Protokoll der Sitzung vom 14.11.2018

Damit wären wir bei Punkt zwei, der Therapie; denn das eigentliche Hauptproblem liegt in dem mangelnden Wissensstand der behandelnden Ärzte. Umso wichtiger sind daher eine fortwährende Weiterbildung und Schulungen im Sinne der Antibiotic Stewardship. Dazu haben wir uns bereits im Rahmen der Debatte um multiresistente Keime ausführlich im Gesundheitsausschuss beschäftigt.

(Zuruf von Dr. Martin Vincentz [AfD])

Gleichermaßen ist bekannt, dass die personelle Situation der bundesdeutschen, aber auch der nordrhein-westfälischen Intensivstationen hochbrisant ist. Sepsispatienten sind extrem instabil; sie bräuchten häufig eine Eins-zu-eins-Betreuung. Und zum Hinweis auf das Krankenhauspersonal – Ärzte wie Pflege –: Wir haben uns in den letzten Wochen hinlänglich damit beschäftigt. Die Sterblichkeit von Sepsispatienten bei Aufnahme in eine Intensivstation liegt bei ca. 50 %.

Nun Punkt drei, die Prophylaxe. Herr Dr. Vincentz, können Sie uns eine Studie nennen, welche den Zusammenhang zwischen verbesserter Hygiene, Impfung und der Reduzierung von Sepsisfällen zeigen kann? Das Sepsisregister sollten wir allerdings ernsthaft in Erwägung ziehen. Eine Dokumentation als Grundlage für Evidence-Based Medicine kann für diese Patientengruppe nicht nur hilfreich, sondern überlebenswichtig sein.

Einer Überweisung an den Ausschuss stimmen wir zu. Vielleicht liefert in diesem Rahmen die SepsisStiftung auch noch weitere Hinweise, welche das Thema erhellen können. – Herzlichen Dank.

(Beifall von der SPD)

Liebe Kollegin, ich würde Sie bitten, am Redepult stehen zu bleiben. Es gibt eine Kurzintervention der AfD; Herr Seifen hat sich gemeldet. – Bitte schön.

Herzlichen Dank, Herr Präsident! – Frau Weng, ich finde es wirklich abgrundtief zynisch, dass Sie Herrn Vincentz vorwerfen, dass er ein Problem, welches in den Medien dargestellt wird, aufnimmt, einen Antrag dazu vorbringt und hier mit Ihnen darüber debattiert.

Warum ich es zynisch finde? – An der Sepsis sterben, wie deutlich geworden ist, sehr, sehr viele Menschen. Wir haben vorhin über Dieselfahrverbote gesprochen, und dabei zeigt sich: Alle Experten sagen, dass keine Menschen an den Stickoxiden sterben. Wir von der AfD bringen nun ein echtes Problem ins Plenum, und Sie kanzeln es zynisch mit der Bemerkung ab, es sei nicht relevant.

Ich muss Ihnen sagen, Frau Weng: Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet. – Vielen Dank.

(Beifall von der AfD)

Lassen Sie sich eines gesagt sein: Ich habe zehn Jahre intensivmedizinische Erfahrung, und ich habe es selbst gesehen. Was ich kritisiere, Herr Seifen und Herr Dr. Vincentz, ist die Inhaltsleere dieses Antrags, gemessen an der Schwere des Themas.

(Beifall von der SPD – Helmut Seifen [AfD]: Sie haben es ja gar nicht verstanden! – Zuruf von Andreas Keith [AfD])

Vielen Dank, Frau Kollegin Weng. – Für die FDP hat nun die Kollegin Schneider das Wort.

Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Eine Sepsis ist ein Notfall. Je früher die Behandlung beginnt, desto geringer ist das Sterberisiko.

Ein großer Teil der durch Sepsis verursachten Todesfälle wäre nach Ansicht der WHO vermeidbar. Impfungen, bessere Hygiene und Infektionsschutz, ein sachgemäßer Einsatz von Antibiotika sowie eine effektive Früherkennung und Therapie sind dazu die geeigneten Instrumente. Anstrengungen zur Reduktion der Häufigkeit der Sepsis sowie der Sterblichkeit sind deshalb sinnvoll.

Allerdings braucht die NRW-Koalition aus Christdemokraten und FDP dazu keinen Antrag.

(Helmut Seifen [AfD]: Doch!)

Wir sind bereits auf einem guten Weg und handeln, indem wir die genannten Instrumente zur Bekämpfung von Sepsis unterstützen.

Auch die Sepsis-Stiftung weist darauf hin, dass Impfungen von Risikopopulationen zum Beispiel gegen die Influenza – also die Grippe – oder gegen Pneumokokken Tausende Todesfälle durch Sepsis verhindern könnten.

(Beifall von Angela Freimuth [FDP])

Wenn Sie meine politische Arbeit im Landtag verfolgen, dann wissen Sie, dass ich mich schon in der letzten Legislaturperiode für einen besseren Impfschutz eingesetzt habe. Leider ist Nordrhein-Westfalen unter Rot-Grün aber hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben. Die NRW-Koalition hat sich hingegen in ihrem Koalitionsvertrag zum Ziel der Verbesserung der Impfquote bekannt und leitet nun eine Trendwende ein.

(Vereinzelt Beifall von der FDP)

Im Haushalt sind zusätzliche Mittel bereitgestellt, um mit Experten aus Wissenschaft und Gesundheitswesen eine landesweite Impfkampagne zu starten. Wir wollen eine nachhaltige Bewerbung des Impfgedankens, um die Eigenverantwortung der Menschen zu fördern, Wissenslücken zu schließen, Misstrauen gegenüber Impfungen zu reduzieren und die Motivation zum Impfen zu steigern. Denn auch die Sepsis-Stiftung sagt: Je weniger Infektionen ein Mensch durchmacht, desto geringer ist das Risiko, später an einer Sepsis zu erkranken.

Hygiene und Infektionsschutz im Krankenhaus erfordern die regelmäßige Desinfektion der Hände vor und nach jedem Patientenkontakt sowie die Identifikation und Isolation von Patienten mit resistenten Keimen. Um das Bewusstsein für Hygiene zu stärken, hat das Land gemeinsam mit der Krankenhausgesellschaft die breit angelegte Initiative „Keine Keime“ auf den Weg gebracht. Dazu zählen unter anderem eine Wanderausstellung zur Aufklärung der

breiten Öffentlichkeit und eine videobasierte Lernplattform zur Schulung von Beschäftigten in den Kliniken anhand der aktuellsten Empfehlungen.

Es gibt in unserem Land außerdem 32 regionale Netzwerke zur Bekämpfung multiresistenter Erreger, die beim Erkennen und Beseitigen von Anwendungshindernissen und Umsetzungsproblemen helfen. Eine frühzeitige Diagnostik und leitliniengerechte Therapie kann die Sepsissterblichkeit um etwa die Hälfte absenken. Telemedizinische Anwendungen ermöglichen, medizinisches Wissen genau dort zu nutzen, wo es benötigt wird.

Ein wichtiges Anwendungsfeld sind schwere Infektionen, die eine gezielte Antibiotikagabe erfordern. Deshalb soll mit dem Projekt „TELnet@NRW“ die intensivmedizinische und infektiologische Behandlungsqualität in der Arztpraxis und im Krankenhaus weiter verbessert werden.

(Beifall von der FDP)

In den beiden Modellregionen stehen die Universitätskliniken Aachen und Münster, Teams aus erfahrenen Fach- und Oberärzten sowie Intensivpflegekräfte über eine gesicherte Datenleitung kontinuierlich mit Rat und Tat zur Seite.

Am kommenden Dienstag findet hier im Landtag erneut der schon traditionelle Gesundheitstag statt. Es wird auch eine Grippeschutzimpfung angeboten. Sehr geehrte Damen und Herren, ich würde mich sehr freuen, wenn ausgesprochen viele von Ihnen dieses Angebot nutzten.

Dies waren nur einige Beispiele dafür, dass Nordrhein-Westfalen auf einem guten Weg ist. Ich bin gespannt auf die Beratung im Ausschuss und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der FDP und der CDU)

Vielen Dank, Frau Kollegin Schneider. – Für die Grünen erteile ich dem Kollegen Mostifizadeh das Wort.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Normalerweise werfen wir der Regierung bzw. den regierungstragenden Faktionen vor, dass sie sich hinter Rot-Grün verstecken und sich immer darauf berufen, erst seit anderthalb Jahren im Amt zu sein und deshalb noch nicht alles hätten ändern können.

Bei Frau Schneider ist das anders: Regierungswechsel, Trendwende, alles neu, alles super – ich bin schwer beeindruckt, Frau Schneider, wie Sie das immer darstellen.

(Susanne Schneider [FDP]: Danke! – Allge- meine Heiterkeit – Beifall von der FDP)

Immerhin jemand, der sich vom grundsätzlichen Kurs der sonstigen Koalitionsarbeit emanzipiert; das finde ich in Ordnung.

In der Sache hat insbesondere Frau Weng das Notwendige gesagt. Es gibt mehrere Aspekte, die bei diesem Thema ganz wichtig sind. Wir brauchen eine hochwertige Krankenhaushygiene; hier kann man sicherlich nacharbeiten. Wir brauchen gut geschulte Ärztinnen und Ärzte, die das Problem besser erkennen können. Den von der Sepsis-Stiftung vorgelegten breiten Katalog unterstützen wir ausdrücklich, ohne dass das jemand beantragen muss. Insofern werden wir der Überweisung an den Ausschuss natürlich zustimmen.

Ein weiteres Thema – das ist mir wichtig – ist der Umgang mit Antibiotika. Wir hatten eine lange Anhörung, in der es um die Anwendung von Antibiotika in der Massentierhaltung bzw. Tierhaltung ging. Aber es geht auch noch um einen anderen Aspekt, nämlich darum, inwieweit Ärztinnen und Ärzte Antibiotika ganz gezielt einsetzen. Auch die Forschung muss gefördert werden, damit der Umgang mit Antibiotika und die Folgen von Antibiotikaeinsatz abgeschätzt werden können.

(Minister Karl-Josef Laumann: So ist das!)

Wir sind sehr dafür, das weiter zu fördern. Insofern stimmen wir der Überweisung an den Ausschuss zu.

Vielen Dank, Herr Kollege Mostofizadeh. – Für die Landesregierung erteile ich Herrn Minister Laumann das Wort.

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir reden hier nicht über ein neues Thema, aber über eins, das es in sich hat.

Tatsache ist, dass trotz aller Anstrengungen in der Vergangenheit bei uns in Deutschland jedes Jahr ungefähr 70.000 Menschen an der Sepsis versterben. Deswegen finde ich es richtig, dass wir uns hier und im Ausschuss damit beschäftigen. Dieses Thema muss immer wieder – wenn ich es mal so ausdrücken darf – ins Rampenlicht gestellt werden, damit wir in unseren Anstrengungen, diese Krankheit zu bekämpfen und erfolgreich zu handhaben, nicht nachlassen.

Eigentlich sind die zu ergreifenden Maßnahmen bekannt: Natürlich spielen Impfungen eine große Rolle. Wir alle kennen die Diskussionen, die es darüber in der Gesellschaft gibt, im Übrigen auch unter Medizinern.

Darüber hinaus hat die Infektionsprävention einen großen Stellenwert. Das Thema „Entkeimen in Krankenhäusern“ ist nicht neu. Daran wurde während der

letzten 10, 20 Jahre in vielen Krankenhäusern sehr intensiv gearbeitet. Trotzdem gibt es das Problem noch immer – und ich behaupte auch, dass wir mit dieser Problematik immer zu tun haben werden.

Wir müssen immer wieder Initiativen auf den Weg bringen, auch in den einzelnen Krankenhäusern, um das Wissen wachzuhalten, dass man bestimmte Vorkehrungen treffen muss – die im Übrigen oft sehr banal sind: Hände waschen und nochmals Hände waschen, Türklinken sauber machen und nochmals Türklinken sauber machen usw. –, um in dieser Sache voranzukommen.

Außerdem sollte die Früherkennung dieser sehr plötzlich auftretenden Erkrankung in den Schulungen des Personals im Gesundheitswesen immer wieder thematisiert werden.

Allerdings sollten die Symptome auch Teil des kollektiven Gedächtnisses zum Thema „Volksgesundheit“ sein. Die Sepsis bricht schließlich nicht immer im Krankenhaus oder einer Arztpraxis aus, sondern sehr oft ganz schlicht und ergreifend im privaten Umfeld. Wenn man die Symptome nicht kennt, reagiert man nicht, und dann bekommt man Probleme. Deswegen halte ich viel davon, dass es in der Bevölkerung ein gewisses Grundwissen über bestimmte Anzeichen und Symptome von Krankheiten geben muss.