Vielen Dank. - Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Der Antrag der Regierungskoalition spricht ein wichtiges gesamtgesellschaftliches Problem an. Übergewicht und daraus folgende Krankheiten wie Diabetes, Herz-KreislaufErkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates sind mögliche Folgen. Diese beeinträchtigen einerseits das Lebensgefühl der Betroffenen erheblich und belasten andererseits die Sozialkassen in immer stärkerem Maße.
Der Problemansatz „mangelnde Kompetenzen“ ist ein richtiger und wichtiger Ansatzpunkt. Die statistischen Erhebungen, die belegen, dass inzwischen ca. 60 % der Männer und ca. 40 % der Frauen übergewichtig sind, sollten alarmierend sein. Die Deutschen gehören inzwischen zu den dicksten Bevölkerungen in Europa. Dieser Zustand kommt nicht von ungefähr und kommt auch nicht plötzlich. Er ist eine langfristige Fehlentwicklung aus veränderten, ungesunden Ernährungsgewohnheiten, zu wenig Bewegung und einem stark erhöhten Konsum elektronischer Medien, der bereits im Kindesalter einsetzt.
Sind Menschen erst einmal in ihrem Verhaltensmuster verankert, ist es unglaublich schwer, hier Veränderungen herbeizuführen. Aufklärung und Wissen sind ein erster wichtiger Schritt. Allerdings gibt es diesbezügliche Programme schon lange, und der Trend zu immer mehr Übergewicht wurde nicht gestoppt. Der Verbrauch von Fertiglebensmitteln stieg im Zeitraum von 2005 bis 2014 von 570 000 t auf 964 000 t, Tendenz weiter steigend. Der Pro-Kopf-Konsum von Zucker stieg von 1950 bis 2015 von 19 kg auf 32 kg. Die konsumierten Lebensmittel sind zu süß, zu fett und enthalten zu wenige Nährstoffe.
Sie sprechen ebenso den nachlässigen Umgang mit Lebensmitteln an. Die weggeworfenen Mengen von 82 kg pro Kopf und Jahr zeigen, dass das Bewusstsein bezüglich der Wertigkeit des Gutes Lebensmittel nicht mehr im notwendigen Maße vorhanden ist. Wissen über Haltbarkeiten - es fehlt derzeit -, Einschätzungskompetenzen bezüglich des Zustands von Lebensmitteln und auch die Erkenntnis, dass „mindestens haltbar bis …“ nicht „garantiert tödlich ab …“ bedeutet, müssen - das ist einfach ein Fakt - dringend erworben werden.
Eine Sensibilisierung für die Entstehung von Lebensmitteln ist dringend notwendig. Je weiter das Lebensumfeld von Menschen von der Landwirtschaft entfernt ist, umso weniger besteht eine realistische Vorstellung über den Aufwand, den Werdegang und die Dauer, die es benötigt, um Lebensmittel zu produzieren. Es ist eine riesige Aufgabe: aufklären, überzeugen, Verhalten ändern.
Ihr Antrag ist ein Schritt in die richtige Richtung, allerdings nur ein Schritt. Wir benötigen viel mehr:
- Eine deutliche Kennzeichnung von Lebensmitteln: Es gab mal bezüglich der Nährwerte die Idee eines Ampelsystems, die ich persönlich sehr gut fand.
- Kennzeichnung von Lebensmitteln über den tatsächlichen Geldwert der enthaltenen Inhaltsstoffe. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Fertigprodukte durchschnittlich 184 % teurer sind als die Zubereitung des gleichen Gerichts aus frischen Lebensmitteln.
- Erheblich mehr Sport- und Freizeitangebote für Kinder, Erwachsene und auch für gesamte Familien, die sich jeder leisten kann und die für sozial schwache Familien kostenfrei sind.
- Erhöhung des Anteils des Sportunterrichts an Schulen, Ernährung und Hauswirtschaft als verpflichtendes Unterrichtsfach für alle Altersstufen einführen.
Möglichkeiten und Ansätze gäbe es in der Tat noch viele. Diese erfordern Anstrengungen und lassen den Streit mit Lebensmittelherstellern erwarten und werden viel Geld kosten. Trotzdem müssen sie angegangen werden.
Seien Sie mutig! Denken Sie größer! Die Gesundheit der Menschen in unserem Land, besonders aber auch die Gesundheit der folgenden Generationen, hängt jetzt von einem konsequenten Handeln ab. Ungesunde und falsche Verhaltensweisen
Wir selbst werden uns gern in der Diskussion zu diesem Thema und auch zu Erweiterungen in diesem Bereich engagieren und freuen uns auf die Diskussionen.
Vielen Dank, Frau Guth. - Es folgt jetzt für die Fraktion der CDU unsere Kollegin Veronika Koch. Frau Koch, bitte sehr, ich erteile Ihnen das Wort.
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Hand aufs Herz! Wie sieht es eigentlich mit Ihren Gepflogenheiten der Nahrungsaufnahme aus? Wie ernähren Sie sich? Leben Sie gesund? Wo kaufen Sie Ihre Lebensmittel ein? Im Discounter, weil es da so schön billig ist, oder besuchen Sie den Wochenmarkt? Kochen Sie selbst, oder lassen Sie vielleicht von einem der modernen Küchengeräte kochen, die doch so unheimlich praktisch sind und grammgenau vorgeben, was zu tun ist und welche Lebensmittel als Nächstes in den Behälter zu werfen sind? Kann man hierbei überhaupt von Kochen sprechen? - Keine Sorge, ich werde Ihre Antworten nicht namentlich erfassen. Aber ich möchte eben Ihren Blick schärfen, inwiefern wir selbst eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen.
Vorbei ist wohl die Zeit der Selbstversorger und der Vorratskeller mit selbst eingekochtem Obst und Gemüse. Selbst die großen Gefriertruhen mit Vorräten aus dem eigenen Garten sind zusehends aus unserem Leben verschwunden. Schade eigentlich! Aber das hat sicherlich auch pragmatische Gründe. Wer hat denn noch die Möglichkeit für den Anbau von eigenem Obst und Gemüse? Viel schlimmer noch: Wer hat überhaupt noch die Zeit dazu?
Auf den ersten Blick ist das eigentlich nicht so schlimm; denn tatsächlich kann man jederzeit und überall gute und gesunde Ware kaufen. Insofern können wir uns den Bedürfnissen unserer eigenen körperlichen Verfassung entsprechend selbstverständlich auch gesund ernähren. Man könnte, wenn man weiß, wie es geht, wenn man die Le
bensmittel kennt, wenn man weiß, was mit ihnen zu tun ist, wenn man weiß, wie man sie handzuhaben hat, und wenn man überhaupt weiß, dass es wichtig ist, nicht wahllos irgendetwas in sich hineinzustopfen. Und da liegt leider das Problem.
Unter dem Stichwort „lila Kuh“ wird diese Problematik gern zusammengefasst. Aber ich kann noch einen draufsetzen.
So berichtete kürzlich eine befreundete Milchbäuerin von einem Besuch einer Grundschulklasse auf ihrem Milchhof. Sie lädt gerne Kinder dorthin ein, um ihnen Land- und Viehwirtschaft nahezubringen. Bei einem solchen Besuch fragte eine Grundschullehrerin - tatsächlich eine Lehrerin! -, warum man den Kühen überhaupt den Stress antäte, dass sie dauernd wieder neue Kälbchen bekommen müssten. Das sei doch ein solcher Stress für die Tiere! - Ja, warum ist das wohl so? - Ich lasse das hier mal so stehen. Aber das zeigt, dass es großen Handlungsbedarf gibt.
Handlungsbedarf sieht auch unsere Landwirtschaftsministerin. Hierzu hat sie bereits etwas vorbereitet: das ZEHN, das Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft in Niedersachsen.
Zweitens. Ich halte es für immens wichtig, dass gesunde Ernährung wieder mehr ins Bewusstsein unserer Gesellschaft gelangt. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen sollten wieder mehr Spaß und Interesse an Lebensmittelkunde und am Kochen geweckt werden. Als Mutter einer kleinen Tochter weiß ich, dass man Kinder mit diesem Thema sehr gut begeistern kann.
Drittens. Wir müssen wieder eine höhere Wertschätzung für unsere Lebensmittel und für unsere Landwirtschaft entwickeln. Auch dies ist in den vergangenen Jahren deutlich zu kurz gekommen.
Viertens. Letztlich - das haben wir gehört - müssen wir auch der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken. Jeder Bürger wirft laut der bereits genannten Studie 82 kg Lebensmittel pro Jahr weg.
Was sind wir für eine Wohlstandsgesellschaft, dass wir nicht mehr auf unsere wertvollen Güter achten!
Fünftens. Ich meine, wir müssen auch die Alltagskompetenzen - insbesondere von Kindern und Jugendlichen - mehr schärfen. Es sind die einfachsten Dinge, die die Kinder in ihrem Elternhaus nicht mehr lernen. Möglicherweise, weil die Eltern in diesen Fragen auch nicht weiterhelfen können?
Sechstens. Wir haben immer mehr übergewichtige Kinder. Die Weltgesundheitsorganisation schlägt hierzu bereits seit Jahren Alarm. Auch dies ist ein Aspekt, der uns geradezu zum Handeln zwingt.
Siebens. Leider sind zunehmend auch andere Erkrankungen oder Lebensmittelunverträglichkeiten bekannt, weswegen eine Aufklärung und ein wertschätzender Umgang mit Lebensmitteln erforderlich sind.
Ich halte es für erforderlich - damit bin ich bereits bei achtens -, dass wir auch dem Berufsbild Hauswirtschaft wieder mehr Attraktivität und Wertschätzung zukommen lassen.
Neuntens. Wir können auf vorhandene Kapazitäten zurückgreifen, die sinnvoll und nachhaltig eingesetzt werden sollen.
Zehntens. Mit dem geplanten Zentrum erreichen wir eine Maßnahme, die auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zweckmäßig ist.
Somit haben wir zehn gute Gründe, die unseren Antrag unterstützen, zehn gute Gründe für ein Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft in Niedersachsen.
Vielen Dank, Frau Koch, für diese Rede. Wenn ich richtig orientiert bin, war es die Jungfernrede. Herzlichen Glückwunsch!
Meine Damen und Herren, weiter geht’s. Es spricht jetzt für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen die Abgeordnete Miriam Staudte. Frau Staudte, bitte sehr!
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Es ist natürlich sehr richtig und wichtig, dass wir hier im Landtag einmal intensiver über das Thema Ernährung sprechen. Meine Vorrednerinnen haben dazu ja schon sehr intensive Ausführungen gemacht.
Ja, wir haben ein Problem: Wir essen nicht nur zu fettig und zu süß, sondern auch zu salzig und zu viel Fleisch. Das hat ja auch die Ministerin schon in einem Interview angemerkt. Es gibt nicht nur bei den Erwachsenen Probleme mit Übergewicht, sondern auch zunehmend bei den Kindern. Sehen wir einmal in die USA! Leider ist es in Bezug auf viele negative Entwicklungen in den USA so, dass wir diesen mit zehn Jahren Verzögerung hinterherhinken. Im Moment wird in den USA sogar schon davon gesprochen, dass eine Generation die eigene Kindergeneration beerdigen wird, weil man sich einfach zu ungesund ernährt, weswegen die Leute nicht mehr so alt werden können.