Protokoll der Sitzung vom 08.05.2008

Ich meine aber auch zum Zweiten: Ihr Vergleich hinkt in Bezug auf diese Stasi-Überprüfung. Ich habe die Vermutung, Sie haben den Sinn und Zweck dieser Stasi-Überprüfung überhaupt nicht verstanden. Damit sollte nämlich erreicht werden, dass ehemalige Stasi-Spitzel und informelle Mitarbeiter nicht in einer neuen Funktion als Parlamentarier hier die Opfer von damals verhöhnen können. Ich persönlich, muss ich Ihnen sagen, habe

auch keine Sekunde gezögert, meine Auskunft bei der Gauck-Behörde zu beantragen,

(Zurufe von der LINKEN: Wir auch nicht!)

weil es nämlich darum geht, dass ich auch zukünftig einen Unrechtsstaat einen Unrechtsstaat nennen können will und nicht mit irgendeiner Doppelmoral antreten will.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP - Zustimmung von Patrick-Marc Hum- ke-Focks [LINKE])

Bei der Stasi-Überprüfung geht es darum, die Elemente eines menschenverachtenden Unrechtsregimes aufzeigen zu können. Sie stellen in Ihrer Begründung diesen Bezug her. Das, finde ich, ist eine Verhämung der Opfer. So etwas darf man in einem deutschen Parlament nicht zulassen. Ein Vergleich verbietet sich für jeden anständig denkenden Staatsbürger.

(Beifall bei der CDU)

Ihr Versuch, dieses DDR-Unrechtssystem zu verniedlichen, zeugt von einem sehr merkwürdigen Geschichtsverständnis. Ich frage mich: Sind Sie eigentlich in der heutigen Demokratie überhaupt schon angekommen?

(Beifall bei der CDU - Zurufe von der CDU: Nein!)

Meine Damen und Herren, es gab schon einmal auf deutschem Boden einen Staat, in dem die Bürger durch sogenannte freiwillige Selbstverpflichtungen, dann über staatliche Zwangsmaßnahmen, erpresst worden sind. Gott sei Dank ist dieser Staat seit der Wiedervereinigung in der Abstellkammer der Geschichte verschwunden. Genau dort gehört auch Ihr Antrag hin: in die Abstellkammer der Geschichte.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP)

Ich fasse zusammen: Ihnen geht es nicht um die Steuerehrlichkeit, sondern darum, die Berufsgruppe der Abgeordneten zu skandalisieren. Ich sage Ihnen: nicht mit mir, und auch nicht mit uns Christdemokraten! Trotz dieses Ihres Demokratieverständnisses werden wir Ihre Einwände und Hinweise in der Ausschussberatung aufnehmen. Aber so, wie Sie das hier eingebracht haben, und angesichts dessen, was Sie bisher als Begründung geliefert haben, kann ich dem nicht zustimmen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU und bei der FDP - Zustimmung von Ursula Helmhold [GRÜNE])

Danke schön. - Nächste Rednerin ist Frau Kollegin Flauger von der Fraktion DIE LINKE. Bitte!

Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich fange auch diesmal wieder an - ich möchte Sie ja nicht enttäuschen -: Ceterum confiteor constitutionem. Auf Deutsch: Ich bekenne mich zur Verfassung.

(Beifall bei der LINKEN)

Weil ich vorhin im Protokoll gelesen habe, dass jemand dazwischengerufen hat: „Wer das so gut auswendig kann, hat offensichtlich etwas zu verbergen“, möchte ich ihm mitteilen: Ich habe es nicht auswendig gelernt, sondern ich habe das selbst vom Deutschen ins Lateinische übersetzt, und zwar aus voller Überzeugung.

(Hans-Christian Biallas [CDU]: Anders herum ist es schwieriger!)

- Anders herum ist es leichter.

Nun wurde hier eben gesagt, auf unqualifizierte Bemerkungen sollte man zu Anfang seiner Rede eigentlich nicht eingehen. Das finde ich eigentlich auch. Ich mache aber trotzdem eine Ausnahme und gehe auf einige sehr unqualifizierte Bemerkungen ein.

Immer wieder, und auch hier und heute, wird gesagt, wir seien ja nur die SED-Nachfolgepartei.

(Zurufe von der CDU: Richtig!)

Das ist formaljuristisch natürlich völlig richtig.

(Zustimmung bei der CDU)

Aber Sie versuchen ja, einen inhaltlichen Bezug herzustellen. Sie wollen damit transportieren, dass wir voll hinter dem stehen, was in der ehemaligen DDR an Unrecht passiert ist. Das ist Ihre Intention. Das wollen Sie rüberbringen. Das versuchen Sie immer wieder. Es geht Ihnen überhaupt nicht um Formaljuristisches.

(Klaus Rickert [FDP]: Lesen Sie doch einmal nach, was Herr Dr. Sohn ge- schrieben hat!)

- Wenn gesagt wird, was hier nachgelesen werden soll, dann würde ich Sie bitten, auf der Internetsei

te der Partei DIE LINKE nachzulesen, was Sie ohne Weiteres können, in welcher Intensität und in welchem Umfang sich die damalige PDS nach 1989 mit der Vergangenheit in intensiven und in teilweise auch schmerzhaften Prozessen - das ist auch nicht zu verhehlen - mit der SED und mit der DDR-Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Das hätte ich mir einmal von der CDU, von der FDP und teilweise auch an anderen Stellen gewünscht.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich muss hier sicherlich nicht Namen wie Filbinger und Ähnliche erwähnen. Davon können Sie sich einmal eine Scheibe abschneiden!

(Ulf Thiele [CDU]: Wer ist Ihr Ehren- vorsitzender?)

Wenn Sie Landesvorsitzende in Ostdeutschland haben, die noch Mitte 1989 die Mauer in flammenden Reden gelobt und verteidigt haben, dann brauchen Sie sich hier gar nicht so hinzustellen und so zu tun, als hätten Sie in Ihren Reihen nicht ehemalige SED-Mitglieder. Ich bitte Sie: Das ist doch peinlich!

(Beifall bei der LINKEN - Widerspruch von der CDU - David McAllister [CDU]: Grotesk!)

Frau Kollegin Flauger, ich unterbreche ungern - es gibt viele Fragen und Zwischenbemerkungen -, aber Herr Kollege Riese hat sich für eine Frage zu Wort gemeldet. Würden Sie eine Frage zulassen?

Bitte, Herr Riese!

Herr Riese, Sie haben das Wort.

Herzlichen Dank, Frau Präsidentin. - Ich wollte Frau Flauger fragen, wie die Einstellung der Fraktion DIE LINKE im Niedersächsischen Landtag zu den Menschen - den Mauertoten - ist, die unter dem SED-Regime an der Mauer erschossen wurden, weil sie das Land verlassen wollten.

Frau Flauger!

Wir sind in dieser Fraktion einhellig der Meinung, dass es nicht in Ordnung ist zu sagen: Menschen dürfen ein Land nicht verlassen - aus welchen Gründen auch immer -, und deswegen wird auf sie geschossen. Dazu haben wir eine ganz klare Position. Ich verbitte mir jede anderweitige Unterstellung.

(Beifall bei der LINKEN)

Gestatten Sie eine weitere Zwischenfrage des Kollegen Oesterhelweg, Frau Flauger?

Wenn Sie die Uhr mit der Redezeitanzeige anhalten, gerne.

Herr Kollege Oesterhelweg!

Frau Kollegin, ist Ihnen folgender Zeitungsartikel aus der HAZ vom 9. April bekannt? Ich zitiere:

„Linke-Politiker huldigt DDR-Chefpropagandist

… Der Fraktionschef der Linken im Niedersächsischen Landtag, Manfred Sohn, hat noch vor wenigen Jahren den DDR-Chefpropagandisten KarlEduard von Schnitzler als ‚unvergessen und unendlich wertvoll’ bezeichnet. Außerdem nannte er die DDR ‚den besten Staat auf deutschem Boden, den es bisher gab’.“

Frau Flauger!

Auch das ist alt. Da fragen Sie im Zweifelsfall Herrn Sohn am besten selbst. Aber ich kann Ihnen definitiv mitteilen, dass auch Herr Dr. Sohn lernfähig ist.

(Oh! bei der CDU - David McAllister [CDU]: Das ist aber illoyal!)

Jetzt möchte ich zu dem nächsten Punkt Stellung nehmen. Wenn Sie ansprechen, das Oskar Lafontaine nun kein armer Mensch ist, wenn Sie ansprechen, dass auch vielleicht Herr Gysi kein armer