Protokoll der Sitzung vom 24.02.2011

Aber selbst Sie konnten nicht alles ignorieren. Sie konnten nicht mehr den Aufschrei der Hochschulen angesichts der fehlenden Mittel ignorieren. Ihre Kompensationsregelung war von Anfang an lächerlich. Immerhin geben Sie das mittlerweile selbst zu.

Ihre Lösung ist aber genauso lächerlich: Anstatt den Hochschulen Sicherheit zu geben, indem Sie die Kompensation dynamisieren, schreiben Sie „mindestens“ ins Gesetz. Das ist absurd. Es gibt kein anderes Gesetz, in dem eine Mindestsumme angegeben ist, ohne dass entsprechende Berechnungskriterien genannt werden.

Sie zahlen 249 Millionen € auf der Basis der Studierendenzahlen von 2009. Sie werden feststellen: Ups! Das reicht nicht! Überraschung! – Wir haben nämlich mittlerweile das Jahr 2011 mit über 16.000 Studierenden mehr. Nächstes Jahr geht das Gefeilsche los: Wie viel darf es denn sein? Das ist ungefähr so wie beim Metzger: Können es noch 100 g mehr sein?

(Gunhild Böth [LINKE]: Genau! Super! – Rüdiger Sagel [LINKE]: Es dürfen auch mehr als 100 g sein!)

So wird das nächstes Jahr im Parlament ablaufen. Oder wie stellen Sie sich das vor?

So schön ich es finde, wenn das Parlament entscheidet, ich denke nicht, dass wir jedes Jahr ein politisches Theater aufführen müssen.

(Karl Schultheis [SPD]: Sie sind doch für die Marktwirtschaft!)

Es ist doch jedem klar, was nötig ist: eine vollständige Kompensation der wegfallenden Beiträge. Bei steigenden Studierendenzahlen sind das entsprechend mehr Gelder. Wenn man wirklich kompensieren will, schreibt man das ins Gesetz, Frau Schulze. Wenn Sie nicht fähig sind, so ein simples Prinzip gesetzlich zu verankern, dann sind Sie hier fehl am Platze.

(Beifall von der FDP)

Wir sehen gerade, wie ein Minister wegen Plagiatsvorwürfen in seiner privaten Doktorarbeit massiv angegriffen wird – berechtigt oder nicht.

(Zuruf von der SPD: Berechtigt!)

Was machen wir denn mit einer Ministerin, die wissentlich die Unwahrheit sagt?

(Zuruf von der SPD: Das ist lächerlich! – Ste- phan Gatter [SPD]: Das ist peinlich hoch drei!)

Sie sagen, Frau Ministerin – ich zitiere mit Erlaubnis der Präsidentin –: Jeder Cent wird den Hochschulen ersetzt. – Frau Schulze, das behauptet niemand mehr, nicht einmal aus Ihrer eigenen Truppe – abgesehen natürlich von der Kollegin Seidl, die sich gestern tatsächlich noch einmal genau so in der Presse zitieren ließ.

Aber der Gipfel der Wahrheitsverweigerung ist die Aussage, eine Kopplung an die Studierendenzahl habe man mit Rücksicht auf die Landesfinanzen nicht gewollt. Wenn Sie bei Ihrer verantwortungslosen Schuldenpolitik jetzt von Rücksicht auf die Lan

desfinanzen reden, dann ist das ungefähr so, als ob Herr Guttenberg ein Seminar zu Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens abhalten würde.

(Beifall von der FDP und von der LINKEN – Heiterkeit von der CDU)

Den lautesten Applaus bekommen Sie, weil Sie sich angeblich für die ärmeren Studenten einsetzen. Aber wer freut sich denn am meisten? Die vermögenden Familien.

(Karl Schultheis [SPD]: Dann hätten wir ja kaum Studierende an den Hochschulen!)

Das ist ein geschickter Schachzug von Ihnen. Vorne steht „sozial gerecht“ drauf, und hinten freut sich Ihre Akademikerklientel, weil sie ihren Kindern nicht mehr die Studienbeiträge zahlen muss.

(Beifall von der FDP und von der CDU – Dietmar Bell [SPD]: Das ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten!)

Im Übrigen werden die später überdurchschnittlich viel verdienen. Das konnten Sie der aktuellen Medienberichterstattung auch noch einmal entnehmen. Es ist nicht so, dass dieser persönliche Gewinn durch höhere Steuern kompensiert wird. Selbst bei Spitzensteuersatz und Reichensteuer – wenn Sie diese einführen würden – bliebe ein riesiger Gewinn übrig.

(Zuruf von Stefan Zimkeit [SPD])

Das sind versteckte Wahlgeschenke, für die man sich auch noch als Robin Hood feiern lassen will.

(Zuruf von Rüdiger Sagel [LINKE])

Mit sozialer Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Das ist meines Erachtens absolut grotesk.

Sie haben ein Klima der Angst bei den Studierenden geschaffen. Sie haben ihnen eingeredet, dass die Studienbeiträge den finanziellen Untergang bedeuten würden. Obwohl Sie diesen Unsinn ohne Gnade wiederholt haben, haben Sie es nicht geschafft, das herbeizureden, was Sie immer wieder heraufbeschworen haben: diese angeblich abschreckende Wirkung.

Herr Schultheis, ich habe es Ihnen letzte Woche schon im Ausschuss gesagt:

(Karl Schultheis [SPD]: Das war auch nicht richtig!)

Die Übergangsquote ist über die letzten Jahre stabil geblieben und sogar noch angestiegen.

(Gunhild Böth [LINKE]: Das wird nicht bes- ser, wenn man es wiederholt!)

Ich nenne noch mal die Fakten, schwarz auf weiß für den gesamten Landtag. Diese Quote lag im Jahr 2000 bei knapp 27 % und 2009 bei knapp 33 %. Jeder, der einfache Mathematik beherrscht, wird feststellen, dass die Übergangszahlen angestiegen

und nicht zurückgegangen sind. Das sollten Sie hier mal zur Kenntnis nehmen.

(Beifall von der FDP und von der CDU)

Studienbeiträge schrecken nicht ab, sondern sie verbessern die Qualität.

(Karl Schultheis [SPD]: Die Schere geht im- mer weiter auseinander!)

Sie sagen immer: Wir wollen jedes Talent mitnehmen.

(Dietmar Bell [SPD]: Ihr Themengebiet!)

Was glauben Sie denn: Was wollen wir? Wir haben genau das getan. Gute Studienbedingungen sind doch für jedes Talent die beste Förderung, die man sich überhaupt vorstellen kann.

(Michael Aggelidis [LINKE]: Dann dürften nur Gutbetuchte studieren! – Weitere Zuru- fe)

Wenn ich behaupten würde, dass an den Hochschulen mehr junge Menschen studieren, als die Zahlen es beweisen, dann würden Sie mich einen Lügner nennen.

(Karl Schultheis [SPD]: Das würde ich nie tun!)

Wenn Sie behaupten, die Leute gingen aus Angst nicht mehr studieren, während die Zahlen das Gegenteil beweisen – wie nennen Sie das dann?

Meine Damen und Herren, heute ist wirklich ein trauriger Tag. Die Verantwortlichen an den Hochschulen rechnen und schauen, wie sie die fehlenden Mittel einsparen können – am besten, ohne den Mitarbeitern und den Studierenden viel wegzunehmen. Die Mitarbeiter bangen im schlimmsten Fall um ihren Job; die Studierenden hoffen vielleicht immer noch, dass die Regierung ihr längst gebrochenes Versprechen einhält.

Und was machen Sie? Sie werden sich heute selbst feiern. Sie laden zur Party ein und feiern Ihre eigenen Beschlüsse. Ich finde diese Selbstgerechtigkeit wirklich schlimm. Ihr Märchen von der Kultur des Dialogs beerdigen Sie heute mit jedem Schluck Champagner, den Sie darauf trinken. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall von der FDP und von der CDU – Lebhafter Widerspruch von SPD und GRÜNEN – Britta Altenkamp [SPD]: Cham- pagner?)

Vielen Dank, Herr Abgeordneter Hafke. – Als nächste Rednerin hat für die Fraktion Die Linke die Abgeordnete Böth das Wort. Bitte schön, Frau Kollegin.

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich habe jetzt das Vergnügen, zu ganz vielen Papieren zu sprechen. Zunächst zum Gesetzentwurf. Wir haben dazu schon erklärt, dass wir die Studiengebühren selbstverständlich abschaffen wollen. Nichtsdestotrotz haben wir Änderungsanträge gestellt. Nun werden sich manche Menschen fragen: Wieso?

(Dr. Gerhard Papke [FDP]: Ja, allerdings!)

Das erkläre ich Ihnen, sofort, das ist überhaupt kein Problem. Sie wissen doch: Ich stehe immer hier und erkläre alles; das ist mein Elend.

(Allgemeine Heiterkeit)