Die WHI-Studie in den USA wurde deshalb vorzeitig abgebrochen. Sowohl in den USA wie auch in Großbritannien gehen seitdem die Verordnungszahlen für Wechseljahrshormone deutlich zurück.
Die Erkenntnisse aus den Studien sind durchaus auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Allerdings werden in Deutschland nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen. Anders, als es die FDP in ihrem Entschließungsantrag behauptet, hat sich die Verordnungspraxis seitdem nur unwesentlich geändert.
Die klimakterischen Beschwerden werden von vielen Medizinern als ein Mangel gesehen, dem in der Regel durch eine Hormonersatztherapie begegnet wird. Wechseljahrshormone sind in Deutschland die am häufigsten verordneten Arzneimittel für Frauen im Lebensabschnitt zwischen 50 und 59 Jahren.
Die Enquete-Kommission hat diese Ergebnisse für so drastisch erachtet, dass es nicht zu verantworten gewesen wäre, so lange abzuwarten, bis der Bericht im Sommer 2004 vorliegt. Die Hochrechnungsergebnisse und Prognose des Gutachtens von Prof. Greiser implizieren einen sofortigen Handlungsbedarf. Das war Anlass für alle Mitglieder der Kommission, einen Antrag zu formulieren, der diese Problematik aufzeigt und die Landesregierung zu Maßnahmen auffordert, die die derzeitige Praxis der Hormonverschreibung in den Wechseljahren verändert.
Das soll vor allem durch entsprechende Aufklärungs- und Informationskampagnen geschehen. Selbst die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hat Empfehlungen zur Hormontherapie im Klimakterium veröffentlicht, die eine Verschreibung nur noch bei ausgeprägten Wechseljahrsbeschwerden mit Beeinträchtigung der Lebensqualität für vertretbar halten.
Der Landtag fordert neben der Landesregierung die verantwortlichen Akteure im Gesundheitswesen in Nordrhein-Westfalen auf, Initiativen zur Reduzierung der genannten Gesundheitsrisiken zu ergreifen.
Hierbei geht es nicht darum - das betone ich -, in das Arzt-Patientinnen-Verhältnis einzugreifen, wie es die FDP behauptet.
Vielmehr geht es darum sicherzustellen, dass Frauen über den Inhalt der internationalen Studien umfassend informiert werden. Dass das nicht geschieht, belegt eine neue Internetrecherche der Webseiten gynäkologischer Arztpraxen durch die Universität Bremen, aus der hervorgeht, dass auf
80 % der Seiten die WHI-Studie kritisiert wird und als statistische Spielerei oder als Aufhetzkampagne der Presse deklariert wird. 68 % der Webseiten befürworten Hormontherapien. Keine einzige lehnt diese ab. Nur 9 % informieren ausgewogen.
Das bestätigt, dass die geübte Praxis anders aussieht. Der Entschließungsantrag der FDP ist als reine Klientelpolitik zu bewerten.
Deshalb besteht umgehender Handlungsbedarf. Die Frauen müssen aufgeklärt und damit in die Lage versetzt werden, gemeinsam mit dem Arzt eine informierte Nutzen-Risiken-Abwägung treffen zu können.
Ich freue mich ganz besonders, dass es gelungen ist, aus der Mitte der Enquetekommission heraus einen so wichtigen Antrag so kurzfristig zu beschließen und ins Parlament einzubringen.
Deshalb bitte ich um Zustimmung zu unserem Antrag und Ablehnung des FDP-Antrags. - Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir haben Ihnen heute einen überfraktionellen Antrag dreier Fraktionen vorgelegt, da uns dieses Thema zu wichtig ist, als es im Parteiengezänk untergehen zu lassen.
Es geht uns nämlich um die Gesundheit von Tausenden von Frauen. Wie meine Vorrednerin schon betonte, haben wir in einzelnen Gutachten, die die Enquetekommission vergeben hat, den Nachweis erhalten, dass die Hormonersatztherapie in und nach den Wechseljahren erhebliche Gesundheitsrisiken mit sich bringt. Doch noch immer verschreiben Ärzte im Kampf gegen das Klimakterium Östrogene und Gestagene.
Unser Anliegen: Ein Umdenken muss an der Stelle schneller erfolgen. Der Bremsweg ist uns noch zu lang.
Lange Zeit war die Hormontherapie für Frauen in den Wechseljahren der medizinisch anerkannte Standard. Ärzte versprachen sich davon eine Lin
derung klassischer Wechseljahrsbeschwerden wie z. B. Hitzewallungen, Schweißausbrüche und Schlafstörungen. Außerdem setzten sie viele Jahre darauf, dass mit der Gabe von Hormonen nach der Menopause verschiedene Erkrankungen - beispielsweise koronare Herzkrankheiten und altersbedingte Hirnleistungsstörungen - zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern wären.
Außerdem erhoffte man sich günstige Wirkungen auch bei Depressionen, Schlafstörungen und Hautalterung. Viele Beobachtungsstudien damals hatten diese positiven Effekte einer Hormonsubstitution auch beschrieben. Es lagen zur damaligen Zeit noch keinerlei Langzeitstudien über Nutzen und Risiken der Hormontherapie vor. Somit setzte sich bei den Ärzten die Lehrmeinung durch, alle Frauen würden von einer langjährigen Hormonsubstitution profitieren.
Die Folge davon war: Die Östrogenverordnungen stiegen in den 90er-Jahren stark an. Lag die Zahl der verordneten Tagesdosen an Östrogen/Gestagen-Kombinationspräparaten 1991 noch bei knapp 600 Millionen, so erreichte sie 1999 ihren Höhepunkt mit 1 Milliarde verordneten Tagesdosen. Somit verdoppelte sich binnen zehn Jahren auch die Zahl der Frauen, die Hormone nahmen.
Die große Warnung kam dann 1998, als die erste Langzeitstudie zur Hormonersatztherapie die Begeisterung für diese Therapie schon gewaltig dämpfte. Sie war zu dem Ergebnis gekommen, dass Hormone nach bzw. in den Wechseljahren zur Prophylaxe koronarer Herzerkrankungen keinen Effekt hatten. Im Gegenteil: Zu Beginn der Therapie war eine Zunahme der Herzerkrankungen zu beobachten, die ja eigentlich verhindert werden sollte.
Erste Auswirkungen auf das Verschreibungsverhalten waren in Deutschland schon zwei Jahre später zu erkennen, wo die Zahl der verordneten Tagesdosen erstmals geringfügig abnahm.
Dann kam der Sommer 2002 und damit die große Verunsicherung. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein Teil der weltweit umfangreichsten Studie, der WHI-Studie, vorzeitig beendet. Als Grund hierfür stellte sich heraus, dass die Gesundheitsrisiken einer kombinierten Östrogen/Gestagen-Therapie deutlich höher waren als ihr präventiver Nutzen. Die Hormone erhöhten bei sonst gesunden Frauen das Thrombose-, Herzinfarkt-, Schlaganfall- und Brustkrebsrisiko. Dieses Ergebnis wurde im August 2002 auch noch durch die britische Studie unterstützt.
Wie sieht die heutige Situation aus? - Ärzte haben angefangen umzudenken. Dies zeigen die Verordnungszahlen. Vergleichen wir diese Zahlen für Deutschland allerdings mit dem amerikanischen und britischen Ausland, so fällt auf, dass der Rückgang der Verschreibungen bei uns mit knapp 20 % deutlich geringer ausfällt als in den Nachbarländern.
Die somit immer noch weit verbreitete Anwendung der Hormonersatztherapie, und dieses vor allen Dingen über lange Zeiträume hinweg, muss angesichts der nachgewiesenen Risiken nachdenklich stimmen.
Angesichts der wissenschaftlichen Ergebnisse und der aktuellen Therapieempfehlungen liegt es nun auch an den niedergelassenen Ärzten, diese möglichst schnell im therapeutischen Alltag umzusetzen, um möglichen Schaden von den Frauen abzuwenden.
Hier möchte ich noch einmal hervorheben, dass die bis vor kurzem geübte Praxis der Hormonverschreibung den damals bekannten Stand der Wissenschaft dokumentierte. Den behandelnden Ärzten, die Frauen in den 90er-Jahren dazu geraten haben, Hormone zu nehmen, wenn sie über Wechseljahresbeschwerden klagten, ist kein Vorwurf zu machen. Es galt damals ja schon fast als Kunstfehler, keine Hormone zu verschreiben. Es wurde außerdem ein regelrechter Bedarf bei den betroffenen Frauen geweckt.
Unser Anliegen ist es nun - wie in dem Antrag dargestellt -, eine möglichst weitgehende breite Basis des Informationsflusses herzustellen. Hier gilt es, nicht nur Ärzte zu informieren, die ihr Wissen weitergeben, sondern es gilt vor allen Dingen auch die Frauen zu informieren und ihnen durch diese Information die Kompetenz zu geben, die Risiken und den Nutzen einer Hormonverschreibung abzuwägen, um somit wirklich eine eigene, verantwortungsvolle Entscheidung für sich und ihre Gesundheit zu treffen.
Vielen Dank, Frau Kollegin Doppmeier. - Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht jetzt Frau Hürten.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wie Frau Howe und Frau Doppmeier schon deutlich gemacht haben,
war die massive Gesundheitsgefährdung von Frauen durch langjährige Hormonersatztherapie für die Fraktionen von SPD, CDU und Bündnis 90/Die Grünen der Anlass, umgehend einen gemeinsamen Antrag mit konkreten Forderungen in den Landtag einzubringen.
Jeden Tag sterben in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich zwei Frauen an einer Krebserkrankung, die durch die Einnahme von Hormonen im Zusammenhang mit den Wechseljahren ausgelöst wurde. In Deutschland sterben pro Jahr 3.700 Frauen an einer durch langjährige Hormonersatztherapie verursachten Krebserkrankung.
Ich will das einmal mit Verkehrstoten vergleichen: 2002 starben bundesweit 6.842 Menschen infolge eines Verkehrsunfalls; in Nordrhein-Westfalen waren es etwa 1.000 Verkehrstote, davon weniger als 300 weibliche. Das heißt: In Nordrhein-Westfalen sterben täglich mehr als doppelt so viel Frauen an den Folgen einer von Hormonen verursachen Krebserkrankung als durch den Straßenverkehr.
Diese drastischen Zahlen sind das Ergebnis des Gutachtens, das die Enquetekommission in Auftrag gegeben hat und das die amerikanische und letztendlich die englische Studie mit den Verhältnissen und den Verschreibungsgewohnheiten hier bei uns verglichen hat. Wir wollten wissen, ob die Ergebnisse übertragbar sind. Wir haben erfahren, dass sie sehr konkret übertragbar sind, und zwar sowohl bezogen auf die Frauen selber als auch bezogen auf die verabreichten Hormonpräparate und deren Zusammensetzung.
Nun zweifelt auch Frau Dr. Pavlik, wie gestern in einer Presseerklärung zu lesen war, das erhöhte Krebsrisiko nicht grundsätzlich an; aber als aufrechte Standesvertreterin der Ärzteschaft ist ihr anscheinend jeder noch so freundlich formulierte Appell an die Ärzte, ihr Verschreibungsverhalten doch bitte zu überdenken, ein Dorn im Auge. So sagt sie: Eine Einmischung der Politik in das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten muss ausdrücklich abgelehnt werden. Unsere Ärzte sind mittlerweile auf dem Stand der wissenschaftlichen Forschung und handeln entsprechend.
- Sie klopfen, ich belege Ihnen aber das Gegenteil. Auch wir haben noch einmal im Internet recherchiert. Ich will zunächst auf die Seite "www.gynweb.de" verweisen, eine Internetseite der Gynäkologen, das Gesundheitsportal mit
"Eine gemeinsame aktuelle Auswertung der bisher weltweit vorliegenden Studien zeigt, dass bei Frauen, die Hormone einnehmen, die Zahl der Brustkrebsdiagnosen pro Behandlungsjahr geringfügig ansteigt, nicht aber die Sterblichkeit aufgrund dieser bösartigen Erkrankung."