Inklusion entsteht im Kopf. Wenn wir es alle schaffen, Verschiedenheit als normal anzusehen und Menschen nicht auszugrenzen, dann haben wir einen großen Schritt hin zu einer inklusiven Gesellschaft getan.
Dann gehören auch Berichte von der Verweigerung des Zutritts in ein Café für eine Gruppe von Menschen mit Behinderung hoffentlich der Vergangenheit an. Wir haben dieses erschreckende Beispiel aus dem Bericht der Antidiskriminierungsstelle hier am Mittwoch gehört.
Ja, Inklusion ist auch eine Herausforderung. Davor verschließe ich nicht die Augen. Es ist nicht einfach, alle Kinder und Jugendlichen individuell zu fördern. Ich verstehe die Lehrkräfte, die manchmal an der Aufgabe verzweifeln. Aber diese Lehrkräfte leisten eine immens wichtige Arbeit. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Lehrkräften und auch bei den Erzieherinnen und Erziehern und den multiprofessionellen Teams in den Kitas und Schulen für ihre großartige Arbeit bedanken.
Das Land unterstützt die Lehrkräfte bei der Inklusion. Wir haben in Schleswig-Holstein schon viele gute Ansätze. Diese werden im vorgelegten Bericht deutlich. Vielen Dank an die Ministerin und ihr Haus für die sehr ausführliche Darstellung. Ich will hier noch kurz einige Aspekte herausgreifen.
Wir stellen deutlich mehr Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen ein und haben die Zahl der Studien- und Referendariatsplätze deutlich erhöht. Es gibt viele Fort- und Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte. Außerdem gibt es in vielen Kreisen und einigen kreisfreien Städten sogenannte Poollösungen für Schulbegleitung und zum Teil Schulassistenz. Schulbegleitung wird nicht mehr dem einzelnen Kind zugeordnet, sondern der Schule, und die Schule verteilt gemeinsam mit Schulaufsicht und Förderzentrum die Stunden nach Bedarf.
Das ist eine sehr gute Idee, weil mehr Schülerinnen und Schüler erreicht werden und Schulbegleitung gezielt von der Schule eingesetzt werden kann.
Häufig fällt das oft langwierige Antragsverfahren für die Eltern weg, und die Schulbegleitungen können unbefristet eingestellt werden. Das ist eine Idee, die unbedingt weiterverbreitet werden sollte. Ich freue mich, dass die Ministerin bei den Gesprächen mit den kommunalen Landesverbänden hier auf einem guten Weg ist.
Seit 2014 sind die Themen Umgang mit Heterogenität, Diagnostik und Inklusion verbindlicher Teil der Lehrkräfteausbildung. Das ist eine wichtige Verbesserung im Sinne der Inklusion, liebe Kolleginnen und Kollegen. Ein weiteres, sehr gutes Konzept ist FiSch, Familie in Schule. Es findet inzwischen in sieben Kreisen und kreisfreien Städten statt und kümmert sich um Schülerinnen und Schüler mit hohem sozial-emotionalen Förderbedarf. Es bezieht ausdrücklich die Familien ein und ist sehr erfolgreich.
Im Bericht wird auch die Wichtigkeit von Bildung im Kindesalter hervorgehoben, insbesondere der Übergang von der Kita in die Grundschule. Wir sollten das Konzept eines Bildungshauses mit fließenden Übergängen zwischen Kita und Schule weiterverfolgen. Dafür gibt es gute Beispiele.
Durch frühzeitige Intervention in der Primarstufe beziehungsweise Kita können Förderbedarfe schon ausgeglichen werden. Hier ist jeder Cent richtig investiert. Beim Übergang von der Schule in den Beruf sind die Flex-Klassen im Rahmen des Handlungskonzepts PLuS ein gutes Angebot. Hier ist es wichtig, dass wir in der neuen EU-Förderperiode ausreichend ESF-Mittel zur Fortführung des Programms ins Land holen.
Es läuft schon vieles gut, aber wir haben auch viele große Herausforderungen. Einige Beispiele: Es braucht ausreichend Lehrkräftestunden, um Doppelbesetzungen und individuelle Förderungen möglich zu machen. Dazu gehört auch eine zeitweise Arbeit in Kleingruppen und für einige Schüler natürlich auch der Besuch eines Förderzentrums.
Frau Abgeordnete, ich habe großes Verständnis für die Vielfalt; aber die Redezeit ist leider abgelaufen.
Also: Insgesamt haben wir schon vieles gut auf den Weg gebracht. Wir haben aber noch ein gutes Stück Weg vor uns, und wir arbeiten weiter mit großem Elan daran.
Lassen Sie uns diesen Bericht im Bildungsausschuss weiter beraten. Dann können wir auch auf die Kritik der SPD eingehen. - Vielen Dank!
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte Frau Ministerin! Vielen Dank für den Bericht. Wir haben hier bereits einiges an Zahlen und Fakten aus dem Bericht gehört. Wir haben auch gehört, dass Schleswig-Holstein im Vergleich zu den anderen Bundesländern sehr gut dasteht. Ich bin auch der Kollegin Ines Strehlau sehr dankbar für die vielen Details, die sie aufgezählt hat.
Ich möchte dem positiven Tenor des Berichts gar nicht widersprechen, aber ich wünsche mir, wie auch schon einige meiner Vorredner, dass wir uns der Sache ein klein wenig differenzierter nähern. Denn wenn wir mit technischen Zahlen, Inklusionsund Förderquoten hantieren, dann bedeutet Inklusion für die Betroffenen weitaus mehr als das.
Bevor wir dazu kommen, möchte ich mich an dieser Stelle bei all denen bedanken, die sich engagiert und unter Aufbietung aller Kräfte dafür einsetzen, dass Inklusion trotz manch mangelnder Rahmenbedingungen überhaupt erst möglich gemacht wird. Allen diesen Menschen gilt mein ganz besonderer Dank.
Aber kommen wir zurück zum Bericht. Dazu zunächst etwas Allgemeines: Ich störe mich ein wenig an der Begrifflichkeit der Inklusion und der Inklusionsquote; denn dieser Begriff impliziert automatisch, dass es eine Exklusionsquote geben muss. Exkludiert, also sozusagen ausgeschlossen, wären dann alle Kinder, die nicht in Regelklassen unterrichtet werden würden. Diese Sichtweise halte ich für unglücklich.
Denn an der Stelle wird den Förderschulen unterstellt, dass sie sich nicht ordentlich kümmern, sie werden negiert, und sie erteilen keinen adäquaten Unterricht. Mitnichten, meine Damen und Herren. Das ist nicht wahr; denn diese Schulen leisten ganz hervorragende Arbeit, und sie sind in der Tat für manches Kind und für manche Familie aus freien Stücken als der bessere Lernort gewählt worden.
Es gibt nämlich in den Förderzentren Möglichkeiten, Unterrichtsalltag zu gestalten. Diese Möglichkeiten haben wir derzeit an den Regelschulen nicht. Die Kommunen sind in der jetzigen Finanzsituation auch gar nicht in der Lage, das umzusetzen und herzurichten. Das müssen wir uns einfach vor Augen halten, wenn wir darüber sprechen, wie wir Inklusion umsetzen.
Zum jetzigen Zeitpunkt - das wissen Sie, denn ich sage es nicht das erste Mal - plädiere ich dafür, dass wir Förderschulen erhalten müssen und auch in Zukunft noch brauchen werden.
Noch einmal: Es besteht Wahlfreiheit. Es gibt Alternativen. Wir haben eine Schulwahlfreiheit. Dazu gehört auch diese Schulform.
In dem Zusammenhang müssen wir ehrlich darüber diskutieren - dies, weil der Kollege Vogel das auch angesprochen hat -, wie weit wir am Ende eine hundertprozentige Inklusion erreichen können. Wir müssen auch ehrlich über dieses Ziel diskutieren, wenn wir dieses Wort strapazieren wollen. Dabei müssen wir auch ehrlich über die Konsequenzen sprechen; denn es hat Auswirkungen auf die Bildungspolitik im Ganzen. Es hat Auswirkungen auf die Finanzpolitik und damit auch auf andere Felder. Hier ist heute schon mehrfach gesagt worden: Inklusion gibt es nicht zum Nulltarif, und das hat auch wirklich niemals jemand behauptet. Wer das Gegenteil darstellen möchte, der hat irgendwann etwas nicht mitbekommen.
Herr Vogel, so sehr ich Sie schätze, aber wenn Sie sagen, wir blieben hinter der 18. Legislaturperiode zurück, und auf Wara Wende verweisen, dann erinnern Sie sich doch bitte auch an die massive Kritik, die es damals gegeben hat, als Wara Wende ihr kurzes Papier vorgelegt hat, das in der Tat kein Inklusionskonzept war. Das können wir aber auch gerne im Ausschuss noch weiter vertiefen.
Meine Damen und Herren, ich habe es bereits formuliert: Das Thema Inklusion ist für viele Betroffene etwas anderes als für viele von uns, die wir mit
einer gewissen Distanz über dieses Thema diskutieren, weil wir eben nicht direkt Betroffene sind oder nicht direkt Betroffene in unserer Familie haben.
Wir hatten vor Kurzem eine Veranstaltung zu diesem Thema mit Beteiligten, also nicht nur mit Betroffenen. Es besteht nach wie vor eine ganz große Unzufriedenheit, eine ganz große Frustration darüber, wie Inklusion bisher umgesetzt worden ist. In den Lehrerkollegien ist eine zu hohe Arbeitsbelastung Alltag, welche sich wiederum stark auf die Gesundheit der Lehrer niederschlägt. Hauptgründe sind fehlendes Personal, fehlende Zeit und fehlende Räumlichkeiten.
Ja, das ist nicht neu. Aber wir arbeiten daran. Ich möchte an dieser Stelle festhalten: Wir haben Ausbildungskapazitäten erhöht, wir haben zusätzliche Lehrerplanstellen geschaffen. Ich glaube, das ist ein guter Weg.
Was wir wissen müssen - das haben uns auch alle gesagt -: Ja, wir können stolz darauf sein, dass wir in unserem Land eine Inklusionsquote von 70 % haben. Aber wir haben keine Aussage über die Qualität der Inklusion. Ich bin mir sicher, dass es unser gemeinsames Ziel ist, dieses künftig noch stärker in den Fokus zu nehmen. Der Bericht ist dafür eine sehr gute Grundlage.
Insgesamt haben wir also noch viel Arbeit vor uns. Ich möchte es den Beteiligten versprechen, weil es mir wichtig ist und weil es mir die Beteiligten wert sind: Wir wollen sie unterstützen. Inklusion ist bei uns in guten Händen. Wir machen uns auf den Weg. Und wir werden auch in den Ausschüssen für Bildung und Soziales intensiv darüber sprechen. Aber ich appelliere auch an alle anderen: Denkt daran, für dieses Thema brauchen wir sehr viel Geld. Vielen Dank.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Gäste! Vielen Dank auch von meiner Seite, Frau Ministerin Prien, für Ihren Bericht zur schulischen Inklusion. Positiv halte ich auf jeden Fall fest: Gut, dass im Vordergrund nicht mehr Zahlen und Inklusionsquoten stehen, gut, dass diese Zeiten vorbei sind.
Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, meine Damen und Herren, dass der knapp 100 Seiten starke Bericht lediglich eine Bestandsaufnahme ist. Eine Vision darüber, wie sonderpädagogische Förderung in fünf oder in zehn Jahren aussehen soll, ist kaum erkennbar.
Wenn aber eine Vision fehlt, wenn eine klare Zielsetzung fehlt, dann fehlt konsequenterweise auch ein Maßnahmenpaket mit Zwischenschritten, an denen man ablesen kann, ob sich die Qualität der Inklusion denn wirklich verbessert.
Warum findet sich keine Vision, keine Zielsetzung? - Nun, das hat auch diese Debatte gezeigt: Auch deshalb, weil in diesem Haus die Meinungen darüber, wohin man eigentlich möchte, auseinandergehen. Möchten Sie, dass langfristig alle Schüler in einer Klasse unterrichtet werden oder an einer Schule? Möchten Sie, dass Förderschulen langfristig geschlossen werden? Möchten Sie, dass Behinderungskategorien dekonstruiert werden? Das würde dann einem weitgehenden Inklusionsverständnis entsprechen, was im Englischen mit Full Inclusion beschrieben wird. Oder können Sie sich unserem Inklusionsverständnis anschließen und diesem zustimmen, das davon ausgeht -
- Dass Sie das nicht können, wundert mich nicht. Aber Sie wissen ja noch gar nicht, was ich sagen will. Das zeigt Ihr Niveau.
Können Sie uns also darin folgen, dass auch künftig eine Vielzahl von sonderpädagogischen Lernorten und Organisationsformen benötigt wird, damit wir wirklich allen Schülern gerecht werden können?