Vielen Dank. Wie Sie wissen, höre ich Ihnen immer ganz aufmerksam zu. Sie sagen jetzt zum Beispiel, die Leistungsgesellschaft war jahrhundertelang eine Selbstverständlichkeit.
Welche Jahrhunderte meinen Sie damit? Ein Kritikpunkt der Sozialdemokratie war ja zum Beispiel, dass über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg eben nicht das Leistungsprinzip galt, sondern dass die Abstammung entscheidend war. Das haben wir jetzt vielleicht seit einigen Jahrzehnten überwunden, wenn es hoch geht.
Wenn ich einen mehrere hundert Jahre langen Zeitraum definieren soll, in dem Leistung als alleiniges Prinzip galt, dann fiele mir eigentlich nur die Steinzeit ein, in der man vor dem Tiger weglaufen musste, und der Langsamste hat verloren. Aber das ist ja genau die Form von Leistungsgesellschaft, gegen die ich heute wäre.
- Lieber Kollege Habersaat, es macht immer wieder Spaß, sich mit Ihnen in einen philosophischen Diskurs zu begeben. Den wollen wir den Kollegen hier aber jetzt nicht mehr zumuten. Aber eines ist doch klar: Wir befinden uns in verschiedensten Formen immer wieder in Leistungsgesellschaften. Dafür könnten wir jetzt viele Beispiele bringen, und wir müssten dazu nicht in die Steinzeit zurückgehen. Vielen Dank.
Sehr geehrtes Präsidium! Ich spare mir mal die Einleitung und nutze die Zeit lieber direkt für einen Kommentar via Habersaat.
Ganz offensichtlich haben Sie unseren Antrag nicht gelesen. Jetzt haben Sie die Chance, zuzuhören; denn das bringt etwas, so von Kamerad zu Genosse; das ist durchaus sympathisch.
Der Antrag von Jamaika geht aus unserer Sicht genau in die richtige Richtung und enthält durchaus ganz viele begrüßenswerte Ansätze: Potenziale frühzeitig erkennen - ja. Beteiligung an der KMKBund-Länder-Initiative - ja. Entsprechende Ange
bote an Berufsschulen - ja, natürlich, Kooperation. Frühestmögliche universitäre Angebote in den Schulen - jein.
Ich finde, dass der Antrag an dieser Stelle ein wenig verwässert. Deswegen bringen wir dazu auch zwei Alternativen bei, die die Debatte befruchten sollen, und zwar nicht am Ende, sondern jetzt, zu diesem Zeitpunkt.
Jeder Pädagoge, der schon einmal Hochbegabte in der Klasse hatte, weiß, dass es auf Dauer nicht darum gehen kann, einfach nur mehr Stoff oder Inhalte aus höheren Klassenstufen anzubieten.
Uni-Angebote in der Oberstufe können natürlich hilfreich sein und sind dort auch hilfreich. Aber davon profitieren dann eben nicht alle Schüler; es wird viel zu spät davon profitiert. Es ist vielmehr notwendig, den Bedürfnissen von hochbegabten Kindern mit einer speziellen Didaktik, auch mit spezialisierten Methoden zu begegnen.
Bei den Antragstellern besteht Klarheit darüber, dass die bisher praktizierten Konzepte immer noch nicht dazu geführt haben, dass alle Hochbegabten ihr Potenzial voll ausschöpfen können, auch wenn auf dem Weg dahin schon viel gemacht worden ist.
Dennoch frage ich mich: Warum bleibt der Antrag dann so vage? Immerhin heißt es am Antragsende, dass zum Herbst 2018 ein weiterentwickeltes Konzept vorgelegt werden soll. Wenn es Ihnen mit dieser Sache wirklich ernst ist, dann können Sie das heute dadurch unterstreichen, dass Sie unsere Ergänzung nicht von vornherein ausschließen, sondern als integralen Baustein des Konzeptes einbeziehen.
Die zweite Ergänzung - jetzt kommt es, Herr Habersaat - lautet dann auch folgerichtig: Mittelfristig sollte auch endlich in Schleswig-Holstein die Möglichkeit geschaffen werden, Hochbegabte an einer spezialisierten Landesschule unterrichten zu können.
Wenn Sie sich die KMK-Initiative von 2016 anschauen - Sie müssen schon zuhören, Herr Habersaat -, dann sehen Sie, da ist auch von speziellen Lerngruppen die Rede, durchaus auch davon, dass
Gruppen segregiert werden. Das ist kein Anti-Inklusionsgedanke, sondern das ist ein spezieller Gedanke, den wir in den Text einbringen wollen. Das ist nicht das Schlechteste. Viele andere Bundesländer haben mit diesen Schulen ganz hervorragende Erfolge erzielt, deren Evaluation Sie im Netz leicht finden können.
Ich weiß, ein solcher Gedanke schmeckt gerade den Gesamt- und Einheitsschul-Ideologen gar nicht. Aber seien Sie beruhigt, es geht uns hier nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-alsauch, ganz ähnlich, wie wir das auch bei der Inklusion praktizieren und vertreten.
Die Situation ist ja die, dass die Eltern für ihre Kinder in Schleswig-Holstein heute keine Wahl haben. In gar nicht so wenigen Fällen gehen diese Kinder dann an Schulen in Rostock, in Braunschweig und andere Schulen; Sie wissen, wo diese Schulen sind. Sie müssen also in Schulen außerhalb von Schleswig-Holstein ausweichen.
Was erleben die Kinder denn dann? Sie lernen vor allem, dass soziales Miteinander und konsequente Leistungsorientierung eben kein Widerspruch sind, und sie entwickeln eine enorme intrinsische Motivation, weil sie endlich auf adäquate materielle und personelle Rahmenbedingungen stoßen.
Ich komme noch einmal auf die Aufforderung in dem Antrag zurück, bis Herbst 2018 ein weiterentwickeltes Konzept zu erstellen. Dazu sagen wir als AfD ganz klar Ja. Und das erst recht, wenn Sie bei der Konzepterstellung nicht von vornherein die Themen Didaktik und Hochbegabten-Landesschule ausschließen, sondern mitdenken. Das, was dann am Ende herauskommt, ist eine ganz andere Frage.
Heute geht es darum, überhaupt erst einmal alles anzudenken, damit im Anschluss daran auch wirklich alle Möglichkeiten erörtert werden können. Dazu ist es manchmal notwendig, Vorbehalte zu überwinden; denn Fortschritt braucht nun einmal auch morgen Eliten, auch Leistung, ob man das so nennen will oder nicht. Dass Elite und Hochbegabung nicht dasselbe sind, stelle ich jetzt einmal hintenan. Allein wichtig ist, dass die Elitenphobie früherer Zeiten offenbar Geschichte ist. Genau das belegt der Jamaika-Vorstoß.
Ihren Antrag haben wir aus den genannten Gründen an zwei Stellen konkretisiert beziehungsweise ergänzt. Hierbei ging es uns gleichermaßen um die Bedürfnisse der Hochbegabten selbst - wie nicht zuletzt um die Steigerung der Attraktivität des
Frau Landtagsvizepräsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die CDU ist schon in besonders ehrgeiziger vorweihnachtlicher Stimmung. Sie bringt das Thema Begabtenförderung nicht nur alle Jahre wieder, sondern alle Monate wieder auf unsere Tagesordnung. Erst im Februar haben wir hier über die Förderung von Hochbegabten und besonders Leistungsstarken diskutiert.
Nun haben Sie von der CDU in FDP und Grünen endlich Regierungspartner gefunden, die willens sind, so zu tun, als müsse man sich mehr als zuvor der Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler widmen. Zum Glück haben aber weder die Regierungsverantwortung noch die neuen politischen Horizonte der CDU dafür gesorgt, dass wir uns heute nicht über die maximal ausschließenden Hochbegabtenklassen streiten müssen, die die CDU noch Anfang des Jahres gefordert hat, denn der neue Antrag beruft sich auf die Bund-Länder-Initiative zur Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler, die erst einmal kein Grund zur Aufregung ist.
Schülerinnen und Schüler sollen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status im Sinne der Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit gefördert werden. Stimmt. Das sollte selbstverständliche Aufgabe von Schule sein. Es klappt aber leider nicht immer.
Deswegen wird in der Zielsetzung der Förderinitiative bestimmt, dass besonderes Augenmerk auf Kinder und Jugendliche aus weniger bildungsnahen Elternhäusern, insbesondere auf solche mit Migrationshintergrund, gerichtet werden soll. Außerdem soll für die Ausgewogenheit der Geschlechter, insbesondere im MINT-Bereich, gesorgt werden. Auch das finde ich völlig richtig.
funktionieren; denn wir kennen sie wahrscheinlich alle noch aus der eigenen Schulzeit, zum Beispiel den Lehrer, der Mädchen im Physik-Unterricht nicht beachtet, der findet: „Mädchen können nun mal eben nicht so gut rechnen.“ Oder wir erinnern uns an die Lehrerin, die das Fremdsprachenpotential in erster Linie bei Mädchen sieht. Diese Vorannahmen entmutigen unsere Schülerinnen und Schüler und tragen nicht dazu bei, dass potenziell leistungsstarke Schülerinnen und Schüler ihr Potenzial tatsächlich frei entfalten.
In diesem Punkt sind wir sicherlich schon gut vorangekommen. 140 Lehrkräfte hatten im Februar Zertifikate als Beratungslehrkräfte für Begabtenförderung erworben. Aber es schadet nicht, hier aufmerksam zu bleiben.
Die Förderinitiative legt außerdem Wert auf Diversität und Ausgewogenheit der Zusammensetzung der teilnehmenden Schulen. Auch darüber bin ich froh.
Unsere Gemeinschaftsschulen dürfen hier nicht benachteiligt werden, und sie müssen es auch nicht. Schließlich obliegt die Auswahl der Schulen den Ländern. Diese Verantwortung liegt also insbesondere bei unserer Bildungsministerin.
Ein Problem der Leitlinien der Förderinitiative ist der Inhalt des zweiten Punktes. Er besagt: Zunächst soll eine Fokussierung auf die Bereiche Mathematik, Naturwissenschaften, Deutsch und Englisch erfolgen. Sozial-emotionale, künstlerisch-kreative und psychomotorische Potenziale können ergänzend in den Blick genommen werden. Aufgabe von Schule ist nicht nur die Vermittlung von Wissen, das vermeintlich wirtschaftlich den meisten Nutzen bringt. Aufgabe von Schule ist die Bildung des ganzen Menschen. Gerade den Fokus auf die psychisch-emotionale Entwicklung, das Unterstützen eines empathischen Sozialverhaltens und auch die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken, sehe ich als besonders wichtig für unsere Schülerinnen und Schüler an.
Ich habe auch in meiner letzten Rede zu diesem Thema deutlich gemacht: Für den SSW bedeutet tatsächliche Chancengleichheit das Lernen vonund miteinander. Förderung in Schulen darf keine Elitenförderung sein. Sie muss immer Breitenförderung bleiben. Wir wollen ein inklusives Schulsystem und die gemeinsame Beschulung von Kindern und Jugendlichen. Es geht uns um Fairness, Einander-Helfen und Voneinander-Lernen. Uns ist es ein Anliegen, alle Schülerinnen und Schüler entspre
chend ihrer verschiedenen Begabungen zu fördern und zu fordern. Alles in allem überwiegen aus unserer Sicht die Pro-Argumente für den Antrag der Regierungsparteien. Wir werden ihm deshalb, vielleicht etwas verhalten, zustimmen.