Um noch mal auf die inhaltlichen Dinge einzugehen: Herr Seifen, hier geht es nicht darum, Ängste zu schüren. Als Schulleiter wissen Sie doch genau, dass man von Verlagen und von anderen natürlich
Anleitungen bekommt. Aber Sie wissen genauso, dass jeder Schulleiter in der Lage ist, Dinge zu steuern und mitzunehmen.
Wir sind nicht Apple oder sonstigen Großunternehmen unterlegen. Wir sehen sehr genau hin, was wir machen. Ich glaube, Sie haben unsere Arbeit in den letzten 17 Monaten kennengelernt und wissen, dass es hier nicht um „Digitalisierung über alles“ geht, sondern um einen Prozess, den wir gemeinsam begleiten wollen. – Vielen Dank.
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte ganz zu Beginn einmal auf die Art dieses eingereichten Antrags eingehen; denn er wirkt wie eine Aneinanderreihung von Gedanken und Auffassungen zum Thema „Digitalisierung in der Bildung“.
Die hohe Anzahl der Quellenangaben – 36 Stück an der Zahl – lässt zumindest die Vermutung zu, dass der Antragsteller keine eigene politische Argumentation zu diesem Thema formulieren möchte.
Am Ende steht der Leser dieses Antrags etwas ratlos da, ist doch keine eigentliche Auseinandersetzung mit der digitalen Realität erkennbar. In der Diskussion im Ausschuss können Sie uns ja dann mal Fragen beantworten wie: Gibt es nun die digitale Bildung?
Muss Digitalisierung als Thema der Bildung stärker gewichtet werden oder weniger stark? Was ist Digitalisierung in der Schule für Sie? – Die Antworten auf diese Fragen werden wir dann sicherlich noch erläutert bekommen.
Unsere Bildung ist unser Kraftwerk, das unser Land mit Energie versorgt. Durch Bildung sind wir zu dem geworden, was wir heute sind. Unser Land hat sich oft gewandelt. Es hat sich wandeln müssen und mit ihm auch die Bildungslandschaft.
Die Digitalisierung – wir haben es gerade auch von meinem Kollegen gehört – verläuft in einem Tempo, bei dem wir kaum nachkommen können. Deswegen müssen wir, wenn wir uns als Rahmen- und Konzeptgeber verstehen, fortschrittlich und auch ein Stück mutig in der Bildung vorangehen. Das bedeutet nicht, dass digitale Bildung nicht existiert, wie wir in Ihren Quellenangaben nachlesen können, sondern wir haben die Verantwortung, unsere Kinder und Jugendlichen auf ein selbstbestimmtes Leben in der digitalen
Welt vorzubereiten. Dafür müssen wir hier den Weg frei machen. Neben der technischen Infrastruktur gehören dazu auch die Lehr- und Lerninhalte.
Ich möchte jetzt auf etwas eingehen, was in dem Antrag doch relativ unerwähnt bleibt, nämlich die große Leistung der Schulen und der Lehrerinnen und Lehrer bei diesem Thema.
Während wir uns noch über Begrifflichkeiten streiten, haben sich viele Schulen im Bereich der Digitalisierung längst auf den Weg gemacht. Leider ist das doch hoch engagierte Lehrpersonal zu häufig auf veraltete Technik und Anleitungen oder auf das Wohlwollen von Fördervereinen, Spendern und ehrenamtlichen Fachleuten angewiesen.
Wir bilden in unserem Land jedes Jahr hervorragende Lehrerinnen und Lehrer, Pädagoginnen und Pädagogen aus. Es ist also unsere Pflicht, das Personal an den Schulen mit Materialien auszustatten, die dem aktuellen Stand der Entwicklung und der Technik entsprechen, und sie für dessen Gebrauch fortzubilden.
Wer eine gute Qualität in den Schulen will – eben nicht nur Kreide, Schulbücher und saubere Klassenräume, sondern auch Whiteboards, Rechner, Netzwerke und das Wissen, wie damit umgegangen werden kann –, der muss viel Geld in die Hand nehmen. Bildung gibt es nicht zum Nulltarif oder, um es in der Sprache der Jugendlichen zu sagen: Zukunft gibt es nicht für lau.
Sie zitieren in Ihrem Antrag Professor Lankau und stellen fest, dass es keine digitale Bildung gibt, wie er äußert. Des Weiteren äußern Sie die Befürchtung der Automatisierung des Lernens sowie, dass das Lehrpersonal durch Maschinen ersetzt wird, und möchten nach dem Vorbild anderer Staaten digitale Geräte aus der Schule verbannen. Dies festzustellen und zu fordern, ist Ihr gutes Recht; unserem Bild einer modernen Schule entspricht das aber nicht.
Zum Abschluss möchte ich noch einmal betonen: Niemand will durch die Nutzung digitaler Medien, das Schreiben, Lesen oder Rechnen außer Kraft setzen. Es geht um Medienkompetenz und den reflektierten Umgang mit der digitalen Welt.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich kann meinem Kollegen Frank Rock nur aus vollem
Herzen zustimmen. Der Aufsatz der AfD ist wortgewaltig, es wird jedoch nicht klar, was Sie hier eigentlich beantragen wollen.
Ich persönlich hatte beim Lesen das Gefühl, dass Sie die Digitalisierung an Schulen als Bedrohung sehen. Beim Thema „Digitalisierung“ haben wir Freie Demokraten eine völlig andere Haltung als die AfD-Fraktion. Die werde ich Ihnen heute gerne noch einmal vorstellen:
Erstens. Ihre Sorge, dass die Digitalisierung zu automatisiertem Lernen führe und analoges Lernen und Kommunikation ablösen könnte, teilen wir überhaupt nicht. Niemand hat das vor. Sie schreiben, dass sich in Deutschland – ich zitiere – „eine unreflektierte Digitalisierungseuphorie im Bildungsbereich“ verbreite. Das Gegenteil ist doch der Fall. Es ist mitnichten so, dass wir jetzt jede Klasse mit iPads ausstatten und sagen: Seht zu, wir ihr klarkommt; ab morgen ist hier Digitalisierung.
Die NRW-Koalition hat immer betont, dass für eine gelingende Digitalisierung die Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer Kommunikation und ihrer Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern den Schlüssel zum Erfolg in der Hand halten. Das finde ich sehr reflektiert.
Unreflektierte Euphorie haben wir hier eher von Ihnen gesehen, zum Beispiel als Sie G9 ein Jahr früher einführen wollten. Wir arbeiten sorgfältig und strukturiert an diesem Thema und werden schrittweise die digitale Schule schaffen.
Wie Sie wissen, wurde auch schon der Medienkompetenzrahmen auf den Weg gebracht. Zudem erarbeiten Schulen ihre eigenen pädagogischen Konzepte, um einer unüberlegten Einführung vorzubeugen. Dabei erhalten sie Unterstützung durch die örtlichen Medienberaterinnen und Medienberater. Außerdem arbeiten wir weiterhin an der Lehreraus- und -fortbildung, einer Anpassung der Lehrpläne und dem Ausbau der Infrastruktur.
Zweitens. Im Schulausschuss äußern Sie immer wieder Ihre Bedenken, Herr Seifen, dass durch die Einführung digitaler Medien im Unterricht der analoge und gemeinsame Denkprozess verloren gehe. Auch in Ihrem Antrag weisen Sie mehrfach darauf hin. So sprechen Sie von medialer Informationsaufbereitung, die „zu 100 % Frontalunterricht und Instruktion per Algorithmus“ führe. Das kann man sich nicht ausdenken.
Ihre Bedenken sind gänzlich unbegründet. Es ist nicht unser Ziel, Information und Lehrinhalte einfach nur medial aufzuarbeiten. Darum geht es überhaupt nicht bei der Digitalisierung von Schule. Wir wollen eine mediale Bildung, die Schülerinnen und Schülern den Denkprozess eben nicht abnimmt, sondern die
sen unterstützt. Die Analyse der Daten und Kontextualisierung liegt doch immer bei den Schülerinnen und Schülern selbst.
Zu Frontalunterricht führt das Ganze erst recht nicht. Digitale Medien können wunderbar dafür genutzt werden, um die von Ihnen doch so oft kritisierten Gruppenarbeiten zu fördern und zu stärken.
Das alles, Herr Seifen, sehen Sie heute schon in der Praxis. Wenn Sie durch das Land reisen und Schulen besuchen, können Sie sich anschauen, wie engagierte Lehrerinnen und Lehrer Digitalisierung schon jetzt mit Erfolg in ihren Unterricht einbauen und was das in den Schülerinnen und Schülern auslöst.
Drittens. Sie stützen Ihren Ansatz auf Daten, die mitunter acht Jahre alt sind. Der technische Fortschritt geht rasend schnell voran, sodass auch die Aussagekraft von Forschungsergebnissen zeitlich viel schneller abläuft, als es in anderen Wissenschaftsfeldern der Fall sein mag. Daher überzeugt es niemanden im Land, wenn Sie unter Bezugnahme auf so alte Daten behaupten, digitale Medien brächten keinen nennenswerten Mehrwert.
Ich möchte einmal die aktuellen Zahlen aufs Tapet bringen. Schauen Sie in die aktuelle Studie „Bildungsmonitor 2018“ des Instituts der deutschen Wirtschaft. Ich nenne ein Beispiel – den Rest erörtern wir bestimmt im Ausschuss –: Fast zwei Drittel der Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad geben darin an, dass das IT-Fachwissen und die Softwareprogrammierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Bedeutung gewinnen werden. Bei Onlinekompetenzen sind es sogar 75 %.
Meine Damen und Herren, ich fasse noch einmal zusammen: Mir ist, genauso wie meinen Vorrednern, nicht klar, was Sie wollen. Das ganze Dokument inklusive der Abschnitte II. und III. ist so verschwurbelt, dass Sie uns zu einer Mutmaßung über das politische Ziel dieses sogenannten Antrags zwingen. Wenn Sie einfach nur auf die Digitalisierungsbremse treten wollen – so ist meine Mutmaßung –, dann machen wir das nicht mit.
Was uns aber heute erneut klar geworden ist: Sie lassen uns unbeeindruckt zurück. Wir haben eine völlig andere Haltung, was Zukunftsfragen angeht. Wir begegnen Veränderungen mit Neugier und Zuversicht. Wir sehen nicht nur Risiken, sondern vor allem die Chancen. Wir wollen Digitalisierung gestalten und nicht bewältigen. Wir haben „German Mut“ statt „German Angst“. – Vielen Dank.
Vielen Dank, Frau Kollegin Müller-Rech. – Für die Fraktion der Grünen erteile ich nun der Kollegin Beer das Wort.
Sehr geehrter Herr Präsident! „Verstehen – Vernetzen – Verantworten“, das ist ein sehr lesenswerter Beitrag, den Thomas Knaus verfasst hat. Es geht um digitale Welt und Schule. Darin geht es auch um Medienbildung und informatische Bildung.
Digitale Medien und Werkzeuge – da folge ich ihm sehr – sind inzwischen in sämtlichen Sozialisationsinstanzen allgegenwärtig und entwickeln sich aufgrund ihrer neuen sozialen Bedeutung zunehmend vom Interface zum kommunizierenden Gegenüber mit allen vielfältigen Folgen, Chancen und Risiken.
Digitale Medien sollten deshalb sowohl als Mittel als auch als Gegenstand einer zentralen Befassung Platz im schulischen Unterricht einnehmen. Medienbildung zielt immer auf die Bildung des Subjekts. Die gesellschaftliche Teilhabe setzt künftig gebildete, kritisch denkende Persönlichkeiten voraus.
Es gilt zu verstehen, was hinter den digitalen Medien und in den Werkzeugen steckt. Es geht um soziale Realitäten, ob digital oder analog. Die sind aktiver und individueller gestaltbar denn je. In dieser Gestaltbarkeit steckt gleichermaßen ein zu nutzendes Potenzial wie eine zu erbringende Pflicht, entsprechend zu gestalten, und vor allen Dingen die Verantwortung, damit umzugehen, zu durchschauen, zu verstehen, zu kritisieren, abzuwehren. Das ist gesellschaftliche und individuelle Verantwortung. Deswegen müssen Medienerziehung und informatische Bildung idealerweise gemeinsam weitergedacht werden.
Ich empfehle für belebende Diskurse in diesem Bereich Autoren wie Thomas Knaus oder auch Jöran Muuß-Merholz. All das gehört zum Bestandteil eines Bildungsverständnisses und einer gebildeten Persönlichkeit. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Um „Digital first. Bedenken second“ – das hat Frau Müller-Rech eben abgeräumt – geht es hier überhaupt nicht. Digitalisierung ist kein Selbstzweck.
Ich sage sehr deutlich, dass sich hier ein Schul- bzw. Unterrichtsverständnis widerspiegelt, das dem der ständischen Gesellschaft entspricht.
Wir haben uns hier mit G9 befasst, aber das ist G10Unterricht, wie ihn uns Herr Seifen immer vorstellt. G10-Unterricht heißt in diesem Zusammenhang: Alle Gleichaltrigen haben zum gleichen Zeitpunkt, im gleichen Fach, beim gleichen Lehrer, im gleichen Raum, mit den gleichen Mitteln, die gleichen Dinge zu tun und zu den gleichen Fragen in der gleichen Zeit die gleichen Antworten zu geben.