Meine Damen und Herren, die Gymnasien müssen sich von innen heraus verändern; das haben sie in der Vergangenheit übrigens bereits getan. Eine der
wesentlichen PISA-Informationen war, dass eine Expansion des Gymnasiums von 28 auf 33 % erfolgt ist. Dies ist eine ganz normale Entwicklung im Gymnasium. Ich prognostiziere Ihnen, dass diese Expansion weitergehen wird. Das macht deutlich, dass eine Veränderung des Gymnasiums von innen heraus schon in der Vergangenheit erforderlich gewesen wäre. Diesen Prozess haben Sie aber nicht aktiv mitgestaltet.
Herr Sternberg, was fachliche Diskussion angeht, würde mich interessieren, wo wir dieses pädagogisch sinnvolle Diskutieren- Sie haben uns schließlich gerade vorgeworfen, wir würden die Flucht nach vorne antreten, statt uns pädagogisch sinnvoll mit Ihnen zu unterhalten – vertiefen könnten. Unser Angebot steht, mit Ihnen in den Dialog einzutreten, Sie als Opposition anzuhören und mit Ihnen gemeinsam Politik zu machen, wenn diese sozusagen von Erkenntnisgewinn getrübt ist. Diesen Eindruck habe ich allerdings nicht bei allen Anträgen, die bisher von der Opposition kamen. Wir sind nämlich dabei, bestimmte Themen wiederzukäuen, ohne dass es uns in irgendeiner Weise weiterbringen würde. Es wäre also auch an der Qualität der oppositionellen Arbeit zu messen, inwieweit wir Ihre Vorschläge aufnehmen können.
Meine Damen und Herren, Ihre Rückmeldungen sind uns gleichwohl wichtig. Denn wir stehen in der Verantwortung für die junge Generation in Nordrhein-Westfalen, und aus dieser Verantwortung können auch Sie als Opposition sich nicht herausstehlen. – Ich bedanke mich.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Aus einer berechtigten Debatte um eine Umstrukturierung des gymnasialen Bildungsgangs ist eine heftige und emotionale Debatte um G8 und G9 geworden – und das hat berechtigte Gründe.
Es ist vollkommen richtig, dass auch Rot und Grün – das hat auch die Ministerin erwähnt – die Verweildauer an nordrhein-westfälischen Gymnasien verkürzen wollten. Statt drei Jahren in der Oberstufe sollten es nur noch zwei sein – übrigens eine Maßnahme, die auch von der Wissenschaft als durchaus sinnvoll erachtet wurde.
Doch mit dem Wechsel zu Schwarz-Gelb kam alles anders und – wie wir heute wissen – nicht unbedingt besser, Frau Pieper-von Heiden. Statt in der Oberstufe abzuspecken, entschieden Sie sich für eine Verkürzung im Sek-I-Bereich von neun auf acht Jahre; das ist Ihnen aber durchaus bekannt. Ich
Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit war unbestreitbar ein tiefer Eingriff in die Schulstruktur. Eine solch massive Veränderung bedarf jedoch einer gründlichen Vorbereitung, und diese hat es an der Stelle leider nicht gegeben.
In der aktuellen Ausgabe der „ZEIT“ beschreibt der Erziehungswissenschaftler und PISA-Studienleiter Eckhard Klieme – diese Studie und diesen Artikel haben wir heute schon des Öfteren erwähnt –, dass aus seiner Sicht die Gymnasialzeitverkürzung handwerklich schlecht umgesetzt worden sei. Oftmals werde eine zu große Stoffdichte in der siebten und achten Klasse bemängelt. Weiter führt er aus, dass es leider eine deutsche Krankheit sei, dass große Reformen ohne vorherige oder begleitende Evaluation gemacht würden. – So weit Eckhard Klieme. Dass das nicht ganz aus der Luft gegriffen ist,
lässt sich an vielen Beispielen auch ganz praktisch nachvollziehen, wenn man in die Schulen geht – wenn man das denn möchte. Dort sitzen die Jugendlichen teilweise bis 14, 15 oder auch 16 Uhr. Statt einer gesunden Mahlzeit kommt mittags der Pizza-Blitz. Hier wurde quasi der Ganztag durch die Hintertür eingeführt. Statt eines ganzheitlichen Konzepts kam er oft ganz ohne Konzept.
Meine Damen und Herren, die Antwort darauf kann nun natürlich nicht die grundsätzliche Abkehr von G8 sein. Die Ministerin hat schon ausführlich erläutert, warum das so ist. Es gibt Schulen, die sich auf einen guten Weg in Richtung G8 gemacht haben: aller Widrigkeiten zum Trotz und nicht wegen der tollen Unterstützungsmaßnahmen der schwarzgelben Landesregierung. Diese Schulen, die sich auf einen guten Weg gemacht haben, wollen wir unterstützen und ihre Erfahrungen auch für die anderen Schulen nutzbar machen.
Es war aber sehr wohl notwendig, den Schulen und den Eltern eine Option zu bieten, die wieder zum G9 zurück wollten. Deshalb haben wir ihnen diese Option auch gegeben. Herr Sternberg, vielleicht erschließt sich Ihnen heute das Mysterium des Unterschieds zwischen Option und Zwang. Vielleicht erschließt es sich Ihnen auch, Herr Witzel. Offensichtlich ist das ja für Sie ein Mysterium.
(Ralf Witzel [FDP]: Für Sie sollte es ein Mys- terium sein, dass niemand an Ihren Giftkö- dern anbeißt!)
Die große Mehrheit der Schulen hat sich für G8 entschieden. Deshalb hat die Ministerin gerade ausführlich erklärt, wie sie diesen Bildungsgang gestalten will. Also gilt es doch jetzt, nach vorne gewandt
zu diskutieren. Jetzt soll doch passieren, was – wenn wir noch einmal auf Eckhard Klieme zurückkommen – eigentlich schon vorher hätte passieren sollen und was Sie doch gerade versäumt haben.
Wir wollen jetzt ein stimmiges Gesamtkonzept entwickeln. Schule darf durch die Schulzeitverkürzung doch nicht zu einer reinen Paukanstalt verkommen. Besonders Jugendliche in der Pubertät oder um die Zeit der Pubertät herum haben oftmals gänzlich andere Sorgen. Da Schule einen großen Teil ihres Lebens ausmacht, muss Schule ihnen auch den Raum lassen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihre Interessen entdecken zu können. Aber von morgens 7:45 Uhr bis nachmittags um 15 Uhr oder noch später von Stunde zu Stunde hetzen zu müssen, ist nicht das, was ich mir unter dem Lebensraum Schule vorstelle. Das kann ich mir weder als Lehrerin noch für die Schülerinnen und Schüler gut vorstellen.
Wenn sie dann nach Hause kommen, folgt nicht unbedingt die Freizeit. Dann kommt das leidige Thema Hausaufgaben. Viele Schülerinnen und Schüler sind mit dem Thema Schule bis in den späten Abend hinein voll ausgelastet und total beschäftigt. Aber wir müssen uns doch auch fragen, welchen Sinn Hausaufgaben haben. Sind sie denn nur dazu da, um den Stoff unterzubringen, die die Lehrkräfte bei den verdichteten Lehrinhalten nicht in der regulären Schulzeit abarbeiten konnten?
Vielleicht kann man nicht immer auf Hausaufgaben verzichten; das will ich durchaus zugestehen. Vielleicht können sie im Einzelfall auch sinnvoll sein. Aber sie dienen doch eben nicht dazu, Schülerinnen und Schüler mit ihren Schwierigkeiten alleine zu lassen und sie zu frustrieren. Wenn ich die Matheaufgabe schon im Unterricht nicht verstanden habe, dienen Hausaufgaben höchstens der Vertiefung einer ausgeprägten mathematischen Frustration oder gar einer Mathephobie. Nicht jedes Kind hat Eltern, die entweder selbst bei den Hausaufgaben helfen oder Nachhilfe für ihre Kinder bezahlen können. Die lassen Sie quasi alleine hocken.
Meine Damen und Herren, die Verkürzung der Schulzeit im Gymnasium zwingt uns dazu, Schule konzeptionell anders zu denken. Das ist eben auch die große Chance, die darin steckt. Beispielsweise bietet der Ganztag neue Möglichkeiten, Schule als Lebens- und Lernraum neu zu gestalten: eine andere Rhythmisierung des Schultags, sodass Phasen intensiven Lernens durch Phasen der Entspannung ergänzt werden, um eben nicht immer von Stunde zu Stunde zu hetzen, wo man mittags schon nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.
Mehr Raum für Bewegung oder für Möglichkeiten zu eigener Kreativität sollte im Schulalltag auch Platz haben. Denn nachgewiesenermaßen steigert das
Der Ganztag bietet aber auch neue Möglichkeiten der Kooperation. Wir wissen, dass Vereine, Verbände oder die Kirchen den Ganztag, aber auch das Lernen im G8 ohne tatsächlichen Ganztag als große Herausforderung für ihre außerschulische Arbeit betrachten. Dem muss ein vernünftiges Ganztagsschulkonzept Rechnung tragen und Raum lassen für außerschulische Aktivitäten.
Gleichzeitig bieten aber Kooperationen zum Beispiel zwischen Schule und Sportvereinen große Möglichkeiten für beide Seiten. Die Schule kann die Kompetenzen der Vereine gut gebrauchen. Gleichzeitig erschließen sich den Vereinen neue Zielgruppen, und die Vereine haben die Möglichkeit, mehr Jugendliche für Bewegung, Sport und Spiel zu begeistern. Analog kann man das natürlich auch für andere Felder wie beispielsweise Musik oder andere kulturelle Aktivitäten sagen.
Die Verkürzung des Bildungsganges im Gymnasium hat eine Menge Unruhe in der Schullandschaft erzeugt und vor allem die Kinder und Jugendlichen in der Sek I einem massiven Druck durch Stofffülle und lange Schultage ausgesetzt. Hier sinnvoll zu entschlacken und den Schulalltag so zu gestalten, dass sich nicht schon Kinder ausgebrannt und überlastet fühlen, ist die anstehende Aufgabe.
Hier bietet sich auch die Möglichkeit, das Gymnasium neu zu denken. Denn laut PISA – für meinen Redebeitrag darf ich ein letztes Mal darauf zurückkommen – stagniert doch nachgewiesenermaßen gerade hier die Entwicklung. In wahrscheinlich seltener bildungspolitischer Einigkeit können wir doch sicherlich gemeinsam feststellen, dass das nicht in unserem Interesse sein kann. – Vielen Dank.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Ministerin Löhrmann, Sie präsentieren uns – gestern Abend wurde es verteilt – ein elfseitiges Papier. Man kann erkennen, dass etwa zehn Seiten der Beschreibung gewidmet sind – darauf gehe ich gleich noch näher ein – und zusammengefasst vielleicht eine Seite Ideen oder konkrete Handlungsvorschläge enthält.
Frau Löhrmann, so leicht kommen Sie mir heute nicht davon. Hier ist der politische Raum. Was Sie präsentieren, gehört im Detail sicherlich in den Fachausschuss. Das ist gar keine Frage.
Es ist aber nicht unklug gemacht: Sie wollen doch mit der heutigen Debatte, mit der heutigen Unterrichtung, davon ablenken, dass Sie nach der Regierungsübernahme einen Schulversuch machen, an dem nur 10 % der Gymnasien teilnehmen sollen, obwohl Sie im Wahlkampf allen Gymnasien G9 zugesagt haben.
Jetzt stellen Sie fest: Das ist ein Rohrkrepierer. Das ist gar nichts. Sie haben eine echte Bauchlandung hingelegt.
(Sigrid Beer [GRÜNE]: War das nicht schon Anfang Oktober? Die Zeitrechnung be- herrscht Frau Pieper-von Heiden wohl nicht!)
und kommen mit Details, wie G8 glatter und geräuschfreier funktionieren soll. An dieser Stelle bin ich ja bei Ihnen. Das haben wir als FDP auch gesagt. Damit sind wir seinerzeit einen Schritt weiter als unsere Koalitionskollegen gewesen. Wir haben auch Konzepte präsentiert. Aber darauf will ich gleich näher eingehen.
Sie haben sich also mit Ihrem Vorschlag zu G9 in eine Sackgasse manövriert. Sie haben nicht einmal gesagt, ob sich überhaupt ein Gymnasium interessiert gezeigt hat. Dazu habe ich nichts von Ihnen gehört.
(Sigrid Beer [GRÜNE]: Schauen Sie in den Pressespiegel! Da steht es drin! – Ralf Wit- zel [FDP]: Was steht denn da? – Gegenruf von Sigrid Beer [GRÜNE] – Weitere Zurufe)
Bevor ich auf diese sieben Handlungsfelder eingehen werde, möchte ich noch ein paar andere Dinge sagen, Frau Löhrmann. Ich habe mit Erstaunen vor einigen Tagen gelesen, dass Sie sozusagen den programmierten Qualitätsabbau im Gymnasium vornehmen wollen.
Sie sehen für das Gymnasium in der zehnten Klasse und für die Gesamtschulen in der elften Klasse den Ersatz schriftlicher Klausuren durch mündliche Prüfungen vor. Wenn man anschaut, wie Sie sich das vorstellen, muss man erkennen, dass Sie etwa 20 Minuten für eine mündliche Prüfung vorsehen, aber auch sagen, es könne Partnerprüfungen geben. Das heißt, dass mehrere Schüler auf einmal geprüft werden.
Ich möchte Sie bitten, mir an dieser Stelle zu erklären, inwiefern die Beurteilungssicherheit durch die