uns darauf verständigt, auf diesem Feld aktiv zu werden. Mädchen ergreifen nach wie vor klassische Frauenberufe – überwiegend im Dienstleistungsbereich. In den MINT-Berufen sind Mädchen immer noch unterrepräsentiert, obwohl Mädchen bzw. junge Frauen die besseren Schulnoten haben und mehr Mädchen als Jungs über einen Hochschulabschluss verfügen.

Auf der anderen Seite zählen Jungen zu den Verlierern in unserem Bildungssystem. Das belegen nicht nur ihre Schulnoten, auch der Großteil der Schulabbrecher ist männlich. Dies hat zu Folge, dass schon heute in vielen zulassungsbeschränkten Studiengängen der Anteil der weiblichen Studenten oft über 70 % beträgt.

(Zuruf von der AfD)

Viele junge Männer scheitern am NC, beispielsweise in Medizin, Zahnmedizin oder Pharmazie, wo die Herren aber auch zur Versorgung der Patienten dringend benötigt werden.

Gleichzeitig fehlen die Jungs in vielen Berufsfeldern, zum Beispiel in der Pflege. Auch in Kitas und Grundschulen gelten männliche Fachkräfte immer noch als Exoten. So haben die meisten Kinder auf der weiterführenden Schule erstmalig Kontakt mit männlichen Pädagogen. Ich finde, das ist zu spät. Es braucht sicher einen ganzen Strauß an Maßnahmen, um hier zu motivieren und die Perspektiven zu erweitern.

Die beiden unterschiedlich entstandenen Aktionstage für Mädchen und Jungen, besser bekannt als Girls‘Day und Boys’Day, können dabei helfen, dass Rollenzuschreibungen und Rollenerwartungen die Berufswahl von Mädchen und Jungen künftig weniger bestimmen.

(Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Das Talent, die Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Interesse und persönliche Neigungen sollten ausschlaggebend für die Wahl des Berufes sein, und zwar für alle Geschlechter.

Ich finde es fantastisch, dass es in unserem Land eine unglaubliche Anzahl verschiedener Berufe gibt. Diese sollten aber den Schülerinnen und Schülern auch praktisch und niederschwellig vorgeführt werden. Hierfür eignen sich sowohl der Mädchenzukunftstag wie auch der Jungenzukunftstag ideal. Sie lenken den Blick von Jungen und Mädchen auch mal auf andere, bisher vielleicht nicht in Erwägung gezogene berufliche Möglichkeiten.

Leider wurde der Boys‘Day von der rot-grünen Landesregierung immer recht stiefmütterlich behandelt. Der NRW-Koalition ist es aber wichtig, alle Geschlechter gleichermaßen zu fördern.

(Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Natürlich brauchen unsere Mädchen nach wie vor in einigen Bereichen Förderung. Wir dürfen aber die Jungs nicht außen vorlassen und sollten – nein, wir müssen – auch ihnen helfen. Die Fraktionen von Christdemokraten und FDP schauen, wo konkret Bedarf besteht, und unterstützen die jungen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht.

Mit unserem heutigen Antrag fordern wir deshalb die Landesregierung auf, den Aktionstag Girls‘Day und Boys‘Day zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Ich bin sehr zuversichtlich, dass jedes Ressort es zu schätzen weiß, welche Chancen mit der Durchführung eines Mädchen- und Jungenzukunftstags für unsere Gesellschaft, unsere Arbeitswelt und unser Land verbunden sind.

Nicht nur die Landesregierung oder die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen sollten den Girls‘- und Boys‘Day zelebrieren, auch der Landtag bietet sich hierfür als Veranstaltungsort an. Leider wurde hier in den vergangenen Jahren regelmäßig ausschließlich der Girls‘Day gefeiert. Nachdem alle Fraktionen beschlossen haben, künftig auch den Boys‘Day zu würdigen, entfiel dieser im Folgejahr komplett zugunsten des Welt-Mädchentags im Herbst. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

Erst nach zahlreichen Diskussionen fand im vergangenen Jahr der Girls‘- und Boys‘Day als eine Veranstaltung hier im Hohen Hause statt. Geboten wurde ein Markt, auf dem sich zum einen Unternehmen und Einrichtungen mit typischen Männerberufen präsentierten, aber auch Vertreter der Berufe, in denen sich sonst überwiegend Frauen finden. Davon profitierten nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Vertreter dieser Berufe.

Es wäre wunderbar, wenn eine Veranstaltung dieser Art auch künftig stattfinden könnte: für die Mädchen und die Jungs in unserem Land. – Ich danke Ihnen.

(Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der CDU)

Herzlichen Dank, Frau Kollegin. – Für die SPD erteile ich Frau Butschkau das Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor zwei Wochen veröffentlichte die Agentur für Arbeit den Ausbildungsmarktbericht 2016/2017. Folgende Erkenntnisse dürften niemanden verwundern:

In den top Zehn der am stärksten von jungen Frauen nachgefragten Ausbildungsberufe landen zum Beispiel die Kauffrau für Büromanagement, Medizinische oder Zahnmedizinische Fachangestellte oder Friseurin. Bei den Männern fallen dagegen der KfzMechatroniker, der Industriemechaniker oder der Lagerlogistiker ins Auge.

Auch heute noch spiegeln sich klassische Rollenbilder von Frau und Mann im Berufswahlverfahren junger Menschen wider. In technischen Berufen dominieren die Männer, in sozialen Berufen dominieren die Frauen. Oft sind Letztere niedriger entlohnt, und die Arbeitsbedingungen sind schlechter.

Um Mädchen und jungen Frauen neue berufliche Perspektiven und Chancen aufzuzeigen, wurde 2001 der Girls’Day eingeführt. Der erste bundesweite Boys’Day fand 2011 statt. Das sind gute und wichtige Veranstaltungen, finden wir. Daher wird es sie mit der SPD auch weiterhin geben.

Bei Ihrem Antrag, liebe Kolleginnen und Kollegen von CDU und FDP, haben wir aber viele Fragezeichen. Wir haben uns gefragt: Was ist der Sinn des Antrags? – Es steht nichts drin, außer dass Sie den Girls‘Day und Boys’Day weiterentwickeln wollen. Aber wie wollen Sie das machen, und welches Ziel verfolgen Sie dabei?

(Beifall von der SPD)

Wenn ich den Antrag richtig interpretiere, geht es Ihnen allein darum, mehr Frauen in Männerberufen und mehr Männer in Frauenberufen unterzubringen. Diese ökonomische Sichtweise ist jedoch viel zu kurz gegriffen. Die eigentlichen Adressaten des Girls’Days und des Boys’Days klammern Sie nämlich völlig aus. Ihr Antrag hat weder etwas mit Berufsorientierung noch mit Geschlechtersensibilität zu tun.

(Beifall von der SPD)

In unseren Augen muss geschlechtersensible Berufsorientierung viel breiter angelegt sein. Ein Aktionstag im Jahr erzeugt noch keinen nachhaltigen Erfolg. Boys‘Days und Girls’Days können lediglich eine flankierende Aktion für viel tiefgründigere Maßnahmen sein. SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben in der letzten Legislaturperiode ein ganzheitliches Konzept umgesetzt. Vielleicht haben Sie die Gelegenheit, sich dieses Konzept noch einmal in Ruhe anzuschauen. Vielleicht finden Sie darin die eine oder andere Erkenntnis.

(Zuruf von Daniel Sieveke [CDU])