Protokoll der Sitzung vom 17.12.2003

"Eine gemeinsame aktuelle Auswertung der bisher weltweit vorliegenden Studien zeigt, dass bei Frauen, die Hormone einnehmen, die Zahl der Brustkrebsdiagnosen pro Behandlungsjahr geringfügig ansteigt, nicht aber die Sterblichkeit aufgrund dieser bösartigen Erkrankung."

Die internationalen Studien sagen hier das Gegenteil.

"Mit Beendigung der Hormoneinnahme geht das leicht erhöhte Brustkrebsrisiko wieder zurück."

Auch das widerlegen die Studien.

"Aus dieser Beobachtung lässt sich schließen, dass Östrogene selber nicht krebsauslösend sind, sondern nur das Wachstum bereits bestehender Krebszellen fördern."

Auch das ist nicht richtig.

"Dies ist auch eine Erklärung dafür, dass die unter Hormontherapie zusätzlich entdeckten Brustkrebserkrankungen weniger weit fortgeschritten und dadurch besser heilbar sind."

Unser Gutachter hat gesagt, sie seien aggressiver und von daher viel problematischer. Also: Die GynWeb-Seite verbreitet hier falsche Informationen, was ich sehr, sehr problematisch finde.

Woher kommt das? - Ich gehe davon aus, dass sie sich nach wie vor auf das stützt, was die Pharmaindustrie verbreitet. Ich habe hier z. B. eine Website von Liviella, ebenfalls ein Hormonpräparat. Es handelt sich um ein Kombipräparat, das weit verbreitet ist. Dort heißt es: "Die Wechseljahre lustvoll und aktiv genießen". Bei den Hinweisen und den intensiven Fragen zum Brustkrebsrisiko oder zu den Auswirkungen auf die Gebärmutter heißt es: Alles harmlos - kein Problem. Auch die Gynäkologen geben auf diesbezügliche Fragen ähnliche Antworten. Es gibt Fragen zum Krebsrisiko. Die Antworten: Völlig harmlos, geringfügig, kein Problem; da brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.

Das mag daran liegen, dass auch Schering - der Haupthersteller hier bei uns - auf seiner Website - ich habe das alles heute Morgen ausdrucken lassen - sagt: Es sind nach wie vor die Hormone. Da gibt es hervorragende Medikamente, die typische Beschwerden der Wechseljahre - Hitzewallungen, Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen usw. - bekämpfen und außerdem

vor Osteoporose schützen. - Hier wird also intensive Werbung betrieben.

Das gipfelt in der Aussage: "Frauen sind nach der Menopause glücklicher, wenn sie Hormone nehmen. Die Hormonersatztherapie fördert die Befindlichkeit." Zudem zeigt eine Studie von Schering, dass eine Hormonersatztherapie das Leben der modernen Frau zum Besseren verändert. - Ich sage: Wir haben in Nordrhein-Westfalen doppelt so viele Krebstote durch diese Hormone als Verkehrstote. Und die Pharmaindustrie sagt nach wie vor: Das Leben wird zum Besseren gewendet, und zwar für die Frauen, die diese Hormone nehmen.

(Beifall bei der SPD)

Auf die Frage nach dem Brustkrebsrisiko im Zusammenhang mit einer Hormonbehandlung führt Schering aus:

"Bei einer langjährigen Anwendung von Östrogenen ist nicht auszuschließen, dass sich das Brustkrebsrisiko leicht erhöht. Nach heutiger medizinischer Wissenschaft schätzt man dieses Risiko jedoch als gering ein. Mehr noch: Bis heute lässt sich noch nicht beurteilen, ob Brustkrebs tatsächlich durch die Hormoneinnahme häufiger auftritt oder ob er nur seltener übersehen wird."

Das ist wirklich der absolute Gipfel. Das widerspricht allem, was wir uns wirklich dezidiert in der Enquetekommission haben vorrechnen lassen. Von daher betrachte ich die Äußerung von Frau Pavlik wirklich als reinste Lobbyistenäußerung, die ich hier auch im Interesse der Frauen zurückweise, die erhebliche gesundheitliche Probleme durch diese Hormontherapie haben.

(Beifall bei GRÜNEN, SPD und einzelnen Abgeordneten der CDU - Zurufe von der FDP: Nein! Unverschämtheit!)

Wir wollen, dass Frauen in die Lage versetzt werden, informiert eine Entscheidung zu treffen. Wir haben dazu ein Bündel von Vorschlägen unterbreitet. Wir verunglimpfen die Ärzte nicht, aber wir sind der Meinung, dass sie sich tatsächlich auf den Stand von Wissenschaft und Forschung bringen bzw. durch ihre Standesvertreter bringen lassen müssen. Nur dann können sie die Frauen so informieren, wie es dem Stand der Technik, der Wissenschaft und der Forschung entspricht. Dazu dient unser Antrag. - Vielen Dank.

(Beifall bei GRÜNEN, SPD und einzelnen Abgeordneten der CDU)

Vielen Dank, Frau Hürten. - Für die FDP-Fraktion hat jetzt Frau Dr. Pavlik das Wort.

(Zuruf von der SPD: Da bin ich aber ge- spannt!)

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der hier vorliegende Antrag der Fraktionen von SPD, Grünen und der CDU bringt in der Sache wirklich nichts Neues. Spätestens seit Juli 2002, und zwar im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die WHI-Studie, ist die Hormontherapie bei Beschwerden in den Wechseljahren in allen ärztlichen Medien, aber auch in der Laienpresse, thematisiert worden.

(Zurufe von der SPD: Na und? Aber ohne Folge!)

Es gibt viele Studien zu Nutzen und Risiken dieser Therapie. Diese Studien sind aber leider - wie wir alle wissen - von sehr unterschiedlicher Qualität und Validität. Insbesondere die Interpretationen, aber mehr noch die Vorinterpretation der einzelnen Ergebnisse, trugen nicht gerade zur sachlichen Auseinandersetzung bei. Im Gegenteil: Die gesamte öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung über Nutzen und Schaden der Hormontherapie führte zu einer großen Verunsicherung der Patientinnen. Es wurde bewusst oder unbewusst Misstrauen gesät, und zwar in Bezug auf das äußerst sensible Beziehungsgeflecht zwischen Ärzten und Patienten.

(Widerspruch bei der SPD)

- Lassen Sie mich doch aussprechen. - Diese Beziehung ist nur dann tragfähig, wenn sie von Vertrauen und Respekt getragen wird. Nur vor diesem Hintergrund kann eine sachgemäße Aufklärung erfolgen, die unabdingbar zu erfolgen hat.

(Zuruf von der SPD: Hätte!)

Im vorliegenden Antrag der drei anderen Fraktionen, meine Damen und Herren, wird nun bereits mit der Überschrift suggeriert, dass Ärzte ihren Patientinnen schaden und dass deshalb diese Patientinnen vor uninformierten Ärzten geschützt werden müssen.

(Marianne Hürten [GRÜNE]: Patienten sind zu schützen!)

Das ist unserer Meinung nach eine unzulässige Einmischung der Politik in das Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient.

(Beifall bei der FDP - Zuruf von der SPD: Das darf doch nicht wahr sein!)

Ärzte handeln und behandeln nach bestem Wissen und Gewissen.

(Marianne Hürten [GRÜNE]: Aber wenn sie es doch nicht wissen!)

- Suggerieren Sie doch nicht, dass Ärzte unverantwortlich oder leichtsinnig mit ihren Patienten verfahren!

Die Ärzteschaft hat nach Kenntnis von zuverlässigen Daten und Informationen verantwortlich reagiert. Nicht nur in den Fachgesellschaften - beispielsweise denen der Gynäkologie oder in der Menopause-Gesellschaft -, sondern auf breiter Ebene wurden und werden diese Studienergebnisse diskutiert. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie hat sich intensiv damit auseinander gesetzt und in den letzten Jahren Empfehlungen zur Hormontherapie erarbeitet.

Die Indikationen sind nun wesentlich enger gefasst. Sie hält eine Hormontherapie nur bei ausgeprägten Wechseljahrsbeschwerden mit erheblichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität für angezeigt, und das auch nur für einen überschaubaren Zeitraum mit anschließender Wirkungskontrolle.

Diese Empfehlungen sind in den Praxen angekommen und werden auch in Deutschland zunehmend umgesetzt. Das zeigt sich z. B. ganz deutlich an den Verordnungszahlen allein im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Dort sinken die Anzahl der Verordnungen sowie die Ausgaben für Sexualhormone kontinuierlich.

(Zuruf von der SPD: Die können das doch gar nicht nachvollziehen!)

Die Zahl der durchschnittlichen monatlichen Verordnungen sank von 2002 auf 2003 um mehr als 30.000 Verordnungen,

(Zuruf von Marianne Hürten [GRÜNE])

nur im Bereich der KV Nordrhein. Ich habe die aktuellen Zahlen von Westfalen-Lippe vorliegen; sie sind ähnlich.

Meine Damen und Herren, wir sind in der ärztlichen Betreuung und Beratung auf einem guten und verantwortlichen Weg, auch ohne Eingreifen und überflüssige Ermahnungen des Landtags Nordrhein-Westfalen.

Hätten Sie alle darauf verzichtet, Misstrauen zwischen Arzt und Patient zu schüren, dann wäre es zu einem gemeinsamen verantwortlichen Appell gekommen. So aber blieb uns nichts anderes übrig, als mit einem Entschließungsantrag deutlich zu machen, wo die Grenzen politischer Einflussnahme liegen und gezogen werden müssen. - Vielen Dank.

(Beifall bei der FDP)

Vielen Dank, Frau Dr. Pavlik. - Für die Landesregierung hat jetzt Frau Ministerin Fischer das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Natürlich ist die Behandlung mit Hormonpräparaten bei jeder Indikation immer eine Angelegenheit, die im persönlichen Vertrauensverhältnis zwischen Patientin und Arzt bzw. Ärztin entschieden werden muss.

Schließlich sind Hormonpräparate zwar körperähnliche oder körpereigene Substanzen; letztlich sind sie aber Medikamente mit sehr starken Wirkungen und damit auch erheblichen Nebenwirkungen. Eine Nutzen-Risiko-Abwägung ist deshalb bei jeder Therapieentscheidung zwingend erforderlich.

Die Diskussion um die Hormonersatztherapie zur Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden ist nicht erst mit den veröffentlichten ersten Ergebnissen der Million-Women-Study seit August 2003 ausgelöst worden. Denn schon seit langem ist bekannt, dass Hormone, Östrogene und Gestagene, zu einer Risikoerhöhung bei Patientinnen, die ein Krebsrisiko oder ein Risiko für eine HerzKreislauf-Erkrankung haben, führen kann.

Diese Diskussion ist bereits im Zusammenhang mit der Antibabypille geführt worden. Auch dazu sind immer wieder Studien veröffentlicht worden, die auf gewisse Risiken hinweisen. Bei diesen Diskussionen standen die Risiken für den Bereich Herz-Kreislauf im Vordergrund. Diese Risiken gibt es auch bei der Hormonersatztherapie.

Im Vordergrund steht bei der hier angesprochenen Altersgruppe der Frauen das Krebsrisiko, insbesondere das Brustkrebsrisiko. Vorhandene Brustkrebszellen können durch Hormone im Wachstum stimuliert werden. Die Hormontherapie kann auch ein bestehendes Brustkrebsrisiko, z. B. bei familiären Vorerkrankungen, verstärken. Aber wir dürfen zugleich nicht die Frauen verunsichern, die auf eine Ersatztherapie angewiesen sind und über Jahre so behandelt worden sind.

(Beifall bei der FDP)