Protokoll der Sitzung vom 10.10.2018

Leider ist diese Selbstverständlichkeit in den politischen Führungsetagen dieses Landes kein Allgemeingut und vielleicht noch weniger in den Führungsetagen der Wirtschaftsunternehmen, die

Lehr- und Lernmaterialien sowie digitale Endgeräte vertreiben.

Da werden manchmal auch Botschaften formuliert, die einmal mehr den Bürgern müheloses Leben verheißen. So räsonierte der Chef des Bundeskanzleramtes Professor Dr. Helge Braun neulich auf einem Bildungskongress, durch die Digitalisierung sei jetzt Bildung für alle verfügbar, was auch zur Demokratisierung führe. Das Maß an Wissen, das man über das Internet erfassen könne, kollidiere mit dem Zwang zu formalen Abschlüssen. Und: Die Bildungsinstitutionen brauche man eigentlich gar nicht mehr, höchstens noch zur Motivation. – Also quasi: Schulen abschaffen.

Man erkennt an diesen Äußerungen, dass es dringend notwendig ist, sich über das Verhältnis zwischen Digitalisierung und Bildung Klarheit zu verschaffen. Das Internet oder irgendeine Lernsoftware stellen eben keine Bildung zur Verfügung, sondern lediglich Informationen. Der oft erwähnte Hacker, der in die hochgesicherten Computersysteme von Ministerien und Firmen eindringt, ist nicht deshalb schon als gebildet zu bezeichnen.

Bildung ist etwas ganz anderes: Gebildet ist eine Person, welche sich durch die Aufnahme von Informationen Wissen aneignet und in einer intensiven kommunikativen Auseinandersetzung mit diesem Wissen verstehen lernt: sich, seine Mitmenschen und seine Umwelt.

(Beifall von der AfD)

Aus diesem Verstehen bildet sich der Gebildete ein Sinngefüge von der Welt. In diesem Sinngefüge begründet liegt erst sein Urteilsvermögen, seine Reflexionstiefe, und sie ermöglicht ihm eine kritische Distanz zu sich selbst und zu seiner Umwelt.

(Beifall von der AfD)

Der Verstehensprozess aber ist ein analog ablaufender Prozess, in dem sich an Synapsen, Neuronen, ja sogar an den kortikalen Karten im Gehirn plastische Veränderungsprozesse vollziehen. Das Gehirn formt sich also mit jedem tiefgreifenden Lernen um – anders eben als die Speicher eines Computers.

Ein großer Irrtum liegt vor, wenn man meint, man entlaste ein Gehirn, indem man es vor allzu viel Wissen

bewahrt; man hat ja Wikipedia oder die Cloud. Das ist ein großer Irrtum.

Ja, die Festplatte muss ich leerräumen, damit sie wieder Informationen speichern kann. Beim Gehirn ist es genau umgekehrt: Je mehr Wissen das Gehirn gespeichert und verarbeitet hat, desto mehr Wissen kann aufgenommen und im Verstehensprozess eingefügt werden: Wer drei Sprachen kann, lernt eine vierte leichter.

(Beifall von der AfD)

Oder wie es Goethe in Bezug auf das Reisen feststellt: Man sieht nur das, was man weiß. Je weniger man weiß, desto weniger versteht man.

Deshalb ersetzen die Möglichkeiten digitaler Endgeräte weder die Aufnahme fundierten Wissens noch die Anwesenheit der Lehrkraft, welche den Verstehensprozess anleiten, befördern und vor allen Dingen zu einem tiefgründigen Ziel führen muss.

Das können Schülerinnen und Schüler nicht alleine und auch nicht mit einer Lernsoftware. Die von Spitzer zusammengetragenen Studien zeigen das überdeutlich. Wir sollten nicht in die Fehler hineingeraten, die in anderen Ländern gemacht worden sind und die man dort korrigiert.

Vor diesem Hintergrund sollten Investitionen in den Schulen des Landes mit Augenmaß getätigt werden. Laptop, Beamer und Dokumentenkamera erfüllen bereits heute ihren Zweck. In der Bildung kann es nicht um Automation gehen; da geht es vielmehr um kommunikative Prozesse denkender Menschen. – Vielen Dank.

(Beifall von der AfD)

Vielen Dank, Herr Seifen. – Nun hat für die CDU-Fraktion Herr Kollege Rock das Wort.

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Im Allgemeinen sagt man Politikerinnen und Politikern bei Reden und Vorträgen nach, dass sie tendenziell zu Überlängen neigen. Das ist auch in meiner Wahrnehmung so. Namhafte Sprachwissenschaftler haben bereits festgestellt, dass die Länge einer Rede immer abhängig sein muss von der Komplexität der Botschaften, die gesendet werden sollen. Bei uns im Rheinland sagt man: In der Kürze liegt die Würze!

Dies scheint leider für den vorliegenden Antrag der AfD nicht zu gelten. Ich kann Ihnen aber trotzdem versichern, dass ich mich so kurz wie möglich und so lange wie nötig mit Ihrem Antrag beschäftigen werde.

Kommen wir also zum vorliegenden Antrag. Ich habe mich bemüht, die Botschaft zu verstehen, habe mich

dabei aber sehr schwergetan. Erstens habe nicht erkannt, was die griechische Sage von Troja mit den zukunftsgerichteten digitalen und notwendigen Veränderungen an unseren Schulen zu tun hat und zweitens weiß ich nicht, wie ich die anfängliche Digital-Schelte – neudeutsch „Bashing“ – in Ihrem Antrag mit Ihren Feststellungen und Forderungen am Ende Ihres Antrags zu verstehen habe.

Der Vortrag von Herrn Seifen hat Selbiges gerade wieder gezeigt. Sind Sie jetzt gegen oder für eine sinnvolle Entwicklung des Unterrichts mit digitalen Medien? Vielleicht werden wir dies im Laufe der Antragsdiskussion dann im Ausschuss herausfinden. Einer Überweisung stimmen wir selbstverständlich zu.

Sehr geehrter Herr Seifen, ich möchte kurz noch zum Inhalt Stellung beziehen. Herr Seifen, unumstritten ist, dass die digitale Ausstattung der Schulen kein Heilsmittel für bessere Bildung ist. In Ihrem Vortrag eben haben Sie aufgezeigt, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse über den Lernprozess gibt. Aber Sie werden wohl nicht verleugnen, dass wir ohne digitale Ausstattung in unseren Schulen nicht ganz up to date sind. Dass die Digitalisierung ein Heilsmittel für bessere Bildung ist, behauptet auch niemand.

(Ina Spanier-Oppermann [SPD]: Richtig!)

Ich weiß gar nicht, woher Sie das nehmen. Es behauptet niemand in der Landesregierung, auch nicht in der NRW-Koalition, dass das ein Heilsmittel für bessere Bildung wäre. Sie ist eine Notwendigkeit für unsere Schülerinnen und Schüler, die Herausforderungen der Zukunft annehmen zu können. Damit können wir sie darauf vorbereiten.

Ich möchte Ihnen nur zwei Beispiele aus dem Bereich der Schulen nennen, die Ihnen das verdeutlichen sollen:

Wie könnten wir unsere Berufsschülerinnen und Berufsschüler in allen technischen Bereichen zukunftsfähig machen und ausbilden, wenn wir den Bereich der CAD-Technik, also rechnerunterstütztes Konstruieren, nicht lehren würden?

(Helmut Seifen [AfD]: Selbstverständlich!)

Ich muss Ihnen als ehemaligem Lehrer nicht erklären, dass eine curriculare Lernspirale den Schülerinnen und Schülern mit Vorerfahrung das Lernen und Verstehen besser ermöglicht. Jeder weiß auch, dass der Einsatz von interaktiven Tafeln im Schulunterricht keine digitale Bildung ist, sondern nur die Möglichkeit des Einsatzes von neuen und modernen Medien im Unterricht, was wir dringend benötigen, um die Herausforderungen der veränderten Welt anzunehmen. Zu Hause Tablets und bei Ihnen in der Schule Kreide – so geht das nicht! In der „Westfalenpost“ wurde heute noch geschrieben: 95 % der der Bürgerinnen und Bürger sind der Meinung, dass die Schule in diesem Bereich einen Auftrag hat.

Leider vermischen viele in der Diskussion über die Digitalisierung in unseren Schulen zwei Dinge. Es ist nicht ganz einfach zu verstehen, aber sie sind eigentlich klar voneinander zu trennen: erstens digitale Ausstattung für unsere Schulen und zweitens digitale Bildung im Sinne eines Denkprozesses in den Köpfen unserer Kinder. Solange wir diese beiden Aspekte miteinander vermischen, wird es dem Zuhörer und dem Beteiligten immer schwerfallen, sachlich mit diesem Thema umzugehen. Man neigt in Deutschland zurzeit ja sehr zur Entfachlichung und zur Entsachlichung.

Sie haben viele Wissenschaftler zitiert, und Sie wissen auch, wie unterschiedlich Wissenschaftler solche Dinge sehen. Beide Seiten in der Wissenschaft haben Argumente, warum das Ganze richtig oder falsch ist. Ich muss feststellen: In den 36 Absätzen Ihres Antrags haben Sie sich intensiv mit der Sache auseinandergesetzt – aber eine intensive Auseinandersetzung spricht noch nicht von hoher Qualität.

(Zuruf von Helmut Seifen [AfD])

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich sehe unsere Aufgabe darin, erstens die sachliche Ausstattung deutlich zu verbessern und in enger Zusammenarbeit mit den kommunalen Spitzenverbänden Rahmenbedingungen für eine zeitgemäße Verwendung im schulischen Kontext zu schaffen und zweitens unsere Kolleginnen und Kollegen bei den neuen Herausforderungen über Fort- und Weiterbildungen mitzunehmen und keine Ängste zu schüren wegen angeblicher wirtschaftlicher und ideologischer Interessen.

Ich spüre auch keine Digitalisierungseuphorie; vielmehr ist das vonseiten unserer Landesregierung, von unserer Ministerin, ein geplantes, didaktisch aufbereitetes Vorgehen in den Veränderungsprozessen in und an unseren Schulen. Der Medienkompetenzrahmen ist ein vorbildlicher Rahmen – keine Bibel, kein Gesetz, sondern ein Rahmen für all das, womit wir umgehen müssen.

Ich habe auch keine Angst davor, dass Roboter oder Computer die Lehrer ersetzen. Emotionalität und soziale Komponenten werden weiterhin eine wesentliche Rolle spielen. In Ihrem Antrag sind viele Annahmen enthalten, aber sie sind oft aus der Luft gegriffen.

Einen Satz möchte ich noch zitieren, für den wir uneingeschränkt stehen.

„Der Landtag stellt fest: 1. Für Deutschland als Hochtechnologieland ist erstklassige Bildung die wichtigste Voraussetzung für den wirtschaftlichen Wohlstand des Landes und den internationalen wirtschaftlichen Erfolg.“

Dieses Ziel verfolgen wir ununterbrochen seit Mai 2017. Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen im

Ausschuss und hoffe darauf, Ihre Vielfältigkeit im Antrag dann besser zu verstehen. – Vielen Dank.

(Beifall von der CDU und der FDP)

Danke schön, Herr Rock. Bleiben Sie bitte stehen. Es gibt eine Kurzintervention, angemeldet von der AfD-Fraktion. Herr Seifen hat das Wort.

Recht herzlichen Dank, Herr Rock. Dann können Sie unserem Antrag ja fast schon zustimmen. Aber vorher ist ja noch die Beratung im Ausschuss.

Sie haben gesagt, dass die Landesregierung nicht vorhat, eine Digitalisierung à la Bertelsmann zu vollziehen. Das kann sein. Aber bedenken Sie, dass die FDP 2016 einen Antrag eingereicht hat, der zumindest ansatzweise vermuten lässt, dass das nicht ganz ausgeschlossen wird. Wenn da von „digitalen Analphabeten“ die Rede ist, „konstatiert Bildungsbenachteiligungen etwa für Jugendliche aus sozial schwierigeren Lagen“ oder dass es an Lehr- und Lernmaterial digitaler Art fehlt, dann ist eine solche Befürchtung zumindest gegeben.

Wenn man dann noch die Beispiele aus dem Ausland nimmt, etwa Australien oder Island, wo gerade eine Reisegruppe war, dann ist zumindest zu befürchten, dass hier möglicherweise im Überschwang der Euphorie Lernen eben doch verändert und sozusagen zu isoliertem Lernen wird.

Die Wissenschaftler, die wir zitiert haben, erzählen das ja nicht einfach nur so vom Himmel herab, sondern es gibt Anzeichen dafür, dass so ein Trend besteht. Wenn Sie dann – persönlich oder Ihre CDUFraktion – unserer Meinung sind, begrüßen wir das natürlich in besonderer Weise. – Vielen Dank.

(Beifall von der AfD)

Danke schön, Herr Seifen. – Herr Rock, Sie haben 1:30 Minuten für eine Antwort. Bitte schön.

Herr Seifen, wir werden und sind in vielen Bereichen nicht Ihrer Meinung. Es wird auch in dem Bereich nicht so sein, wie Sie es darstellen. Ich glaube, da unterscheiden wir uns noch sehr, sehr deutlich. Das ist auch gut so. Wir werden den Bürgerinnen und Bürgern immer klarmachen, wo der Unterschied zwischen Ihren Annahmen und Ideen und unseren sind.

Um noch mal auf die inhaltlichen Dinge einzugehen: Herr Seifen, hier geht es nicht darum, Ängste zu schüren. Als Schulleiter wissen Sie doch genau, dass man von Verlagen und von anderen natürlich