Es handelt sich um die Stadt Neuss. Ergänzend wird interessanterweise auch festgestellt, dass die Zahlen an den Realschulen einbrechen.
Nun komme ich zu den Ausführungen von Herrn Dr. Rösner, die ich zitiere, weil ich auch möchte, dass sie im Parlamentsprotokoll stehen. Und Ihre Antworten, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU und FDP, auf diese Ausführungen möchte ich gerne gleich hören. Ich zitiere:
„Während Grundschulen als erste die Folgen der demografischen Entwicklung spüren, stellt sich die Situation bei den weiterführenden Schulen zeitversetzt und etwas komplizierter dar. Hier werden die Effekte der Demografie durch das Schulwahlverhalten modifiziert, in Gymnasien zum Positiven, in Haupt- und Realschulen zum Negativen. Gesamtschulen hingegen bleiben so lange unbeeinflusst, wie die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen die vorhandene Kapazität weit übertrifft. Das dürfte noch eine Zeitlang so bleiben.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Von 2001 bis 2010 sank die Zahl der Übergänger in weiterführende Schulen um fast 17 Prozent. Das ist die Folge des allgemeinen Schülerzahlrückgangs. Um diesen Durchschnittsverlust streuen die drei traditionellen Bildungsgänge erheblich: Der Verlust der Gymnasien belief sich auf maßvolle 5 Prozent, der der Realschulen aber auf 19 Prozent. Die stärksten Einbußen finden wir erwartungsgemäß bei den Hauptschulen: minus 48 Prozent.“
„Die unterschiedliche quantitative Entwicklung der traditionellen Bildungsgänge steht in einem ursächlichen Zusammenhang zum demografischen Wandel. Das bedeutet: Gymnasien kommen den Wünschen der Eltern nach und nehmen stetig steigende Anteile der Übergänger auf. Damit vermindern sie die demografischen Verluste. Diese relativen Zugewinne der Gymnasien sind am ehesten als Verluste der Realschulen erklärbar. Das war eigentlich schon immer so, denn anders ist die Expansion des Gymnasiums nicht zu verstehen. Mehrere Jahrzehnte hat das die Realschulen jedoch nicht beeindrucken können, denn mehr als das, was Sie ans Gymnasium verloren, holten sie sich aus den Hauptschulen zurück.“
Diese Zahlen bedeuten aber auch, dass fast drei Viertel aller Hauptschulen schon jetzt unter Ausnahmebedingungen arbeiten. Wenn die schulrechtlichen Vorgaben aus § 82 Abs. 4 schon von der alten Landesregierung konsequent umgesetzt worden wären, hätten Sie in Ihrer Legislatur schon mindestens die Hälfte der Hauptschulstandorte schließen müssen. Und Sie hätten vor allen Dingen uns als Parlament diese Problematik hier auf den Tisch legen müssen, damit wir Lösungen für die Eltern, na
türlich auch für die Lehrkräfte, die an den Schulen arbeiten, für die Schulträger, aber vor allen Dingen auch für die betroffenen Schülerinnen und Schüler hätten entwickeln können.
Nun ist es offenbar auch bei der CDU angekommen. Sie müssen sich endlich der Schulwirklichkeit stellen. Da scheint ja auf Ihrem Parteitag einiges an Musik drin zu sein. Ich glaube auch, dass die CDU kapiert hat, dass die Verfassungsrealität der Schulwirklichkeit angepasst werden muss. Anders kann ich die Äußerungen von Herrn Wittke nicht verstehen, der das schon sehr klar zum Ausdruck gebracht hat. Deswegen bin ich auf Ihre Beiträge gleich besonders gespannt.
Ich nehme an, es wird ein lebhafter Parteitag. 700 Änderungsanträge – das ist eine ordentliche Zahl. Ich empfehle Ihnen: Laden Sie am besten die Schulministerin, Frau Löhrmann, ein! Sie kann das gut handeln. Dann haben Sie hinterher auch ein vernünftiges Konzept. Die Vorschläge sind ja noch unsortiert – um das mal freundlich zu sagen. Im Gespräch ist ein Zwei-Säulen-Modell: eine Säule das Gymnasium, auf der anderen Seite Hauptschule, Realschule, Gesamtschule, Förderschule. Das ist außer dem Wort „Säule“ nichts anderes als das, was wir im Augenblick schon haben. Dann Verbundmodelle, Sekundärschulmodelle.
Ich glaube, da ist einiges an Gesprächsbedarf. Wir werden darüber vielleicht nach Ihren Beiträgen im zweiten Teil noch reden können. Ich habe auch zur Kenntnis genommen, dass Herr Laumann, der jetzt nicht hier ist, schon gesagt hat, dass er sich Gemeinschaftsschulen durchaus vorstellen kann. Vielleicht ist das der Weg, den wir gemeinsam gehen sollten.
Vielen Dank, Frau Kollegin Beer. – Für die CDU-Fraktion spricht nun Herr Kollege Prof. Dr. Dr. Sternberg. So viel Zeit muss sein – nach allem, was wir so hören.
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Frau Beer, unseren Parteitag und unsere Änderungsanträge lassen Sie unsere Sache sein! Übrigens,
wenn Sie aus 700 Änderungsanträgen schließen, dass da sehr viel Streit wäre, muss ich Sie leider enttäuschen: Diese 700 Änderungsanträge umfassen zum Beispiel auch Kommafehler oder Begriffsveränderungen. Wir haben das alles durchgearbeitet. Es ist keineswegs so streitig, wie einige das erhoffen.
Meine Damen und Herren, wenn ich den Text dieses Antrags lese, der hier vorliegt, über den wir heute zu beraten haben, dann frage ich mich: Was soll eigentlich der triumphierende Ton? Freuen Sie sich eigentlich darüber, dass die Zahlen so zurückgehen? Hat endlich eine Hauptschule nur eine einzige Anmeldung? Sie haben die Hauptschule doch jahrelang sturmreif geschossen.
Wie sieht es wirklich aus? An den 671 Hauptschulen in Nordrhein-Westfalen sind über 200.000 Kinder. 46.000 haben da 2009 ihren Abschluss gemacht. Das sind fast so viele wie diejenigen, die an den Realschulen ihren Abschluss gemacht haben. 67.000 Schülerinnen und Schüler kamen von den 630 Gymnasien. Das heißt, so wenige sind das nicht, die auf der Hauptschule sind, auch wenn sie in der schulpolitischen Debatte fast keine Rolle spielen.
Woher kommt eigentlich so eine arrogante Überheblichkeit gegenüber der Hauptschule und den Hauptschülerinnen und Hauptschülern? – Der Ansehensverlust der Hauptschule ist mir klar. Er ist auch vorhanden. Es gibt einen erheblichen Drang weg von der Hauptschule. Ich bin auch ganz sicher, dass sich das durch den Wegfall der verpflichtenden Grundschulempfehlungen in den letzten Tagen noch einmal sehr verstärkt hat. Wenn man mit Direktoren von Gymnasien spricht, hört man allenthalben, dass Eltern sagen: Ich habe doch Abitur; mein Kind muss selbstverständlich aufs Gymnasium, egal wie die Empfehlung für die Schule aussieht. – Das ist schichtenstabilisierend.
Frau Hendricks, Sie haben den demografischen Wandel angesprochen. Von 2000 bis 2010 haben auf die Eingangsklassen bezogen die Realschulen 10.000 Kinder, die Gymnasien 4.000 Kinder und die Hauptschulen 15.000 Kinder verloren. Das ist richtig. Es stimmt also, dass wir auch in den Eingangsklassen bei den Hauptschulen einen signifikant höheren Rückgang zu verzeichnen haben. Das heißt, dass es auch ein anderes Schulwahlverhalten gibt.
Allerdings ist die Akzeptanz der Hauptschule in unserem Land extrem verschieden. Bei der Hauptschule reden wir über völlig unterschiedliche Wirklichkeiten im Land. Das reicht von dem Kreis Olpe im Sauerland mit 27,7 % Übergangsquote zur Hauptschule und dem Kreis Borken mit 26,7 % bis Herne mit 5,6 % und Mülheim mit 5,3 %.
Woran liegt das? Der Grund ist ganz einfach; Sie kennen ihn auch. In allen Städten und allen Gebieten, in denen es eine hohe Gesamtschuldichte gibt, schicken Eltern Kinder mit einer Hauptschulempfehlung auf eine Gesamtschule. Nur die Kinder mit Hauptschulempfehlung, die an der Gesamtschule abgelehnt werden, kommen tatsächlich auf eine Schule, die man vielleicht in diesen Gebieten als Restschule bezeichnen könnte, ganz sicher aber nicht in unserem Land insgesamt.
Meine Damen und Herren, wir haben von 2005 bis 2010 viel für die Hauptschulen getan. Wir haben in den Hauptschulen echten Ganztag eingeführt – also auch mit Lehrerstellen, was richtig Geld kostet. Wir haben die Lehrerversorgung verbessert. Wir haben die Berufsorientierung entscheidend verbessert – Stichworte: Berufsorientierung ab Klasse 7 und Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft. Das heißt, dass wir die Qualifikation der Hauptschülerinnen und Hauptschüler für die duale Ausbildung deutlich verbessert haben.
Das ist auch dringend erforderlich; denn – was viele Leute nicht wissen oder nicht wahrnehmen wollen – im Jahr 2009 hat das Handwerk in NordrheinWestfalen 54 % seiner Ausbildungsverträge mit Absolventen und Absolventinnen der Hauptschulen abgeschlossen. Ich lasse Ihnen die Zahlen gerne zukommen. 37 % waren Realschüler und 9 % Abiturienten. Das Abitur spielt im Handwerk also keine Rolle. Selbst bei der IHK macht das Abitur nur 25 % aus. Wir haben in unserer bildungspolitischen Debatte eine Fixierung auf das Abitur, die völlig unsachgemäß.
Meine Damen und Herren, wir müssen Kinder für die gestiegenen theoretischen Anforderungen im Handwerksberuf fit machen. Den Handwerksberufen sowie den Facharbeiterberufen ist aber nicht damit geholfen, jetzt allen Kindern das Abitur zu geben. Es geht vielmehr darum, dass die Kinder den gestiegenen theoretischen Anforderungen gerecht werden können. Das bedeutet, dass wir die Bildung in diesen Schulzweigen verbessern müssen.
Schauen wir uns mal an, wie die Hauptschulabsolventen aussehen. Ein Drittel aller Hauptschulabsolventen – genau 32,4 % – verlässt die Hauptschule mit der Fachoberschulreife. Nur zwei Drittel haben lediglich den Hauptschulabschluss oder zum Teil auch keinen Abschluss. 5,3 % aller Hauptschulabsolventen in Nordrhein-Westfalen erwerben nach dem Abschluss der Schule sogar noch eine Hochschulzugangsberechtigung.
Das heißt, dass wir eine erhebliche vertikale Durchlässigkeit haben. Die Behauptung, man sortiere die Kinder hier nach Klasse 4 ein, habe ich immer für den größten Unfug gehalten. Wir haben eine sehr starke vertikale Durchlässigkeit. Ganz viele erwer
ben noch andere Abschlüsse. Damit haben wir ein extrem buntes Bildungssystem. Die Bildungsbiografien sind alle individuell.
Bei den Gesamtschulen werden die Hauptschulabgänger anders gezählt; denn da ist es in der Regel nicht die Entscheidung für einen Bildungsgang, sondern die Qualifikationsstufe, die nicht mehr überschritten wird. Kaum ein Schüler oder eine Schülerin mit Sekundarstufe-II-Empfehlung verlässt die Gesamtschule ins duale System; ich habe mich gerade noch einmal erkundigt.
Das bedeutet: Ein Absolvent oder eine Absolventin einer Hauptschule oder Realschule mag deutlich qualifizierter sein als Gymnasiasten und trotzdem in einen dualen Ausbildungsgang gehen. Wenn ich die Schulstufen nicht nach Unterschiedlichkeit qualifiziere, sondern nach Qualifikationsmerkmalen, ist das ein Problem. Dann wird der Hauptschulabschluss tatsächlich zum geringsten Abschluss, obwohl man sie auch als eigenständigen Abschluss für ganz bestimmte Qualifikationen wahrnehmen könnte.
Das Problem, das wir haben, ist aber ein anderes. Das Problem ist nämlich die völlig mangelnde Anerkennung von Hauptschülerinnen und Hauptschülern. Das Selbstbewusstsein von Hauptschülerinnen und Hauptschülern – vielleicht haben Sie das hier im Landtag bei Besuchergruppen auch mal erlebt – ist teilweise völlig unterentwickelt, obwohl es sich um wunderbare, angenehme, gute junge Leute handelt. Da frage ich mich manchmal, warum diese gesellschaftliche Akzeptanz eigentlich so gering ist. Es gibt Fälle von geradezu einer Ächtung von Hauptschülern in diesem Land.
Schauen wir uns jetzt mal an, wie die Statistik verfälscht. Gestern hat der sehr verehrte Herr Kollege Priggen gesagt, wir hätten in Nordrhein-Westfalen den Skandal einer zu geringen Hochschulbeteiligung der Schüler; deshalb bräuchten wir dringend eine höhere Bildung, also mehr Abitur und mehr Hochschulbildung.
Da fallen wir doch ständig auf den alten Fehler herein und vergleichen im Rahmen der OECD Äpfel mit Birnen. Denn jemand, der in Nordrhein-Westfalen eine Pflegefachschule oder eine Erzieherfachschule absolviert hat oder nach der Ausbildung im dualen System die Meisterprüfung abgelegt hat, hätte in allen anderen OECD-Ländern selbstverständlich einen Hochschulabschluss. Wir lassen uns unser Bildungssystem kaputtreden. Das ist nicht angebracht.
Für uns ist die Wahl der Eltern entscheidend. Wenn die Eltern sich anders entscheiden, dann werden wir auch andere Wege und andere Lösungen finden. Eines aber bleibt: Das, was wir für die einzelne Hauptschülerin und den einzelnen Hauptschüler getan haben und tun, das, was die brauchen, muss weitergeführt werden, egal wie das Dach heißt, unter dem das stattfindet.
Für uns ist die entscheidende Frage, wie wir diesen Ausbildungserfordernissen richtig gerecht werden können. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Gemeinschaftsschule dafür nicht der richtige Ort ist.
Meine Damen und Herren, ich bin ganz sicher – das werden wir auch in unserem Leitantrag zeigen, den wir erarbeiten –: Wir lassen kein Kind zurück, fixieren unsere Bildungspolitik aber auch nicht auf das Abitur. – Schönen Dank.