Protokoll der Sitzung vom 17.03.2010

Schleswig-Holstein bildet weiterhin Lehrer für Schulformen aus, die es kaum noch und nach dem Scheitern der Volksinitiative hoffentlich bald gar nicht mehr gibt. Auf der anderen Seite gibt es Schulformen in Schleswig-Holstein, für die wir nach wie vor keine Lehrer ausbilden. Wir stellen die pädagogischen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler in den Vordergrund und eben nicht verkrustete Schulformen, wie das bisher der Fall war.

Auf zwei Punkte möchte ich aus unserer Sicht näher eingehen. Erstens Praxisbezug: Durch unseren Gesetzentwurf wird der Praxisbezug ins Zentrum gestellt.

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir werden sicherlich gleich in den Beiträgen von den Regierungsfraktionen hören, dass es punktuell einen Praxisbezug auch vor dem Referendariat durch zwei- bis dreiwöchige Praktika gibt, wie sie die Uni Flensburg ihren Studentinnen und Studenten vorschreibt. Dadurch ist ein Praxisbezug gewährleistet, keine Frage. Allerdings ist dieser in Qualität und Quantität nur oberflächlich und alles andere als ausreichend.

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn wir von Praxisbezug sprechen, dann haben wir andere Vorstellungen. Nur durch längere Schulaufenthalte werden Studentinnen und Studenten bewerten können, ob der Lehrer- und Lehrerinnenberuf der richtige für sie ist.

(Beifall bei der LINKEN)

Das sogenannte Assistant-Teacher-Jahr ist aus unserer Sicht der notwendige Praxistest zur richtigen Zeit. Wird ein solches Jahr oder etwas Ähnliches nicht eingeführt, so leiden im Endeffekt die zukünftigen Lehrer, vor allem aber zukünftige Schülergenerationen.

In einem zweiten Punkt beschäftigen wir uns mit der Stufenausbildung. Wir Grüne wollen einen Schwerpunkt auf pädagogische Konzepte legen.

Egal wie vielgliedrig unser Schulsystem sein wird, die Herausforderungen für Lehrkräfte sind immer mehr pädagogischer Art. Diese Auffassung teilt inzwischen auch die Kultusministerkonferenz. Sie teilt auf in Kompetenzen für die Sekundarstufe I und für die Sekundarstufe II und eben nicht mehr in das mehrgliedrige Schulsystem, in welcher Variante auch immer. Über die Hälfte aller Schulartempfehlungen nach der vierten Klasse sind falsch, das haben aktuelle Untersuchungen ergeben. Wenn Sie schon nicht bereit sind, das Schulsystem zukunftsfest zu machen, dann passen Sie wenigstens die Lehrerbildung den aktuellen Ergebnissen der Bildungsforschung an!

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und SSW)

Es macht gerade in der Sekundarstufe I überhaupt keinen Sinn, nach Schularten zu trennen.

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der LINKEN)

Herausforderungen beispielsweise durch Migrationshintergrund, Identitätsfindung oder Pubertät sind keine auf die Schulart bezogenen Probleme. Genau deshalb glauben wir, dass das in der Lehrerbildung, wie wir sie uns vorstellen, stärker berücksichtigt werden muss. Unsere neu aufgelegte Lehrerbildungsinitiative bekommt Rückendeckung von Lehrerinnen und Lehrern. Wir haben im Vorfeld mit vielen Lehrerinnen und Lehrern gesprochen. Wir erhalten aber auch Rückendeckung von fachbezogenen Wissenschaftlern, beispielsweise der Uni Flensburg, die unseren Gesetzentwurf schon damals gelobt haben und es auch diesmal wieder getan haben. Es ist Eile geboten, das sagen uns die fachkundigen Menschen an den Hochschulen. Nehmen Sie unsere Steilvorlage auf, und fangen Sie endlich an zu handeln!

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SSW und vereinzelt bei der LINKEN)

Für die CDU-Fraktion erteile ich Herrn Abgeordneten Daniel Günther das Wort.

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wer jetzt den Eindruck hat, dass wir ein Déjà-vu erleben, der sieht sich nicht getäuscht, denn diese Debatte haben wir in der Tat vor sehr kurzer Zeit miteinander geführt. Ich muss den Kollegen Andresen korrigieren: Es ist nicht drei Jahre her, sondern

(Rasmus Andresen)

nur etwas mehr als zwei Jahre, dass die Grünen einen fast identischen Gesetzentwurf in den Landtag eingebracht haben.

(Rasmus Andresen [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was haben Sie denn gemacht in der Zeit? Sie machen ja nichts!)

- Herr Andresen, wir beide können diese Debatte gern führen, wir waren damals noch nicht dabei. Von daher ist es zumindest für uns beide neu, wenn wir uns darüber austauschen. Ich finde, es gehört schon eine gewisse Chuzpe dazu, hier ein wirklich baugleiches Modell zum Lehrerbildungsgesetz vorzulegen, das sich von seinem Vorgängermodell nur darin unterscheidet, dass man ein etwas unübersichtliches Layout gewählt hat.

Aus unserer Sicht bleibt es dabei: Die Einführung eines Stufenlehrers, der in allen Schulen einsetzbar ist, wird weder durch den Zeitablauf noch durch eine etwas andere Definition desselben besser. Wir brauchen keine Einheitslehrer, sondern wir brauchen Lehrer, die den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler an den unterschiedlichen Schulformen gerecht werden.

(Beifall bei CDU und FDP)

Wir als Koalition und als CDU stehen - ich betone das - auch in dieser Legislaturperiode für ein differenziertes Angebot, und das erfordert auch differenzierte Lehrämter.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind uns doch darin einig, dass die fachliche und pädagogische Kompetenz der Lehrkräfte eine wesentliche Grundlage der Vermittlung guter Schulbildung ist. Insbesondere im Bereich der Fachdidaktik sind die Lehramtsstudiengänge auch nach Auffassung innerhalb der Koalition verbesserungsbedürftig. Gerade aber im Hinblick auf eine veränderte Schullandschaft sind auf die Schulart bezogene Profile in der Lehrerbildung unerlässlich. Das gilt insbesondere für die Gymnasiallehrerausbildung, weil sowohl das Leistungsprofil der Gymnasien als auch die Anforderungen des Oberstufenunterrichts in anderen Schularten mit gymnasialer Oberstufe eine entsprechende fachliche Ausrichtung des Lehramtsstudiums erfordern.

Wir sehen es tatsächlich auch so: Anpassungsbedarf gibt es angesichts der veränderten Schulstrukturen bei den anderen Lehrämtern an weiterführenden Schulen. Innerhalb von Studiengängen für die nicht gymnasialen Schularten wäre es zum Beispiel denkbar, unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen.

Wir sollten das in dieser Wahlperiode entsprechend anpassen.

(Beifall der Abgeordneten Heike Franzen [CDU])

Die Kultusministerkonferenz hat aufgrund der einzelnen Probleme bei der Umsetzung des BolognaProzesses bereits mit Beschluss vom 15. Oktober entschieden, nach wie vor ein zweistufiges Studiensystem mit den Abschlüssen Bachelor und Master als entscheidenden Schritt zur Flexibilisierung festzulegen und auch zu einer Verbesserung der Durchlässigkeit innerhalb des Bildungssystems beizutragen. Wir sollten abwarten, welche Erfolgsaussichten die KMK-Initiative von Schleswig-Holstein für einen grundständigen Masterstudiengang an dieser Stelle entwickelt.

(Beifall bei der CDU)

Uns geht es insbesondere darum, im Einklang mit der KMK der empfundenen Überregulierung und Fehlentwicklung im Bereich der Lehrerbildung entgegenzusteuern und Gestaltungsmöglichkeiten anzubieten. Da gibt es einigen Veränderungsbedarf. Sehen wir uns zum Beispiel das NRW-Modell an, das ich persönlich ganz interessant finde, bei dem die Studienstruktur und -dauer für alle Lehrämter im sechssemestrigen Bachelor-Studiengang und viersemestrigen Master-Studiengang und mit einem Praxissemester für alle Schularten und Schulstufen angeglichen wird. Dies halte ich für eine Sache, die wir an dieser Stelle diskutieren sollten.

Ein eigenes Gesetz, meine sehr geehrten Damen und Herren, brauchen wir nach unserer Auffassung an dieser Stelle nicht. Da aber, wie ich finde, im Gesetzentwurf der Grünen auch Fragen aufgeworfen worden sind, über die es sich in der Tat zu streiten lohnt, wie wir das entsprechend umsetzen können, halte ich es für sehr gut, wenn wir im zuständigen Fachausschuss darüber diskutieren würden. Deswegen stimmen wir einer Überweisung zu.

(Beifall bei CDU und FDP)

Für die SPD-Fraktion erteile ich dem Herrn Abgeordneten Martin Habersaat das Wort.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Als Sie dieses Thema das letzte Mal diskutiert haben, habe ich noch in der Praxis umgesetzt, was ich in der Lehrerausbildung in Schleswig-Holstein und

(Daniel Günther)

Hamburg gelernt habe. Jetzt haben die Kolleginnen und Kollegen von den Grünen im Kern den Entwurf eines Lehrerbildungsgesetzes neu eingebracht, der damals schon vorgelegt worden war. Dieser Entwurf geht von der unstrittig richtigen Erkenntnis aus, dass Lehrerinnen und Lehrer so gut wie möglich darauf vorbereitet werden müssen, real existierende junge Menschen in real existierenden Schulen und real existierenden Schulstrukturen zu unterrichten, und zwar in denen, die sie nach Beendigung ihres Studiums vorfinden.

Die Reformen der Lehrerausbildung, die in den letzten Jahren vorgenommen wurden, haben zu einer solchen realistischen Ausbildung bereits ansatzweise beigetragen, wenn ich auch als „L.i.A.“ - so heißen in Schleswig-Holstein nun die Referendare der ersten Stunde schon vor ein paar Jahren an anderer Stelle Optimierungsbedarf angezeigt habe.

Unser Ziel muss eine gleichwertige Ausbildung für alle Schularten sein und langfristig eine Lehramtsstruktur, die in der Perspektive gleiche Besoldungen vorsieht.

(Beifall bei SPD und SSW)

Es ist heute nicht mehr ganz so schlimm wie früher, wo die Inhaber des ersten Staatsexamens den berüchtigten „Praxisschock“ erlitten, wenn sie zum ersten Mal vor einer Klasse standen, weil sie mit einem Höchstmaß an wissenschaftlicher Fachqualifikation, aber einem Minimum an pädagogischer Kompetenz auf Schülerinnen und Schüler losgelassen wurden. Heute haben Referendare bereits Erfahrungen in der konkreten Arbeit in der Schule und sind im Studium auch mit pädagogischer Theorie vertraut gemacht worden. Aber so, wie es keinen Stillstand in der Weiterentwicklung der Schule geben darf, kann es auch keinen Stillstand in der Weiterentwicklung der Aus- und Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer geben.

(Beifall bei der SPD)

Andere Bundesländer machen gute Erfahrungen mit Einführungsphasen für Referendare, bevor diese bedarfsdeckend vor die Klasse gestellt werden. Für Überlegungen zur Lehrerfortbildung findet sich sicherlich an anderer Stelle die Gelegenheit. Da gäbe es aus meiner Sicht noch einiges zu tun.

Jürgen Weber hat in der Debatte im November 2007 - jetzt können wir genau ausrechnen, wo zwischen zwei und drei Jahren die Wahrheit liegt deutlich gemacht, dass die SPD grundsätzlich mit der Zielrichtung des Gesetzentwurfs der Grünen einverstanden ist. Wir haben ihm damals dennoch

nicht zugestimmt, weil es eine Verabredung in der Großen Koalition gab, die Strukturen der Lehramtsausbildung während der 16. Legislaturperiode nicht zu verändern.

(Zuruf des Abgeordneten Wolfgang Kubicki [FDP])

- Wir waren koalitionstreu, Herr Kubicki.

(Wolfgang Kubicki [FDP]: Gott sei Dank!)

Jürgen Weber hat damals auch darauf hingewiesen, dass in der Pädagogisierung der Lehramtsausbildung ein Risiko liegt.

Wir wissen, dass es immer einen Einstellungskorridor, gerade in den Mangelfächern, geben wird, jedoch wird dieser kleiner. Zurzeit ist die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarkts Schule wegen neuer Stellen und des hohen Ersatzbedarfs durch Pensionierungen noch sehr hoch. Das wird sich aber in absehbarer Zeit gründlich ändern. Abiturienten, die in diesem Jahr oder in den nächsten Jahren vor der Frage stehen, ob sie ein Lehramtsstudium ergreifen wollen, werden, so wie das vor ein paar Jahren schon einmal der Fall war, wieder vor einem sehr viel höheren Risiko der Nichteinstellung stehen.

Die Ausbildungsstruktur muss daher immer auch vor Augen behalten, dass die Studierenden nicht eine mehrjährige akademische Ausbildung absolvieren und dann in eine Sackgasse laufen, wenn der Assistant Teacher zur Klippe wird, an der sie Schiffbruch erleiden, ohne eine andere Perspektive zu haben. Studienabschlüsse mit Vollkasko für eine lebenslange Beschäftigungsgarantie gibt es nicht, aber wir gehen davon aus, dass diese Frage insgesamt in einigen Jahren sehr relevant sein wird.