Protokoll der Sitzung vom 08.09.2004

(Beifall bei der CDU)

Nicht zuletzt ermahnt uns ja auch das Schulgesetz, alle Schülerinnen und Schüler gemäß ihrer Begabung zu fördern. Das heißt, die Leistungsschwachen ebenso wie die Leistungsstarken. In der Vergangenheit wurde der Begriff der Chancengerechtigkeit jedoch kaum auf die

Leistungsspitze bezogen, sondern einseitig auf die Leistungsschwächeren. Hier sehe ich eine Ungleichbehandlung, die wir durch unsere Schulpolitik ein Stück weit korrigieren möchten.

(Beifall bei der CDU)

Zwischen der Förderung der Leistungsstarken und der Leistungsschwachen sehe ich kein Entweder-oder. Es geht hier nicht um die Stärkung der einen Gruppe zulasten der anderen.

Dafür spricht auch, dass wir unseren Schulversuch nach einem kostenneutralen Modell durchführen möchten. Die Zahl der Schüler und Lehrer bleibt gleich. Es werden sogar eher Kosten gespart, wenn die hochbegabten Schülerinnen und Schüler gegebenenfalls noch schneller zum Abitur geführt werden können. Die Maßnahme schadet insofern niemandem. Sie nützt aber vielen. Ich bitte Sie daher: Stimmen Sie mit mir für eine umfassende Förderung unserer hochbegabten Schülerinnen und Schüler. Unterstützen Sie die Einrichtung von Hochbegabtenklassen und verwirklichen Sie damit mehr Chancengerechtigkeit. – Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU)

Das Wort hat jetzt Herr Lein.

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Lassen Sie mich vorweg sagen: Ich hätte Sorgen vor Serientestungen im Intelligenzquotientenbereich.

(Beifall bei der SPD)

Wir Deutschen haben spätestens seit PISA, seit dieser Untersuchung einen klaren Beleg, dass privilegierte Elternhäuser ihrem Kind den Weg zur Schule der Leistungsstärkeren, also vulgo dem Gymnasium, besser ebnen können als Eltern aus der unteren Hälfte der Gesellschaft. Das hat jüngst auch die KESS-Studie wieder belegt. Dort heißt es, dass Kinder aus sozialökonomisch privilegierten Elternhäusern erheblich leichter eine Gymnasialempfehlung bekommen als Kinder sozialökonomisch unterprivilegierter Elternhäuser – bei gleicher Begabung, versteht sich.

Warum erwähne ich das in dieser Debatte? Weil hier das eigentliche Problem der Begabungsausschöpfung liegt. Wir müssen nicht nur Kinder mit hoher und besonders hoher Begabung fördern, wir müssen sämtliche Kinder mit allen Begabungen aus allen sozialen Schichten fördern.

(Beifall bei der SPD und der GAL)

Von dieser Ausschöpfung hängt unsere wirtschaftliche Zukunft ab. Leider haben wir in der Tat noch lange nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer, deren diagnostische Fähigkeiten ausreichen, um Begabungen zu erkennen – auch Hochbegabung und besondere Begabung – und dafür dann zusätzlich den differenzierenden und angemessenen individualisierten Unterricht anbieten können. Die Begründung für Ihren Antrag, dass in den letzten Jahrzehnten in dieser Stadt die Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten im Mittelpunkt unserer Bemühungen – Sie schreiben "unserer", das ist erfreulich – standen, die Förderung von Hoch- und besonders Begabten aber noch ausbaufähig sei, lässt eine Gewichtung zu. Dieser Gewichtung möchte ich deutlich widersprechen.

(Stefanie Strasburger CDU: Weil Sie nicht richtig fördern wollen!)

Wir müssen die Förderung der unterschiedlichsten Begabungen, der Schwachen wie der Starken gleichmäßig und intensiv weiterentwickeln. Und dennoch teilen wir ein wenig Ihre Ansicht, denn die Förderung der Hoch- und besonders Begabten ist auch bei uns verankert. Sie muss uns ein wichtiges Anliegen sein, besonders, wenn sie unentdeckt sind, die under-achiever, wie man mit dem Fachbegriff sagt, und als Schulversager dann durch die Schule gehen. Da haben wir in der Vergangenheit unserer Stadt eine ganze Menge getan. Sie haben es auch genannt: Förderung einzelner Springer, Springerklassen, Angebote der Universität, nachmittags oder am Samstag, Mathematikzirkel und in der Tat auch die Beratungsstelle für besondere Begabungen, über die uns manche damals, als sie gegründet wurde, sehr wohl beneidet haben. Zurzeit wird der 34. Lehrgang in dieser Beratungsstelle vorbereitet, wo Eltern und Lehrer sich bemühen, zunächst einmal Begabungen zu erkennen und das nicht über den Serien-IQ-Test und die Reihentestung von Grundschülern abwickeln lassen. Wer garantiert uns denn, dass wir durch eine solche Testung die under-achiever wirklich erkennen, wenn wir eine Reihentestung machten? Es muss ganz andere diagnostische Verfahren geben und wir sind an den Schulen froh, dass Intelligenztestungen ein seltener Fall sind.

(Vereinzelter Beifall bei der SPD)

Wir haben uns immer von dem Bestreben leiten lassen, Begabte besonders zu fördern, auf deren individuelle Fähigkeiten und Möglichkeiten einzugehen, aber so weit wie möglich im Sozialgefüge der Klasse und der Schule. Nun kommen Sie mit Herauslösen und das bereits in der Grundschule. Da machen wir nicht mit.

(Wolfhard Ploog CDU: Wieso nicht?)

In Artikel 7 Absatz 6 unseres Grundgesetzes steht:

"Vorschulen bleiben aufgehoben."

Gemeint sind da natürlich spezielle Vorschulen zur Vorbereitung auf die Gymnasien, wie sie vor der Reichsschulkonferenz 1919 üblich waren. Alle Schüler sollen seitdem in der Grundschule gemeinsam unterrichtet werden und sie gemeinsam durchlaufen. Innerhalb dieser Schulen kann man gut individualisieren und fördern. Das hat uns die IGLU-Studie gerade wieder bescheinigt. Grundschulen schneiden eben deutlich besser ab als die Sekundarschulen, wenn man die internationalen Vergleiche sieht. Wenn Sie, liebe Kollegen von der CDU, die Klassenfrequenzen klein halten würden, anstatt sie zu erhöhen, dann könnte man auch glauben, dass Sie es mit dem Fördern ernst meinen.

(Beifall bei der SPD)

Wir könnten uns manche Versuche vorstellen, Versuche schaden nichts, aber kein vorzeitiges Aussortieren der Grundschüler nach Leistung. Wir könnten uns sogar vorstellen, Ihrem Antrag zu folgen, wenn Sie die Grundschule streichen würden, denn es wäre ein Versuch wert einmal zu überlegen, ob man wissenschaftlich begleitet und verglichen mit anderen Förderformen vielleicht in einer solchen Klasse bessere Ergebnisse hat. Auf das Ergebnis wäre ich gespannt.

Für den Bereich der Grundschule ist allerdings unser Antrag die bessere Alternative. Es gibt Bundesländer,

deren Regierungen Ihnen sogar näher stehen, die es genauso sehen wie die Hamburger SPD-Fraktion. Leider ist in den drei Jahren, in denen die CDU regiert, die Arbeit mit jahrgangsübergreifenden Klassen nicht vorangekommen, sondern durch die verschärfte Form von Leistungsbewertung durch Zensuren in der Grundschule auch noch erschwert worden. Hier verschenken Sie Fördermöglichkeiten, gerade für Hochbegabte und besonders Begabte.

Auch der Hinweis in unserem Antrag auf eine bessere Aus- und Fortbildung des Umganges mit hochbegabten und besonders begabten Kindern und ihrer Förderung, das heißt, zur Stärkung der Diagnosekompetenz des Personals – bei Ihnen im Übrigen Fehlanzeige –, zeigt nur, dass Ihr Antrag noch einmal gut überarbeitet werden sollte. Dazu bieten wir uns an – im Ausschuss.

(Beifall bei der SPD und der GAL)

Frau Goetsch hat jetzt das Wort.

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Wir Grünen sind auch der festen Überzeugung, dass Kinder mit einem Handicap eine individuelle Förderung brauchen und die 2 Prozent der hochbegabten Kinder, um die es in dem Antrag geht, letztendlich auch Kinder mit einem Handicap sind.

Wenn Sie mit Eltern hochbegabter Kinder sprechen, werden Sie hören, dass das per se kein Segen ist, sondern teilweise eine sehr schwierige Situation, der in der Schule, wenn sie konventionell gemacht wird, nicht begegnet wird.

Es ist selbstverständlich, dass sich niemand langweilen soll und niemand diskriminiert werden darf. Es ist aber auch ein Problem, die 2 Prozent der Hochbegabten, von denen hier die Rede ist, an dem Unterricht teilnehmen zu lassen, wie er zum Beispiel oft an Gymnasien gemacht wird. Das ist auch eine Zumutung für diese Kinder und Jugendlichen, weil man ihnen im 45-Minuten-Frontalunterricht nicht gerecht wird.

Den anderen Auffassungen zur Grundschule schließe ich mich natürlich voll an und komme noch einmal darauf zurück. Insofern ist die Konsequenz der CDU-Fraktion, Frau Meyer-Kainer, zu einfach, zu populistisch und ohne wirkliche Perspektive, das jetzt nur durch Homogenisieren und Sonderklassen erreichen zu wollen. Sie machen das jetzt gerade nach der gestrigen Pressekonferenz par excellence. Sie betreiben munter Ihre Klientelpolitik, Sie sortieren und es entwickelt sich langsam zum Markenzeichen Ihrer Fraktion. Das lehnen wir aufs Schärfste ab.

(Beifall bei der GAL)

Natürlich sagen Sie, Sie wollen alle besonders fördern. Richtig. Die einen brauchen Hochbegabtenklassen, die anderen brauchen das schnelle Abitur und die Dritten – das ist jetzt das Neueste – brauchen eine stationäre sonderpädagogische Behandlung. Überall da, wo in Hamburg erfolgreich integriert und individuell gefördert wird, machen Sie es kaputt. Sie haben die integrierte Haupt- und Realschule zerstört, obwohl die Hauptschüler da signifikant besser gefördert werden. Sie haben in den Gesamtschulen extreme Sparmaßnahmen eingeleitet, obwohl Fakt ist – das hat die PISA-Studie bei den Gesamtschulen erwiesen, die in Hamburg konzeptionell gut arbeiten –, dass sie viel bessere Ergebnisse haben als

beispielsweise bayerische Gymnasien. Seit gestern sagen Sie auch noch, dass die integrativen Regelklassen aufgelöst werden. Das ist wirklich der letzte Coup, den Sie gebracht haben, was Ihr Sortieren angeht.

(Beifall bei der GAL und der SPD)

Ich will Sie mit einem konkreten Beispiel aus der Praxis konfrontieren:

Sie haben in der Grundschule ein Kind mit einem logopädischen Problem. Warum muss dieses Kind in eine Sprachheilschule? Warum kann dieses Kind, wie wir das in meiner Grundschule gemacht haben, nicht ambulant logopädisch betreut werden und in seiner Regelklasse bleiben, in seinem Umfeld, mit den Freundinnen, mit den Klassenkameraden, anstatt aussortiert zu werden?

(Beifall bei der GAL und der SPD – Marcus Wein- berg CDU: Das stimmt doch nicht!)

Die Stotterer und Stammler bleiben bis zum Realschulabschluss zusammen. So läuft es zurzeit in der Sprachheilschule. Das ist unverantwortlich gegenüber den Kindern, anstatt sie in ihrem Umfeld zu fördern und zu fordern.

Ich komme aber jetzt auf die Hochbegabten. Das ist ja auch das Hauptthema.

1998 wurde unter Rotgrün die Beratungsstelle für besondere Begabungen eingerichtet. Viele Kolleginnen und Kollegen – ob SPD oder Grüne – waren skeptisch, weil wir ja alle das Helfersyndrom in uns haben und natürlich speziell den Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten helfen wollen. Warum brauchen wir eine Beratungsstelle für besondere Begabungen? Wenn man ganz ehrlich ist, muss man zugeben, dass es viel Skepsis gab. Auch in meinem Kollegium gab es große Skepsis, weil die Schule in einem sozialen Brennpunkt liegt. Das Kollegium sagte, fällt euch nichts Besseres ein, als so etwas einzurichten.

Ein paar Monate später kommt eine Kollegin, die eine zweite Klasse hat, und erzählt mir von zwei Kindern in ihrer Klasse, die, so glaubt sie, ein Fall für diese Beratungsstelle wären.

(Präsident Berndt Röder übernimmt den Vorsitz.)

Genau diese Beratungsstelle war eine der ganz wichtigen Einrichtungen, um gezielt diese Fragen der besonderen Begabungen, aber auch der Hochbegabungen in Angriff zu nehmen und Lösungen zu finden. Ich bin erfreut, dass Sie von jahrgangsübergreifendem Arbeiten sprechen. Das Wort ist hier lange nicht mehr gefallen, es scheint in Ihrer Fraktion ja ein Lernfortschritt passiert zu sein. Das heißt also, wir müssen in dem System selbst die Möglichkeiten schaffen, damit die Starken oder die Schnellen oder die Hochbegabten sich nicht langweilen. Wir dürfen Sie aber nicht aussortieren und schon gar nicht durch Intelligenztests, die ich pädagogisch erschreckend finde. Es gibt keine neutralen Intelligenztests. Das ist Quatsch. Sie gehen von einem statischen Begabungsbegriff aus.

(Beifall bei der GAL und der SPD)

Es gibt weltweit den dynamischen Begabungsbegriff. Ein Test kann unterstützend sinnvoll sein, aber ein Kind in der Grundschule nur aufgrund des IQ aus dem Umfeld zu nehmen, ist falsch.

Ich muss Sie zum Ende noch einmal damit konfrontieren, was es eigentlich heißt, wenn Sie immer von Homogeni