Dann können wir tatsächlich gemeinsam mit allen Beteiligten einen breiten Diskussionsprozess über notwendige Reformen einleiten und durchführen. Außerdem bin ich mir völlig sicher, dass die zurzeit stattfindenden Bildungskonferenzen mit breiter Beteiligung aller Verbände, der Lehrer-, der Eltern- und der Schülerseite auch dazu sicherlich die eine oder andere Anregung bringen werden.
Mein Fazit, kurz und schmerzlos, Kollegin Böth, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Fraktion Die Linke: Wir können nachvollziehen, dass der Antrag gut gemeint war; inhaltlich ist er aber zu wenig aussagekräftig. Deswegen lehnen wir ihn auch ab. – Danke schön.
Vielen Dank, Herr Abgeordneter Große Brömer. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Frau Abgeordnete Paul das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich kann es im Grunde genommen auch recht knapp halten; denn wir haben dieses Thema bereits breit diskutiert: Es gab eine Unterrichtung der Ministerin; es gab eine Anhörung des Ausschusses, auf die schon des Öfteren verwiesen worden ist; und es gab die Diskussionen und die Auswertung der Anhörung im Ausschuss.
Diese Diskussionen haben aber auch deutlich gemacht, dass es durch die Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs, wie sie von Schwarz-Gelb durchgeführt worden ist, zu erheblichen Verwerfungen an den Schulen gekommen ist. Ich denke, darauf können wir uns durchaus verständigen, liebe Kollegin Böth. Seinerzeit ist versäumt worden – das ist auch in der Anhörung angemerkt worden –, diesen massiven Eingriff in die Lebensgestaltung von jungen Menschen, von Kindern und Jugendlichen, und in die Schulorganisation fachlich adäquat zu begleiten und zu unterstützen.
Wir teilen die Kritik an der Umsetzung der Schulzeitverkürzung im G8 in weiten Teilen. Deshalb haben SPD und Bündnis 90/Die Grünen bereits in der Koalitionsvereinbarung festgeschrieben, dass wir die Lehrpläne weiter entschlacken und mehr Ganztag möglich machen wollen, um so den teilweise erheblichen Druck und die erheblichen Mehrbelastun
Ministerin Löhrmann hat in der Unterrichtung durch die Landesregierung im Dezember letzten Jahres sehr deutlich gemacht, dass die Landesregierung hier auch handeln wird. Ich zitiere aus dem Bericht, der Ihnen im Übrigen schriftlich zugegangen ist. Dort ist zu lesen:
„Die Landesregierung beabsichtigt, die von vielen Menschen so unbefriedigend erlebte Situation in unseren Gymnasien zu verbessern – gemeinsam im Dialog mit möglichst allen Beteiligten und Betroffenen. Betroffene sollen zu Beteiligten werden.“
Ich verweise auch auf die Bildungskonferenz, die systematisch an diese Thematik herangehen wird, die die Betroffenen zu Beteiligten macht, die auch die Verbände beteiligt und die sich der Unruhe, die in den Schulen dadurch oftmals entstanden ist, systematisch annimmt.
Die Schulministerin hat im Dezember bereits einen Maßnahmenkatalog, wie er im Übrigen in Ihrem Entschließungsantrag eingefordert wird, vorgelegt und dabei sieben zentrale Handlungsfelder angesprochen, die ich hier nicht noch einmal im Detail erläutern möchte.
Eigentlich hätten wir uns aus meiner Sicht diese Diskussion heute ein Stück weit sparen können. Denn nicht nur die Maßnahmen sind durch die Landesregierung auf den Weg gebracht worden. Für die Schulen, die mit dem G8 nun wirklich gar nichts anfangen können, die zum G9 zurückwollen, bei denen die Eltern, die Schülerinnen und Schüler sowie das Kollegium hinter der Entscheidung stehen, hat es einen entsprechenden Modellversuch gegeben.
Jetzt muss es allerdings darum gehen, dass wir den Bildungsgang G8 im notwendigen Maße weiter entschlacken und im notwendigen Maße die Entlastung vorantreiben. Das muss jetzt die zentrale Aufgabe sein. Das ist im Übrigen auch etwas, was ganz deutlich und hier auch schon als Konsequenz aus der Anhörung angesprochen worden ist: Es kann nicht darum gehen, immer eine neue Sau durchs Dorf zu treiben, wie Sie es gerade so schön gesagt haben, Frau Kollegin Böth, sondern es muss darum gehen, das, was man jetzt hat, in Ruhe erwachsen werden zu lassen, dann systematisch anzugehen und den Druck herauszunehmen. Das muss jetzt die Aufgabe sein.
Ihr Entschließungsantrag zeigt sehr deutlich, dass auch Sie erkannt haben, dass die meisten Beteiligten in der Schule eine einfache Rücknahme des G8 nicht wollen. Die von Ihnen eingeforderten Maßnahmen – ich habe es gerade schon gesagt – liegen Ihnen bereits vor und werden im Dialog mit den
Beteiligten weiterentwickelt werden. Ich bin mir ganz sicher, dass Ministerin Löhrmann uns da sicherlich sehr gerne auf dem Laufenden halten wird.
Also komme ich zu der Konklusion: Es ist alles und eigentlich schon von jedem und jeder gesagt. Wir hätten uns diese neuerliche Runde zu diesem Thema durchaus sparen können. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll gewesen, das ganze Paket vom Tisch zu nehmen und das Plenum nicht schon wieder mit einer Debatte, die wir hinlänglich geführt haben, zu überfrachten. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Frau Kollegin Paul. – Als nächste Rednerin hat nun für die Fraktion der FDP Frau Abgeordnete Piepervon Heiden das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.
Danke. – Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen der Linken, an fehlender Logik ist das wirklich nicht zu toppen. Einerseits wollen Sie die Gymnasien so schnell wie möglich abschaffen, andererseits machen Sie sich in Ihrem Antrag Gedanken über die innere Organisation der erfolgreichsten Schulform, die wir hier in NordrheinWestfalen haben.
Ihr Antrag und Ihr Gesetzentwurf sind eine Mischung aus geheuchelter Fürsorge, Populismus, aber auch Realitätsverweigerung. Wer allen Ernstes die Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs in der Sekundarstufe I mit einem Federstrich zurücknehmen will, stürzt die Schulen in ein Chaos.
Wir brauchen aber nicht mehr Unruhe. Wir brauchen keine Aushöhlung der Gymnasien. Schon gar nicht brauchen wir die chaotische Haltung: Rein in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln. Das hat auch die übergroße Mehrheit der Vertreter in der Anhörung sehr deutlich gemacht. Die schon im Wahlkampf von Rot und Grün zuckersüß angekündigte Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 hätte die reine Chaotisierung bedeutet. Letztlich hat das auch die Reaktion der Praxis bewiesen: Lediglich 14 Schulen wollten sich an diesem Modellversuch beteiligen.
Man musste sich nur die Kommentare einiger Schulleiter zu diesen erneuten Eingriffen in die Gymnasien anhören: Ein Schulleiter aus Recklinghausen nannte es ausgemachten Unsinn. Ein zweiter aus Datteln sprach von einer abstrusen Forderung, ein dritter aus Marl von dem größten Horror. Und so weiter. Auch Prof. Boos verlangte zu Recht das Festhalten am verkürzten gymnasialen Bildungsgang. Prof. Boos hat auch mit seinen ergänzenden Forderungen recht: mehr Ganztag an Gym
Die Schulen müssen aus Sicht der FDP in der Tat ihre Stundenpläne altersgemäßer organisieren, um besonders die Jüngsten zu entlasten.
Und wir brauchen in den Ergänzungsstunden eine fachliche Aufgabenbetreuung mit individueller Förderung, das heißt: inhaltlicher Wiederholung wo nötig, aber auch Vertiefung des Lernstoffes, wie wir das seit zwei Jahren vorschlagen. Diese konsequenten Verbesserungen haben wir immer wieder gefordert und wir werden sehr genau beobachten, ob die Landesregierung ihre angebliche Unterstützung auch wirklich umsetzt.
Wer den Haushaltsentwurf 2011 zur Hand nimmt, muss zur Kenntnis nehmen, dass Sie bei der sächlichen Unterstützung beim Ganztagsausbau im Zuge der Ganztagsoffensive von einem sogenannten Restbetrag von 25 Millionen € sprechen, Frau Ministerin. Das bedeutet im Vergleich zu 2010 eine Rückführung um 25 Millionen €. Zusätzliche Unterstützung der lange vernachlässigten Schulformen klingt für mich ein bisschen anders. Eine beherzte neue Ganztagsinitiative wie unter Schwarz-Gelb ist da nicht zu erkennen.
Meine Damen und Herren, trotz dieser kritischen Einschätzung bezüglich des rot-grünen Handelns muss man konstatieren: Die Landesregierung hat einen Bericht vorgelegt, in dem bekannte Mängel aufgezeigt wurden. Sie hat einige, wenn auch meist abgeschriebene, Verbesserungsvorschläge unterbreitet.
Daher macht auch der hinterhergeschobene Entschließungsantrag der Linken zu ihrem eigenen Gesetzentwurf keinen Sinn. Offenbar hat die Linke erst in der Anhörung gemerkt, dass sie mit ihrem Gesetzentwurf auf der falschen Spur war. Und wenn man das merkt, sollte man die Spur eigentlich auch wechseln; Sie sind ja selber nicht mehr wirklich davon überzeugt.
In einem Punkt allerdings liegt der Antrag der Linken zur gymnasialen Oberstufe nicht falsch: Wir brauchen eine Reform. Aber auch da sage ich das, was Herr Große Brömer gesagt hat: Die sollte nach dem doppelten Abiturjahrgang kommen.
Aber anders, als Sie offenbar glauben, Frau Böth, ist eine Oberstufe keine Spaßveranstaltung, in der jeder so lange oder so kurz verweilt, wie er möchte. Den Unterricht der Oberstufe besucht man nicht, wie es die außerschulischen Aktivitäten eben gerade so erlauben. In gymnasialen Oberstufen wird die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung erworben. Das heißt, es handelt sich nicht um einen Selbsterfahrungstrip, sondern die Oberstufe eröffnet Chancen durch Leistung.
Gerade deshalb müssen wir die Ausbildungs- und Studierfähigkeit weiter stärken. Und wir müssen zukünftig ein besonderes Augenmerk auf die Kernfächer legen. Unser Ziel muss künftig tatsächlich sein, ein Abitur in Modulen zu ermöglichen – aber anders, als sich die Linke das vorstellt. So könnte zum Beispiel ein Oberstufenschüler bei herausragenden Leistungen in Mathematik in dem Fach seiner besonderen Stärke die Abiturprüfung vielleicht früher ablegen. Das heißt, es sollten nach unserer Auffassung je nach Begabung Teilabiturprüfungen möglich werden.
Durch eine solche Modularisierung wird Jugendlichen die Chance eröffnet, bereits in der Oberstufe durch den gewonnenen zeitlichen Freiraum an die Universitäten zu gehen, ein Grundstudium zu beginnen, auch Scheine zu erwerben und Prüfungen abzulegen – das passiert alles schon in der Praxis, nur muss man auch ganz klar dazu sagen: Es gibt junge Leute, die ihr Grundstudium in einem Fach beendet haben und in demselben Fach in Gänze noch einmal das Abitur ablegen müssen. Das macht keinen Sinn; unter diesem Aspekt sollten wir wirklich auch noch einmal an dieses Thema herangehen.
Es gibt einige gute Beispiele im Land für gute Kooperationen zwischen Schulen und Hochschulen, wo wirklich hervorragende Leistungen erbracht werden. Das soll eine Möglichkeit und keine Vorschrift werden. aber man muss es einfach ins Auge fassen. Es machte wirklich keinen Sinn, sollte ein Schüler, der längst in der Oberstufe angekommen ist, noch die Prüfung der Sekundarstufe I ablegen – vergleichbar verhält es sich nämlich mit einem Oberstufenschüler, der das Grundstudium absolviert hat – in Münster gibt es dazu viele Beispiele –, aber hinterher noch das Abitur in demselben Fach ablegen muss.
Ich finde es richtig, verantwortlich mit der Zeit junger Menschen umzugehen. Das heißt, wenn sie besondere Begabungen besitzen, sind sie schon mit einem Bein an den Universitäten, aber auch ganz fest in ihrer Schule in der Oberstufe verankert, bis sie auch den Rest des Abiturs machen – das wäre der Vorschlag der FDP.
Wenn wir zum geeigneten Zeitpunkt über dieses Thema sprechen, hoffe ich, dass diese Vorschläge hier in das Regierungshandeln einfließen können, denn wir halten sie für gut. – Danke schön.
Vielen Dank, Frau Abgeordnete Pieper-von Heiden. – Für die Landesregierung spricht Frau Ministerin Löhrmann.
leginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren, um es gleich vorwegzunehmen – damit kann ich mich den meisten Vorrednerinnen und Vorrednern anschließen –: Die Landesregierung hält die vorgelegten Anträge und den Gesetzentwurf nicht für zielführend und für sehr kurzsichtig gedacht. – Ich will das gerne etwas ausführlicher erläutern.
Zum ersten Punkt, der Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe. – Liebe Kolleginnen und Kollegen, grundsätzlich gilt – und das ist ein wichtiger Punkt, auf den der Schulausschussvorsitzende schon hingewiesen hat –, dass für die bundesweite Anerkennung des Abiturs die Kultusministerkonferenzvereinbarungen zur gymnasialen Oberstufe verbindlich einzuhalten sind. Und wir wollen selbstverständlich, dass die Schülerinnen und Schüler, die bei uns das Abitur machen, bundesweit mit diesem Abitur studieren können. Das ist eine ganz zentrale Ausgangslage.
Die Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die gymnasiale Oberstufe ermöglicht auch heute schon, die Oberstufe in zwei, drei oder vier Jahren zu durchlaufen und damit eine gewisse individuelle Anpassung vorzunehmen. Der Regelfall ist ein dreijähriger Durchlauf. Eine Verkürzung auf zwei Jahre ist möglich.
Bei Vorliegen entsprechender Leistungen kann die Einführungsphase übersprungen und direkt der Eintritt in die Qualifikationsphase erfolgen. Das gilt im Übrigen auch für Schülerinnen und Schüler von Realschulen, Gesamtschulen und zukünftig von Gemeinschaftsschulen, wenn die Pflichtbedingung der Belegung einer zweiten Fremdsprache in der Sekundarstufe I erfüllt ist. Diese Regelung ermöglicht zum Beispiel auch Auslandsaufenthalte während der Einführungsphase.
Auch eine Verlängerung auf vier Jahre ist möglich: durch Wiederholung der Einführungsphase, durch Rücktritt aus dem ersten Jahr der Qualifikationsphase in die Einführungsphase bzw. aus dem zweiten oder dritten Halbjahr der Qualifikationsphase in das erste Halbjahr der Qualifikationsphase. Auch das zweite Jahr der Qualifikationsphase kann gegebenenfalls wiederholt werden.
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der Fraktion Die Linke, Ihre zweite Forderung betrifft das gleichzeitige Absolvieren von Kursen desselben Faches in Form einer Staffelung der Kurse. Welche Organisationsform Sie damit konkret meinen, wird nicht deutlich.