Die Auswertung des Modellprojekts ProgeSs, das eine enge Kooperation zwischen Elternhaus, Schule, Polizei und Jugendamt beinhaltet, ergab, dass zwar die Abwesenheitsquote um 16 % verringert werden konnte, aber im Bereich der Delikte lediglich die Ladendiebstähle abnahmen. Straftaten im Bereich der physischen Gewalt, Sachbeschädigung, Einbruch, Bedrohung und Erpressung dagegen blieben gleich oder nahmen sogar leicht zu. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, meine Damen und Herren, dass das Problem nicht eindi
Was sollte getan werden, um die Zahl der Schulverweigerer zu verringern? - Die Polizei oder das Jugendamt in die Familie zu schicken, ist nicht möglich und würde auch das Problem nicht lösen. Wer hat den direktesten Zugang zu den Schülern und ihren Eltern, wenn nicht der Klassenlehrer, die Klassenlehrerin? Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, dazu braucht man Zeit.
Schulen müssen heute so viel leisten bei immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen. Bis zu 33 Kinder quetschen sich in zu kleine Klassenräume. Da werden Teilzeitanträge nicht mehr genehmigt und 10 % der Anrechnungsstunden gestrichen. Seit der Abschaffung der Orientierungsstufen müssen viele Lehrer zwischen entfernten Schulstandorten pendeln. Da bleibt keine Zeit mehr für ein Schülergespräch nach dem Unterricht.
Glauben Sie mir, meine Damen und Herren: Die Lehrerinnen und Lehrer würden sich gerne mehr mit den Schülern beschäftigen und z. B. Hausbesuche machen, um sich die Lebensumstände der Kinder näher anzusehen und mit den Eltern zu sprechen, die nicht zum Elternabend kommen. Stattdessen werden sie ständig mit neuen Ideen der Kultusministerin traktiert.
Welche anderen Unterstützungssysteme gibt es? - Psychologen, Beratungslehrer. Das schulinterne Unterstützungssystem der Beratungslehrer - ursprünglich mit fünf Entlastungsstunden versehen, inzwischen auf drei und nach Intervention zum Glück nicht auf zwei Stunden verkürzt - ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Wort „Schulpsychologen“ suggeriert eine Zuständigkeit für Schülerinnen und Schüler. Das ist aber gar nicht der Fall. Bei 44 Schulpsychologen für ganz Niedersachsen kommt einer auf 26.000 Schüler. Das ist ein Skandal, meine Damen und Herren!
Niedersachsen ist Schlusslicht unter den Bundesländern. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 2 500 Schüler pro Schulpsychologe. Diese Fachleute können in Niedersachsen nur noch für Lehrerfortbildung eingesetzt werden. Ein Ersatz
durch kommunale Beratungsstellen und niedergelassene Kinder- und Jugendtherapeuten ist nicht in Sicht; denn die sind restlos überlaufen.
Niedersachsen ist ein Sammelsurium einzelner zum Teil gut laufender Projekte. Das hat die Antwort der Landesregierung gezeigt. Andere Bundesländer sind da weiter. In Niedersachsen fehlt neben Daten auch ein außerschulisches Unterstützungssystem, das die innerschulischen Aktivitäten in besonderen Fällen ergänzen kann. Dazu bedarf es einer guten Vernetzung von Schule, Jugendhilfe und Polizei. Das klingt so einfach - Sie haben es gesagt, Frau Ministerin -, es scheitert aber häufig vor Ort an den mangelnden Ressourcen der Akteure.
Heute Morgen war von einem Quantensprung die Rede. Frau Ministerin, wir würden Ihre Schulpolitik eher als Rolle rückwärts bezeichnen, die Frust bei Lehrern, Eltern und Schülern hinterlässt.
Was wir brauchen, auch um Absentismus zu vermeiden, sind engagierte Lehrerinnen und Lehrer, gebundene Ganztagsschulen mit aktiver Elternarbeit und gut ausgestattete Schulen mit Sozialpädagogen, Beratungslehrern und Schulpsychologen.
Herr Kollege Perli, das haben wir früher auch gemeinsam getan, Unterricht geschwänzt - wenn ich das einmal so sagen darf.
Aber keiner von uns beiden sollte für die hier anwesenden Schülerinnen und Schüler in dieser Hinsicht Vorbild sein.
Schulverweigerung, Absentismus oder auch Schulschwänzen ist ein Problem, welches nicht außer Acht gelassen werden darf. Aus der Antwort der Landesregierung geht hervor, dass bereits einiges auf den Weg gebracht worden ist, durchaus auch von Vorgängerlandesregierungen. Es gab das „Programm zur Vermeidung von unentschuldigter Abwesenheit vom Unterricht“ - das ist eben schon angesprochen worden -, das Programm „Schulverweigerung - Die zweite Chance“, das Anschlussprogramm „Jugend und Chancen - Integration fördern“.
Mitte 2008 hat erstmalig die Arbeitsgruppe „Schulschwänzen/Schulverweigerung“ getagt. Dieser Arbeitsgruppe gehören Vertreter des Kultusministeriums, des Innenministeriums, des Justizministeriums, des Landespräventionsrates, der Arbeitsgemeinschaft der Jugendämter und der kommunalen Spitzenverbände an. Diese große Zahl von Vertretern aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen macht ziemlich deutlich, dass Schulabsentismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.
Zur Lösung des Problems muss man zuerst einmal die Ursachen genau analysieren. Das sind oftmals familiäre Belastungen, Resignation der Eltern, Hilflosigkeit bei der Erziehung, Bildungsdesinteresse, Aussichts- und Perspektivlosigkeit. Aber auch Ausgrenzung aus der Schulgemeinschaft und schulische Misserfolge können natürlich Ursachen für Absentismus sein. Aufgrund der Vielfalt dieser Ursachen ist es nachvollziehbar und eigentlich selbstverständlich, dass es keine pauschalen Antworten auf diese Frage geben kann.
Grundsätzlich kann man aber schon festhalten, dass ein großer Teil des Absentismus mitunter dadurch verursacht ist, dass immer mehr Eltern ihrem Erziehungsauftrag nicht mehr vollständig gerecht werden und diesen in die Schule verlagern. Es ist daher absolut richtig, mit Projekten wie z. B. den Elternlotsen den Eltern schon frühzeitig die Dimension des von ihnen übernommenen Erziehungsauftrags bewusst zu machen.
Aber auch Projekte wie die Pro-Aktiv-Center, die AQB-Klassen und die vertiefte Berufsorientierung und Praxisbegleitung an Hauptschulen zeigen, dass man der Schulverweigerung auch durch eine individuelle Förderung begegnen kann und das Land Niedersachsen hierbei gut aufgestellt ist.
Aber lassen Sie mich noch etwas im Hinblick auf heute Morgen sagen. Ich habe bei den Ursachen auch aufgeführt, dass eine gewisse Perspektivlosigkeit und Aussichtslosigkeit bei Schülern mitunter dazu führen kann, dass sie sich dem Schulbesuch verweigern. Woher rührt diese Perspektivlosigkeit mitunter?
Da sollte man sich schon einmal überlegen, wie man als Politiker in einigen Debatten auftritt. Ich kann das hier noch einmal betonen.
(Kreszentia Flauger [LINKE]: Es sprach das Vorbild für Kommunikati- on! - Weiterer Zuruf von der LINKEN: Schauen Sie einmal in den Spiegel!)
Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren von der Opposition, sind immer wieder diejenigen, die, egal welche Schulklassen dort oben auf den Besucherrängen sitzen, Hauptschüler als Restschüler deklassieren
und ihnen damit nicht deutlich machen, dass Sie sie anerkennen. Sie geben den Kindern damit die Perspektivlosigkeit. Sie sollten sich in der Tat einmal überlegen, ob nicht auch Sie zur Schulverweigerung beitragen.
Zu einer Kurzintervention erteile ich dem Kollegen Adler von der Fraktion DIE LINKE das Wort. Das Verfahren ist bekannt. Sie haben anderthalb Minuten.
gut, wenn Sie dieses Parlament daran erinnern, dass es Zuschauer gibt und dass das Benehmen einzelner Abgeordneter durchaus besser werden könnte. Aber da müssten Sie sich auch den Spiegel vorhalten und auch an Ihre eigene Fraktion denken. Das ist das Erste, was ich sagen will.
Das Zweite ist: Wenn wir das derzeitige dreigliedrige Schulsystem, welches die Hauptschule zur Restschule macht, kritisieren, dann sagen wir damit kein schlechtes Wort über diejenigen Schülerinnen und Schüler, die diese Hauptschule besuchen müssen. Wir möchten nämlich für diese Schülerinnen und Schüler ein besseres Schulsystem, das sie nicht ausgrenzt und das ihnen bessere Chancen gibt. Darum geht es.
Zu einer weiteren Kurzintervention erteile ich der Kollegin Korter von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen das Wort.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Herr Försterling, ich muss noch ein paar Dinge klarstellen. Wir haben gerade über Absentismus und den möglichen Grund Perspektivlosigkeit in der Schule gesprochen. Ist es nicht gerade Ihre Fraktion, die immer wieder vorgeschlagen hat, Hauptschülern, die keine Empfehlung für die Realschule haben, den Zugang zu ihr zu verweigern bzw. sie zu einer Aufnahmeprüfung zu zwingen?
Ist es nicht Ihre Fraktion, die das Turboabi an den Integrierten Gesamtschulen vorschreiben will und den Gesamtschulen noch den Fehler aufzwingen will, der auch bei den Gymnasien gemacht wurde? Ist es nicht Ihre Fraktion, die hier von Freiheit spricht und fünf Jahre lang erzählt hat, sie wolle den Niedersachsen die Freiheit zurückgeben, aber alles vermeidet, damit Eltern tatsächlich eine Gesamtschule mit dem Abitur nach Klasse 13 für ihre Kinder wählen können?