Protokoll der Sitzung vom 03.02.2011

Die Gesundheitspolitik muss zukünftig geschlechterspezifisch sein.

(Britta Altenkamp [SPD]: Ach so?)

Die bisher im Schatten stehende Gruppe der Jungen und Männer

(Britta Altenkamp [SPD]: Eine „im Schatten stehende Gruppe“?)

ist mehr in den Blick zu nehmen. Im Ausschuss werden wir sicher erfahren, welcher Weg beschritten werden soll, um dieses Ziel zu erreichen. – Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall von der CDU)

Vielen Dank, Herr Kleff. – Für die SPD-Fraktion spricht jetzt Herr Neumann.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! In der Tat wissen wir heute noch viel zu wenig über die geschlechterspezifische Gesundheit von Männern und Jungen. Es ist unstreitig, dass nicht nur auf medizinischer, sondern auch auf öffentlicher und politischer Ebene mehr über Männergesundheit herausgefunden und in diesem Sinne anschließend auch weiterführend gehandelt und entsprechend ergänzt werden muss.

Seit Jahrzehnten beobachten wir, dass die Lebenserwartung von Männern deutlich unter derjenigen von Frauen liegt. Sicher ist, dass hier weniger biologische als vielmehr soziale und kulturelle Faktoren ausschlaggebend sind. Bislang lag der Fokus auf den typischen Männerkrankheiten wie in erster Linie Prostataleiden, auf Bewegungsmangel, Fehlverhalten bei der Ernährung, auf Suchtproblemen sowie auf risikobereitem Fahr- und Freizeitverhalten. Die Gesundheit von Männern und Jungen erfordert einen umfassenderen interdisziplinären Denkansatz, als es jetzt noch bei Präventionsangeboten und medizinischer Versorgung der Fall ist.

Darüber zu reden, wie wichtig für die Gesundheit das psychische und soziale Wohlbefinden ist, fällt uns Männern und Jungen nach wie vor häufig schwer. Männer und Jungen empfinden dies als Schwäche und Blöße. Die will sich das vermeintlich starke Geschlecht natürlich nicht geben. Doch es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass sich Männer und Jungen seit dem Zeitalter der Industrialisierung aufgrund vielfältiger Einflüsse weniger gesund und dabei deutlich weniger gesundheitsbewusst entwickelt haben als Frauen und Mädchen.

Es ist an der Zeit, dass neue Einsichten und konsequente Schritte in den Lernprozess Einzug halten, dass Männer und Jungen krankmachende Verhältnisse als solche erkennen und sie ändern. Erinnern wir uns: Noch vor wenigen Jahren dachte man in der Diskussion bei der Entwicklung und Sozialisation sowie bei den Bildungs- und Lebenschancen zunächst einmal an Mädchen. Das war in vielen Fällen sicherlich auch notwendig. Im weiteren Prozess entwickelte sich dann das, was wir heute „geschlechtergerechte Koedukation“ nennen.

Die Vorlage einer geschlechterspezifischen Gesundheitsberichterstattung wird deshalb ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einer qualitativ besseren Gender-Gesundheitsvorsorge sein. Ebenso ist dies ein Beitrag zur finanziellen Entlastung im Gesundheitswesen.

Nachdem sich die Forschung zu dieser Thematik schon vor längerer Zeit mit entsprechenden Projekten und Handlungsempfehlungen befasst hat, fanden nun die Stiftung Männergesundheit und die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit zusammen. Zum Jahresende wurde ein umfassender Bericht zur Gesundheit von Männern vorgelegt.

Wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet, ist nach diesem Pilotprojekt für dieses Jahr seitens des Robert Koch Instituts die Vorlage einer noch wesentlich detaillierteren Dokumentation zu erwarten.

Meine Damen und Herren, der Ausbau und das Vertiefen einer geschlechterspezifischen Gesundheitsberichterstattung, welche die Gesundheitsrisiken von Männern und Jungen sowie von Frauen und Mädchen ganzheitlich einbezieht, sind insgesamt ein nicht zu unterschätzender Aspekt des Gender-Mainstreaming im Gesundheitswesen.

Das Fundament dafür war in diesem Land bereits gelegt. Das Land NRW hat bereits unter einer rotgrünen Landesregierung in den Jahren ab 2000 die systematische Strategie des Gender-Mainstreaming auch im Gesundheitswesen konsequent konzipiert und verfolgt. Der Landtag verständigte sich im selben Jahr unter anderem auf eine geschlechterdifferenzierte Ausrichtung in der Gesundheitsforschung, verbunden mit der Vermittlung entsprechender Kenntnisse in der medizinischen Aus- und Fortbildung. In der Folge hielt das Wissen um geschlechtsspezifische unterschiedliche Lebenslagen und gesundheitsbezogene Verhaltensweisen Einzug.

Des Weiteren wurden Erkrankungshäufigkeiten und -ursachen auf dem Gebiet der Wechselwirkung von Professionellen zu Patientinnen und Patienten stärker in die gesundheitliche Versorgung einbezogen. Dies führte zu der Erkenntnis, dass die gesundheitliche Versorgung notwendigerweise verstärkt den spezifischen Bedürfnissen von Frauen und Männern anzupassen sei.

Die Koordinationsstelle Frauen und Gesundheit NRW hat in den Jahren 2000 bis 2006 die systematische Strategie des Gender-Mainstreaming im Gesundheitswesen fachlich begleitet, unterstützt und vernetzt.

Herr Hafke und Herr Kleff, zwar lobte die schwarzgelbe Nachfolgeregierung in Sonntagsreden das Engagement der Frauen und Männer auf diesem Gebiet. Aber zum 31. März 2006 musste die Koordinationsstelle ihre Arbeit einstellen, da die damalige schwarz-gelbe Landesregierung ihre Förderung gestrichen hat. Die hier und heute antragstellende FDP-Fraktion war an vorderster Front mit dabei.

Kolleginnen und Kollegen, auch wir sehen der konstruktiven Diskussion insbesondere im Ausschuss für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Integration mit großer Erwartung entgegen.

Als SPD-Fraktion haben wir dabei nicht allein Männer und Jungen im Blickfeld. Bei der geschlechtsdifferenzierten Ausrichtung der Gesundheitspolitik bildet für uns die ganzheitliche Sichtweise auf beide Geschlechter die Grundlage politischen Handelns für die künftige Gesundheitsversorgung.

Ich habe die berechtigte Hoffnung, dass dies auch ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur Gleichstellung von Frauen und Männern wird. – Vielen Dank.

Danke, Herr Neumann. – Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen spricht jetzt Herr Ünal.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Gesundheit ist im Alltag von Männern für die meisten noch kein Thema. Die immer noch traditionellen Männerrollen verhindern oft die Fürsorglichkeit für den eigenen Körper.

Bei Männern treten neben den bekannten urologischen Erkrankungen folgende Krankheiten häufiger auf: Herzkrankheiten, bestimmte Krebsarten wie zum Beispiel Lungen- und Magenkrebs, Leberzirrhose, aber auch HIV-Infektionen und Geschlechtskrankheiten.

Es gibt auch Hinweise und Erkenntnisse, die erklären können, warum diese Krankheiten bei Männern häufiger auftreten als bei Frauen. Männer setzen sich vermehrt Stress im Berufsleben aus, neigen verstärkt zu Nikotin- und Alkoholkonsum, bewegen sich zu wenig und ernähren sich vielfach schlecht.

Sie beugen sich oft dem gesellschaftlichen Bild des starken Mannes, der keine Schwächen zeigen darf, und gehen daher oft erst zum Arzt, wenn es zu spät ist. Sie überhören körperliche Warnsignale und meiden Vorsorgeuntersuchungen. Die Selbstmordrate von Männern liegt um das Dreifache höher als die von Frauen. Nicht nur im somatischen, sondern

auch in psychischen und psychosomatischen Bereichen gibt es Unterschiede, wie die Männer mit ihren Krankheiten umgehen.

Schon die Debatte des im Oktober letzten Jahres in Berlin vorgelegten Ersten Deutschen Männergesundheitsberichts lässt den Schluss zu, dass wir eine verstärkte Genderkompetenz in der Medizin benötigen.

(Beifall von den GRÜNEN)

Ziel muss es dabei sein, Männer in der Gesundheitsvorsorge effektiver zu erreichen und zielgruppenspezifische Präventionsangebote zu entwickeln.

Übrigens hat Bündnis 90/Die Grünen bereits 2008 als erste Fraktion im Bundestag einen Fachkongress zum Thema „Männergesundheit“ durchgeführt.

Der hier zum Thema „Männergesundheit“ gestellte Antrag der FDP beschreibt in einigen Grundzügen die geschlechtsspezifischen Probleme von Jungen und Männern beim Umgang mit Gesundheit und Gesundheitsprävention. Daraus werden auch einige sehr wichtige Forderungen bezüglich eines spezifischen Ansatzes bei Prävention, Diagnose und Therapie für Jungen und Männer abgeleitet. Allerdings greift der Antrag insgesamt zu kurz, da wesentliche Ursachen nicht angesprochen werden, die aber mit in die Bearbeitung der Problemlösungen gehören.

Wesentliche Stellschrauben für die Schaffung von mehr Gesundheitsbewusstsein bei Männern liegen nicht im Gesundheitswesen selbst, sondern eher im Sozial- und Bildungsbereich: in den Familien, in den Kitas, in den Schulen und im gesellschaftlichen Umfeld. Dort müssen die Multiplikatoren frühzeitig und umfassend für geschlechtergerechtes Arbeiten qualifiziert werden – insbesondere in den frühen Bildungseinrichtungen –; denn diese tragen viel dazu bei, die klassischen Geschlechterrollen zu zementieren.

Die Rollenbilder, so wie sie noch in vielen gesellschaftlichen Bereichen ausgelebt werden, zwingen vermeintlich Männer immer noch dazu, mit ihren Krankheiten im Verborgenen zu bleiben statt Hilfe anzunehmen. Der verstorbene Nationaltorwart Robert Enke ist hierfür ein sehr prominentes Beispiel. Für Körper und Psyche von Männern und Frauen ist es nötig, die gängige Rollenverteilung endlich aufzubrechen – in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Nicht zuletzt in der Arbeitswelt, muss sich einiges ändern.

(Beifall von Wolfgang Zimmermann [LINKE])

Auf die Struktur unserer Gesundheitsversorgung gemünzt, kann man sagen: Frauen sind anders, Männer aber auch.

Ganz viele Angebote unserer Gesundheitsversorgung sind normiert und praktisch geschlechterneutral organisiert. Die meisten Gesundheitsinformatio

nen und -angebote sind nicht geschlechtergerecht ausgerichtet und richten sich immer noch an vermeintlich geschlechtslose Wesen.

Zwar ist die Norm, die der Gesundheitsforschung besonders in vielen Therapieansätzen zugrunde liegt, ist an der Norm des Mannes orientiert. So bezieht sich der große Teil der medizinischen Forschungsergebnisse immer noch allein auf die Studien und Erkenntnisse, zu denen ausschließlich Männer und deren Lebensumstände herangezogen worden sind. Erst in jüngster Zeit wurden im Zuge der Frauengesundheitsbewegung und der ersten Ansätze der Gender-Orientierung im Gesundheitswesen auch die frauenspezifischen Problematiken und Anforderungen in der Gesundheitsversorgung und -forschung in Ansätzen mit einbezogen.

Allerdings wird die traditionell normierte Gesundheitsversorgung auch den Männern mit ihren spezifischen Problemlagen und Interessen vielfach nicht gerecht.

Wir müssen deshalb zielgerichtete Angebote für Männer und Jungen wie für Frauen und Mädchen schaffen. Kurzum: Wir brauchen eine geschlechtergerechte Prävention, Diagnose und Therapie bei der Gesundheitsversorgung.

Hierzu gehört auch, dass Jungen und Männer speziell angesprochen werden, damit bei ihnen beispielsweise auf eine Veränderung in ihrem Gesundheits- und Risikoverhalten hingewirkt werden kann.

Wir freuen uns auf eine konstruktive fachliche Debatte im Ausschuss und werden der Überweisung zustimmen. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von den GRÜNEN, von der SPD und von der LINKEN)

Danke, Herr Ünal. – Für die Fraktion Die Linke spricht Herr Zimmermann.

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Der Antrag der FDP ist spannend: Es wird davon gesprochen, dass die Lebenserwartung von Männern niedriger ist als die von Frauen. Das wissen wir. Die unterschiedlichen Erkrankungen kennen wir auch.

Ich sage das ganz neidlos: Sie führen das richtigerweise einerseits auf die unterschiedlichen Risikopotenziale – es freut mich, dass ich das von der FDP höre – am Arbeitsplatz und andererseits auf die tendenziell eher von Männern geleistete Mehrarbeit am Arbeitsplatz sowie auf weitere gesellschaftliche Einflussfaktoren zurück.

Werte Kolleginnen und Kollegen von der FDP, wir Linken sind ja noch ziemlich neu hier, aber es erstaunt mich immer wieder, wie schlicht manchmal

Ihre Anträge gestrickt sind. Denn Sie tragen in der Tat ein reales gesellschaftliches Problem vor, benennen die Ursachen durchaus auch richtig und wollen dann aber als Lösungsvorschlag lediglich die Symptome bekämpfen.

Wenn es denn wirklich an der Situation in der Arbeitswelt liegt, dass Männer von bestimmten Krankheiten mehr betroffen sind und früher sterben als Frauen, dann erwarte ich, dass Sie sich endlich dafür einsetzen, dass sich diese krankmachende Arbeitswelt wenigstens ein bisschen verändert, und als Alternative nicht nur neue Behandlungsmethoden einfordern.