Wir sind deswegen ein bisschen irritiert gewesen aber durch den Beitrag des Kollegen ist das auch ein bisschen geheilt worden -, dass in dem Antrag der Jamaika-Koalition davon gar nichts stand, weil die Europa-Universität gar nicht genannt worden ist. Aber das ist ja nun geklärt.
Vielleicht wollen Sie aber noch eine weitere Professur für Plurale Ökonomie in Schleswig-Holstein? Da können wir nur sagen: Nur zu! Auch das würde unsere Zustimmung finden.
Allerdings würde ich mir dann wünschen, dass die mit Mitteln des Bund-Länder-Programms geförderte Professur an der Europa-Universität gestärkt wird und nicht etwa durch Konkurrenzprojekte gefährdet oder in ihrer Wirkung minimiert wird.
Ich möchte vorschlagen, dass wir im Bildungsausschuss genauer besprechen, wie die Initiative der Europa-Universität Flensburg weiter gestärkt werden kann. Und falls Sie weitere Professuren planen, sollten alle Professuren so ausgestattet werden, dass sie nationale und internationale Strahlkraft bekommen. - Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Abgeordnete! Gestern hat das „Handelsblatt“, das jetzt nicht unbedingt die Kampfschrift des Kommunismus ist, sechs Buchtipps für das Jahr 2019 veröffentlicht, also die sechs ökonomischen Bücher, die man doch nach Möglichkeit gelesen haben sollte. Das Interessante dabei ist: Fünf dieser sechs Bücher behandeln die Themen Ungleichheit, Feminismus und Ökologie. Das ist eine Situation, die in der Vergangenheit beim „Handelsblatt“, wenn man sich diese Tipp-Listen anschaut, nicht immer so war. Insbesondere auch vor der Finanzkrise ging es eher um Härte und Konkurrenz und all diese klassischen Punkte. Man sieht also: Die ökonomische Debatte in Deutschland hat sich verändert. Und genau darauf zielt auch unser Antrag ab.
Wir wollen, dass die wirtschaftswissenschaftliche Landschaft in Schleswig-Holstein breiter aufgestellt wird. Es geht nicht darum, eine Theorieschule gegen die anderen aufzuwiegen und zu sagen, es sollte nur eine geben, sondern der Punkt ist genau diese
Nehmen wir zum Beispiel die Politikwissenschaft in Kiel, wo ich studieren durfte. Dort war es lange Zeit so, dass es eigentlich nur eine Theorieschule gab - auch Politikwissenschaftler in einem positivistischen Sinne -, die der Meinung war, man könnte die Welt und die gesellschaftlichen Zusammenhänge mehr oder weniger ausrechnen, man könnte alles irgendwie in Zahlen ausdrücken und hätte rationale Akteure. - Gerade in der Politik! Willkommen! - Das ist also eine spannende Herangehensweise, wie dort Politikwissenschaft betrieben wurde.
Mittlerweise hat man auch einen positivistischen Ansatz, mit dem man sich eher überlegt: Wie wurden diese Sinnzusammenhänge eigentlich konstruiert? Genau das sollte es auch in den Wirtschaftswissenschaften geben und nicht nur einen neoklassischen Ansatz.
Deswegen hat sich 2012 eine große Anzahl von Ökonomen entschieden, von 50 unterschiedlichen Hochschulen kommend, Kritik am Zustand der Volkswirtschaftslehre zu äußern. Man hat kritisiert, dass es einen Glauben an die selbstregulierenden Kräfte des Marktes gibt. Wir haben viele Beispiele dafür, wo es eben nicht hingehauen hat. Man dachte an eine Modellfixierung, an den Drang, irgendwie jede Form von Wirtschaft in einem Modell auszudrücken und irgendwie mathematisch berechenbar zu machen. Man hat auch kritisiert, dass es eine fehlende Selbstreflexion der Akteure gibt, aber eben auch eine fehlende Vielfalt bei den Modellen und Theorien, um die Wirklichkeit irgendwie beschreiben zu können.
Dabei gehört zur Grunderkenntnis: Die Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft. Wenn man sich anguckt, was Volkswirtinnen und Volkswirte in der Vergangenheit produziert haben, hat man nicht den Eindruck, dass es immer ein Selbstverständnis wäre, dass die Volkswirtschaftslehre eine Sozialwissenschaft ist, sondern viel zu häufig versucht man sich irgendwie als Naturwissenschaft oder als angewandte Mathematik zu verstehen, wobei man auch immer festhalten sollte, dass Mathematik eben keine Naturwissenschaft ist.
Wir wollen also interdisziplinäre Ansätze, wir wollen, dass es einen Ansatz gibt, in dem eben auch andere wissenschaftliche Disziplinen eine Rolle spielen: Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie, Verhaltensökonomik und alle diese Fragen, mit denen zuletzt auch Nobelpreise gewonnen wurden.
Es ist auch wichtig, zu berücksichtigen, dass die Wirtschaftswissenschaften eine wichtige Rolle in dieser Gesellschaft einnehmen. Es ist anders als bei anderen Wissenschaften, dass man Rat von Weisen hat, dass man hochbezahlte Beratungsfirmen hat, die sich nicht nur in die Organisation einmischen, sondern eben auch dort, wo der wissenschaftliche Background eine große Rolle spielt.
Wir haben hier vor eineinhalb Stunden über den Mindestlohn diskutiert. Erinnern wir uns nur einmal an die wirtschaftswissenschaftlichen Prognosen, die allesamt nicht eingetreten sind: Massenarbeitslosigkeit, junge Menschen würden gar keine Jobs mehr bekommen und alles so etwas. Das hat auch etwas damit zu tun, wie die Wirtschaftswissenschaften aufgestellt sind. Es hat auch etwas damit zu tun, wie Politik beraten wird und von welcher Wirtschaftswissenschaft man eben beraten wird.
Es gibt auch immer wieder den Anspruch, eine objektive Wahrheit darstellen zu können. Diesen Anspruch gibt es in anderen Wissenschaften eben weniger, weil man in den Theorien und in den Methoden eine breitere Aufstellung hat. Bei den Wirtschaftswissenschaften, bei denen man sich in Deutschland vermeintlich so einig ist, ist das eben bundesweit problematisch. Es gibt allerdings auch Ansätze, beispielsweise in Siegen und an anderen Hochschulen, wo längst dagegen angegangen wird. Wenn man sich die globale Wirtschaftswissenschaft ansieht, ist das ja auch schon sehr viel weiter. Da werden Leute wie Marx und Keynes und andere dann doch auch einmal einbezogen und einen Teil des Wissenschaftstableaus ausmachen.
Ich bin eingestiegen mit einem Blick ins Bücherregal. Es ist ja auch immer ein ganz interessantes Zeichen für die Gesellschaft, was man in Buchhandlungen so alles sieht. Gerade in der Vorweihnachtszeit, wenn wir keine anderen Ideen haben, kaufen wir Bücher. Da sehen wir dann die Tische am Anfang und die Top-Listen werden angeführt von irgendwelchen Crash-Propheten, die immer wieder sagen: „Jetzt kommt der Crash aber wirklich. Das ist wirtschaftswissenschaftlich belegt.“ Interessant ist, dass die Leute, die jetzt bei Markus Lanz erzählen „In den nächsten zwei Jahren ist das ganz sicher. Bringen Sie ihr Geld in Sicherheit!“, die gleichen Leute sind, die das auch schon vor sieben Jahren gesagt haben. Das Problem ist, dass diese Videos bei YouTube nach wie vor online sind. Aber das muss man für sich selbst entscheiden.
Im Übrigen bin ich für eine Abstimmung in der Sache. Darüber werden wir gleich noch einmal diskutieren. Ich wüsste nicht, warum das jetzt noch im Ausschuss beraten werden soll. Es geht ja hier um ein Bekenntnis, dass man sich -
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie werden es im ersten Moment vielleicht gar nicht glauben, aber die Initiative für diese Passage im Koalitionsvertrag und auch die Initiative für diesen Antrag ging nicht von der FDP aus.
Es war der geschätzte Kollege und heutige Europaabgeordnete Rasmus Andresen, der dies in enger Zusammenarbeit mit meinem grünen Vorredner, der neuerdings auch das „Handelsblatt“ liest, federführend vorangetrieben hat. - Schönen Gruß an Rasmus Andresen. Ich gehe davon aus, er schaut heute zu.
Im Ernst: Die Kritik an den etablierten Wirtschaftswissenschaften ist nicht neu. - Lars, wir haben besser gedealt als du damals. - Finanz- und Wirtschaftskrise haben diese auch in Deutschland noch einmal verstärkt.
merhin, na ja, Wirtschaftsingenieur geworden ist, empfinde ich viele Vorurteile gegenüber der klassischen Volkswirtschaftslehre aber oft als eben solche.
Wenn wir uns zum Beispiel einmal die Thesen des Präsidenten des Kieler Weltwirtschaftsinstitutes, Professor Gabriel Felbermayr, anhören, dann kann man nicht mehr ernsthaft behaupten, dass sich die ganz klassischen Wirtschaftswissenschaften nicht für Mensch und Natur interessieren würden und die Finanzkrise nicht sehr kritisch beleuchteten. Ökonomie und Ökologie sind eben kein Gegensatz. Auch das Institut für Weltwirtschaft sticht dadurch hervor, dass es sich engagiert für die CO2-Bepreisung über den Zertifikatehandel ausspricht. Themen wie Armutsforschung oder die Ungleichheit in vielen Gesellschaften und deren Auswirkungen nehmen mittlerweile großen Raum in den traditionellen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen ein.
Als Liberale sind wir aber stets offen, optimistisch und teilweise sogar lernwillig. Deshalb werden wir uns einer entsprechenden Professur für Plurale Ökonomik - in Frankreich heißt das übrigens Postautistische Ökonomie, das finde ich auch ganz interessant - aus Koalitionstreue und auch aus einer gewissen Neugier heraus nicht verschließen und uns das sehr entspannt anschauen. Vielleicht ergeben sich daraus für den schleswig-holsteinischen Hochschulstandort ja interessante neue Perspektiven.
Der legendäre Bundeswirtschaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard, der selbst Wirtschaftswissenschaftler und zumindest der politische Vater der sozialen Marktwirtschaft war, sagte einmal, dass Wirtschaftspolitik zu 50 % aus Psychologie bestünde. Die Verknüpfung mit der Psychologie ist auch ein wichtiger Ansatz der Pluralen Ökonomie. Sie merken, ich versuche, mir das Ganze schönzureden.
Hinzu kommen vor allem ökologische, ethische und historische Ansätze. Und es gilt: Auch die Wirtschaftswissenschaften, der Kollege hat es gerade angesprochen, stützen sich, wir ihr Name schon sagt, auf wissenschaftliche Erkenntnisse und lassen sich nicht politisch in eine gewünschte Richtung lenken. Die Politik hat weder die Aufgabe noch die Kompetenzen, Ergebnisse vorzugeben, auch wenn das vielleicht unter manchen Gesichtspunkten für
einige gelegentlich verlockend erscheinen mag. Es scheint ein politischer Trend geworden zu sein, dass man sich in der Politik auf die Wissenschaft beruft, allerdings immer nur dort, wo es einen gerade in den Kram passt. Ich finde, wir sollten generell wissenschaftliche Erkenntnisse offener diskutieren. Das ging auch an dich, Lasse.
Wie vielleicht dem einen oder anderen bekannt ist, bin ich ein vehementer Befürworter der Hochschulautonomie. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Hochschulen nicht nur die neuesten gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen im Blick haben, sondern bereits auch heute schon in vielen Bereichen interdisziplinär forschen und lehren. Wir werden uns also mit Interesse anschauen, was sich in nächster Zeit auch in Flensburg tun wird und wie die Professur „Plurale Ökonomik“ mit Leben gefüllt werden wird.
Ob es ein wertvoller Beitrag für die Wissenschaftslandschaft wird, hängt mit Sicherheit auch von der Person ab, die diese Professur ausfüllen wird. Ich wünsche auf jeden Fall viel Erfolg bei der Arbeit und freue mich auf den Austausch, den wir hoffentlich bald haben werden. Ich möchte auch noch sagen, die Flensburger Uni hat sich erfolgreich für insgesamt vier Tenure-Track-Professuren beworben. Das Ganze wird jetzt bis 2021 umgesetzt. Das zeigt, dass dort gute Arbeit geleistet wird. Wir haben Vertrauen in die Uni, dass dort ein gutes Ergebnis erzielt wird. Wir freuen uns auf den Austausch mit dieser Juniorprofessur. - Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Gäste! Der eigentliche Gegenstand der heutigen Debatte ist die Frage, ob die Wirtschaftswissenschaften für die Zukunft breit genug aufgestellt sind oder ob es dort einen Mangel an Pluralität gibt. Wenn Letzteres der Fall ist, dann könnte die Errichtung der Professur „Plurale Ökonomik“ durchaus gerechtfertigt sein.
Die klassischen Wirtschaftswissenschaften wurden gerade im Hinblick auf die Weltfinanzkrise 2007/2008 hart kritisiert, und sie werden auch heute noch kritisiert. So stellt der wohl populärste Vertre
ter der Gemeinwohlökonomie, Christian Felber, der an die Bewegung für eine Plurale Ökonomik anknüpft, in einem Interview heraus, ich zitiere mit Ihrer Erlaubnis: