Protokoll der Sitzung vom 20.06.2013

(Beifall CDU, FDP und Wolfgang Dudda [PIRATEN])

Vielen Dank, Frau Kollegin. - Für die SPD-Fraktion erteile ich dem Abgeordneten Jürgen Weber das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Das ist jetzt in der Tat das zweite Mal in diesem Jahr, dass wir uns mit dem Thema Leistungssport befassen. Das ist ja schon einmal

(Barbara Ostmeier)

erfreulich. Beim Hochschulzulassungsgesetz haben wir das einmütig, gemeinsam gemacht. Das ist ein gutes Signal.

Bei der Frage Eliteschule des Sports sollten wir, wenn wir über die Inhalte reden, nach intensiver Debatte mehr oder weniger zu einer einheitlichen Auffassung, zu einer unterstützenden Auffassung, kommen. Mir ist zwar klar, dass es immer Leute gibt, die beim Begriff „Elite“ in Ohnmacht fallen, aber der DOSB hat nun einmal entschieden, dass es „Eliteschule des Sports“ heißt. Man hätte sie auch „Schulen der sportlichen Avantgarde“ nennen können oder wie auch immer. Das ist letztlich egal.

(Vereinzelter Beifall und Heiterkeit - Zurufe)

Dass man über Elite im Parlament lacht, verwundert ja nicht; dazu will ich mich jetzt aber nicht weiter äußern.

(Vereinzelter Beifall und Heiterkeit - Zurufe)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sollten über die Inhalte reden, um die es im Kern geht. Ich finde, dass der Bericht des Ministers sehr gut war und zum Ausdruck gebracht hat, worum es geht. Ich möchte auch Frau Ostmeier in allen zentralen Punkten eigentlich nicht widersprechen,

(Vereinzelter Beifall CDU und FDP)

sondern einige Ergänzungen machen.

Lassen Sie mich drei oder vier Anmerkungen dazu machen. Das eine ist, dass wir, wenn wir über solche Einzelmaßnahmen und über die inhaltliche Ausgestaltung reden, auch in Schleswig-Holstein und in diesem Haus eine Debatte über den Stellenwert des Spitzensports insgesamt brauchen. Wir müssen schon die Frage beantworten, wie wichtig uns sportliche Erfolge und wie wichtig uns Leistungssportlerinnen und -sportler sind, die beruflich und gesellschaftlich ihr Leben hinterher meistern können. Diese Grundsatzfrage müssen wir unabhängig von dieser konkreten Maßnahme beantworten.

(Beifall Barbara Ostmeier [CDU])

Das hat auch damit zu tun, dass, wenn wir Sport fördern - ich denke, das ist unstrittig - und wenn wir im Rahmen des gesamten Sportbereichs auch Leistungssport fördern, wir wissen müssen, dass die Möglichkeit, sich als Leistungssportler sportlich zu betätigen, begrenzt ist. Sie können mit 90 Jahren vielleicht noch Leistungssport im Schach ausüben, aber Sie können das in den meisten anderen Sportarten nicht. Wir brauchen also junge Menschen, die sich beruflich und gesellschaftlich so entwickeln

können, dass sie als Leistungssportler auch ein Stück als Vorbild in dieser Gesellschaft gelten können. Ich glaube, das sollten wir unterstützen. Deswegen sind wir im Grunde für das, was sich Eliteschulen des Sports nennt.

(Vereinzelter Beifall SPD, SSW, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und PIRATEN)

Die Zahlen und Daten sind hier schon genannt worden. Es sind immerhin bemerkenswerte Zahlen, wie ich finde. Ich rede jetzt nicht von Medaillengewinnern und -siegern, um nicht andere hier im Haus zu provozieren, sondern ich nenne nur die Zahl derjenigen, die sich an den Olympischen Spielen als Leistungssportler beteiligt haben: Von den 392 deutschen Sportlerinnen und Sportlern, die an den Start gegangen sind, kommen immerhin 104 von den sogenannten Eliteschulen des Sports. Das ist schon eine bemerkenswerte Zahl.

Auf einen Kernpunkt haben Frau Ostmeier und der Minister ausführlich hingewiesen: Das ist jetzt natürlich keine Wünsch-Dir-was-Veranstaltung, nach dem Motto: „Wir wollen so eine Schule, dann schneiden wir noch irgendwo drei oder vier Stellen heraus, das können wir, wenn wir das wollen, uns finanziell noch leisten, und dann machen wir einmal eine.“ - Die Kriterien sind hart. Der DOSB hat klare, präzise Vorgaben gemacht. Dort, wo wir nicht genügend Kaderathletinnen und -athleten haben, können wir nicht einfach sagen, dass wir eine Eliteschule machen. Das heißt, die Frage der Förderung des Leistungssports insgesamt ist ins Auge zu fassen, und dann auch konzentriert in einzelnen, auch regional begrenzten Bereichen, damit wir zu solchen Schulen kommen. Das will ich nicht alles wiederholen. Ich bitte nur sehr darum, dass wir das ins Auge fassen und uns nicht gegenseitig Forderungen zurufen, die faktisch gar nicht umsetzbar sind.

Ein vorletzter Punkt, auf den ich hinweisen möchte: Auch diese Eliteschulen wachsen im eigentlichen System. Wir brauchen sowohl für die Akzeptanz als auch für den Unterbau Verbesserungen im Schulsport insgesamt. Das ist jetzt nicht das Thema, das will ich jetzt nicht ausführen, aber wir haben im Hinblick auf Schulsportunterricht Defizite, die wir beheben müssen.

(Beifall Barbara Ostmeier [CDU] und Wolf- gang Dudda [PIRATEN])

Wir haben Anknüpfungspunkte. Die Partnerschulen des Sports sind genannt worden. Auch innerhalb der - in Anführungszeichen - normalen Schulen müssen wir schauen, ob wir für diejenigen

(Jürgen Weber)

jungen Menschen, die Spitzensport leisten und leisten wollen, den Schulalltag - also in normalen Schulen, die keine Partnerschulen geschweige denn Eliteschulen sind - entzerren und Möglichkeiten schaffen können, Sport im Rahmen dieses Schulalltags zu betreiben. Da haben wir viele praktische Detailregelungen zu treffen. Ich möchte nur, dass sie nicht vergessen werden, während wir über den großen Überbau der Eliteschulen sprechen.

Zum Schluss will ich ein ganz praktisches Beispiel nennen. Die Grunderkenntnis, dass Breitensport nur dann möglich ist - wir alle wollen Breitensport, Gesundheitssport, Betätigung von jungen Menschen aus gesundheitlichen Gründen, um sich in der Gesellschaft und in der Gruppe sozial weiterzuentwickeln -, wenn es Attraktivität und Anreize für die Jugendlichen gibt. Leistungssport und Leistungssportler bieten das.

Das ist klar, wenn man in den privaten Bereich blickt. Ich habe das gestern Abend zu Hause diskutiert. Natürlich gehen meine Jungs nicht bei jeder Möglichkeit, wenn das Wetter draußen einigermaßen gut ist und sie Zeit haben, draußen auf die Wiese, auf den Platz und spielen stundenlang bis zum Umfallen Fußball, weil sie das so spannend finden, in sieben Jahren vielleicht einmal in der C-Kreisklasse zu spielen, sondern weil sie Leistungssportler sehen, weil sie denen nacheifern und im Team gemeinsam etwas leisten wollen.

(Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW)

Das sollten wir ihnen ermöglichen, und das sollten wir gemeinsam tun. - Danke schön.

(Beifall SPD, CDU, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und SSW)

Vielen Dank, Herr Kollege. - Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erteile ich Herrn Abgeordneten Burkhard Peters das Wort.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich danke zunächst Herrn Breitner für den offenen und ehrlichen Bericht, dem wir entnehmen, dass eine Gründung einer Eliteschule des Sports in Schleswig-Holstein nicht auf der Tagesordnung steht. Ich sage hier ganz offen und um etwas Wasser in den konsensualen Wein zu gießen: Wir als Grüne sind darüber nicht so traurig.

Bei der Vorbereitung in der grünen Fraktion auf diesen Tagesordnungspunkt kam es zu einer munteren und kontroversen Debatte über Sinn und Unsinn einer Eliteschule des Sports in Schleswig-Holstein. Schon der Begriff der Eliteschule war umstritten. Mir war es wichtig darauf hinzuweisen, dass sich diese Internatsschulen nicht in Kaderschmieden in der Tradition der 25 Kinder- und Jugendsportschulen der ehemaligen DDR entwickeln dürfen.

(Dr. Heiner Garg [FDP]: Um Gottes Willen!)

Tatsächlich scheint es so, dass sich diese besondere Form der Sportförderung zum Zwecke einer höheren Medaillenausbeute bei Olympia ziemlich bruchlos in die wiedervereinigte Bundesrepublik hinübergerettet hat. So erfolgreich war eigentlich nur noch das bekannte grüne DDR-Ampelmännchen.

Die jetzt in den neuen Bundesländern noch bestehenden 20 Eliteschulen des Sports waren allesamt bereits vor der Wende Kinder- und Jugendsportschulen. Sportwissenschaftler beklagen immer wieder, dass sich zu viel von dem alten DDR-Geist in diesen Einrichtungen erhalten hat.

Nachvollziehbar ist aber auch das Anliegen, dass Kinder und Jugendliche, die wirklich begabt sind und den großen Traum vom olympischen Siegertreppchen verwirklichen wollen, auch in SchleswigHolstein eine Sportförderung erhalten sollten, bei der Sportkarriere, Schule und Berufsausbildung unter einen Hut gebracht werden können.

Das Motto der Eliteschulen macht mich jedoch skeptisch: „Hier werden aus Talenten Sieger“ - so steht es über den Türen.

(Dr. Heiner Garg [FDP]: Ja und? - Anita Klahn [FDP]: Was ist daran so schlimm?)

Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einer Elitenförderung nicht aus allen Talenten Sieger gemacht werden können. Von den 11.000 in Deutschland auf einer Eliteschule trainierenden Schülerinnen und Schülern wird nur ein kleiner Teil auch nur in den Nahbereich einer Medaillenchance oder eines internationalen Titels gelangen - eben eine Elite. Auf der Strecke bleibt ein erheblicher Anteil von Gescheiterten, die gemessen am Erfolg einen zu großen Teil ihres Kindes- und Jugendalters bedingungslos dem Leistungssport verschrieben haben.

(Zuruf Dr. Heiner Garg [FDP])

Sie sind nicht selten getrieben vom hemmungslosen Ehrgeiz ihrer Eltern. Die frühzeitige Vereinseitigung auf das Training einer bestimmten Sportart birgt die Gefahr der mentalen, emotionalen und in

(Jürgen Weber)

tellektuellen Reduzierung in sich. Dies kann spätere Lebens- und Berufschancen verengen und verbauen, ohne dass auf der Habenseite ein befriedigender sportlicher Erfolg zu verbuchen wäre.

In der Vorbereitung auf das Thema stieß ich unter anderem auf einen äußerst interessanten Filmbeitrag des WDR vom 22. April 2013, der unter dem Titel ,,Elitärer Balanceakt“ ausgestrahlt wurde und sich mit den Eliteschulen des Sports befasste. Hier kann man sehen, wie sich Kinder teilweise von morgens 5 Uhr bis abends 8 Uhr für ihren Traum quälen und schinden. Kritisch wird angemerkt, dass der Schulerfolg im Zweifel häufig zurückstehen muss. Wenn die Vorbereitung auf ein wichtiges Sportereignis im Vordergrund steht, kann die Schulzeit auf manchen Schulen ohne Weiteres um ein Jahr verlängert werden. Den jungen Sportlern bleibt nach dem Bericht kaum Zeit, sich selbst und ihren Aufwand für den Sport kritisch zu hinterfragen. Auch Fragen nach einer Zukunft außerhalb des Sports haben keinen Platz.

Besonders aufschlussreich in dem Beitrag ist die Aussage des Sportwissenschaftlers Professor Dr. Arne Güllich von der Technischen Universität Kaiserslautern. Dieser hat die Effizienz der Eliteschulen des Sports untersucht und hinterfragt. Dazu bestand vor allem nach dem aus Sicht der Öffentlichkeit zu mageren Medaillenergebnis der Sommerspiele von London erheblicher Anlass. Er kommt zu dem Ergebnis, dass bei den untersuchten Olympiateilnehmern diejenigen statistisch geringere Medaillenchancen hatten, die am längsten eine Eliteschule des Sports besucht hatten.

Er präferiert eindeutig das Modell des im angelsächsischen Bereich praktizierten Campus-Sports. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass die Sportlerinnen und Sportler nach einer längeren, nicht spezialisierten Entwicklungsphase erst relativ spät ein gezieltes Leistungstraining in einer speziellen Disziplin aufnehmen.

(Dr. Heiner Garg [FDP]: Fahren Sie mal in die USA!)

- Dies erkläre - unter anderen Faktoren - den erheblichen Erfolg im internationalen Wettbewerb von Sportlerinnen und Sportlern aus den USA - Herr Garg - Kanada, England, Australien und Neuseeland. Dort wird genau dieses Modell präferiert.

(Dr. Heiner Garg [FDP]: Da würde ich an Ih- rer Stelle mal hinfahren! Späte Spezialisie- rung!)

Diese These scheint auch durch den vorliegenden Bericht bestätigt zu werden.

(Dr. Heiner Garg [FDP]: Natürlich!)