Protokoll der Sitzung vom 09.10.2014

Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hat Frau Abgeordnete Anke Erdmann das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lieber Sven Krumbeck, ich freue mich über diesen Antrag zur Bundesratsinitiative „Digitales Lernen und offene Infrastruktur“. Ich finde, das ist die richtige Richtung. Ich möchte kurz erläutern, warum meine Fraktion jetzt noch nicht zustimmen kann.

Auch ich bin der Meinung, dass wir dieses Thema nicht verschlafen dürfen. Ich danke für die Impulse, die im Bildungsausschuss von Ihrer Seite kommen, Herr Krumbeck. Die beiden Veranstaltungen zum digitalen Lernen, die wir als Ausschuss durchgeführt haben, hatten ganz viel mit Ihren Impulsen zu tun. Sie haben recht, dies lag daran, dass wir sonst

(Kai Vogel)

immer ganz eifrig diskutieren, dass aber beim Thema digitales Lernen eher ein großes Schweigen ausbrach. Wir hatten den Eindruck, dass wir hier noch ein bisschen Input brauchen.

Die beiden Veranstaltungen, die zweite war vor zwei Wochen, haben noch einmal gezeigt: Den Vorreiterschulen in Schleswig-Holstein fehlt es an systematischer Unterstützung. Es stimmt, es fehlt an Vernetzung und an Fortbildungsveranstaltungen. Das wurde beklagt. Es fehlt aber auch an Ausstattung und Netz. Dieser Umstand richtet sich an die Kommunen. Die Frage nach frei lizensierter Lernsoftware oder Information spielte in diesem Zusammenhang noch nicht einmal eine Rolle, weil wir noch auf einer ganz anderen Ebene Nachholbedarf haben.

An dieser Stelle richte ich einen Appell an die Kommunen: Es ist nicht nur das Land verantwortlich. Es gibt häufig Lehrkräfte, die Systemadministratoren sind. Diese haben sowieso schon viel um die Ohren. Wir haben einen Lehrkräftemangel. Es gibt aber Physiklehrer, die nebenbei noch das Schulnetz mitbetreuen und Administratoren für das Schulsystem sind. Das geht eigentlich nicht. Wir reden viel über Konnexität. An dieser Stelle muss man den Kommunen sagen: Hier seid ihr am Zuge. Einige machen dies toll, aber es gibt Städte und Kommunen, bei denen durchaus noch Luft nach oben ist.

Die PIRATEN wollen den Bund ins Boot holen. Ich glaube, das wäre genau richtig, weil so in den ganzen Bereich eine deutliche Bewegung kommen würde.

In der Frage der Bereitstellung von digitalen Endgeräten für alle Schülerinnen und Schüler bin ich eher skeptisch. Ich finde, das ist angesichts der ganzen Baustellen, die wir im Bildungsbereich haben, nicht der erste Punkt, bei dem ich sagen würde, dies müsse unbedingt sein. Eine Frage ist die des Zugangs. Eine andere Frage ist, ob jeder ein mobiles Endgerät hat. Das sind unterschiedliche Aspekte. Ich würde auch einen Unterschied zwischen den Grundschulen und dem Bereich Sekundarstufe I sehen. Auch wenn ich mir dies im Grundschulbereich vorstellen kann, so wäre es nicht meine Vorstellung, dass jeder Grundschüler von Anfang an ein Tablet hat.

Ich sehe die Chancen des digitalen Lernens. Ich sehe, was für Möglichkeiten im Bereich des binnendifferenzierten und aktivierenden Unterrichts bestehen. Ich selbst habe einen Vormittag im Gymnasium Kronshagen verfolgen können. Das war ein

wirklich toller, aktivierender Unterricht. Fünftklässler haben sich mit Leidenschaft an Gedichten ausprobiert. Ich glaube, hier hilft dieses Medium mitunter. Infos sind spannend und umfassend aufbereitet. Das ist aber kein Automatismus.

Herr Bernstein, ich bin an dieser Stelle skeptisch, ob man dies ganz systematisch anlegen kann. Nach dem, was ich an den Schulen erlebe, muss ich sagen: Es gibt Lehrkräfte, die mit digitalen Medien guten Unterricht machen, und es gibt Lehrkräfte, die machen ohne digitale Medien guten Unterricht. Ich glaube, man braucht eine gewisse digitale Affinität. Diese kann man sich aneignen, aber ich glaube, unsere Lehrkräfte haben, wenn ihnen dieses Thema nicht naheliegt, ganz andere Themen, die ihre Kraft brauchen. Ich würde mir auch wünschen, an vielen Schulen voranzugehen, aber es ist schwer, dies an allen Schulen in einem gleichen Maße hinzubekommen.

Gerade das wäre aber wichtig, denn zwischen einem aktivierenden Unterricht und dem Daddeln im Netz liegen im Bereich des digitalen Klassenzimmers oft nur ein Click oder ein kurzes Wischen. Das haben die Schülerinnen und Schüler bestätigt. Sie sagen: Wenn ich ein Tablet habe, ist die Verlockung, kurz bei Facebook nachzusehen, besonders groß. Wir alle kennen dies. Torge Schmidt legt sein Tablet jetzt gerade weg. Daher muss dies mit einer vernünftigen Unterrichtsentwicklung einhergehen. Das geht nicht anders.

Ich finde die letzten vier Punkte des Antrags überwiegend gut, auch den Ausbau der Medienpädagogik. Ich glaube, es wäre viel gewonnen, wenn die Schulen und die wenigen Lehrkräfte, die schon losgelaufen sind, von uns eine systematische Unterstützung bekommen würden. Ich glaube, dann wäre sehr viel gewonnen, denn es sind an unseren Schulen gar nicht wenige Lehrkräfte, für die dies schon Realität ist. Momentan sind es jedoch oft Einzelkämpfer, die sich alleingelassen fühlen. Hier können wir im Ausschuss eine gute Beratung hinbekommen. - Vielen Dank.

(Beifall BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, SPD, SSW und vereinzelt PIRATEN)

Für die FDP-Fraktion hat Frau Abgeordnete Anita Klahn das Wort.

(Anke Erdmann)

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Lieber Sven Krumbeck, Copy and Paste sage ich zu dem Antrag. Das hätte ich für meinen Redebeitrag auch gern genutzt, aber in NRW wurde dieser Antrag ohne Aussprache in den Bildungsausschuss verwiesen. Ich will einräumen, dass gut kopiert häufig besser ist als schlecht gemacht. Auch muss das, was in NRW stattfindet, für Schleswig-Holstein nicht schlecht sein.

Ohne Frage, das Thema digitales Lernen sollte vorangebracht werden. - Ich lasse die Zwischenfrage gern zu.

Dann hat Torge Schmidt das Wort.

Frau Kollegin Klahn, ich wollte Sie fragen, ob die FDP fraktionsübergreifende Arbeitskreise hat, die Inhalte erarbeiten, die unter Umständen in Parlamenten Fuß fassen?

Im Grundsatz kann ich Ihre Frage mit einem schlichten Ja beantworten. Selbstverständlich. An dieser Stelle war es jedoch für mich unterhaltsam zu sehen, dass der Antrag wirklich eins zu eins einschließlich der Kommata kopiert und eingebracht wurde. Ich habe mich darüber amüsiert, wie damit umgegangen wurde. Ich denke, es ist legitim, das hier zu erwähnen. Das schmälert Ihre Arbeit nicht. Wenn Sie mir außerdem zugehört haben, dann haben Sie vernommen, dass ich gesagt habe: Das, was dort gemacht wird, muss nicht schlecht für Schleswig-Holstein sein.

Das Thema digitales Lernen soll auch in SchleswigHolstein vorangebracht werden, denn es wäre nicht nachvollziehbar, wenn wir nicht die Möglichkeiten nutzten, die sich uns aus dem technischen Fortschritt und der Digitalisierung der Gesellschaft bieten.

Ich möchte konkret auf die fünf Punkte eingehen, die Sie eingebracht haben, und auf die Zuständigkeiten hinweisen, denn die Bereitstellung der digitalen Endgeräte für alle Schülerinnen und Schüler, die Sie dort einschließlich Internetzugang et cetera fordern, ist eine Forderung, die mit Sicherheit bei den Schülern und den Eltern große Begeisterung auslösen wird. Weniger Begeisterung wird sie bei den Schulträgern, bei den Kommunen, auslösen,

die nämlich bis heute für die Sachmittelausstattung an den Schulen zuständig sind.

Laut des aktuellen Berichts zur Unterrichtssituation haben wir in Schleswig-Holstein an den öffentlichen Schulen rund 384.000 Schülerinnen und Schüler. In diesem Schulhalbjahr sind es vielleicht ein paar tausend Schüler weniger. Würde man jetzt pro Rechner 500 € kalkulieren, ergäbe dies eine Summe von 192 Millionen €. Selbst wenn man nur mit 250 € pro Rechner kalkulieren würde, ergäbe sich immer noch eine Summe von 96 Millionen € zuzüglich der Kosten für Gebühren für Lizenzen und Ersatzbeschaffung nach - ich schätze einmal - mindestens fünf Jahren. Diese Summe kann durch die Kommunen auch über einen längeren Investitionszeitraum nicht aufgebracht werden, zumal dies immer mit anderen Investitionen wie der Sanierung der Schulgebäude konkurriert.

Ein Punkt darf in diesem Zusammenhang nicht unter den Tisch fallen: Wir müssen auch die notwendigen Personalressourcen, die zur Pflege und Administration der vielen Rechner notwendig sind, bereitstellen.

Bereits jetzt klagen die Lehrer darüber, dass sie das zwar nebenbei mit machen, dass es aber zum großen Teil von ihrer Freizeit abgeht; es geht ab von der Zeit für die Vorbereitung auf den Unterricht. Das kann es nicht sein. Wir brauchen also jemanden, der diese Administration in Vollzeit übernimmt. Dies werden dann die Kommunen finanzieren müssen, und dafür brauchen diese Geld.

Es bedarf also eines richtigen Kraftaktes, auch um Teilschritte zu erreichen. Hier sehe ich auch den Bund in der Pflicht, der sich mit seiner Digitalen Agenda auch dem Digitalen Lernen, wenn auch spärlich, verpflichtet hat. Auch dieser Bereich bietet aus liberaler Sicht gute Argumente, das Kooperationsverbot auch im schulischen Bildungsbereich zumindest zu lockern. Und hier baue ich auf unsere neue Ministerin, Frau Ernst.

Die Themen digitale Lernmittelfreiheit, konsequente Nutzung von freilizensierten Bildungsmedien, Open Source Software vermute ich, ehrlich gesagt, sind Teil des Kampfs der PIRATEN gegen die etablierten Schulbuchverlage. Hier möchte ich darauf hinweisen, dass diese bereits heute mit dem Erwerb eines Schulbuches vielfach auch einen digitalen Zugang ermöglichen oder eine CD beigelegt haben, wobei das dann vielleicht zeitlich befristet ist. Dies erscheint mir durchaus sinnvoll, denn die Verlage finanzieren durch den Verkauf Urheberrechte, Herstellungskosten, Marketing und so weiter. Es

geht auch um die Finanzierung von Forschungsund Entwicklungsprojekten, die sich durch Veröffentlichung finanzieren. Irgendjemand macht diese Arbeit und möchte davon auch leben.

Qualität kostet nun mal, und ich will qualitativ hochwertiges Schulmaterial, was den höchsten fachlichen Ansprüchen genügt. Als Ergänzung kann ich mir aber die Verwendung frei lizensierter Bildungsmedien vorstellen. Vielleicht lässt sich im Bildungsausschuss klären, wo überhaupt aktuell das Problem der Anwendung ist und ob es nicht vielleicht auch jetzt schon geht.

In diesem Zusammenhang könnten auch die in der Fachtagung aufgeworfenen Fragen beantwortet werden, warum die digitalen Schulbücher eins zu eins dem gedruckten Schulbuch entsprechen müssen und eben nicht zum Beispiel die Vorteile einer digitalen Animation oder das individuelle Erarbeiten und Überprüfen des Lernfortschrittes anbieten dürfen. In den bildungspolitischen Überlegungen muss auch geklärt werden, wie wir die digitalen Medien nutzen können, um bessere Lernergebnisse hervorzubringen.

Berichte über Modellprojekte zeigen auf, dass individualisiertes Lernen auf digitale Art und Weise erfolgreich ist. Ich möchte an dieser Stelle aber auch an die schon viel zitierte Hattie-Studie erinnern, die klar festhält, dass es immer noch auf den Lehrer ankommt und die direkte Instruktion weiterhin die erfolgreichste Methode ist. Ich denke, digitale Medien sollten Lehrer bei der Lernvermittlung und Schüler beim Lernen unterstützen. Sie können aber die Lehrer nicht ganz ersetzen.

Wir sollten uns also im Bildungsausschuss damit beschäftigen, an welcher Stelle digitale Medien im Unterricht helfen können und wem sie dann auch wirklich nützen.

Ganz zum Abschluss gestatten Sie mir ein Zitat von Professor Lankau aus Offenburg:

„Medien im Unterricht sind eine Konstante seit den ersten Wachstafeln.“

(Beifall FDP)

Das Wort für den SSW hat nun die Frau Abgeordnete Jette Waldinger-Thiering.

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Mit ihrem Antrag „Digitales

Lernen: Offene Infrastruktur gehört auf die Agenda!“ setzen die PIRATEN nicht nur in anderen Bundesländern, sondern auch hier in SchleswigHolstein einen sehr wichtigen Punkt auf die politische Tagesordnung. Ich möchte gar nicht auf die Frage des „Copy and Paste“ oder darauf zu sprechen kommen, ob alle Kommata richtig übernommen worden sind, aber Schwamm drüber!

Ganz ohne Zweifel nimmt die Bedeutung digitaler Medien in der heutigen Zeit immer weiter zu. Logischerweise steigt damit auch die Notwendigkeit, einen kompetenten Umgang mit diesen Medien zu erlernen. Und es steht auch völlig außer Frage, dass Schülerinnen und Schüler noch besser auf die Anforderungen einer digitalen Arbeitswelt vorbereitet werden müssen. Für den SSW ist völlig klar, dass digitale Medien den Schulen große Chancen bieten. Diese sollten zukünftig natürlich noch stärker genutzt werden.

Ich halte also fest: Auch wenn das Thema nicht mehr ganz neu ist, begrüßen wir diesen Vorstoß der PIRATEN. Die Tatsache, dass wir uns in dieser Sache vom Grundsatz her einig sind, stimmt mich durchaus positiv.

(Beifall PIRATEN)

Wie wir wissen, will der Bund - ich zitiere -: ,,gemeinsam mit den Ländern und weiteren Akteuren aus den Bildungsbereichen eine Strategie ‚Digitales Lernen‘ entwickeln, die die Chancen der digitalen Medien für gute Bildung entschlossen nutzt, weiter entwickelt und umsetzt.“ Das sind große Worte. Wenn wir aber ehrlich sind, dann ist diese Strategie der Bundesrepublik noch nicht wirklich weit über die Verlautbarungsebene hinaus gekommen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns frühzeitig in die Entwicklung dieser Strategie einbringen.

(Beifall PIRATEN)

Dies haben glücklicherweise nicht nur die PIRATEN erkannt, sondern auch unsere Landesregierung. Auch über die aufgeführten Punkte hinaus ist das zuständige Ministerium natürlich im engen Austausch mit den Kollegen aus anderen Ländern und mit der Bundesebene, und das ist gut so.

Ich will hier gewiss nicht die Bedenkenträgerin spielen; denn SSW, Grüne und SPD wollen bei diesem wichtigen Thema endlich entscheidend vorankommen. Mit Schnellschüssen und blindem Aktionismus ist hier aber ganz sicher niemanden geholfen. Der Weg ins digitale Klassenzimmer ist einfach länger, als von so manchem behauptet. Große Worte und hehre Ziele sind das eine. Die konkreten

(Anita Klahn)

Details der Umsetzung das andere. Man muss kein Experte sein, um zu erahnen, wie vielfältig und gleichzeitig komplex die Herausforderungen sind, die wir hier meistern müssen.

Damit digitale Medien wirklich sinnvoll zur Bildung unserer Kinder beitragen können, muss eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt werden: Architekten und Planer sind gefragt, um die geeignete Infrastruktur zu schaffen. Die notwendige Hardware muss nicht nur beschafft, sondern eben auch mit Wartung und Betrieb kalkuliert werden. Die per Software vermittelten Inhalte müssen natürlich den Lehrplänen entsprechen. Und die Lehrkräfte brauchen die Möglichkeit, sich die entsprechenden Grundlagen anzueignen. Wenn ich mir die Situation in anderen Ländern anschaue, dann gibt es absolut Grund zur Eile. Um es ganz klar zu sagen: Wenn wir im internationalen Vergleich nicht irgendwann abgehängt werden wollen, müssen wir hier gemeinsam einen Gang zulegen.