Sie haben von der in der Tat bedenklichen Erkenntnis gesprochen, dass in Deutschland soziale Herkunft und schulische Leistung kaum voneinander abgekoppelt sind. Das wird eine der Erkenntnisse sein, bei denen ich jetzt gespannt bin auf die Differenzierung. Wir müssen wissen, welches Konzept hilfreich ist. Professor Baumert hat in diesem Zusammenhang die beruflichen Gymnasien als ausgezeichnetes Beispiel für die Verringerung der damit zusammenhängenden Selektion genommen.
Wir das sage ich auch einmal ganz deutlich investieren allein 1 500 Lehrerstellen für eine breite Palette an Fördermaßnahmen in unseren Schulen. 1 500 Deputate! Wenn Sie das einmal auf die 80 000 Deputate, die wir haben, hochrechnen, wird deutlich: In dieser Legislaturperiode sind die Weiterentwicklung der Hauptschule übrigens als einer differenzierten Schule mit mindestens zwei bis drei Zügen, dem Praktikerzug, dem Zug, der zum mittleren Abschluss führt, und zwar flächendeckend , die Weiterentwicklung von ganz gezielten Fördermaßnahmen wie zum Beispiel jetzt den Intensivkursen hinsichtlich Lese-, Rechtschreiboder Rechenschwäche ein Schwerpunkt, über den wir nicht nur reden, sondern für den auch viel Geld investiert wird, weil wir davon überzeugt sind, dass sich die Leistungsfähigkeit eines Bildungswesens wesentlich daran entscheidet, dass auch die, die sich schwer tun, eine wirkliche Chance bekommen, und zwar quer durch alle Schularten und quer durch alle Altersstufen.
Gymnasium: Sie haben wieder wie im letzten und im vorletzten Jahr gesagt: Die redet bloß von Leistung, die kürzt die Schulzeit, die nimmt das Kurssystem weg, hat aber kein Gesamtkonzept. Wir haben nun wirklich im Schulausschuss immer wieder diskutiert, wie die Entwicklung insgesamt aussehen wird. Wir haben ein naturwissenschaftliches Profil an allen Gymnasien eingeführt und damit natürlich die Konsequenz aus TIMSS gezogen. Es geht nicht einfach um ein paar Unterrichtsstunden mehr in Physik und Biologie, sondern um ein naturwissenschaftliches Praktikum, Naturphänomene, ein Kernfach Technik und Naturwissenschaften. Das ist ein völlig anderes Unterrichtskon
zept, das sehr viel stärker Schülerinnen und Schüler einbezieht, das anwendungsorientierter ist, das das naturwissenschaftliche Verstehen fördert.
Das ist doch nun alles umgesetzt. Das wissen Sie, und Sie wissen auch, dass die Gymnasien künftig, was der ausdrückliche Wunsch vieler Schulleiter gewesen ist, ein Stundenkontingent von Klasse 5 bis 10 bekommen, keine starren jahrgangsbezogenen Stundentafeln, sondern Möglichkeiten der Feinsteuerung durch die Schule.
Sie wissen ich komme darauf gleich noch ausführlicher zu sprechen , dass wir nicht mehr die Lehrplangeneration fortschreiben, die immer umfangreicher wird und immer mehr Spezialwissen und immer mehr Details enthält, sondern dass es künftig ein Kerncurriculum mit pädagogischen Gestaltungsräumen für die Schule gibt. Alles, was aus den Schulen an Wünschen an uns in Bezug auf pädagogische Gestaltung, auf Budgetierung und auch im Bereich der Schulstunden herangetragen worden ist, ist gemacht worden. Nehmen Sie das jetzt doch einfach einmal zur Kenntnis, und tun Sie nicht so, als sei das alles noch wie vor fünf oder sechs Jahren. Die Gymnasien nehmen es Ihnen mittlerweile übel.
Abitur nach zwölf Jahren: Darüber rede ich schon gar nicht mehr. Turboabitur, Turboministerin, Eliteförderung wurde gesagt. Und jetzt rennen die anderen Bundesländer alle los und können nicht schnell genug das eine oder andere Gymnasium mit diesem Abitur bekommen. Lieber Herr Zeller, da werden keine neuen Lehrpläne gemacht, da wird nicht über Inhalte nachgedacht, sondern da kommt jetzt nur der Ukas nach PISA, ganz schnell ein paarmal das achtjährige Gymnasium zustande zu bringen, damit wir von einem unverantwortlichen Umgang mit der Lebenszeit junger Menschen wegkommen.
Das ist eine der wesentlichen Ursachen für das, was wir von PISA jetzt zur Kenntnis nehmen müssen. Die Mehrheit der 15-jährigen Jugendlichen in Deutschland ist nicht in Klasse 10 wie in allen anderen Ländern. Das heißt, sie sind schon deshalb im internationalen Vergleich benachteiligt, weil sie vieles von dem, was sie gefragt werden, überhaupt noch nicht gehabt haben. Die Mehrheit der 15-Jährigen sitzt in
Ich komme schon noch zur Ganztagsschule, Herr Witzel. Ich höre es schon. Ich bin gleich so weit. Dazu kann man bei OECD auch einiges sagen.
Das heißt, wir müssen dafür sorgen und auch das ist ein wesentlicher Schritt im Hinblick auf die, die sich schwer tun , dass Kinder in Deutschland früher die Chance bekommen, zur Schule gehen zu können. Sie müssen früher die Chance bekommen, Anregungen zu bekommen. Deshalb ist der Weg richtig: Weiterentwicklung der Kooperation Grundschule Kindergarten, neues Konzept für die Erzieherinnenausbildung das liegt in der Schublade, das wird bald kommen , Aufhebung des jahrgangsbezogenen Unterrichts zugunsten von mehr individuellen Lernmög
lichkeiten in der Grundschule. Da sind wir uns im Konzept ganz nah. Wir haben viel Erfahrung damit, und deshalb können wir ganz schnell damit auch in die Fläche gehen.
Ja, ich tue es ja. Ich muss es jetzt nur einmal sagen, weil Herr Zeller das alles nicht zur Kenntnis nimmt. So ist es. Er hätte es ja nennen können!
Neue Oberstufe: Wieder wird behauptet, ich hätte das Kurssystem abgeschafft. Jetzt schauen Sie sich doch einmal den Leitfaden ich schicke ihn Ihnen noch einmal zu Gymnasiale Oberstufe an: ein Kurssystem, das mehr Möglichkeiten bietet als vorher
das stimmt, Herr Dr. Witzel; das wird mir sogar von Schülern bestätigt , eine Oberstufe, bei der wir Schluss machen mit der verrückten Entwicklung und das wissen Sie als Naturwissenschaftler ganz genau, dass es eine verrückte Entwicklung war , Schüler mit nur einer Naturwissenschaft Abitur machen zu lassen und, wie mir dieser Tage bei einer Leserkonferenz der Stuttgarter Nachrichten ein Physikprofessor aus Stuttgart gesagt hat, mit Aufgaben im Leistungskurs, die ins Vordiplom oder in die Diplomprüfung gehören. Deshalb war diese Reform längst überfällig.
Und damit komme ich zum Thema Betreuung und Ganztagsschulen. Man kann ja über vieles streiten, manches soll sogar Geschmackssache sein. Unser Problem in der Bildungspolitik ist, dass es zu viele Geschmacksurteile in Deutschland gibt. PISA wird uns helfen, dass künftig der Bewertungsmaßstab nicht mehr ist Wem gefällt was?, sondern Was wirkt wie?. Darauf freue ich mich schon sehr.
Ich gehöre zu denen, die in der Kultusministerkonferenz 1997 dafür gekämpft haben das waren lautstarke Auseinandersetzungen , dass wir uns überhaupt diesen internationalen Vergleichsstudien stellen. Sie wissen, wer bis zur letzten Minute der Konferenz versucht hat, die Beteiligung Deutschlands zu verhindern. Sie wissen das sehr genau!
Das werden wunderbare Zeiten in den nächsten Jahren. Ich möchte differenzierte Daten für 16 Länder. Wir brauchen keine Durchschnittswerte. Mich interessieren Durchschnittswerte überhaupt nicht. Mich interessieren dahinter
Aber dann gibt es Zahlen, über die man nicht streiten kann. Jetzt sagen Sie doch tatsächlich, an 7,2 % der Grundschulen gebe es Betreuungsangebote für Kinder.
An 79 % der Grundschulen gibt es ein Angebot. Das Geld für 100 % ist da. Jetzt soll ich die Eltern zwingen, dass sie ihre Kinder da hinschicken? Das ist eine ganz eigentümliche Argumentation.
Doch, ich verstehe das schon. Aber Sie wollen nicht begreifen, dass in einem Land wie Baden-Württemberg das gilt übrigens für alle anderen Bundesländer auch die Art von Halbtagsschule, von der Sie sprechen, eine wesentliche Voraussetzung hat, wenn man sie überhaupt gut findet. Diese Voraussetzung wäre, dass Sie einer Lehrergruppe, nämlich den Grundschullehrern, sagen müssten: Eure Arbeitszeit wird nicht mehr in Deputaten berechnet, sondern in Präsenzzeiten.
Da können Sie doch einmal ein paar sozialdemokratische Kollegen dransetzen. Die sollen mal anfangen, in Deutschland Verhandlungen mit der GEW zu führen. Da bin ich gerne mal nicht Vorreiterin. Da bin ich gerne mal diejenige, die abwartet, wie meine sozialdemokratischen Kolleginnen oder deren Ministerpräsidenten hier eine Umstellung hinkriegen.
Dann haben Sie noch mit Eltern zu tun. Die Vorstellung, dass alle Eltern wünschen, dass ihre Kinder von 7:30 oder 8 Uhr bis 13 oder 14 Uhr im ersten, zweiten oder dritten Schuljahr zur Schule gehen, ist fernab von der Realität. Das sage ich Ihnen.
(Beifall bei der CDU und Abgeordneten der FDP/ DVP Abg. Zeller SPD: Wer hat denn das be- hauptet? Das ist doch Quatsch, absoluter Quatsch! Das hat niemand behauptet! Das ist ein Popanz, den Sie aufbauen!)
Frau Ministerin Schavan, halten Sie die Eltern in Deutschland bzw. in Baden-Württemberg für so extrem unterschiedlich im Vergleich zu den Eltern in fast allen anderen europäischen Ländern, wo nämlich Ganztagsgrundschulen von 8 oder 9 Uhr bis mindestens 13 Uhr am Nachmittag die allergrößte Selbstverständlichkeit sind und Mütter aus diesen Ländern, wenn sie hierher kommen, in Ohnmacht fallen, wenn sie feststellen, dass für Grundschulkinder nur eine dreieinhalbstündige Unterrichtszeit am Vormittag vorgesehen ist?
Erste Antwort: Gestern hat Frau Bergmann, die Bundesfamilienministerin, eine Studie über die Lage der Familien und der Kinder in Deutschland herausgegeben. Unter den Wünschen der Familien in Deutschland Wünsche, die ihnen besonders wichtig sind liegt der Wunsch nach mehr Betreuung, was mich selbst sehr verwundert hat, bei exakt 18 %. Das hat doch eine Tradition in Deutschland. Das hat doch mit einer Menge von Dingen zu tun, über die wir im Kapitel Jugendarbeit und im Zusammenhang mit der Kinderenquete reden, Dinge, die um die Schule herum für Eltern, Kinder und Jugendliche interessant geworden sind.