Protokoll der Sitzung vom 17.03.2010

Die Ausbildungsstruktur muss daher immer auch vor Augen behalten, dass die Studierenden nicht eine mehrjährige akademische Ausbildung absolvieren und dann in eine Sackgasse laufen, wenn der Assistant Teacher zur Klippe wird, an der sie Schiffbruch erleiden, ohne eine andere Perspektive zu haben. Studienabschlüsse mit Vollkasko für eine lebenslange Beschäftigungsgarantie gibt es nicht, aber wir gehen davon aus, dass diese Frage insgesamt in einigen Jahren sehr relevant sein wird.

Potenzielle Lehrerinnen und Lehrer müssen im Rahmen ihrer Ausbildung früh die Möglichkeit haben, in einer umfangreichen Praxisphase ihre Eignung auch selbst hinsichtlich ihres Berufswunsches zu überprüfen. Diese Ausbildung muss es dann aber auch ermöglichen, einen anderen Weg einzuschlagen, wenn die angehenden Lehrerinnen und Lehrer feststellen, dass sie eben doch nicht angehende Lehrerinnen und Lehrer sind.

Gut und auch für andere Studiengänge zu überlegen ist übrigens der Antrag der Grünen, keine Wartezeiten auf dem Weg zum Master zu fordern.

Der Bildungsausschuss hat zwar Ende 2007, Anfang 2008 bereits eine schriftliche Anhörung durchgeführt. Ich meine dennoch, dass sich der Bildungsausschuss erneut ausführlich mit diesem Entwurf auseinandersetzen sollte. Wir sitzen da in neuer Be

(Martin Habersaat)

setzung. Es ist inzwischen auch ein bisschen Zeit vergangen, und wir haben mittlerweile Erfahrungen bei der Umsetzung des Schulgesetzes von 2007. Dies alles sollten wir einbringen und dann im Ausschuss gemeinsam diskutieren.

(Beifall bei der SPD)

Ich erteile der Frau Abgeordneten Cornelia Conrad für die FDP-Fraktion das Wort.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! „Und ewig grüßt …“, nein, diesmal nicht das Murmeltier, sondern die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, wenn man den vorliegenden Gesetzentwurf zur Lehrerbildung liest. Nichts Neues! Zuletzt wurde er in fast gleicher Form im November 2007 diskutiert und abgelehnt. Dies geschah nicht etwa, weil die Lehrerausbildung bei uns im Lande nicht verbesserungswürdig wäre, sondern weil der Entwurf damals wie heute gravierende Schwächen aufweist.

(Beifall bei der FDP)

Da ist zum einen die Idee vom Stufenlehrer, ich sage einmal: einem sogenannten Einheitsschullehrer. Das heißt, eine Lehrkraft soll so ausgebildet werden, dass sie alle Schüler und Schülerinnen aller Schularten von der 5. bis zur 10. Klasse unterrichten kann, Schülerinnen und Schüler mit ganz unterschiedlichen Begabungen und Bedürfnissen.

Folgte man Ihrem Vorschlag, liebe Grüne, brauchte man in der Sekundarstufe I nur noch Lehrkräfte, die über eine pauschalierte Standardausbildung für alle möglichen Anspruchsniveaus verfügen, und künftig auch keine Gymnasiallehrer mehr. Was wir aber brauchen, sind Lehrkräfte, die eine fachlich und didaktisch differenzierte Ausbildung durchlaufen haben, um an anderen Schulen an adäquater Stelle optimal eingesetzt werden zu können.

(Beifall bei der FDP)

Ihr Stufenlehrersystem dagegen konterkariert diesen Ansatz. Es drängt sich der Verdacht auf, liebe Grüne, dass Sie wieder einmal Ihre favorisierte Einheitsschule durchdrücken und die Gymnasien durch die kalte Küche zerschlagen wollen.

(Monika Heinold [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ- NEN]: Mein Gott!)

Zweiter Punkt: Theorie und Praxis besser verzahnen. Dies ist richtig, ist absolut notwendig und wird

auch schon betrieben. Ein verpflichtendes Praxisjahr nach dem Bachelor-Abschluss ist aus unserer Sicht aber der falsche Weg in diese Richtung. Der Sinn der Praktika muss es doch sein, den Studierenden bereits früh die Möglichkeit zu bieten, bestens betreut - durch die Schule -, vorbereitet - durch die Universität - und begleitet - von beiden Institutionen - Unterrichtserfahrungen zu sammeln. Nur so, am Anfang des Studiums, können die Studierenden durch Praxiserfahrung feststellen, ob sie für den Lehrerberuf geeignet sind.

Der derzeitige Bachelor-Lehrplan ist für die Studierenden mit intensiver und umfangreicher theoretischer Arbeit und zwei dreiwöchigen Praktika gefüllt. Der Sinn der Praktika sollte es daher nicht sein, die Ausbildung künftig unnötig zu verlängern. Darüber hinaus scheitert Ihr Modell, liebe Grüne, an der Zeitplanung. Wenn, wie vorgesehen, der Lehramtsstudent drei Jahre seinen Bachelor-Abschluss anstrebt, dann ein Jahr als Assistant Teacher arbeitet, um danach zwei weitere Jahre seinen Master draufzusatteln und dann noch ein Einführungsjahr absolviert, war er insgesamt sieben Jahre in der Ausbildungsmühle, wenn alles glatt läuft.

Völlig ungeklärt ist meines Erachtens auch die Frage nach der bundesweiten Kompatibilität Ihrer neuen Abschlüsse.

Frau Abgeordnete, lassen Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten Habersaat zu?

Ist Ihnen bekannt, dass in der heutigen Lehrerausbildung und bei den heutigen Lehrerinnen und Lehrern auch durchaus eine siebenjährige Ausbildungszeit bis zur Vollendung des zweiten Staatsexamens die Regel ist?

- Herr Abgeordneter Habersaat, das ist dann aber das Referendariat.

(Zuruf: Das ist da doch auch mit drin!)

Wenn Sie meiner Rede noch ein bisschen folgen, werden Sie sehen, dass das Referendariat ganz anders gestrickt ist und dass wir da auch die Möglichkeit haben, in anderen Bundesländern Akzeptanz zu finden.

Völlig ungeklärt ist - wie gesagt - die Kompatibilität Ihrer neuen Abschlüsse. Ein erreichter Studien

(Martin Habersaat)

abschluss muss ohne Abstriche bundesweit uneingeschränkt Gültigkeit haben. Ich bin davon überzeugt, dass kein anderes Bundesland diesen schleswig-holsteinischen Sonderweg mitgehen würde.

(Zuruf der Abgeordneten Anke Erdmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Sie, liebe Grüne, kreieren jetzt eine Lehrerausbildung, die nur auf unser kleines Bundesland Schleswig-Holstein zugeschnitten ist. So werden wir der Flexibilität, die von den jungen Menschen heute gefordert wird, nicht gerecht. Das Einzige, was Sie also provozieren, ist eine Studentenflucht in andere Bundesländer oder aber eine lebenslange „Zwangsheirat“ mit Schleswig-Holstein. Beides ist für uns Liberale nicht erstrebenswert.

(Beifall bei der FDP)

Zusammengefasst gilt für uns: Erstens. Frühestmöglicher, intensiver Praxisbezug für unsere Studierenden, aber nicht auf Kosten der Studiendauer, sondern studienbegleitend. Zweitens. Schulartbezogene Profile für Lehrerbildung. Ich freue mich schon auf die Diskussion im Bildungsausschuss und bitte um Überweisung.

(Beifall bei der FDP)

Für die Fraktion DIE LINKE erteile ich Frau Abgeordneter Ellen Streitbörger das Wort.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Im Gegensatz zu Frau Conrad gehe ich jetzt davon aus, dass wir als überwiegende Schulreform demnächst die Gemeinschaftsschule haben werden.

(Beifall bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Deswegen konnte ich einiges aus Ihrem Vortrag nicht wirklich nachvollziehen.

Wir als Fraktion DIE LINKE stehen natürlich auch für die Forderung nach längerem gemeinsamen Lernen an einer Gemeinschaftsschule. Denn nicht nur in Schleswig-Holstein entscheidet die soziale Herkunft viel zu häufig über Erfolg oder Misserfolg in der schulischen Laufbahn. Deshalb brauchen wir ein einheitliches, demokratisches und gebührenfreies Bildungssystem.

Die besten Bildungschancen bedeuten für uns gemeinsames Lernen in Primar- und Sekundarstufe I an einer Gemeinschaftsschule.

(Beifall bei der LINKEN)

In der Sekundarstufe II sollte es dann an einem Oberstufenzentrum die Möglichkeit geben, das Abitur oder eine Berufsausbildung zu machen. Dazu kommt unsere Forderung nach einem verpflichtenden Ganztagsangebot, das mit einem kostenfreien Mittagessen und von qualifizierten Lehrkräften durchgeführt wird. Um diese Ziele umzusetzen, brauchen wir genug und gut ausgebildete und genauso gut fortgebildete Lehrerinnen und Lehrer.

(Beifall bei der LINKEN)

Nun sind nach der Änderung des Schulgesetzes erfreulich viele Gemeinschaftsschulen entstanden. Die Umwandlung war ein schwieriger Prozess und wird auch weiterhin viel Engagement und Kraft erfordern, da die Lehrerinnen und Lehrer, die an den Gemeinschaftsschulen unterrichten, immer noch schulartbezogen zu Grund- und Hauptschullehrerinnen und -lehrern, zu Realschullehrerinnen und -lehrern und zu Gymnasiallehrerinnen und -lehrern ausgebildet wurden.

Hilfe und Unterstützung für diese Lehrkräfte müsste das IQSH jetzt leisten, um sie für ihre neuen Aufgaben zu qualifizieren.

Soweit ich informiert bin, steht aber das IQSH eher vor dem Aus als vor einer qualitativen Verbesserung und Erweiterung seines Angebots. Ein Institut, das qualitativ gute Fortbildungsangebote durchführt, wird in der jetzigen Situation aber mehr denn je gebraucht. Genauso sind wir in der Pflicht, für die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer eine optimale Ausbildung zu gestalten. Denn sie werden für die nächsten Jahrzehnte die Träger unseres Bildungssystems sein. Und wir müssen die Grundlage dafür schaffen, indem wir Studierende so qualifizieren, dass sie ein modernes Bildungsangebot für eine Schule der Zukunft gestalten können.

(Beifall bei der LINKEN)

Der Antrag der Grünen geht genau in die richtige Richtung. Wir brauchen eine Ausbildung zur Stufenlehrerin und zum Stufenlehrer und keine schulartenbezogenen Ausbildungsprofile.

(Beifall bei der LINKEN und vereinzelt bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Deshalb werden wir diesen Antrag unterstützen.

Richtig und wichtig finden wir die Einbeziehung des Elementarbereichs in die Lehrerausbildung. Die Ansprüche an die Leistungen der Erzieherinnen und Erzieher werden immer höher. Sie müssen diagnostizieren, differenzieren und Defizite durch ge

(Cornelia Conrad)