Viele andere Bereiche, zum Beispiel das Beschäftigungssystem, hinken dieser Entwicklung eher hinterher. Sie sind also bei der geschlechtersensiblen Gestaltung ihrer Prozesse deutlich weniger erfolgreich.
Nur wenn man sich diese beiden Punkte vergegenwärtigt, findet man den richtigen Ansatz für das Nachdenken und auch für ein kluges Vorgehen in dieser Frage und damit auch für die Diskussion des Antrages der Fraktion DIE LINKE.
Nach vielen Jahren des Einsatzes gegen die Benachteiligung von Mädchen haben wir es jetzt tatsächlich mit Tendenzen eines gegenteiligen Phänomens zu tun. Das Geschlechterpendel in der Schule ist zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen. Jetzt werden Tendenzen einer strukturellen Benachteiligung von Jungen und jungen Männern gesehen und auch aufgegriffen, sei es der Anteil der verspätet Eingeschulten, sei es die JungenMädchen-Aufteilung im Hauptschulbildungsgang oder seien es die Schulabgänger ohne Abschluss. In all diesen Benchmarks, wie es heute so schön heißt, schneiden Jungen tatsächlich deutlich schlechter ab als Mädchen.
Nun muss man natürlich fragen, was dies für Hintergründe hat. Müssen wir uns vorhalten, in der Vergangenheit in die falsche Richtung marschiert zu sein? Stellen sich nun die vermeintlich Benachteiligten als die Gewinner heraus? - So einfach kann es, glaube ich, nicht sein. Auch das Jahresgutachten des Aktionsrates Bildung ist dort viel differenzierter.
Die Disparitäten, die auch den Landtag in der Vergangenheit oft bewegt haben, waren und sind keine Einbildung gewesen, sondern waren und sind Wirklichkeit. Dieser Befund gilt unabhängig davon, ob Mädchen in der Schule insgesamt erfolgreicher sind oder nicht.
Außerdem scheint manches Defizit in diesem Zusammenhang der Schule angelastet zu werden, obwohl sie gar nicht primär verantwortlich ist. So heißt es in dem Gutachten - und keineswegs unter Bezugnahme auf die Schule - wörtlich:
Danach verliert sich das Gutachten jedoch ziemlich ins Spekulative. Das halte ich auch nicht für verwunderlich; denn schließlich leuchtet es nur schwer ein, wie ein Lehrkörper, der überwiegend aus Frauen besteht, ausgerechnet Schülerinnen und Schülern den Eindruck vermittelt haben soll, einige der von ihnen unterrichteten Fächer seien nichts für Mädchen und Frauen.
Das passt nicht zueinander; denn wenn die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer Mädchen und Frauen sind, dann müsste doch diese Ressource, dieses Potenzial gerade dazu beitragen, dass die jungen Mädchen auf Fächer aufmerksam gemacht werden, die eben auch jenseits von Mathematik und Ingenieurwissenschaften Jungen wie Mädchen gleichermaßen betrachten,
weshalb ich Folgendes noch hinzufügen will: Wir haben es offensichtlich - das müssen wir wirklich sehr ernst nehmen - mit alltäglichen, oft unbewussten, mindestens aber unreflektierten Reproduktionsmechanismen uralter Rollenbilder und Erwartungsmuster an die Geschlechter zu tun, die den Kindern von ihrem ersten Lebenstag an vermittelt werden.
Noch heute wird mir in manch einer Grundschule mit verlässlichen Öffnungszeiten oder in einem Schulhort stolz die Jungenecke mit Spielzeugkränen, Autos, Bausteinen usw. gezeigt und - übrigens immer erst danach - die Mädchenecke mit Puppenspielzeug, Herd und Kleiderbügeln. Man glaubt es gar nicht. Und ich frage dort übrigens dann jedes Mal nach und ernte Erstaunen, weil mir das auffällt, und weil ich gern wissen möchte, warum das so ist.
Und immer, wenn zur Begrüßung des Ministers ein kleines Kulturprogramm aufgeführt wird - worüber ich mich jedes Mal freue -, sind die Jungen auffällig in der Minderheit oder sie fehlen ganz. Ich frage dann - übrigens frage ich das oft auch in den Grußwörtern -, was sie eigentlich tun, während die Mädchen die Programme einüben. Sind sie auf dem Fußballplatz? Oder spielen sie wohlmöglich zweifelhafte Computerspiele? Wir sollten also diese Phänomene sehr ernst nehmen.
Übrigens haben es auch Jungen in gemischten Lerngruppen manchmal nicht leicht. Auch das muss man sagen. Ich erinnere mich: Ich habe mich ganz mutig in der dritten Klasse als Einziger in der Gruppe der Jungen meiner Schulklasse für Nadelarbeit entschieden.
Sie glauben gar nicht, welche Rechtfertigungsprobleme das gegeben hat. Alles, was ich damals gelernt habe, kann ich übrigens noch. Aber ich wollte es ganz ernsthaft erzählen. Das war mit einem Rechtfertigungsproblem verbunden, das die Jungen 40 Jahre später meiner Meinung nach haargenau so bis heute erleben.
- Diesmal lasse ich mich nicht aus dem Konzept bringen, verehrter Herr Abgeordneter. - Das alles spricht keineswegs automatisch und ausnahmslos für die Koedukation, sondern manchmal eben auch dagegen.
Ein falsches Gleichheitsverständnis kann hierbei die Dinge durchaus gelegentlich eher forcieren als neu ordnen. Denken wir mal an die Computerkurse in den Schulen, bei denen ich wirklich dafür bin, sie nach Geschlechtern getrennt zu machen; denn es gibt Beobachtungen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, dass in diesem Arrangement sofort die Jungen die Führung übernehmen, an der Tastatur loslegen und die Mädchen sind Zaungäste und lassen sich allenfalls die Dinge anschließend erklären.
Aber, Frau Bull, auch Sie haben gesagt - ich höre immer sehr genau zu -, es sei misslich, dass in den pädagogischen Berufen so viele Frauen tätig seien.
- Gut, das ist jetzt egal, das können wir auch so herum drehen: zu wenige Männer -, und zwar mit der Begründung, dass dadurch die Jungen gar nicht die Gelegenheit bekämen, sich mit männlichen Rollenbildern zu beschäftigen.
Jetzt muss ich gleich zurückfragen: Was sind denn männliche Rollenbilder? - Daran merkt man: Schon der Frageansatz zeigt, dass wir dort ganz tief gehen müssen, um herauszukriegen, was eigentlich zu dieser geschlechterdifferenten Wahrnehmung geführt hat. Denn diese unterschiedlichen Rollenbilder kann ich nur unterschiedlich behandeln, wenn ich ihre Unterschiedlichkeit bejahe.
Wir gehen noch einen Schritt weiter. In dem Gutachten wird das übrigens gesagt - ich war ganz erstaunt -: Schon der Umstand, dass wir Jungs und Mädchen unterschiedliche Namen geben, ist die Initialzündung dieser Differenz.
Und wir haben in der deutschen Sprache neben dem Kasus den Genus. Es ist also ganz schwierig, wirklich die Subtilität dieses Problems zu erfassen. Das ändert nichts daran, dass der Antrag begründet ist. Ich werde nachher auch empfehlen, ihn im Ausschuss für Bildung und im Ausschuss für Soziales zu behandeln.
Aber ich wollte nur zeigen, dass es überhaupt nicht so einfach ist zu sagen: Das ganze System, die ganze Schule hat versagt, da stehen wir nun; plötzlich sind die Jungen diejenigen, die uns Kummer machen. So einfach ist es nicht.
Wir müssen erst einmal eine Erfolgsbilanz ziehen. Die ist ganz beträchtlich, gerade in den letzten Jahrzehnten ganz beträchtlich. Wir können uns dann in der Tat mit der Situation der Jungen auch anders auseinandersetzen. Dann müssen wir auch überlegen: Wie viel Gleichheit wollen wir eigentlich? Und dem steht die Frage gegenüber: Wie viel Gleichberechtigung und Gleichgeltung und gleiche Chancen wollen wir? - Denn die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern würde ich aus tausend guten Gründen bejahen.
Kurzum: Ich denke, eine Angleichung der Geschlechterverhältnisse in allen Bildungseinrichtungen kann ich nicht durchsetzen. Ich würde Ihnen auch ungern empfehlen, künftig bei allen Bewerbungen bei der Ausschreibung pädagogischer Stellen den Zusatz zu machen „Bewerbungen von Männern werden bei gleicher Eignung bevorzugt behandelt“ - das wäre ja die Konsequenz.
Ich kann auch in die Berufswahlfreiheit nicht einfach so eingreifen und sagen: Es sind mir einfach zu wenige Männer in diesem Beruf. Es ist offensichtlich ein Umdenken in der ganzen Gesellschaft vonnöten, das zwar im Gange ist, das ich aber mit Aktionismen in den Schulen und großen Konzepten und Programmen allein überhaupt nicht werde ansprechen können.
Ich wollte damit nur deutlich machen: Es ist ein sehr ernstes Thema, über das wir uns gerne verständigen können. Ich würde den Arbeitsauftrag gern in einen breiteren Kontext einbetten. Das habe ich deutlich gemacht. Ich würde mir gern noch etwas mehr Zeit dafür nehmen. Das sollte uns das Thema wert sein.
Deswegen empfehle ich Ihnen die Überweisung des Antrages an die Ausschüsse für Bildung, Wissenschaft und Kultur, und zwar zur federführenden Beratung, sowie an den Ausschuss für Soziales. - Vielen Dank.
Nein, keine Nachfrage. Ich habe eine allgemeine Bemerkung. Ich gehe davon aus, dass das Thema der Gender-Gerechtigkeit in der Landesregierung ernst genommen wird. Gleichwohl haben wir beim Aufruf dieses Tagesordnungspunktes gewisse Fluchttendenzen erleben müssen.
Ich finde, es sollte zumindest noch eine Ministerin hergeholt werden, damit wir auf der Regierungsbank einigermaßen gleichberechtigt sind. Ich fände es noch schöner, wenn sich zu dieser Debatte weitere Regierungsmitglieder einfinden würden.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es ist ziemlich schwierig, nach der Einbringungsrede und nach der Rede des Ministers - wir alle haben das gleiche Material gelesen und studiert und kommen alle aus der gleichen Zeit - noch etwas zu finden, das hier noch nicht gesagt worden ist.
Ich gebe der Einbringerin vollkommen Recht - das weiß sie auch -, auch dem Minister bis auf einen ganz kleinen Punkt: Es ist kein Aktionismus. Der ist, glaube ich, in diesem Antrag auch nicht verlangt worden, absolut nicht.
Vielleicht lassen Sie mich noch auf etwas hinweisen. Sie haben mehrfach gesagt, dass die Geschlechterrolle stark verbreitet sei. Aber sie ist trotzdem kein Naturgesetz und ganz und gar nicht ein Naturgesetz dafür, welche Kompetenzen ein Mensch, ob Männlein oder Weiblein, in der Bildung hat und welche nicht. Das haben andere Länder schon bewiesen. Ich kenne - das muss ich ganz ehrlich sagen - weibliche Mathematiker. Es ist also nicht einfach so, dass es so sein muss.
Andererseits: Eine Schlüsselkompetenz, bei der die Jungen im Moment wirklich sehr im Nachteil sind und die bis nach oben reicht - das ist schon mehrfach gesagt worden - ist die Lesekompetenz. Daran müssen alle, die mit Kindern zu tun haben, Eltern, Großeltern, Erzieherinnen, Erzieher, Lehrer, Lehrkräfte, arbeiten. Denn es ist schon in einer anderen Debatte davon gesprochen worden, wie wenig - das geht im Kleinkindalter los - Kindern heute vorgelesen wird. Bedeutsam ist vor allen Dingen, dass nur 8 % der Väter ihren Kindern vorlesen. Damit fällt an sich eine Vorbildwirkung für die Jungen weg, die zum Selberlesen anregen würde; denn die Väter machen es ihnen nicht vor.
Das haben auch die Iglu-Studie und die Pisa-Studie gezeigt, und zwar auf den hinteren Rängen: Wenn ich nicht lesen kann, bin ich auch nicht in der Lage, bestimmte Aufgaben zu verstehen; und wenn ich Aufgaben nicht verstehen kann, kann ich sie auch nicht lösen.
Dies führt dazu, dass Jungen teilweise schlechtere und inzwischen zum großen Teil sogar entschieden schlechtere Abschlüsse haben. Die historischen Benachteiligungen von Mädchen und Frauen, die früher schon in den Schulen bestanden - Mädchen und junge Frauen mussten sich die höhere Schule erkämpfen, sie mussten sich das Studium erkämpfen usw. usf.; Mädchen hatten in Stellung zu gehen, anschließend zu heiraten und damit war es gut; mit solchen Sätzen bin sogar ich noch von meiner Oma konfrontiert worden -, sind ja nicht mehr gegeben.
Das alles hat sich für die Mädchen und für die Frauen auf die Zeit nach der Schule verschoben. Das ist bedauerlich und tragisch, aber wir kriegen das nicht so einfach geändert. Wie heute schon gesagt wurde, laufen seit Jahren Programme und bestehen Möglichkeiten für Mütter und Großmütter, ihre Töchter davon zu überzeugen, ihren Beruf anders als nach dem Motto „Haare wachsen immer, also werde lieber Friseurin“ zu wählen.
Das Schlimme ist, dass das nicht nur in Deutschland so ist, sondern dass es auch im europäischen Maßstab solche Tendenzen gibt. Ich war kürzlich auf einer Veranstaltung, auf der die Präsidentin des Nationalrates von Österreich - eine für mich sehr kompetente Frau - folgende Frage gestellt hat: Ich weiß nicht - das hat in Zukunft auch etwas mit der Bezahlung zu tun - worin der Unterschied zwischen Kaffee einschenken und Benzin eingießen besteht. Ich fand diesen Satz recht niedlich. In diesem Zusammenhang hier geht das aber zu weit.