…, weil die Angst haben, diese Recyclingbaustoffe anzuwenden. Da könnten wir gemeinsam etwas tun, um stärker im Recyclingbereich tätig zu werden. Also: Nicht die falschen Esel prügeln, sondern da, wo es geht, konkret handeln. – Herzlichen Dank.
Vielen Dank, Herr Kollege Remmel. – Ich versuche ein zweites Mal festzustellen, ob keine weiteren Wortmeldungen vorliegen. – Das ist jetzt der Fall. Ich schließe die Aussprache zu Tagesordnungspunkt 3.
Wir kommen zur Abstimmung. Der Ältestenrat empfiehlt die Überweisung des eben debattierten Antrags Drucksache 17/7544 an den Ausschuss für Heimat, Kommunales, Bauen und Wohnen – federführend – sowie an den Ausschuss für Digitalisierung und Innovation. Die abschließende Beratung und Abstimmung soll im federführenden Ausschuss in öffentlicher Sitzung erfolgen. Möchte jemand gegen die Überweisung stimmen? – Sich enthalten? – Da beides nicht der Fall war, haben wir so überwiesen.
Ich eröffne die Aussprache. Für die antragstellende Fraktion hat Herr Kollege Seifen als Erster das Wort.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Ja, ein ungewöhnlicher Antrag hier im Parlament, weil er sich auf etwas beruft, was Fachleute sagen. Im Grunde genommen hat er wenig politische Implementation – außer der, dass wir uns als Politiker die Aufgabe gestellt haben, die besten Bedingungen für unsere Schülerinnen und Schüler herzustellen. So beziehe ich mich auf das, was wir in der „Siegener Erklärung zur Schrift in der Schule“ lesen können, und auf das, was in der letzten Ausgabe einer großen Wochenzeitung zu lesen war.
Man hört überall, dass in einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung Klage geführt wird über das mangelhafte Schriftbild von Schülern. Mehr als ein Drittel der Grundschulkinder hätten demnach Probleme, eine lesbare Handschrift zu entwickeln, und in höheren Klassenstufen könnten nur zwei von fünf Jugendlichen 30 Minuten und länger beschwerdefrei schreiben.
Wer also zum Beispiel Mühe mit dem Schreiben hat, kann bei Diktaten oder Aufsätzen nicht mithalten und handelt sich leichter Fehler ein. Er hat es auch schwerer beim Erstellen einer Vokabelliste oder beim Notieren von Hausarbeiten oder überhaupt beim Notieren von Dingen, die besprochen werden und wichtig sind. Manche Schüler schreiben so undeutlich, dass sie nach ein paar Tagen ihre eigenen Notizen nicht mehr entziffern können.
Doch in den Lehrplänen spiele das Erlernen des Schreibens kaum noch eine Rolle, moniert der Verband Bildung und Erziehung. In der erwähnten Umfrage gaben rund zwei Drittel der Pädagogen an, dass in den Schulen zu wenig Zeit zum Üben sei und sie zu wenig Hilfestellung bei der Vermittlung bekämen.
Dabei ist es für die Schüler nicht nur wichtig, ihre Gedanken schnell und lesbar zu Papier bringen zu können; die eigene Handschrift ist auch zeitlebens ein Abbild unserer Persönlichkeit. Viele Kinder lernen als Erstes, ihren eigenen Namen zu schreiben. Später verbürgt die Unterschrift unsere Authentizität. Die Handschrift ist wie eine Spur, die in unser Inneres führt. Dazu braucht sie allerdings Raum, sich zu entwickeln.
In ihrem Kampf für die Handschrift bekommen die Pädagogen Unterstützung von Hirnforschern und Psychologen. Sie verweisen darauf, dass Kinder vor allem haptisch lernen und Buchstaben im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal „begreifen“ müssen. Verschiedene Studien zeigen, dass Kinder Buchstaben wie d und p oder b und q – zumindest den ersten Bestandteil – leichter auseinanderhalten können, wenn sie diese mit der Hand schreiben, statt sie zu tippen.
Ebenen, gespeichert wird. Wenn das Gehirn die Bewegungen der Hand mit den erlernten Buchstaben verbindet, werden mehr und größere Netzwerke im Gehirn aktiviert als beim bloßen Tippen. Denn die Strichführung mit der Hand ist wesentlich anspruchsvoller als das Hämmern auf einer Tastatur. Handschrift erfordert größere feinmotorische Fertigkeiten und eine viel stärkere Differenzierung. Denn wir aktivieren beim Schreiben mit der Hand zwölf Gehirnareale, die vernetzt und koordiniert werden müssen, und nehmen 17 Gelenke und 30 verschiedene Muskeln in Anspruch.
Das Schreiben hilft uns dabei, unsere Gedanken beisammenzuhalten. Dadurch prägen sich die unterschiedlichen Buchstabenformen dauerhaft ein.
Die Handschrift nütze daher dem Schriftspracherwerb mehr als das Tippen auf der Tastatur, so resümieren Sprachforscher der Universität Köln in einem vor zwei Wochen veröffentlichten Faktencheck, in dem sie die einschlägige Studienlage sichten.
Die Bestsellerautorin Cornelia Funke formuliert das so – Zitat –: “Eine fließende Handschrift bringt die Gedanken zum Fliegen.“
Mit der „Siegener Erklärung zur Schrift in der Schule“ haben vier Experten im Mai dieses Jahres eine regelrechte Anklageschrift an die deutsche Bildungspolitik veröffentlicht. Die in vielen Schulen übliche Praxis, den Kindern zunächst mit der „Grundschrift“ die Druckbuchstaben beizubringen und sie erst später eine „verbundene Schreibschrift“ lernen zu lassen, bedeute doppelten Aufwand und verhindere das einfache Erlernen einer flüssigen Handschrift. Außerdem sei die in den meisten Bundesländern gelehrte „Vereinfachte Ausgangsschrift“ nur scheinbar vereinfacht. In Wahrheit erschwere sie das flüssige Schreiben und sei einer der Gründe für das schwache Schriftbild vieler Schüler.
Als „denkbar schlechteste Variante“ aller verfügbaren Schriften gehöre diese „Vereinfachte Ausgangsschrift“ geradezu verboten, sagen Wissenschaftler, nicht die AfD.
Die Hauptschwierigkeit der Vereinfachten Ausgangsschrift besteht nämlich darin, dass alle Kleinbuchstaben an der Mittellinie beginnen und dort wieder enden, häufig mit einem kurzen Stopp. Die Schrift ist somit an einer Hilfslinie orientiert, die es nur in Grundschulheften gibt. Entfällt diese Linie mit der einfachen Lineatur, so fehlt vielen Schriften der Halt und die Anschlüsse verreißen. Damit wird erklärbar, warum fehlender Schreibfluss und zunehmende Entgleisungen für viele Kinder erst beim beschleunigten Schreiben …
Die Erkenntnisse der Fachleute sollte der Landtag von NRW nicht ignorieren. Ich hoffe, wir können dann im Schulausschuss einen tatsächlich sachlich notwendigen Beschluss fassen, der jenseits politischer Differenzen die Qualität des Lernens erhöht. – Vielen Dank.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete! Wenn man Ihren Antrag liest, Herr Seifen, erweckt das den Eindruck, eine schöne Handschrift sei die rettende Arche der allmählich zugrunde gehenden menschlichen Kommunikation.
Dass dem so ist, will ich zu Beginn sehr stark anzweifeln. Im Kern Ihres Antrages tangieren Sie aber letztendlich nur Befunde, die seit Längerem bekannt sind und nicht erst seit dieser Legislaturperiode auf der Agenda der Schulpolitik stehen.
Das Thema „menschliche Kommunikation“, welches Sie im Titel des Antrages erwähnen und im Verlauf fälschlicherweise auf eine schöne Handschrift runterbrechen, ist komplexer, als Sie glauben möchten. Menschliche Kommunikation, die sowohl das geschriebene als auch das mündliche Wort umfasst, ist vielmehr ein dynamisches Thema. Wir leben heute in einer sich schnell ändernden Gesellschaft, in der sich die Frage der Zukunftsfähigkeit des Lernens für Grundschulen und weiterführende Schulen ständig neu stellt.
Richtig ist, dass seit Langem sowohl wissenschaftlicher als auch gesellschaftlicher Konsens ist, dass Lese- und Schreibkompetenz grundlegende Schlüsselqualifikationen für ein erfolgreiches Lernen und damit schlussendlich auch für eine gesellschaftliche Teilhabe sind.
Richtig ist auch, dass die jüngsten Ergebnisse im Bereich der Rechtschreibung deutlichen Handlungsbedarf signalisieren. Das ist aber doch – und das müssen gerade Sie als ehemaliger Schuldirektor wissen – nicht erst seit Beginn der Legislaturperiode 2017 ein Thema.
Ich kann mich an Diskussionen von vor 20 Jahren erinnern, als bereits über die Ursachen von Rechtschreibproblemen diskutiert wurde. Die Illusion also, dass sich dies ändert, in dem wir wieder so unterrichten wie vor 20 bis 30 Jahren, können doch auch Sie nicht als zielorientiert und zukunftsgewandt verkaufen.
Die Landesregierung beweist nun aber Willensstärke, sich dieser anhaltenden Entwicklung entgegenzustellen und an den notwendigen Stellschrauben zu drehen. Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass die Kompetenzen „Rechtschreibung“ und „Lesen“ oberste Priorität haben.
Bereits jetzt hat die Regierung eine Handreichung als Leitfaden für Lehrerinnen und Lehrer mit einem Grundwortschatz versehen, der den Rechtschreibunterricht an Grundschulen fokussiert. Damit bieten wir den Lehrkräften, Eltern und Kindern einen verlässlichen und wissenschaftlich fundierten Orientierungsrahmen für das Rechtschreiblernen von Beginn an. Außerdem werden zum Schuljahr 2021/22 überarbeitete Lehrpläne eingeführt, die mit Sicherheit nicht in Richtung weniger Handschrift gehen.
Abschließend möchte ich noch einmal auf Ihre zur Nostalgie neigende Lobpreisung einer schönen Handschrift eingehen. Es ist doch nun wirklich nicht mehr zeitgemäß, die knapp bemessenen Unterrichtsstunden für nicht zielführenden Schönschreibunterricht zu gebrauchen. Verantwortungsbewusst für die Zukunft der Kinder hingegen ist ein Maßstab der guten Lesbarkeit der Handschrift als Teil eines guten Sprachverständnisses.
Um Ihnen die irrationale Angst zu nehmen, die Handschrift sei aus der Schule bereits verschwunden, möchte ich mit Einverständnis der Landtagspräsidentin aus der Richtlinie des Ministeriums für Schule und Bildung zum Fach Deutsch zitieren:
„Die Schülerinnen und Schüler beginnen mit dem Schreiben in Druckschrift. … Später entwickeln die Kinder eine gut lesbare verbundene Handschrift.“
Lassen wir die Landesregierung also weiterhin ihren Job machen. Der in Kürze kommende Masterplan „Grundschule“ wird zeigen, dass sie mit Blick auf das Wesentliche verantwortungsbewusst gestaltet.
Der Überweisung in den zuständigen Schulausschuss stimmen wir natürlich zu, und wir freuen uns auf die dortige Diskussion. – Vielen Dank.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! Gerade als meine Kollegen Troles sagte „Sie wollen doch nicht in Nostalgie verfallen“, habe ich gedacht: Ich glaube, ich verfalle bei dem Thema „Handschrift“ auch mal kurz in Nostalgie.
Denn entgegen der Einleitung von Herrn Seifen ist das Thema „Handschrift“ hier im Landtag seit vielen Jahren immer mal wieder behandelt worden. Es ist für mich eine Art Dauerbrenner, worüber es auch viele Irrtümer gibt.
Das Thema „Handschrift“ ist eigentlich ein emotionales Thema, weil sich mit dem Thema gleich Bilder öffnen. Es ist mit vielen Erinnerungen verknüpft, mit alten Dokumenten, ja sogar mit familiären Erinnerungen.
Von Sütterlin bis zur Vereinfachten Ausgangsschrift – die Handschrift war sowohl im privaten als auch im schulischen Bereich immer ein Thema. Denn unsere Handschrift ist – das wissen wir alle – immer auch ein Ausdruck unserer Persönlichkeit und unseres Befindens und ein wichtiger Teil unserer Kommunikation.
Viele von uns haben nicht gezählte Stunden Unmengen an Bleistiften, Griffeln und Patronen gebraucht, bis wir zu unserer individuellen Handschrift gefunden hatten. Ich glaube, jeder von uns erinnert sich auch noch daran, wie er seine eigene Unterschrift geübt hat. – Nun aber genug der Nostalgie und der Verknüpfungen. Zurück zum Antrag!
Beim Lesen der ersten Zeilen habe ich mich noch gefragt: Was denn nun? – Soll die Handschrift abgeschafft werden oder ist das Ende der Handschrift durch die Digitalisierung bereits erfolgt? Nachdem ich mir dann das ganze Konvolut aus Zitaten und diversen Studien der letzten 30 Jahre kurz angesehen hatte, konnte ich erfreulicherweise feststellen, dass die Handschrift nicht abgeschafft wird, dafür aber aus Ihrer Sicht die Digitalisierung zum Niedergang des Bildungssystems beiträgt.
(Beifall von Eva-Maria Voigt-Küppers [SPD] – Helmut Seifen [AfD]: Nein, dann haben Sie den Antrag nicht richtig gelesen!)