Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen, sehr geehrte Herren! Ärztlichen Untersuchungen zufolge leiden in Deutschland circa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen an Übergewicht. 60 Prozent weisen Haltungsschäden auf und 40 Prozent haben Koordinationsprobleme. Weitere 25 Prozent leiden an Herz- und Kreislaufschwäche. Hauptursache für diesen recht schlechten Gesundheitszustand unserer deutschen Kinder und Jugendlichen ist vor allem das Bewegungsdefizit, welches stetig wächst, bedingt durch zwangsläufiges Sitzen in der Schule und beim Hausaufgabenmachen, aber natürlich auch die zunehmende Zahl der Stunden vor dem Fernseher oder Computer oder ähnlichen animierenden Unterhaltungsmedien wie Gameboys. Diese Zahlen sind aus meiner Sicht alarmierend hoch und weisen einen negativen Trend auf, sodass wir geeignete Maßnahmen finden müssen, da von einer weiteren Verschlechterung des Gesundheitszustandes von Kindern und Jugendlichen in unserem Land auszugehen ist. Dies stellt insbesondere vor dem Hintergrund aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse ein ganz besonderes Problem dar, denen zufolge die Bewegungsfähigkeit auch für die Intelligenzentwicklung und den Hirnaufbau von großer Bedeutung ist.
Um diesen Problemen entgegenzuwirken, dürfen wir aus unserer Sicht nicht nur die Symptome behandeln, sondern wir müssen das Problem an der Wurzel anpacken und präventive Maßnahmen ergreifen. Deshalb hat der Senat bereits in der letzten Legislaturperiode die dritte Sportstunde eingeführt, um mit einem weiteren Beitrag der Bewegungsarmut entgegenzuwirken.
Diese Entscheidung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Frau Senatorin Dinges-Dierig hat bereits deutlich gemacht, dass die dritte Sportstunde bleibt und dass lediglich an den Profilschulen diese Stunde flexibel für die Profilfächer genutzt werden kann. Unter dem Gesichtspunkt der Schulautonomie, die wir auch befürworten, ist dies auch richtig so.
Unser vorliegender Antrag ist ein weiteres Mosaikstein, um der Bewegungsarmut entgegenzuwirken. So soll es in
den nächsten beiden Jahren, 2005 und 2006, in Zusammenarbeit mit der Hamburger Sportjugend und den ihr angeschlossenen Vereinen und Verbänden an vier ausgewählten Ganztagsschulen ein Pilotprojekt mit besonderen Sport- und Bewegungsangeboten geben. Diese niedrigschwelligen Angebote, die zwischen den Vereinen und den Ganztagsschulen abgestimmt werden, geben allen Schülerinnen und Schülern zusätzlich zum regulären Sportunterricht die Möglichkeit, kostenfrei verschiedene Sportarten kennen und ausüben zu lernen. Diese Angebote sollen bewusst nicht benotet werden, denn der Spaß an der Sache steht hier im Vordergrund. Im Idealfall – das bewährt sich hier, wir haben die Debatte ja an anderer Stelle schon häufiger geführt – ist vielleicht der Schritt, einem Sportverein beizutreten, dann auch nicht mehr so weit. Für mich ist das immer ein Beleg dafür, dass der Beitritt zu einem Sportverein auch der Schritt in eine große Gemeinschaft, das Erlernen von solidarischem und verbindlichem Handeln ist und Gemeinsinn bedeuten kann. Insofern, finde ich, ist unser Vorhaben insbesondere in sozialen Brennpunkten auch ein Beitrag zur Integration und Vernetzung verschiedener Institutionen im Stadtteil.
Ich möchte noch kurz auf die Fachlichkeit der Betreuung dieser Projekte eingehen. Wir haben in Hamburg Diplomsportwissenschaftler und Diplomsportlehrer, die die Übungsleiter anleiten. Wir legen bei diesem Antrag Wert darauf, dass es eher jüngere lizenzierte Trainer, Betreuerinnen oder Betreuer sind, da wir der Meinung sind, dass sie einen etwas besseren Zugang haben als vielleicht etwas ältere Trainer. Die Erfahrung machen wir auch tagtäglich immer wieder in den Sportvereinen. Jugendarbeit findet auch ganz wesentlich im Umgang miteinander statt. Insofern glauben wir auch, dass die Anziehungskraft auf die Schüler durch jüngere Übungsleiter wesentlich größer sein kann. Ich will das nicht pauschalisieren und nicht ausschließen, dass es älteren Übungsleitern auch gelingt. Nein, ich möchte in der Tat nicht diskriminieren.
Nach Ablauf der Erprobungsphase an den vier ausgewählten Pilotstandorten soll dem Kinder-, Jugend- und Familienausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft eine Evaluation vorgelegt werden. Erst dann wird zu entscheiden sein, ob unser Modell, welches wir heute vorschlagen, auf mehrere Hamburger Ganztagsschulen übertragen werden kann und soll.
Wenn wir dem negativen Trend im Gesundheitsbereich entgegenwirken wollen, müssen wir uns ranhalten. Wir müssen schauen, dass wir mit mehreren kleinteiligen Maßnahmen versuchen, dem immer stärker werdenden Bewegungsmangel entgegenzuwirken, damit unsere Kinder auch wieder leistungsstark werden. Der Ihnen vorliegende Antrag, der übrigens vom Leiter des Institutes für Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg, Herrn Professor Dr. Klaus-Michael Braumann, unterstützt wird, ist ein weiterer Aspekt der präventiven Gesundheitsförderung für Hamburgs Schülerinnen und Schüler.
Gestatten Sie mir zum Abschluss meiner Ausführungen einen herzlichen Dank an die engagierten Sportfreundinnen und Sportfreunde der Hamburger Sportjugend, insbesondere auch an ihren Vorsitzenden Stefan Karrasch, die sich ganz wesentlich und maßgeblich an diesem Konzept beteiligt und es mitentwickelt haben. Die Freundinnen und Freunde der HSJ haben einen ganz wesentli
chen Beitrag für die Sportstadt Hamburg zur Förderung von Kindern und Jugendlichen geleistet und ich finde, hierfür gebührt ihnen unser aller herzlicher Dank.
Zu guter Letzt: Ich würde mich freuen, wenn die Oppositionsfraktionen diese Initiative unterstützten, denn gemeinsam – das wissen wir auch – macht Sport allemal mehr Spaß, auch in der Politik. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Herr Präsident, meine Damen und Herren! Es bleibt ja nicht aus, dass man zu so einem Redebeitrag, der auch die dritte Sportstunde erwähnt, etwas sagt. Herr Dietrich, die Feststellung, dass hier in Hamburg weiterhin an der dritten Sportstunde festgehalten werde, ist wohl ein kleiner Scherz. Wie sich das hier in der Stadt entwickelt, ist schlichtweg eine Katastrophe und dies alles vor dem Hintergrund, dass Hamburg weiterhin Olympia-Bewerbungsstadt sein will. Das passt wirklich nicht zueinander.
Wir kommen ja ganz sicher auch noch auf dieses Thema zurück. Aber wenn Sie das hier so beiläufig erwähnen, kann das einfach nicht so stehen bleiben.
Wenn man so einen Antrag vor sich liegen hat, muss man natürlich auch nach dem Positiven suchen. Und in der Tat ist dieser Antrag in der Zielrichtung – so sehen wir als SPD das jedenfalls – vollkommen richtig und ich denke, dass er sicherlich auch parteiübergreifend auf Zustimmung stoßen wird.
Was Sie aber in Ihrem Wortbeitrag gar nicht erwähnt haben, ist, dass es bereits etwas Vergleichbares in Hamburg gibt. Das ist die Kooperation Schule/Verein, die sicherlich nicht hundertprozentig deckungsgleich ist. Das kann aber auch nicht sein, denn dann bräuchten wir diesen Antrag gar nicht. Aber immerhin wird dieses Projekt Schule/Verein in Hamburg schon seit langem unter sozialdemokratischer Führung sechshundert Mal jährlich in Hamburg von den Vereinen durchgeführt. Das ist doch immerhin schon eine starke Leistung.
Wenn Sie, Herr Dietrich, hier die Zusammenarbeit mit der Hamburger Sportjugend loben, dann will ich mich dem ausdrücklich anschließen. Ich finde schon, dass die Hamburger Sportjugend oft genug zeigt, dass sie hier weitergehende Vorschläge entwickelt und dieses entsprechend auch sehr profund darlegt. Ich will hier nur zwei Punkte aus der Vergangenheit nennen. Ich darf an das Thema erinnern, das im Rahmen der offenen Jugendarbeit sehr erfolgreich war: Das sind die „StreetGames“, ein Angebot im Rahmen der ABM-Maßnahmen, das sehr erfolgreich war, oder aktuell – zwar nicht in der Dimension, aber immerhin auch erfolgreich – "Straßenfußball für Toleranz", eine Serie, die jetzt gerade zu Ende geht, aber ebenfalls sehr erfolgreich war.
Alleine schon die Grundüberlegungen, die dabei eine Rolle gespielt haben, sollte ich hier noch einmal erwähnen. Was bedeutet "Straßenfußball für Toleranz"? Das ist eine Mannschaft, der vorgegeben ist, dass mindestens ein Mädchen mitspielen muss. Damit aber nicht genug,
sondern die Tore, die diese Mannschaft erzielt, zählen nur, wenn mindestens ein Mädchen auch ein Tor geschossen hat.
Ein weiterer Punkt: Das ganze Spiel findet ohne Schiedsrichter statt. Ich glaube schon, dass "Straßenfußball für Toleranz" unter diesen Gesichtspunkten eine erfolgreiche Arbeit ist, die die Hamburger Sportjugend leistet.
Lassen Sie mich einen weiteren Punkt nennen, der ist dann allerdings etwas gewichtiger: Das, was die Hamburger Sportjugend zusammen mit dem Hamburger Abendblatt macht, nämlich – ich sage das einmal schlagwortartig – Beitragsfreiheit für Kinder aus einkommensschwachen Haushalten, eine Maßnahme die nur sehr zu begrüßen ist. Wunderbar, was da läuft.
Zurück zum Antrag. Diese Art der Verknüpfung von Ganztagsschule und Sportverein bedeutet ja "mehr und individueller". Das ist ein zweites Standbein. Das finde ich auch so weit in Ordnung. Nur – auch das wird man ja erwähnen dürfen – wird das Ganze natürlich schon erfolgreich in anderen Bundesländern praktiziert. Ich darf vorzugsweise an das sozialdemokratisch geführte Land Rheinland-Pfalz verweisen, wo das schon flächendeckend erfolgreich durchgeführt ist.
Lassen Sie mich zwei, drei kritische Bemerkungen zu Ihrem Begründungstext sagen, Herr Dietrich. Auf der einen Seite erwähnen Sie, dass diese Trainerarbeit grundsätzlich von Diplom-Sportlehrern gemacht werden solle und eben auch von jungen Übungsleitern und Trainern. Später – das haben Sie hier ja auch ausgeführt – sollen es dann Übungsleiter mit einem Mindestalter von 16 Jahren sein. Ich glaube, dass hier die Balance einfach nicht stimmt. Man kann diese sehr divergierende Zielorientierung nicht so darstellen, wie Sie das gemacht haben.
Im Übrigen begrenzen Sie die Angebote auf ein halbes Jahr und sagen dann im nächsten Absatz, dass eine Fortsetzung im allgemeinen wieder möglich sei. Sie sollten sich schon entscheiden, was denn nun gültig sein soll.
Nun aber zum Beschlussvorschlag, den Sie der Bürgerschaft vorgelegt haben. Ich habe den Eindruck, dass Sie ein bisschen Angst vor der eigenen Courage haben.
Meine Damen und Herren, ich würde Sie schon bitten, die natürlich sehr kommunikativen Grüppchen aufzulösen. – Bitte.
Ich habe den Eindruck, dass Sie – Ich weiß nicht, ob das parlamentarisch ist, aber das werde ich ja gleich merken – vielleicht die Hosen
was ich unter Auflösung von Grüppchen verstehe. Setzen Sie doch bitte diese Gespräche vor dem Plenarsaal fort. – Bitte schön.
Sie haben eben hier in Ihrem Redebeitrag von vier Standorten gesprochen. In dem Antrag – das wollen wir doch einmal genau festhalten – steht drin: "an bis zu vier Pilotstandorten". Das ist ja nun ein kleiner Unterschied.
Des Weiteren haben Sie in dem Beschlussvorschlag ausgeführt, die Ressourcen sollten aus dem Ganztagsschulprogramm kommen, – also aus der BBS – und fügen hinzu, "im Rahmen der Möglichkeiten". Das sind doch alles beachtliche Einschränkungen. Sie erwähnen dann darüber hinaus, dass die weitere Umsetzung erst im Jahre 2006 erfolgen solle Ich weise noch einmal darauf hin, dass Rheinland-Pfalz bereits flächendeckend Erfahrung hat. Warum soll das denn noch so lange dauern? Ich finde, das Ganze ist doch sehr zurückhaltend angelegt, um mich vorsichtig auszudrücken. Wir finden jedenfalls, dieser Antrag ist allemal noch beratungsbedürftig. Es stellt sich auch die Frage, warum das nach Ihren Vorstellungen im Familien-, Jugend- und Kinderausschuss behandelt werden soll, wenn auf der einen Seite das Geld von der BBS kommt und es zum anderen um Sport geht.
Also, Herr Dietrich, trauen Sie sich mehr zu. Punkte genug gibt es für die Beratung. Verbessern wir dann Ihren Beschlussvorschlag und stimmen Sie einer Überweisung zu. – Vielen Dank.
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Auch die GAL-Fraktion begrüßt diesen Antrag. Wir werden ihn entsprechend unterstützen. Wir halten die Initiative für ein richtiges und wichtiges Signal im Hinblick auf die sich verändernde Situation für die Jugendhilfe in Hamburg durch die schrittweise Einführung der Ganztagsschule. Wir hoffen ja, dass beides bald flächendeckend passieren kann. Es ist ein prima Projekt, dass sowohl an den mangelnden Bewegungsangeboten in einer Großstadt wie Hamburg für Kinder und Jugendliche ansetzt als auch an der Persönlichkeitsbildung für Kinder und Jugendliche. Ich glaube, das ist bei Ihrer Vorstellung vorhin ein bisschen zu kurz gekommen. Für mich ist dieser Aspekt eigentlich noch wichtiger, dass durch den Ansatz, den auch die Hamburger Sportjugend hat, ein ganz großes Augenmerk darauf gelegt wird, das Sozialverhalten in Gruppen – Toleranz und ähnliche Dinge – zu schulen. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, ich habe als Sechzehnjährige auch dieses Jugendgruppenleiterinnenprogramm durchgemacht. Ich fand das damals eine ganz tolle Sache und habe sehr bedauert, dass nicht schon zu der Zeit eine Verbindung zwischen dem seinerzeit noch sehr extrem getrennten Vereins- und Schulsport möglich war.
Bedenklich ist für mich einzig und allein, dass die Behörde für Bildung und Sport zur Umsetzung dieses Konzeptes erst äußeren Druck braucht und nicht schon von selbst darauf gekommen ist.
Ein weiterer möglicher Vorteil könnte sein, dass es über dieses Projekt für Schülerinnen und Schüler auch leichter wird, den Weg in den Vereinssport zu finden. Das könnte dazu verleiten zu denken, dass dieses Projekt auch von großem Vorteil für die Vereine sei. Allerdings muss dabei auch gesagt sein, dass gerade Jugendarbeit Vereine viel Geld und Engagement – vor allem ehrenamtliches – kostet und durch die Querfinanzierung durch die erwachsenen Mitglieder getragen wird. Ohne diese funktioniert das System nicht. Das heißt, jugendliche Mitglieder nützen auch nichts, wenn wir an die beabsichtigte Betriebskostenbeteiligung für die Vereine an der Sportstättennutzung denken, wenn dann die erwachsenen Mitglieder möglicherweise austreten, weil ihnen der Verein zu teuer wird. Das wird zulasten der Kinder und Jugendlichen gehen, auch wenn sie nicht direkt an diesen Kosten beteiligt werden sollen. Ich denke, es muss noch einmal genau nachgedacht werden, ob dieses Konzept mit den 3,5 Millionen wirklich sinnvoll ist und ob es nicht die Leistungsfähigkeit der Vereine eher schwächt als stärkt. Ich glaube, wir brauchen starke Sportvereine in Hamburg.