Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich darf zu Anfang feststellen, dass das G 8 nach einem Jahr Laufzeit eine Großbaustelle geblieben ist. Es gibt auch keinen Plan, wie es weitergehen und was gemacht werden soll. Auf der Großbaustelle G 8 muss aber Ordnung geschaffen werden, weil das G 8 unter diesen Bedingungen für die Kinder, die Eltern und die Lehrkräfte ein unmöglicher und untragbarer Zustand ist. Es reicht nicht aus, den Lehrplan nur ein bisschen abzuspecken oder gar Intensivierungsstunden zu streichen – die übrigens das Herzstück der Reform werden sollten –, um ein wenig Entlastung in den Unterricht zu bringen.
Das eigentliche Problem gehen Sie nicht an. Sie lösen das Problem nicht, weil Sie die Mehrkosten des neuen Schulsystems G 8 nicht schultern wollen. Das ist das eigentliche Dilemma und das eigentliche Übel an der ganzen Sache. Sie haben „ein G 8 gemacht über Nacht“ – so haben wir das genannt. Es war überfallartig, und jetzt – nach einem Jahr – sind Sie leider nicht bereit, die bestehende Situation ernsthaft zu verbessern.
Wir wissen noch nicht genau, wie sich die Eltern auf diese Situation einstellen, ob sie Konsequenzen ziehen werden. Die Daten, die auf Mündliche Anfragen vorgelegt worden sind, werden wir – dessen können Sie gewiss sein – gründlich auswerten und prüfen, ob Tendenzen zu bestätigen sind, dass im ländlichen Raum oder in einigen Regi
onen die Übertrittszahlen sinken werden. Das werden wir genau überprüfen und zum nächsten Schuljahr noch einmal zur Sprache bringen.
Sie sollten Ihre Versprechungen einlösen. Sie haben sehr viel versprochen. Zum Beispiel haben Sie gesagt, das G 8 solle besser fördern. Stattdessen sind die Klassen größer geworden. Selbst das Kultusministerium gab kürzlich zu, dass 51 % der fünften Klassen in den Gymnasien 30 und mehr Schüler haben, und in den sechsten und siebten Jahrgangsstufen sind es immerhin noch 43 % und 40 %, die mehr als 30 Schüler in einer Klasse haben. Wer da besser gefördert werden soll, erschließt sich uns nicht; das bleibt ein Rätsel.
Sie hatten auch versprochen, dass alle Klassen Intensivierungsstunden zum Üben und zum Vertiefen des Stoffes bekommen werden. Das ist das Herzstück der Reform – so haben Sie es bezeichnet – gewesen. Die Intensivierungsstunden sind an die Gymnasien gegeben worden, allerdings nicht in ausreichender Zahl, sodass sich die Gymnasien nur zwischen Pest und Cholera entscheiden konnten. Wollten sie Intensivierungsstunden, mussten sie größere Klassen bilden, wollten sie kleinere Klassen, ist das zulasten der Intensivierungsstunden gegangen. Das ist die Realität an den Gymnasien. Reden Sie mit den Lehrkräften und den Schulleitern, sie werden Ihnen das bestätigen.
Sie hatten versprochen, den Lerndruck nicht größer werden zu lassen, und hatten gesagt, alle Schüler, die gymnasial geeignet seien, würden das G 8 schaffen. Wir können noch nicht wissen, ob das eintritt. Allerdings kritisieren die Kinder, Lehrkräfte und Eltern das rasante Lerntempo, dem offensichtlich nur wenige Kinder gewachsen sind. Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes, Herr Max Schmidt, hat das sehr drastisch in einer Pressemitteilung beschrieben. Ich zitiere:
Wenn es nicht bald einen Ausweg aus der jetzigen Belastungsspirale gibt, haben wir bald nur noch zu Lernmaschinen degradierte Kinder, genervte Eltern und ausgebrannte Lehrer.
Meine Damen und Herren, Sie können doch nicht allen Ernstes glauben, dass das Belastungsproblem an den Schulen mit einer Lernstoffkürzung und Lehrplankürzung zu lösen ist.
Wir sagen, dass das nicht die richtige Lösung ist. Vielmehr müssen wir überlegen – diese Forderung hatten wir von Anfang an –, den Unterricht anders zu strukturieren und Lehrkräfte einzustellen, damit die Übungsstunden abgehalten werden können.
Den Unterricht anders zu strukturieren, heißt zum Beispiel, im 45-Minuten-Takt mit rhythmisierten Unterrichtsmöglichkeiten in den Schulen zu arbeiten.
Das Ergebnis der vbw: Die Rhythmisierung des Unterrichts bringt große Lernerfolge. Die Schüler und Schülerinnen an den Hauptschulen sind um eine Note bis zwei Noten besser. Ich frage: Wenn das an den Hauptschulen funktioniert, warum sollen dann nicht auch an den Gymnasien die Schüler besser mit dem Lerntempo zurechtkommen? Rhythmisierung und Ganztagsschule an den Gymnasien sind nötig.
Sie hatten auch versprochen, dass es Mittagsbetreuung geben wird. Die Bundesregierung hat ihr Versprechen ordentlich gehalten. Sie haben das Förderprogramm maßlos für das G 8 missbraucht. Sie haben keine Ganztagsschulen gemacht, sondern den ganzen Tag Unterricht. Das haben Sie gefördert. Das ist keine gute Verwendung dieser Mittel.
Obendrein haben Sie den Kommunen eine Menge aufgehalst. Die Kommunen sind nach dem Konnexitätsprinzip eigentlich nicht beteiligt. Was man so hört – dieser Sache werden wir nachgehen –, ist die Volldeckung des G 8 bei den Kommunen nicht erreicht.
Es gibt in verschiedenen Schulen keine Mittagsbetreuung. Die Leberkäsesemmel ist die übliche Verpfl egung. Sie gibt es an vielen Schulen. Manchmal müssen die Kinder aber nur eine Stunde auf den Bus warten, dann ist gar nichts da. Sie haben auch Ihr Versprechen, die Mittagsbetreuung werde funktionieren, nicht gehalten.
Sie hatten auch versprochen, Lehrerstellen bereitzustellen. Auch das ist nicht der Fall. Auch dieses Versprechen haben Sie nicht eingelöst. Sie haben lediglich den Lehrkräften längere Arbeitszeiten verordnet. Durch die Arbeitszeiterhöhung wurde mehr Stundenpotenzial an die Gymnasien gebracht.
Aber das sagen wir Ihnen schon lange. Das sind keine neuen Lehrerköpfe, sondern das sind nur neue Stunden, die anders verteilt werden.
Die Lehrerverbände haben einen Mehrbedarf berechnet; danach könnten Sie sich orientieren. Es gibt gewisse Schülerzahlen und Schülerzahlenentwicklungen. Die Lehrerverbände gehen davon aus, dass es bis 2011 einen Mehrbedarf an 2000 Lehrerstellen gibt, allein um den Status quo von heute zu erhalten. Aber auch hier haben Sie keinen Plan. Sie sind immer noch nicht bereit, hier wirklich gegenzusteuern. Sie wollen den Mangel verwalten und glauben, damit durchzukommen. Wir fordern Sie deshalb nochmals auf, unseren Antrag zu unterstützen. Machen Sie endlich ein neues Konzept für das
Das habe ich jetzt nicht sarkastisch gemeint, sondern aus tiefster Dankbarkeit gesagt. Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Frau lernt ja nie aus, und manche Gepfl ogenheiten sind einem einfach nicht so vertraut. – Aber zum Antrag, damit wir nicht so lange brauchen: Ich spreche zu unserem Antrag, der ein pädagogisches Konzept für das G 8 fordert. Das Motiv für unseren Antrag war die Tatsache, dass auch ich übers Land gezogen bin und mir die Erfahrungen der Eltern mit dem G 8 angehört habe. Es gab auch ein Gespräch mit dem Landeselternverband. Kollege Sibler hat jetzt sicher genauso wie ich auch Hunger,
und deswegen möchte ich zu den Erkenntnissen, die wir daraus gewonnen haben, nicht mehr so viel sagen, weil dazu ein Antrag vorliegt, den wir im Bildungsausschuss schon besprochen haben und der eine Evaluation für das G 8 gefordert hat. Ich habe jetzt in der „Süddeutschen Zeitung“ gelesen, dass Herr Schneider sich doch um eine Evaluation bemüht, obwohl Sie diesen Antrag abgelehnt haben, Herr Kollege Sibler. Ich begrüße das, und Herr Sibler, ich freue mich auf den Bericht, der sicherlich zu gegebener Zeit im Ausschuss erteilt werden wird. Das Motiv für meinen Antrag war die Erkenntnis, dass die Schülerinnen und Schüler die Belastung, die die hohe Stundenzahl des G 8 mit sich bringt, als sehr stark empfi nden. Ich will nicht den Ausspruch wiederholen, den ich im Bildungsausschuss gebraucht habe und den einige Eltern wiederholt haben. Aber es ist wohl so, dass es ziemlich schwierig ist.
Ich glaube auch, dass man dieses Problem nicht mit einer einzigen Maßnahme lösen kann, sondern dass man einen Fächer an Lösungen braucht: Da wäre zum Ersten das Abspecken des Lehrplans. Ich glaube, dass das auch sinnvoll ist und zwar zugunsten der Ausbildung von Schlüsselqualifi kationen. Zweitens wäre ich dafür, die Gesamtstundenzahl herabzusetzen. Wenn meine Informationen richtig sind, wollen das auch einige Mitglieder der Kultusministerkonferenz. Eine Bandbreite wäre ja
Das Dritte wäre ein pädagogisches Konzept für das G 8, das – das ist der Unterschied zur SPD – nach unserer Auffassung von den Schulen selbst erstellt werden sollte; denn wie rhythmisierter Ganztagsunterricht geht, ist mittlerweile unter Pädagogen relativ bekannt. Wir wollen ja Freiraum für die Schulen, weg vom Dirigismus der Staatsregierung. Deswegen wollen wir, dass die Staatsregierung so wenig wie möglich vorschreibt. Der pädagogische Rahmen ist in der Literatur bekannt.
Das G 8 ist eine Ganztagsschule durch die Hintertür. Da gibt es in der 5. Klasse 31 Wochenstunden, in der 6. 33, in der 7. 34 und in der 8. 36 Stunden. Das ist schon eine relativ hohe Belastung. Um diese Belastung abzubauen, stelle ich mir vor, dass wir an allen Gymnasien Rhythmisierung vorschreiben, um die Belastung wegzunehmen. Unstrittig ist wohl, dass solche Konzepte die besseren sind. Die IZBB-Mittel geben ihnen dabei ziemlich viel an die Hand. Es ist richtig, dass die Mittel zumindest nach der letzten Liste zu 80 % von den Gymnasien in Anspruch genommen werden. Da wünsche ich mir für die anderen Schulen mehr. Eine Ganztagsschule hat Chancen im pädagogischen und im sozialen Bereich. Die Betreuungssituation wird verbessert. Sie hat auch wirtschaftliche Vorteile, wie die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft auch immer wieder betont.
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die Modellversuche verweisen. Bei uns in Unterfranken ist ein wunderbarer G 8-Modellversuch in Münnerstadt angelaufen. Allerdings ist man dort mit Geld und Personal ganz anders ausgestattet als die achtjährigen Gymnasien, die es bisher gibt. Aber das wäre, denke ich mal, meine Ziellinie. Die Ganztagsschule bietet auch die Chance, die Region mitzunehmen: Vereine, Jugendorganisationen, Künstler, Firmen, Volkshochschulen und Firmen. Deswegen brauchen die Schulen auch Freiraum, um das vor Ort selbst zu regeln.
Ich komme zu etwas Positivem: Es hat mich sehr gefreut, dass der Kultusminister dreißig Modus-21-Maßnahmen freigegeben hat. Diese Maßnahmen machen sehr viel möglich: Man kann die Stundentafel fl exibilisieren, es ist möglich, jahrgangs- und klassenübergreifenden Unterricht zu halten, man kann jetzt den Unterricht bereits ab dem neuen Schuljahr in Doppelstunden organisieren. Schüler dürfen den Unterricht eigenverantwortlich gestalten. Das Modell „Schüler lehren Schüler“ ist freigegeben worden. Sie erlauben jetzt auch Ganz- und Halbjahresprojekte in der Klasse. Das fi nde ich sehr positiv. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, dass man vielleicht noch viel Werbung und Information braucht, um diese Maßnahmen auch unter die Leute zu bringen.
Ich möchte hier zu Protokoll sagen: Die GRÜNEN stehen für die Ganztagsschule in der gebundenen Form. Wir möchten – das hat sich „anträglich“ mit der Freigabe der Modus-21-Maßnahmen überschnitten –, dass die Aktivitäten der Schüler und Schülerinnen im G 8 in einem konzeptionellen Zusammenhang stehen. Es soll also nicht morgens Englisch, Mathe und Deutsch und mittags ein
bisschen Sport geben, sondern es soll über den ganzen Tag verteilt sein. Wir möchten fächerübergreifenden Unterricht, moderne Unterrichtsmethoden und Intensivierungsstunden. Hausaufgaben und Schulaufgaben sollen eingebunden sein. Es kann nämlich nicht sein, dass man den ganzen Nachmittag Unterricht hat und am nächsten Tag eine Schulaufgabe schreibt. Wichtig ist, dass die Schule ein warmes Mittagessen verpfl ichtend anbietet, Sie spüren sicherlich gerade auch wie ich, wie wichtig das ist. Eine ausreichende Ausstattung mit zusätzlichem pädagogischen Personal, erweitertem Raumangebot und zusätzlichen Lehr- und Lernmitteln halten wir für erforderlich.
Gerade bei der Interpellation zur sozialen Lage hat Herr Dürr eine Evaluation gefordert. Das fordern wir hier auch. Die Schulen verantworten ihr pädagogisches Konzept gegenüber den Eltern und dem Kultusministerium, weil sie von dort auch ihr Geld bekommen. Sie evaluieren das Konzept in regelmäßigen Abständen. Es soll natürlich nicht statisch bleiben. Sie sollen es regelmäßig weiterentwickeln können. Dann hätten wir vielleicht schon einen wichtigen Kritikpunkt am achtjährigen Gymnasium vom Eis.
Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Frau Tolle, wir haben tatsächlich eine Gemeinsamkeit: Auch ich habe schon Hunger. Vielleicht wird es aber statt eines Mittagessens aufgrund der fortgeschrittenen Zeit tatsächlich nur eine Leberkässemmel werden.
(Christine Stahl (GRÜNE): Das wäre ein Grund, dass ich auch noch rede, damit Sie kein Mittagessen bekommen!)
Sehr geehrte Damen und Herren, das G 8 ist, entgegen den Stellungnahmen der Opposition, insgesamt gut gestartet. Es muss in einigen Punkten noch wachsen, beispielsweise bei der Stundentafel. Insgesamt wird das G 8 aber akzeptiert, das macht auch das Scheitern des Volksbegehrens deutlich. Die Akzeptanz des G 8 bestätigen auch die Übertrittszahlen, die wir gestern in der Aktuellen Stunde gehört haben. Von einem regionalen Gefälle kann man nicht sprechen, das verdeutlicht die regionale Verteilung dieser Übertrittszahlen.