Allerdings sollten die Symptome auch Teil des kollektiven Gedächtnisses zum Thema „Volksgesundheit“ sein. Die Sepsis bricht schließlich nicht immer im Krankenhaus oder einer Arztpraxis aus, sondern sehr oft ganz schlicht und ergreifend im privaten Umfeld. Wenn man die Symptome nicht kennt, reagiert man nicht, und dann bekommt man Probleme. Deswegen halte ich viel davon, dass es in der Bevölkerung ein gewisses Grundwissen über bestimmte Anzeichen und Symptome von Krankheiten geben muss.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Generation vor uns in diesen Fragen besser aufgestellt war als die Generation, die zurzeit lebt. Daher halte ich es für eine wichtige Aufgabe, dass in Parlamenten, im politischen Raum und in unserer Gesellschaft darüber geredet wird. Zum Führen eines Haushalts gehört es, auch in diesen Dingen ein Stück weit Bescheid zu wissen. Die alten Hausmittelchen waren nicht immer verkehrt, um mit bestimmten Entwicklungen umzugehen.
Ich möchte mich zu einem weiteren Punkt äußern. Natürlich müssen wir Impfkampagnen durchführen. Dazu stehe ich, ich bin für das Impfen, auch wenn ich um die Risiken weiß. Aber in der Abwägung ist für mich völlig klar, dass man sich als Gesundheitsminister mit gutem Grund hinter die Impfkampagnen stellen und auch selber welche betreiben kann.
Dabei ist es wichtig, vor allen Dingen die Bevölkerungsteile zu erreichen, die man nur schwer erreicht. Ein Teil der Bevölkerung ist in gesundheitlichen Fragen Gott weiß wie gut aufgeklärt; andere Teile der Bevölkerung erreichen wir gar nicht.
Die Kunst von Kampagnen besteht immer darin, diejenigen zu erreichen, an die man nicht so leicht herankommt. Auch bezüglich der Mittel, die wir in Nordrhein-Westfalen einsetzen, müssen wir noch mehr darüber nachdenken, wie wir an diejenigen herankommen, die keine Tageszeitungen lesen oder öffentlich-rechtliche Radiosender hören, die nicht die das Erste oder das Zweite oder die dritten Programme im Fernsehen schauen, sondern eher die Programme, in denen all das, worüber wir heute reden, überhaupt kein Thema ist. – Darüber mache ich mir zumindest viele Gedanken. Präventionspolitik ist immer die Kunst, diejenigen zu erreichen, die sich eigentlich nicht für das Thema interessieren. Nur so kommen wir weiter voran.
Natürlich ist die Sache mit den Antibiotika eine wichtige Frage, wenn auch nicht neu. Im Übrigen glaube ich, dass wir in der Tiermast heute wesentlich sensibler hinsichtlich des Einsatzes von Antibiotika sind als noch vor zehn Jahren.
Ich finde, diese Sensibilisierung ist eine große Leistung der Tiermedizin und der Landwirtschaft in diesem Land. – Dafür bin ich auch dankbar.
Aber seien wir doch mal ehrlich: Geben wir dem Arzt immer einen Tag Zeit, erst mal eine Blutuntersuchung zu machen, um dann zu überlegen, welches Medikament man gezielt einsetzen könnte? Oder entscheiden wir uns sofort für Breitbandantibiotika nach dem Motto: „Gib mir irgendwas, ich muss morgen wieder können“?
Und das hat auch viel damit zu tun, dass mit dieser Frage ehrlich umgegangen werden muss. Es handelt sich nicht nur um eine Frage an die Profis im Gesundheitswesen, sondern sie richtet sich auch an uns selbst, und wir sollten darüber auch in unseren Familien reden. Antibiotika werden natürlich dann eingesetzt, wenn wir die Wirksamkeit dieses tollen Arzneimittels brauchen, wenn wir es wirklich nötig haben, und wir wollen natürlich, dass es da auch noch anschlägt.
Da sind wir bei einem weiteren Punkt: Wir müssen natürlich auch in der Forschung alles tun, um mehr zu wissen. Dabei spielt die Infektionsforschung eine ganz wichtige Rolle, und auch die personenbezogene Antibiotikatherapie bei einer Sepsis muss weiterhin im Interesse der Forschungsarbeit in der Medizin liegen.
Dann haben wir TELnet@NRW ins Leben gerufen, weil wir damit leitliniengerechte Behandlungen überall verfügbar machen. Das ist ein schönes Beispiel
dafür, wie uns die Digitalisierung neue Chancen und Informationswege gerade in der Medizin ortsunabhängig zur Verfügung stellt.
Sie sehen also, dass wir uns als Ministerium in diesem Bereich engagieren, und dass wir auch vieles, was in den letzten Jahren gemacht worden ist, fortführen. Manchmal trägt eine solche Debatte über ein Problem, das es schon lange gibt, auch dazu bei, neuen Elan, neuen Schwung in einer solchen Frage zu entwickeln. Ich finde deshalb, dass eine solche Debatte und auch Beratungen im Ausschuss zu diesem Thema Sinn machen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Vielen Dank, Herr Minister. Der Minister hat die Redezeit der Landesregierung um 2 Minuten und 25 Sekunden überzogen. Diese Zeit steht damit auch jeder Fraktion zur Verfügung.
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Zunächst bin ich sehr dankbar, dass man anscheinend unter den bürgerlichen Parteien so sachlich über solche Themen sprechen kann.
Die Situation sieht wie folgt aus: Zum einen haben wir in Deutschland die höchste Dichte – NRW bildet da keine Ausnahme – an intensivmedizinischen Betten. Zum anderen haben wir in Nordrhein-Westfalen und Deutschland innerhalb der Europäischen Union eine der höchsten Sterblichkeitsraten durch Sepsis. Wir haben den Mechanismus noch nicht ganz verstanden, aber es ist gut, den europäischen Vergleich zu haben. Es ist gut, ein Europa der Vaterländer zu haben – ich komme immer wieder gerne darauf zurück –, in dem es gibt unterschiedliche Systeme gibt. Man kann sich bei unterschiedlichen System gerne etwas abgucken. Das freut mich. Dabei sehen wir, dass wir da nicht unbedingt zu 100 % gut aufgestellt zu sein scheinen.
Natürlich spielen dabei – Herr Hagemeier, Sie sagten es vorhin – viele bundespolitische Themen eine Rolle, aber bei einem solch komplexen Thema sind das auch landespolitische Elemente. Ich freue mich, wenn wir das im Ausschuss in dieser Sachlichkeit miteinander debattieren können. Natürlich gibt es auch landespolitische Aspekte, die dabei eine Rolle spielen und mit denen wir den Kliniken und den hervorragenden Fachgesellschaften unter die Arme greifen können.
Letzteres ist eine der ausgemachten Stärken hier in Deutschland: Wir haben nun mal diese hervorragenden Fachgesellschaften. Es gibt Patientenschützer,
die sich zu gewissen Themen durchaus fundiert äußern. Wir haben da zum Glück ein gutes System. Und da ist es fast schon ein bisschen tragisch, dass der Rechtspopulist am Mikrofon die SPD – sozusagen Vorlesung Politologie 1.0 – darüber belehren muss, was es bedeutet, solch eine Forderung auch mal ins Plenum zu bringen. Das Plenum ist die politische Öffentlichkeit, und in diese gehören die Forderungen von Patientenschützern ab und zu auch mal transportiert. Vielen Dank, Frau Weng.
Vielen Dank, Herr Dr. Vincentz. – Gibt es den Wunsch nach weiteren Wortmeldungen aus den Fraktionen? – Das ist nicht der Fall. Dann schließe ich an dieser Stelle die Aussprache zu Tagesordnungspunkt 5.
Wir kommen zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des Antrags Drucksache 17/4124 an den Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales in der Federführung sowie an den Wissenschaftsausschuss zur Mitberatung. Die abschließende Abstimmung soll im federführenden Ausschuss in öffentlicher Sitzung erfolgen. Möchte jemand gegen die Überweisung stimmen? – Das ist nicht der Fall. Möchte sich jemand enthalten? – Auch nicht. Dann haben wir so überwiesen.
In Nordrhein-Westfalen gibt es über 32.000 wohnungslose Menschen, fast 10.000 davon sind Frauen. Die neusten Zahlen einer Studie der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe zeigen erneut, wie dramatisch sich die Wohnungslosigkeit bei Frauen in Nordrhein-Westfalen entwickelt.
Landesregierung mit der Begründung abzutun, die Kommunen würden das Thema der Wohnungslosigkeit von Frauen immer noch als Randthema behandeln, reicht nicht aus. Der nordrhein-westfälische Sozialminister Karl-Josef
Laumann (CDU) betont im Interview mit „Westpol“ in der Sendung vom 11. November 2018, dass er sich die vorhandenen Strukturen danach anschauen möchte, ob sie „frauengerecht“ sind.
grundlegendes Problem ist jedoch immer die zunehmende Armut in Deutschland sowie der Wohnungsmangel besonders in Ballungsgebieten in Nordrhein-Westfalen. Die Landesregierung unterstützt die Kommunen und Kreise mit einem Aktionsprogramm bei der Bekämpfung von Wohnungslosigkeit von Frauen trotz der gestiegenen Zahl hilfesuchender Frauen derzeit mir nur einer Million Euro jährlich.
Ich darf vorsorglich darauf hinweisen, dass die Landesregierung selbstverständlich in eigener Zuständigkeit entscheidet, welches Mitglied der Landesregierung eine Mündliche Anfrage im Plenum beantwortet. Die Landesregierung hat angekündigt, dass Herr Minister Laumann antworten wird. – Herr Minister, Sie haben jetzt das Wort für die Antwort.
Sehr geehrte Frau Kollegin KoppHerr, Ihre Anfrage lautet: Welche Gründe sieht die Landesregierung in der steigenden Obdachlosigkeit von Frauen? – Ich muss zunächst einmal darauf hinweisen, dass wir in Nordrhein-Westfalen als einziges Land seit vielen Jahren eine Wohnungslosenstatistik führen. Immer zum Stichtag 30. Juni fragen wir die Zahlen bei allen Kommunen in Nordrhein-Westfalen ab. Wir haben dabei eine sehr hohe Rücklaufquote von über 90 %.
Die letzte Abfrage ist zum Stichtag 30. Juni 2017 gemacht worden – im Übrigen ein guter Tag für Nordrhein-Westfalen; denn da bin ich als Minister vereidigt worden.
Zu dem Zeitpunkt hatten wir 32.286 wohnungslose Personen in Nordrhein-Westfalen; 2016 waren es 25.045. Die absolute Zahl der gemeldeten männlichen Wohnungslosen ist höher – 2017: 21.936 – als die der Frauen – mit 9.524. Drückt man es in Prozent aus, hatten wir eine Zunahme bei der Zahl der wohnungslosen Frauen von Juni 2016 auf Juni 2017 um 47,9 % und eine Zunahme bei der Zahl der wohnungslosen Männer um 22,9 % zu verzeichnen. Das sind erst einmal die Zahlen, die ich Ihnen nennen kann.
Die Kommunen sagen, dass ein größerer Teil dieses Anstieges daran liegt, dass wir Menschen haben, die im Asylverfahren anerkannt sind, sie aber keine Wohnung haben, die sie ihnen zuweisen können, und diese Menschen dann auch weiterhin in den Unterkünften sind, also ein Dach über dem Kopf haben, aber – so wie wir die Statistik in Nordrhein-Westfalen machen – dann zu den Wohnungslosen zählen.