Protokoll der Sitzung vom 18.09.2002

Hirnstörung besteht, darüber gibt es nur Vermutungen, das kann keiner genau sagen, absolut keine sicheren Erkenntnisse. Zurzeit sind die Diagnosen Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom am gebräuchlichsten. Was uns von Bündnis 90/Die Grünen und mich als gesundheitspolitische Sprecherin am meisten beunruhigt, ist die überaus sprunghafte Zunahme der Fälle, bei denen diese Diagnose gestellt wird und die dann bei den Kindern auch meistens medikamentös behandelt werden. Eine sichere Diagnosestellung ist jedoch sehr schwierig. Die wissenschaftliche Diskussion zu den medizinischen Ursachen dieser Störung ist noch nicht abgeschlossen, es herrscht Uneinigkeit zwischen den Wissenschaftlern.

In der öffentlichen Diskussion wird daher häufig die Frage aufgeworfen, ob es sich bei dem Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom um eine Modeerscheinung handelt. Das wird auch vom Sozialpädiatrischen Institut am ZKH St.-Jürgen-Straße so problematisiert. Die Mitarbeiter des Instituts sehen eine zunehmende Grauzone zwischen Therapie und Pädagogik. Zurückgeführt wird das auf eine veränderte Erwartungshaltung und ein verändertes Bewusstsein. Weiterhin wird ausgeführt, dass pädagogische Fragestellungen in den medizinischen Bereich abgedrängt und somit pathologisch werden. Hier verwischt die Grenze zwischen Normalität und Störung. Ich denke, es gibt hier inzwischen einen Teufelskreis, der dringend unterbrochen werden muss.

(Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen)

Noch einmal zur Klarstellung! Es geht nicht darum, dass es die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom nicht gibt, sondern darum, dass es einen sprunghaften Anstieg der Anzahl von Kindern gibt, bei denen diese Diagnose gestellt wird. Wenn erst einmal eine Diagnose gestellt wird, kommt es meistens auch zu einer Therapie. Diese Therapie sieht so aus, dass den Kindern ein Medikament verordnet wird mit dem Wirkstoff Methylphenidat, im Handel unter dem Namen Ritalin und Medikenet bekannt, denn Methylphenidat, das in die Gruppe der Psychostimulanzien gehört und auch abhängig machen kann, fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. In der Arzneimittelliste der Ärzte, der so genannten Roten Liste, werden mögliche Nebenwirkungen wie Angst, Schlaflosigkeit und Verfolgungswahn aufgeführt. Letztlich lässt sich nicht sagen, in welchem Ausmaß die Nebenwirkungen der Lebensqualität einzelner Kinder nicht eher schaden. Außerdem liegen keine wissenschaftlichen Untersuchungen über Langzeitfolgen vor.

Über den Verbrauch allerdings gibt es alarmierende Daten. Die Daten der Bundesopiumstelle zeigen, dass von 1993 bis 2000 der Verbrauch von Methylphenidat um das 13,6fache gestiegen ist. In den letzten beiden Jahren kam es jeweils zu einer Ver

doppelung der ausgelieferten Mengen, meine Damen und Herren. In Kilogramm ausgedrückt bedeutet das eine Steigerung von 34 Kilogramm auf 463 Kilogramm dieses Stoffes. Ich denke, diese Zahlen sprechen für sich. Methylphenidat darf nicht zur Pille für das Kind werden. Deshalb wird auch schon im Titel unseres Antrags deutlich, dass Methylphenidat nur sehr verantwortungsvoll eingesetzt werden darf. Das scheint in der letzten Zeit so nicht gewesen zu sein. In der letzten Ausgabe des wissenschaftlichen Magazins der AOK ist zu lesen, dass Bremen bei der Verordnung von Methylphenidat einen Spitzenplatz einnimmt. Das darf nicht nur zur Kenntnis genommen werden, das muss analysiert werden, und Strategien müssen her, um diesem Trend entgegenzuwirken.

(Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen)

Dazu gehört auch neben der Aufklärung von Ärztinnen und Ärzten, Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern ein multimodaler Therapieansatz. Hier gibt es inzwischen alternative Therapieangebote, die oft leider nicht bekannt sind. Solche Therapien können die Medikamenteneinnahme oft verhindern. Doch nicht nur die Therapie des einzelnen Kindes ist allein zu betrachten. In Institutionen wie Schulen, Kindertagesstätten und so weiter muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Informationsaustausch und Zusammenarbeit müssen verstärkt werden. Der Zunahme von Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivitätssyndromen muss entgegengewirkt werden. Deshalb fordern wir den Senat in unserem Antrag auf, der Bürgerschaft mitzuteilen, welche Maßnahmen er plant, um dieser Problematik entgegenzuwirken. Meine Damen und Herren, ich möchte noch einmal deutlich machen: Es geht uns nicht darum, Methylphenidat zu verdammen. Nein, der verantwortungsvolle Umgang und der besonnene Einsatz, das ist unser Ziel, und das sind auch die Knackpunkte. Eltern müssen Hilfe bekommen, um über Alternativen nachdenken zu können. Ich denke, ich habe deutlich gemacht, welches Ziel wir mit unserem Antrag haben, und wo die Probleme liegen. Auch die Bundesregierung befasst sich mit dieser Problematik. Es sind schon einige Maßnahmen eingeleitet worden. Erstens, der ansteigende Verbrauch von Methylphenidat soll durch eine Analyse der Verordungsdaten untersucht werden. Zweitens, das Robert-Koch-Institut wird in seinem Bericht über die Kinder- und Jugendgesundheit auch über das Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom berichten. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird eine Informationsbroschüre zu diesem Thema herausgeben. Ich denke, das ist ein guter Anfang. Ebenfalls gibt es noch einen Antrag auf der Bundesebene, der von vielen Abgeordneten aller Par

teien unterschrieben wurde. Darin wird die Forschung aufgefordert, tätig zu werden in Sachen Langzeitfolgen und über Ursachen und Verlauf dieser Störungen zu forschen. Deshalb wurden diese Punkte auch nicht in unserem Antrag speziell aufgeführt, denn was läuft, das läuft ja schon. Ich denke, wir sollten unseren Blick darauf richten, wie wir dieses Problem in Bremen und Bremerhaven lösen können, und zwar gemeinsam.

(Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen)

Aber das klappt auch. Von den Kolleginnen und Kollegen der SPD- und CDU-Fraktion ist mir signalisiert worden, dass dieser Antrag in die Deputation für Arbeit und Gesundheit überwiesen werden soll. Wir sind damit einverstanden.

(Unruhe bei der SPD)

Ach so, ich dachte, Sie machen einen Zwischenruf, auf den ich eingehen sollte, Frau Hövelmann, aber das war es nicht! Wir haben uns auch geeinigt, dass die Deputation für Arbeit und Gesundheit einen Bericht erstellt und der Bürgerschaft Ende Januar zuleiten wird. Ich bedanke mich dafür. – Vielen Dank!

(Beifall beim Bündnis 90/Die Grünen)

Als Nächste erhält das Wort die Abgeordnete Frau Hammerström.

Herr Präsident, meine Damen und Herren! Wie es bei solchen Debatten üblich ist, macht man sich ja auch im Internet schlau, und ich glaube, wir haben alle auf die gleichen Seiten gesehen. Deshalb kann ich mir ersparen, meine Rede so zu halten, wie ich es vorgehabt hatte, weil Frau Hoch das meiste schon gesagt hat. Aber nachdenklich machen sollte es uns schon, dass immer mehr Kinder als psychisch labil angesehen werden. Frau Hoch hat schon die Kilogramm Pillen erwähnt. Heutzutage schlucken Kinder zwanzigmal mehr Psycho-Pillen als noch vor zehn Jahren! Das sollte uns nachdenklich machen!

Aber auch diese Debatte wird zeigen, Psychologen, Pädagogen, Eltern und Politiker werden sich nicht einig sein. Wächst bei uns eine neue Generation von Neurotikern, Hektikern und Nervensägen heran, der nur mit Psycho-Stimulanzien wirkungsvoll geholfen werden kann, oder sind die Pillen nicht vielleicht auch lediglich ein bequemes Mittel, mit dem sich die Folgen von Erziehungsmängeln in deutschen Familien und Schulen überdecken lassen? Ist es nicht oftmals so, dass sich Kinder auf eine Art und Weise verhalten, die den Erwachsenen und unter Umständen auch ihnen selbst Probleme bereitet? Sie sind nicht bei der Sache, wollen sich nicht mit dem beschäftigen, was die Erwachsenen, Lehrer oder Eltern,

wollen. Sie sitzen nicht länger als fünf bis zehn Minuten auf ihrem Stuhl und plappern, wie es ihnen einfällt.

Frau Hoch hatte schon gesagt, das Syndrom, das früher einfache als „Zappelphilipp“ benannt wurde, nennen wir nun heute ADHS, ADS oder POS, wie es die Schweizer nennen. Wir haben einfach ein Etikett für eine Krankheit, und die US-Amerikaner, die uns in vielem schon voraus sind, haben das Zappelphilipp-Syndrom dann ganz schnell als Krankheit erkannt, für die man eine Therapie brauchte, und siehe da, sie hatten auch sehr schnell ein schönes Medikament, das in den ersten Jahren nur sehr wenig eingesetzt wurde, dann zunehmend! Frau Hoch ist aber auch schon darauf eingegangen.

Meine Damen und Herren, ich denke, wir sind viel zu schnell dabei, abweichendes Verhalten als gestört oder hyperaktiv zu bezeichnen. Warum reden wir nur über die individuellen Probleme und Störungen, die Kinder scheinbar haben und die von Eltern gelöst werden müssen, und nicht vielleicht auch manchmal von den gesellschaftlichen Verhältnissen, politischen Entscheidungen oder auch institutionellen Vorgaben, wie zum Beispiel der Organisation des Lernens in der Schule?

(Beifall bei der SPD)

Vielleicht liegen auch hier Gründe, die zu diesem Verhalten führen.

Meine Damen und Herren, bei den Leitsymptomen dieser so genannten Krankheit werden beispielsweise für Kinder im Grundschulalter plan- und rastlose Aktivität, schnelle und häufige Handlungswechsel oder Trotzreaktionen aufgeführt. Ich bitte Sie aber auch, Ihr Augenmerk darauf zu legen, dass Kinder mit diesem so genannten ADHS-Syndrom auch gleichzeitig häufig positive Eigenschaften haben, nämlich Ideenreichtum, künstlerische Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeitssinn! Legen wir gesellschaftspolitisch nicht vielleicht zu viel Wert auf die erstgenannten negativen Eigenschaften und lassen die anderen außer Acht?

(Beifall bei der SPD)

Meine Damen und Herren, eine sachgerechte Diagnose gehört in die Hände von Kinder- und Jugendärzten. Um dem Kind helfen zu können, muss aber eine interdisziplinäre Zusammenarbeit auch mit den psychologischen, pädagogischen und sozialen Diensten Hand in Hand gehen. Eine medikamentöse Behandlung, Frau Hoch ist bereits darauf eingegangen, sollte, auch wenn die Nebenwirkungen angeblich so gering sind, erst der letzte Schritt sein.

Zu dem Antrag, Sie haben es schon gesagt, wir möchten ihn gern überweisen. Wir hätten ihn noch ganz gern angereichert, aber irgendwo ist er im Ver

fahren hängen geblieben. Ich möchte nur unsere Position noch kurz deutlich machen, was wir dann auch in die Deputation als unsere Forderungen einbringen werden.

Wir erwarten, dass die Senatorin bei der Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassen im Lande Bremen auf eine Vereinbarung zur Verbesserung der Diagnostik und Therapie bei ADHS gemäß den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte hinwirkt. Wir erwarten dabei, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit der medizinischen, psychologischen, pädagogischen und sozialen Dienste besonders berücksichtigt wird. Um Lehrer, Erzieher und Eltern aber bei einer wirklichen Krankheit in den Stand zu versetzen, auch zu helfen, müssen entsprechende Fortbildungsmaßnahmen angeboten werden, und wir schlagen vor, die Ärztekammer und die Psychotherapeutenkammer sowie die Kassenärztliche Vereinigung um Fortbildungsmaßnahmen für die von ihnen vertretenen Heilberufe zu ersuchen.

Wie mir die AOK mitteilt, auch darauf ist Frau Hoch schon eingegangen, nimmt Bremen einen Spitzenplatz bei der Verschreibung derartiger Medikamente des Wirkstoffs Methylphenidat ein. Die AOK führt aber auch aus, dass diese Ergebnisse zeigen, dass vor allen Dingen weiterer Forschungsbedarf, insbesondere unter Qualitätsgesichtspunkten, erforderlich ist. Wir fordern das Gesundheitsressort daher auf, über das BMG den Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen anzusprechen, damit möglichst bald einheitliche Standards für Diagnostik und Therapie von ADHS im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen definiert werden.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zusammenfassen! Die Frage, ob es normal ist, dass es plötzlich von kleinen Zappelphilipps und Kindern mit ADHS wimmelt, werden wir heute nicht beantworten. Die wundersame Vermehrung behandlungsbedürftiger Auffälligkeiten sollte jedoch kritisch hinterfragt werden. Die Frage steht im Raum, ob nicht jedes kleine abweichende Verhalten eines Kindes, weil unbequem, weil zeitraubend, weil anstrengend, weil überfordernd, gleich mit dem Etikett ADHS versehen werden muss oder ob nicht vielleicht doch etwas mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit oder weniger Stress ebenso gute Heilungsmöglichkeiten bieten wie eine kleine Wunderpille namens Ritalin.

(Beifall bei der SPD)

Nicht überall dort, wo ADHS darauf steht, muss ADHS darin sein!

Abschließend lassen Sie mich ganz kurz nur sagen, weil ich gesehen habe, Herr Tittmann hat sich auch gemeldet: Wir alle sind angeschrieben worden mit Briefen, die wir relativ häufig wieder in unserem Fach haben. Es ist immer die gleiche Schreibmaschine, es ist immer das gleiche Schriftbild. Ich

weiß auch nicht, ob so etwas nicht in diesem Haus verhindert werden kann. Herr Tittmann, ich sage Ihnen gleich, wenn Sie Ihre Rede hier mit diesem Text halten – Sie haben ja zu den Elektroschocks das Gleiche auch ausgeführt, indem Sie diesen Brief zitiert haben –, diese Briefe sind von den Scientologen! Das wollte ich nur ausführen, falls Herr Tittmann sich dazu meldet. Sie wissen also, dass Herr Tittmann dann die Scientologen – –.

(Abg. T i t t m a n n [DVU]: Sie wollen mich doch wohl damit nicht in Verbindung bringen!)

Ich weiß ja, was Sie sagen werden! Sie werden genau diesen Brief nehmen. Dann können Sie sich ja vielleicht auch einmal bemühen, hier inhaltlich zu sein, aber ich sage Ihnen, diese Briefe, die wir alle immer in unserem Fach haben, sind von den Scientologen.

(Abg. T i t t m a n n [DVU]: Ich habe da- mit überhaupt nichts zu tun!)

Ich möchte Sie nur bitten, das dann auch in Ihren Gedankengang so einzubeziehen!

(Beifall bei der SPD – Abg. T i t t m a n n [DVU]: Warten Sie doch erst einmal meine Rede ab!)

Ich weiß ja, was Sie sagen wollen!

(Abg. T i t t m a n n [DVU]: Das wissen Sie nicht!)

Als Nächste erhält das Wort die Abgeordnete Frau Dreyer.

Herr Präsident, meine sehr geehrten Damen und Herren! Beide Vorrednerinnen haben ja schon auf die Geschichte des Zappelphilipps hingewiesen. Ich möchte auch nur noch einmal sagen, die Geschichte ist inzwischen 160 Jahre alt, und ich will das deswegen noch einmal betonen, damit wir uns noch einmal in Erinnerung rufen, dass anscheinend das Problem von zappeligen, anstrengenden und unkonzentrierten Kindern nicht wirklich neu ist. Neu ist ausschließlich der Krankheitsbegriff Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätssyndrom – wie man so etwas schon schreiben kann! –, kurz ADHS. Neu ist auch, dass diese Krankheit inzwischen medikamentös behandelt werden kann, und nicht nur neu, sondern alarmierend ist, dass bei immer mehr Kindern die Diagnose gestellt wird und die Verordnungen und die Ausgabe der Medikamente natürlich immens ansteigen. Beide Vorrednerinnen haben schon darauf verwiesen.

Meine Damen und Herren, ich beziehe mich auf die Fakten, das geht nämlich schnell, denn so viele Fakten gibt es nicht. Fakt ist, dass die Verschreibung des Wirkstoffes Methylphenidat, es handelt sich hier um ein Betäubungsmittel, sich in den vergangenen Jahren sprunghaft erhöht hat. In den letzten zehn Jahren ist der Verbrauch um das Zwanzigfache gestiegen, auch dies ist schon gesagt worden. Fakt ist weiter, dass es mehr als 60 deutschsprachige Bücher zum Thema ADHS gibt, eine Informationslücke ist also nicht zu erkennen, Frau Hoch, die den Informationshunger der Eltern, Ärzte und Pädagogen stillen können, sofern man diese Bücher denn liest.

Fakt ist weiter, dass zu den vielfältigen Veranstaltungen zum Thema ADHS Hunderte von Zuhörerinnen und Zuhörer kommen, wenn Ärzte, Psychologen und Betroffene über die wichtigen Fragen streiten. Die Fragen sind immer die gleichen. Ich will sie hier noch einmal auflisten: Wie erkenne ich, dass mein Kind betroffen ist? Wer hat Schuld, die Erzieher, die Eltern oder gar die Gene? Kann Ritalin, so der Name dieser Pille, wirklich helfen? Ist ADHS überhaupt eine ernst zu nehmende Krankheit oder vielmehr eine Modeerscheinung?

Sie sehen, meine Damen und Herren, wenige Fakten, viele Fragen! Darum hat die Konferenz der Gesundheitsminister im Juni dieses Jahres bereits einstimmig beschlossen, und wir haben das in der Deputation besprochen, gemeinsam mit den Kultusministern und den Verantwortlichen im Gesundheitswesen, insbesondere den Bundesärztekammern, den Fachgesellschaften und den Fachverbänden sowie den Kostenträgern, einen Gesamtbericht zu Fragen der Ursachenforschung, der Diagnostik, Therapie und Beratung bei ADHS zu erstellen. Diesen umfangreichen Bericht sollten wir abwarten, damit wir dann eine gesicherte Grundlage für entsprechende Beschlüsse haben. Wir haben das in der Deputation ja auch schon vereinbart, und wir werden diesen Antrag auch in die Fachdeputation überweisen.

Meine Damen und Herren, ich will aber noch einmal auf Bremen und Bremerhaven eingehen, da wird das Thema selbstverständlich auch diskutiert, und entsprechende Hilfen für Betroffene werden bereits angeboten. Die Ärztekammer Bremen hat ein Schwerpunktheft zu diesem Thema herausgegeben. Die Bundesärztekammer hat eine Anhörung durchgeführt. Gesundheitsinitiativen in Bremen bieten Elternabende an. Besonders erwähnen möchte ich hier den Gesundheitstreff West, der kontinuierlich und mit reger Beteiligung der Betroffenen Elternabende durchführt. Welche Initiativen in Bremen und Bremerhaven aktiv sind, welche Fortbildungen für Ärzte, Pädagogen und welche Beratungen für Eltern angeboten werden, darüber sollte die Gesundheitsdeputation nochmals beraten und Möglichkeiten schaffen, eventuelle Lücken in der Information, die ich aber bei der Flut von Literatur kaum erkennen kann, zu schließen.

Lassen Sie mich zum Schluss noch feststellen, dass jedes Medikament, das eine gewünschte Wirkung entfaltet, natürlich auch eine nichterwünschte Nebenwirkung haben kann! Dies ist eine alte Tatsache. Gerade bei Kindern sind diese Nebenwirkungen aber nicht nur ungenau einzuschätzen, es können bei einer Langzeittherapie, glaube ich, besonders schwere Schäden entstehen.

Auf die Erziehungsprobleme haben wir schon hingewiesen. Wir wollen auch als CDU selbstverständlich keine Schuldzuweisungen machen, dafür wissen wir über die Ursachen von ADHS alle hier noch viel zu wenig, trotzdem lassen Sie mich noch einmal in Erinnerung rufen, was wir eigentlich meinen, was Kinder brauchen! Ich glaube, das ist Konsens im ganzen Haus. Kinder brauchen Liebe, Verständnis, viel Zeit, Anregung und kreative Spiele.

(Beifall bei der CDU)

Sie brauchen aber auch weiter, und das gehört dazu, klare Grenzziehung durch ihre Eltern, im Kindergarten und in der Schule. Ob sich hier ein Handlungsbedarf für uns in der Politik ergibt, auch da erwarten wir Aufschluss über den Bericht in der Deputation, den wir dann noch einmal gemeinsam diskutieren können. – Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!