Ob und inwieweit die einzelnen Kinder ihr Leistungspotenzial ausschöpfen können, hängt in der Tat von der Qualität der pädagogischen Arbeit, von der Qualität des Unterrichts ab. Der Unterricht in den Gemeinschaftsschulen ist so angelegt, dass er sehr stark differenziert, um sehr stark den unterschiedlichen Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen gerecht werden zu können.
Ich kann es wieder konkret machen: Wir waren am Tag der offenen Tür – erfreulicherweise war auch der Kollege Jostmeier dabei – in Ascheberg und konnten uns durch den Probeunterricht, den die benachbarte Gesamtschule am Samstagnachmittag freiwillig und kostenfrei für die geplante Gemeinschaftsschule Ascheberg geboten hat, ein Bild vom Englischunterricht machen, der binnendifferenziert in Gruppen stattfindet und unterschiedlichen Anspruchsniveaus entsprochen hat.
Die Lehrerinnen und Lehrer dort sagten eben, dass die Kinder durch den anspruchsorientierten Unterricht, der sehr individuell an den jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder anknüpft, einfach besser und mehr lernen.
Es ist im Übrigen auch ein sehr ruhiges Arbeiten in den Schulen, weil der klassische Frontalunterricht dort eher die Ausnahme als die Regel ist.
Es ist also ein sehr überzeugendes Konzept, was Ihre Grundthese stützt. Das ist einer der Gründe, warum wir diesen Weg gehen.
Danke schön. – Frau Ministerin, den einen Teil meiner Frage haben Sie gar nicht beantwortet. Deswegen frage ich noch einmal ganz konkret: Findet die zweite Fremdsprache in der sechsten Klasse der Gemeinschaftsschule integriert für eine gesamte Klasse, also binnendif
Beispielsweise Französisch in Gruppen ohne Sprechen zu lernen, ist ein bisschen seltsam. Soll ein Lehrer dann auf zumindest zwei unterschiedlichen Niveaus integriert in der Klasse die zweite Fremdsprache unterrichten?
Gemeint ist: in der sechsten Klasse integriert, ja. Der Unterricht, auch in Gruppen, wie ich ihn in Ascheberg erlebt habe, war nicht stumm. In den Untergruppen haben die Kinder und Jugendlichen miteinander gesprochen. Sie haben das aber so leise getan, dass sie sich gegenseitig nicht gestört haben. Insofern war das kein stummer, sondern ein gesprochener Sprachunterricht. Trotzdem waren unterschiedliche Leistungsniveaus erkennbar.
Vielen Dank, Frau Ministerin. Den „stummen Sprachunterricht“ lasse ich mir noch einmal durch den Kopf gehen. – Herr Kollege Brockes hat eine Frage. Bitte schön.
Vielen Dank. – Frau Ministerin, bei den Gemeinschaftsschulen haben wir die Situation, dass sie meistens aus bisherigen Haupt- und Realschulen zusammengesetzt werden. Wie wollen Sie von den Lehrern her sicherstellen, dass eben auch die von Ihnen gewünschten gymnasialen Standards an diesen Schulen erfüllt werden können?
Herr Kollege Brockes, die Schulen werden nicht zusammengesetzt, sondern es handelt sich um eine neue Schulgründung. Wenn die bisherigen Schulen zusammengeführt werden, laufen sie aus. Das ist manchmal eine Hauptschule, manchmal eine Real- und Hauptschule.
Wir wollen diesen anspruchsorientierten Unterricht, der Kinder nicht über- und nicht unterfordern, sondern immer ordentlich weiterbegleiten soll, was ihre Leistungsentwicklung angeht, dadurch sicherstellen, dass wir die Lehrerteams aus Lehrerinnen und Lehrern mit unterschiedlicher Ausbildung der unterschiedlichen Schulformen zusammensetzen. Es werden also auch Gymnasiallehrer oder Gesamt
Danke schön. – Frau Ministerin, sind Ihnen die Unterrichtskonzepte der Laborschule bekannt, in der zum Beispiel Englisch ab der Klasse 1 binnendifferenziert bis zur Klasse 10 unterrichtet wird, die nach meinem Wissen entsprechend hohe Leistungen erzielen?
Kennen Sie auch zum Beispiel Filmdokumentationen wie das Archiv „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl, wo man sich darüber informieren kann, wie binnendifferenzierter Unterricht gelingt und wie man damit alle Kinder individuell fördern kann?
Frau Kollegin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Beide Beispiele sind mir bekannt. Ich war schon im Rahmen meines Universitätsstudiums für Englisch und Deutsch an der Laborschule Bielefeld. Ich muss gestehen, dass ich mir damals, als ich mich vorher informiert hatte, wie dieser Unterricht aussieht, aufgrund der Kenntnis meines eigenen Unterrichts nicht vorstellen konnte, wie revolutionär und trotzdem zielführend dort gelernt wird. Insofern kenne ich die Laborschule Bielefeld durch mehrere Besuche. Sie bietet wirklich schon immer Englisch ab Klasse 1 an, schon bevor wir mit früherem Fremdsprachenlernen angefangen haben. Sie
bringt Kinder und Jugendliche dadurch besonders zu gutem Sprechen der Fremdsprache. Aber Sprachen lernt man natürlich auch durch schriftliche Übungen; das sage ich, um dem Interesse des Präsidenten an dieser Fragestellung auch noch nachzukommen.
Es gibt also differenzierende Konzepte. Sie sind bei uns leider noch nicht so verbreitet, wie es wünschenswert wäre. Das zeigt, dass es auf die innere Arbeit der Schulen ankommt, wenn die Kinder in ihrer Vielfalt da und die Lehrerinnen und Lehrer entsprechend qualifiziert sind. Wir dürfen sie aber auch nicht überfordern, sondern wir müssen sie anleiten, weil die meisten von ihnen es bisher so nicht gelernt haben.
Danke schön, Frau Ministerin. – Frau Pieper-von Heiden stellt nun ihre dritte und letzte Frage. Bitte schön.
Vorab kann ich mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass die Laborschule vier Mal so teuer wie jede normale Schule ist. Das wissen Sie auch.
Da Sie drei Mal beherzt Nein auf die Frage gesagt haben, ob die Gymnasialbildung nun in Gemeinschaftsschulen überführt wird, fordere ich Sie konkret auf: Sagen Sie auch drei Mal beherzt Ja dazu, dass das mit Ihrer Bestandsgarantie für die Gymnasien im Land gleichzusetzen ist.
Laut Verfassung entscheiden in Nordrhein-Westfalen die Schulträger über das örtliche Schulangebot. Die Landesregierung, die Koalition und ich haben nicht vor, daran etwas zu ändern, sondern wir ermöglichen mit der Gemeinschaftsschule ein zusätzliches Angebot. Ich gehe davon aus, dass sich Eltern noch viele Jahre lang für das Gymnasium entscheiden werden. Das sollen und können sie auch tun.
Danke schön, Frau Ministerin. – Herr Witzel stellt nun seine zweite und letzte Frage. Bitte schön, Herr Witzel.
Vielen Dank, Herr Präsident. – Auch ich habe noch eine Nachfrage an Frau Ministerin Löhrmann. Sie knüpft an meine erste Frage zur BIJU-Studie an, bei der wir uns durchaus einig waren, dass situativ unterschiedliche Bedingungen in den Lerngruppen und den schulischen Angeboten auch bei vergleichbaren Ausgangsvoraussetzungen der Schüler am Ende des Bildungsweges zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können.
Sie haben Lernen in Heterogenität in den Gemeinschaftsschulen beschrieben. Deshalb frage ich Sie: Wie wollen Sie ausschließen, dass bei den sehr unterschiedlichen Niveaus, die Sie anhand der Lehrpläne vorgetragen haben, bei denen man vielleicht ähnliche Themen und vergleichbare Sachgebiete auf unterschiedlichem Anforderungsniveau in Halbjahren hat, keine zu starke Fixierung auf das schwächste Glied in der Kette erfolgt und damit viele Kinder bei ihren Entwicklungschancen hinter ihren intellektuellen Möglichkeiten zurückbleiben? Wie können Sie uns die Angst nehmen, dass das vorhandene Potenzial von Kindern durch das breit heterogene Spektrum nicht für alle so ausgeschöpft und entwickelt werden kann, wie dies bei stärkerer Differenzierung möglich wäre?
Indem man dem Prinzip, Herr Kollege Witzel, dass kein Kind unterfordert und kein Kind überfordert werden soll, Rechnung trägt, indem wir kein Kind beim Lernen zurücklassen, aber auch kein Kind beim Lernen behindern, wenn es mehr kann und mehr lernen kann.
Frau Ministerin, damit sich hier nicht ein völlig falsches Bild durch die Bemerkung der Kollegin Pieper-von Heiden über die Ausstattung der Laborschule festsetzt, frage ich Sie: Ist es richtig, dass die Lehrerstellenzuschläge dafür vorgesehen sind, dass die Ergebnisse wissenschaftlich bewertet, aufgearbeitet und für die Schulen im Land nutzbar gemacht werden, weshalb es keine überproportionale Ausstattung in Bezug auf andere Parameter ist, sondern diese nur diesem Zweck dient?
Die Laborschule Bielefeld ist eine Schule, die für die Kinder gut ist. Wenn man die aus ihr erwachsenen Erkenntnisse und Erfahrungen annimmt und weiterführt, ist diese Schule gut für den Lernforschungs- und Schulentwicklungsforschungsstandort Nordrhein-Westfalen.
Hat das Ministerium für Schule und Weiterbildung bei der Genehmigung der 17 sogenannten Gemeinschaftsschulen alle einzelnen Standorte tatsächlich adäquat und umfassend geprüft oder dabei eigene und sogar schulgesetzliche Vorgaben zur Errichtung von Gemeinschaftsschulen missachtet?
Pressekonferenz am 21. Januar 2011 hat die Ministerin für Schule und Weiterbildung zum kommenden Schuljahr insgesamt 17 Anträge zur Gründung sogenannter Gemeinschaftsschulen genehmigt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt laufen in vielen Kommunen die Anmeldungsprozesse für die unterschiedlichen weiterführenden Schulen. Hierbei ist für die Eltern unabhängig von der gewünschten Schulform eine Abschätzung der Ausgestaltung des schulischen Angebots an den jeweiligen Schulen von zentraler Bedeutung.
Schulministerin Löhrmann hat wiederholt betont, dass vonseiten der Landesregierung streng geprüft würde, ob die beantragten Standorte den Kriterien zur Errichtung von Gemeinschaftsschulen entsprechen. Zu dieser Kriterienprüfung zählten neben den grundsätzlich für die Errichtung einer Schule unerlässlichen schulgesetzlichen Vorgaben unter anderem die Vermeidung einer Bestandsgefährdung existierender Schulstandorte in Nachbarkommunen, eine regionale Abstimmung oder auch eine Elternbefragung. Genehmigt wurden schließlich unterschiedliche Ausgestaltungen der 17 sogenannten Gemeinschaftsschulen. So wurden Gemeinschaftsschulen mit unterschiedlich hoher Zügigkeit, zwei Schulen mit Bildungsgangdifferenzierung ab der 7. Klasse, Gemeinschaftsschulen mit und ohne gymnasiale Oberstufe sowie Schulen ohne und solche mit inklusivem Konzept genehmigt.
Die wiederholte Erklärung, man habe die Standorte vonseiten der Schulverwaltung umfassend geprüft, bevor die Genehmigung zur Gründung einer Gemeinschaftsschule erteilt wurde, scheint nach Einschätzung der FDP-Landtagsfraktion immer weniger glaubhaft. Für die Eltern, die gegenwärtig ihre Kinder an weiterführenden Schulen anmelden, scheint die Ausgestaltung der Versuchsschulen, die tatsächliche Einhaltung der Prüfungskriterien indes kaum verlässlich und die Abschätzung, welcher Form von Schule sie ihr Kind anvertrauen, undurchschaubar. Nach der Ablehnung der gymnasialen Oberstufe in Nettersheim/Blankenheim drängt sich die Frage nach der tatsächlichen Qualität der Prüfung durch das Ministerium für Schule und Weiterbildung sowie der Folgen an den weiteren angekündigten Oberstufenstandorten in Lippetal, Rheinberg und Finnentrop auf.
In Finnentrop erklärt hingegen laut Presse die SPD-Fraktion vor Ort, dass nach ihrer Einschätzung die Genehmigung unter anderem aufgrund haushaltsrechtlicher Fragestellungen nicht hätte erteilt werden dürfen. An unterschiedlichen weiteren genehmigten Gemeinschaftsschulstandorten wird von den Handelnden vor Ort presseöffentlich eine Ausweitung oder Stabilisierung des eigenen Schulangebots als Ziel der Gemeinschaftsschulgründung benannt, wobei dies offensichtlich zulasten der Schulen umliegender Kommunen er